zeigte er, ihm seine Vermuthung mittheilend, die Ver⸗ dacht erweckende Schrift, und da auch er eine Aehnlich— keit mit der jenes Passes fand, so verfügten sich Beide nach dem Büreau des Assisenhofes, wo sie den In⸗ spector des Aktenverschlusses in's Vertrauen zogen und in Gemeinschaft mit demseiben die Register nachschlu⸗ gen, die vergilbten Beweisstücke hervorsuchten und ihre Vergleichungen anstellten.
Das Resultat derselben war so bedeutsam und wich— tig, daß der Inspector es für nöthig hielt, dem Prä— sidenten des Criminalgerichts davon Anzeige und zu⸗ gleich die Beantragung einer Revision des Luckner'schen Prozesses zu machen. Um nicht unnöthiges Aufsehen zu erregen, wurde die Wiederaufnahme desselben ganz in der Stille und wie es hieß, nur wegen einer nach— träglich nöthig gewordenen Regulirung der Thatsachen unternommen.
Die Entlastungszeugen für Graf Luckner mußten sich im Geheimen neuen Verhören unterziehen und hierbei fiel nun gleich, da der Verdacht einmal erregt war, ein ganz anderes und mehr gravirendes Licht als ehe— dem auf das Benehmen des Fürsten von Benevent. Zuerst fand man da, daß seine Abwesenheit doch wohl nicht so kurz gewesen, als man im Trubel des Nacht— mahls vermuthet hatte, dann aber entdeckte man bei
genauer Untersuchung jener Retirade, in die sich der
Fürst zurückgezogen, daß von dieser, durch Ueberstei— gung zweier Mauern, leicht ein Ausgang nach der Straße zu gewonnen werden konnte.
In der Untersuchung so weit gekommen, war es nun doch nöthig, in diese Wahrnehmung und die Angele⸗ genheit mit dem Passe wo möglich einen Zusammen⸗ hang zu bringen. Um diese Zeit in Erfahrung brin⸗ gend, daß der Fürst von Benevent wegen einer Jagd auf einige Tage sein Hotel verlassen, hatte man nichts Eiligeres zu thun, als seinen Kammerdiener aus dem Hause zu locken, ohne Aufsehen zu erregen und sofort einem strengen Verhöre zu unterwerfen.
Ueber diesen ganzen Vorgang verdutzt und verwor⸗ ren gemacht, verstrickte er sich gleich bei seinen ersten Aussagen in so viel offenbare Lügen, Widersprüche und faktische Unrichtigkeiten, daß er nach argem Zu⸗ setzen endlich mürbe gemacht, schließlich dennoch einge— stand, jenen Paß für den Fürsten in Bologna, wo er sich damals mit dessen Vater befand, ausgestellt und nach Paris gesendet zu haben.
Nachdem man so weit gelangt, ließ man den Mit⸗ schuldigen eines Verbrechens, dessen Motive man nicht absehen konnte, einstweilen in das Hotel des Fürsten wieder zurückbringen, aber nicht ohne dasselbe mit Po⸗ lizei so zu umstellen, daß dem Eigenthümer aus diesem heraus einen Wink zu geben zur puren Unmöglichkeit ward.
Arglos, wie er gegangen, kehrte er denn auch am Abend des zweiten Tages in dasselbe zurück, und kaum darin angelangt, wurde der Palast in der Stille von der Polizei umstellt und Niemand mehr ein- oder aus⸗ gelassen.
Es war bestimmt, den Fürsten in der Frühe des folgenden Tages zu verhaften. Ehe es indeß dazu kam und während der Nacht ließ der auf diese Weise in seinem Hause gefangen Gehaltene durch einen sei⸗ ner Leute ein Briefpaket unter der Adresse des Cri⸗ minalgerichtshof-Präsidenten an einen der Polizisten abgeben, um sofortige Besorgung desselben ersuchend.
Der Präsident, aus dem Bette geholt, übernahm das Gebrachte, öffnete die Siegel und las, wie folgt:
5„Mein sehr geehrter Herr!
„Durch meinen Kammerdiener von dem Vorgefalle⸗ nen unterrichtet, komme ich, des Lebens überdrüssig und gedrängt von meinem Gewissen, Ihnen kurz und un⸗
umwunden das Geständniß des Verbrechens zu machen, dessen ich mich schuldig fühle und welches, wie ich wohl einsehe, nicht länger mehr verborgen zu halten bleibt. Da aber die Sache nicht leicht zu übersehen und in ihren Beweggründen sehr eigener Art ist, so müssen Sie gestatten, daß ich ein wenig weit aushole und Ihnen Dinge vor Augen führe, die Ihnen anfangs
ungehörig erscheinen, schließlich aber doch als wichtig
gelten werden.(Schluß folgt.)
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Bilder aus dem jetzigen Kriege. (Von verschiedenen Augenzeugen.) II. Mamelon, Malakoff und Taganrog.
Am 22. und 23. Mai hatten etwa 5000 Franzosen mit Verlust von 1700 Mann Minen gesprengt und Schanzen genommen und bei Verfolgung der fliehenden Russen Hunderte und aber Hunderte bayonnetirt, da kein Pardon erbeten und gegeben ward. Von allen den Mann gegen Mann mit Bayonnet und Säbel Fechtenden war immer je Einer gefallen, so daß die stumpfen Winkel der einzelnen Schanzreihen und der ganze Weg nach dem Redan hin der aufgehenden Sonne ein unabsehbares Labyrinth von zerstochenen, zerhackten und zerschossenen Leichen bot. Man hatte natürlich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, vom Abend bis zum Morgen gefochten.
Nach diesem entsetzlich theuer erkauften Siege, für welchen General Petissier bereits 10,000 Mann zu opfern bereit gewesen war, glaubte man das gehörige Fundament für die Erstürmung der Mamelon-Höhe gewonnen zu haben. Der Mamelon ist ein rauher, unregelmäßiger Steinhügel, dem Malakoff- oder weißen Thurme gegenüber, unten etwa von einer und oben von einer Viertel englischen Meile im Umfange und beinahe 100 Fuß höher als das Plateau des Mala— koffthurmes. Tiefe Schluchten mit Wasser und Stei⸗ nen gefüllt, Schanzen in verschiedenen Winkeln und schroffe, kantige, rauhe Abhänge umschützen ihn. Von Oben drohen schwere Kanonen und tausende kleinerer, Tod speiender Feuerschlünde. Es galt also eine der kuͤhnsten, blutigsten Kriegsthaten, auf die Pelissier un⸗ unterbrochen bis zum 7. Juni vorbereiten ließ. Nach⸗ mittags brach die siebente Division zu diesem Werke auf, die zweite unter General Carnot bildete den vor— dersten Posten. Etwa 700 Yards vor dem Fuße des Berges in der Karabelnaja-Schlucht sammelten sich die Truppen und wurden hier von General Bosquet mi⸗ litärisch eingeweiht. Ein Bataillon des algierischen Regiments, in Colonnen von Subdivisionen, mit schar⸗ lachrothen Fez, dlauen offenen Jacken mit gelbem Be— satz, weithosig bis an die Kniee, wo gelbe Lederbänder die weißen Gamaschen hielten, mit blosen Häesen, braun und zum Theil ganz schwarz von Gesicht, aus deren schwarzen Bärten die Augen schreckhaft weiß her— vorblitzen, diese malerische, wilde Sorte von Halbbar— baren bildet stolz und mit elastischem Schritt die vor⸗ derste Spitze des gewaltigen Zuges. Das Zuavenre⸗ giment mit robusten Leibern und furchtbaren Bartwäl⸗ dern contrastirt eben so malerisch zu den kleinen, ma⸗
elastischen Chasseurs a Pied.
Man denke sich 12,000 Mann der verschiedensten Truppengattungen in eine weite, öde, mürrische Schlucht hinein, angedroht von dem fürchterlichen Mamelon, mürrisch angestaunt von öden, dahin gestreckten Höhen, diese auf das Bunteste belebt von rothröckigen Englän⸗ dern und blitzenden Offizieren und Gläsern, Jubelgeschrei in allen Ecken und Enden, stürmisch und in allen Ton⸗ arten erwiedert von den unabsehbaren dichten, geschlos⸗
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