sten Bitte gerichtet, durch augenblickliche Beisteuer dem grenzenlosen Elende von etwa 150 eben angekommenen
armen Auswanderer aus dem Großherzogthum Hessen
(aus Wimpfen), die auf Gemeindekosten hierher ge— bracht worden seyen, steuern zu helfen. Ich begab mich sogleich an den bezeichneten Ort, theils um mich selbst von dem Unglücke dieser Ausrangirten zu überzeugen, theils auch, um mir Eins oder das Andere für kurze Zeit als Gast mit nach Hause zu nehmen. Der An⸗ blick dieser armen Menschen machte jedoch einen so tie— fen Eindruck auf mich, daß ich, aus Gründen der Selbsterhaltung, beschloß, so schnell wie möglich, ohne einen Gast, wieder zurückzukehren. In einem leeren Waarenhause und auf einem freien Platze, nahe am Missisippi bivouakirten diese von Allem entblößten frem— den Ankömmlinge, und dieß noch zum Ueberfluß in ei⸗ ner Zeit, wo wir, für hier wenigstens, eine recht em— pfindliche Kälte hatten. Jeder Blick dieser Unglück⸗ lichen verrieth Elend und Noth. Nicht genug, daß sie nichts auf und nichts in dem Leibe hatten, schien mir's auch außer Zweifel, daß sich auch noch ungebe⸗ tene Gäste während der Seereise bei ihnen eingenistet hatten; denn die Situation, in der ich Einige von ih⸗ nen fand, die am Missisippi saßen und das Ungeziefer von ihren schmutzigen Kleidern rafften, bestärkte mich hierin. Wie konnte man es unter solchen Umständen wagen, Gastfreundschaft zu üben, so sehr solche auch von der Menschlichkeit geboten war; und wer konnte sich, ohne großes Risico, dazu verstehen, so tief herab⸗ gekommene Menschen in Dienst zu nehmen? Voller Betrübniß über so viele, entweder absichtlich, oder zu— fällig Betrogene, verließ ich diesen Ort, wo das Elend seinen Sitz in so großartigem Maaßstabe aufgeschlagen hatte, sandte eine Kleinigkeit an das hierfür gewählt gewesene Comite und vermied absichtlich alle weiteren Nachforschungen, weil ich von diesem Unglücke, das zu lindern nicht in meiner Macht stand, ferner keine Kunde mehr haben wollte. Was aus diesen Menschen ge— worden ist, weiß ich nicht. Möglich, daß nach Verlauf von nur kurzer Zeit die hiesigen Friedhöfe am besten hierüber Auskunft geben können. Eine ähnliche Ge⸗ sellschaft war auf dem Schiffe, mit dem ich hierher kam.— Eine große, reiche Gemeinde aus Württem⸗ berg(Freudenberg) sandte auf Gemeindekosten eine eine Heerde ihrer Paupers nach Amerika. Daß unter den Armen nicht immer die edelsten Charaktere sind (nul reyli sans exception), wußte ich aus alter Er⸗ fahrung; denn während meiner 25jährigen Thätigkeit auf dem Gebiete der Erziehung hatte ich— leider! jeden Tag Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß da, wo der Bettelsack schon einmal gelegen, nie mehr ein moralisches Haar wächst. Von diesen Freudenberger, Zweihundert an der Zahl, wurden schon auf der See fünfzig über Bord geworfen, und andere starben hier, theilweise noch bei ihrer Ankunft, entweder als Opfer des Klimas oder des Elends; selbst ihr Chef, ein Mann, der mit sanguinischen Plänen hier ankam, ruht längst als Opfer der Cholera auf einem der hiesigen Friedhöfe. Und in welchem Zustande werden sich, mit wenigen Ausnahmen, die Uebriggebliebenen befinden? Nur noch ein Beispiel, und ich will das traurige Re⸗ gister, das ich noch länger ausdehnen könnte, schließen. Schon in Havre lernte ich einen alten Mann kennen, der zwar, für sein Alter, noch rüstig, aber doch schon etliche und achtzig Jahre alt war. Derselbe hatte zu Hause ein kleines Besitzthum, das ihn und seine Frau ernährte. Allein, angesteckt von der Auswanderungslust verkaufte er Alles draußen, und zog mit seiner etwa 50 Jahte alten Frau nach Amerika, glaubend, daß er als Koch, bei den Amerikanern gewiß Fouror machen werde, weil er schon im vorigen Sekulum für Fürsten
und Grafen draußen gekocht habe. Doch, er täuschte sich, der gute Mann, der wirklich nicht ohne Bildung war. Er hatte nicht überlegt, daß er einer ganz an— dern Zeit angehörte, und daß er zu nichts weniger mehr taugte, als zu einem Concurrenten auf amerika⸗ nischem Boden, wo Alles im Galopp geht. Schon auf der Reise lag er mit seiner Frau elend darnieder. Hier angekommen, erholte er sich zwar wieder so, daß er hier nichts mehr zu thun habe und— kurz— heute kam seine arme Frau zu mir, brachte mir den Scheide— gruß vom„Großvater“ und meldete sein Hinschei⸗ den. Also auch Du, getäuschtes, altes Kind hast hier, wie so mancher, nichts gefunden, als ein— Grab. Seine ganze Hinterlassenschaft besteht: in einer armen, verlassenen Frau.„Wer sollte sich dieser Verlassenen annehmen, wenn wirs nicht thun?“ so sagte meine Toch⸗ ter zu mir.— Heute haben wir diese traurige Erb— schaft angetreten. Möchten doch alle meine deutschen Landsleute hievon Notiz nehmen und möchten die leicht— sinnigen Auswanderungen hinfür weniger werden als sie seither waren, und möchten besonders Gemeinden es wohl beherzigen, ehe sie hunderte von ihren Mitbür⸗ gern mittellos in die kalte herzlose Welt schleudern, wo ihrer sicherer Untergang wartet. Der bedrängte Arme draußen sehnt sich, wie natürlich, nach Verbesse— rung seiner Lage und er meint, wenn er nur in Ame⸗ rika wäre; allein er kennt das hiesige Leben und Trei— ben nicht, und weiß darum auch nicht, daß er, wenn er keine Mittel mitbringt, um wenigstens für einige Zeit leben zu können, aus dem Regen in die Tranfe kommt.
Ich rufe nochmals allem denen, die ihre Heimath verlassen und hier ihr Glück suchen wollen, zu: Wer nicht so viel mit hierher bringt, um im Nothfalle selbst einige Monate hier von dem Mitgebrachten leben zu können, der solle es doch wohl bedenken, ehe er den gefährlichen Schritt wagt! Und wenn Gemeinden ihren armen Mitbürgern nicht mehr als die Reisekosten geben können, so sollen sie solche lieber draußen als Begräb— nißkosten für dieselben verwenden; diese Unglücklichen hätten dann wenigstens, was sie hier nicht haben, den Trost, daß sie in der Heimath, im Kreise ihrer Freunde und Verwandten, ihren letzten Athemzug aushauchen könnten. Selbst die Herren Chefs der dortigen Aus⸗ wanderungs⸗Buͤreau würden ganz in wahrem Interesse der Auswanderung handeln, wenn sie fortan solche Massen Paupers, die auf Gemeindekosten gleichsam deportirt werden, nur dann zur Beförderung überneh⸗ men, wenn man ihnen nachwiese, daß diese Armen, außer ihrer Reisevergütung, auch noch etwas für die erste Zeit hier mitbrächten. Arbeitskräftige Familien aber, mit etwas Mitteln, um entweder hier ein Geschäft gründen oder tiefer ins Land reisen zu können, mögen immer die Reise antreten; für sie ist Aussicht auf ein gutes Fortkommen. Wenn auch nur etwas Englisch zu können, ist von großem Vortheil. Hunderte haben schon schweres Lehrgeld hier für das bezahlt, was sie draußen für einige Gulden hätten lernen können. Gute deutsche Haushälterinnen, die englisch verstehn, sind von den Amerikanern sehr gesucht; und während der monatliche Lohn einer solchen 10 bis 12 und noch mehr; Dollars ist, mag eine, die kein Englisch versteht, froh sein, wenn sie einen Platz hat, der ihr 6 Dollars monatlich ein⸗ bringt. Dasselbe Verhältniß besteht auch bei Handwer⸗ kern und Geschäftsleuten. Nun zum Schluß noch, daß mir die gegenwärtige Situation Nordamerikas gar nicht ermunternd für die Aus- oder Einwanderung zu sein scheint: Alles klagt über Theurung, über Arbeits und Verdienstlosigkeit. Hiezu kommen noch die trüben Aus⸗ sichten für die Eingewanderten in politischer und so⸗ cialer Beziehung. Die Know-Nothings(fanatische
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