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gefürchteten Malakoffthurmes steht den Alüirten noch ein furchtbarer Kampf bevor, da die Stadt von den ver- schiedenen Forts, namentlich von Fort Konstantin voll ständig beherrscht, mit vortrefflichen Vertheidigungswerken, nach Angabe des bekannten Generals Tottleben ver⸗ sehen ist, und von einer Armee vertheidigt wird, die sich an Tapferkeit und Ausdauer wohl mit den Alürten mes⸗ sen kann. Die nächsten Tage werden entscheidend sein, aber auch viel Blut kosten.
Die Westmächte räumen auf dem sumpfigen asowschen Meere gut auf. Vier russische Kriegsdampfer und 240 Propiantschiffe, wo sich das russische Frühstück, Mittag⸗ und Abendbrod für geraume Zeit darauf befand, sind zerstört. Die Russen haben sich von den angegriffenen Küstenpunkten überall in das innere des Landes zurück— gezogen. Ob dieser bedeutenden Vortheile, welche die eng— lische Flotte errungen, ist man in England hoch erfreut und ist von Frieden keine Rede mehr. Die frauzösische Collegschaft erklärt nun bereits auch rundweg, daß das besetzte Kamiesch, wo den Russen alle Zufuhren abge- schnitten sind, ein französischer Hafen sey. Das ist so so recht der altnapoleonische Styl von Anno 6 bis 125 „Das Haus Bourbon hat in Neapel aafgehört zu regie⸗ ren!“ hieß es nach der Schlacht von Austerlitz.
Der eleetrische Telegraph ist nun auf dem Meeresgrunde bis Eupatoria gelegt, so daß jetzt Omer Pascha auch ein electrisches Wort nach Paris und London mitreden kann. Die Türken begreifen durchaus nicht, wie das zugeht und hatten vielleicht in Tausend Jahren nicht daran gedacht, wenn sie nicht von den westmächtlichen Schulmeistern hät⸗ ten Brillen aufgesetzt bekommen. Daß es indessen mit dem Tür⸗ kenthume in Europa sichtbar zu Ende geht trotz der west⸗ mächtlichen Umarmung, wird alle Tage deutlicher und der Menschenfreund kann sich nur darüber freuen. Daß die sogenannten Rajas, also die in der Türkei befindlichen Christen, jetzt auch Soldaten werden und Waffen tragen dürfen, ist unstreitig der schwerste Schlag, der gegen das seitherige Türkenregiment geführt worden ist. Zeither waren die armen Christen dem bewaffneten Fanatismus, der bewaffneten Brutalität wehrlos preisgegeben. Sobald es jedoch christliche Regimenter in der Türkei gibt, dürfte das bald anders werden.
Die nordamerikanische Maͤßigkeitsfrage, welche allen Detailverkauf von Spirituosen verbietet, taucht auch in England auf. In Ereterhall war deßhalb kürzlich großer Meeting, wo fünftausend Anwesende Mäßigkeit gelobten. Eine Anzahl Schnapswirthe hatte sich natürlich auch ein⸗ gefunden und wollten protestiren, wurden aber spazieren geworfen. Ein Mäß'gkeetsapostel sagte, diese Mäßigkeits⸗ frage bezeichne einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. In New-Pork werd bereits vom 5. Juli an nicht mehr geschnappst.
In England hat man bekanntlich Wurstdampfmaschinen, oder vielmehr Dampfmaschinen, welche Wuürst machen, da werden eine Parthie Schweine hineingesteckt und es dauert nicht lange, kommen die schönsten Würste heraus. Nun begab es sich eines Tages, daß ein in dieser Wurstdampf⸗ fabrik beschäftigter Arbeiter der Maschine zu nahe kam, ihn ergriff und sofort zu Wurst machte, ohne daß ein Mensch eine Ahnung davon hatte. Als der Mann zum Mittagessen nicht nach Hause kam, erschien die Frau in der Fabrik und erkundigte sich nach ihrem Manne. Nie—
mand wußte, wo er hin war. Die Frau tröstete sich
alsbald wit dem Gedanken, daß ihr Seitegebäude nach Australien gefahren, um Gold zu holen, was ja heutzu— tage häufig vorkommt. Nach einigen Tagen wird sie von ihrer Nachbarin besucht;„denken Ste sich,“ hebt diese an:„da habe ich heute von ihrer Fabrikwurst gegessen, und dabei ist mir etwas passirt, das ich mir nicht erklä⸗ ren kann, es befanden sich in dieser Wurst einige Hosen⸗ knöpfe, die ich hier mitbringe.“ Die Fabrikbesitzerin läßt
sich die Knöpfe zeigen und wird blaß; sie erkennt deutlich
die Hosenknöpfe ihres Mannes, und hierdurch kam die er⸗ schreckliche Geschichte an den Tag.
Die Fusionisten wählen jetzt so gut, wie 48 die deut⸗ schen Bewegungsmänner. Sie hoffen viel von der Voll⸗ jährigkeit des Grafen von Paris, der naͤchstens 18 Jahre alt wird. Der junge Prinz soll nach Frohsdorf reisen und sich mit seinem Herrn Vetter, dem Grafen Chambord vereinigen. Diese ganze Fuston, die schon so viel Confu⸗ sion zu Wege gebracht, ist übrigens dermalen eine Sache um des Kaisers Bart; dieser Bart ist nämlich Frankreich und dieser Bart ist bereits vou Ludwig Napoleon hin- länglich geschoren.
Kürzlich hat eine französische Dame aus Dank, daß die Vorsehung ihren Gatten vor Sebastopol aus augenschein⸗ licher Lebensgefahr gerettet— er hatte zehn Wunden— baarfuß eine Bußfahrt und zwar bei rauhester Witterung angetreten. Die gute zartgebaute Dame konnte den Tod davontragen.— Hier befinden sich Frauen, die solche Bußfahrten machten, wenn sie dadurch ihre Ehehälften los werden könnten!— N:
Schlammbeißer. Ich freie mich, liewer Colleg, daß De Dein Dasein widder hier feuerscht, mer hawe vill zesamme ze redde, hatt Dirsch dann dort in Kurhesse gar nitt gefalle?
Canalmüller. Nä, gar nitt! dann erschtlich isses Ge⸗ mäß dorte vill ze knapp unn der Sahldänzerschmadam gab m'r noch derzo Gemischte; dann, zweitlich, werd widder gewählt in Kurhesse, unn ich mag dorchaus nitt mehr Volksvertreter sein. i
Schlammbeißer. Dann konnste ja mit wähle?
Canalmüller. Waß iß dann da noch ze wähle?
Schlammbeißer: Ei te anneres Land!
Canalmüller. Daß hab ich ja gedah!
Canalmüller. Haste die dellergraviehsche Debesche ge— lese, Hammelcher, Rußland beabsichtigt de Spaldung Deitschlands!?
Schlammbeißer. Hurrjöhs! wann das noch mehr ge— spalte wird, da kanns bassixe, daß de Spaldung mitte dorch uns dorch unn dorch geht.
Gießen. Einem höchst gefährlichen Treiben ist unsere thätige Polizei auf die Spur gekommen und zwar, daß mehrexe noch mit Fruchtvorräthen versehene Bäcker gewöhnlich die Ersten auf dem Fruchtmarkt sind und nur einige Malter Frucht zu einem sehr ho⸗ hen Preiße einkaufen, damit hernach dieser Preiß sich über den ganzen Fruchtmarkt verbreite und als Norm gilt. Ja, es soll so⸗ gar vorkommen, daß Fruchtverkäufer bestochen werden und dem Marktmeister einen höheren Preiß, als verkauft worden ist, ange⸗ ben, um die hohen Fruchtpreiße auf solche Weise zu erhalten. Wer muß nun unter dieser schmutzigen Handlungsweise besonders leiden? der arme Familienvater, der seinen täglichen Verdienst manchmal kaum über ein Laibchen Brod bringen kann! Wie man hört. hat unsere Polizei, der wir in dieser Hinsicht schon so Manches zu danken haben, sich der Untersuchung dieser Angelegenheit kräftigst angenommen, und wir werden nach Vollendung derselben das Na⸗ mensverzeichniß dieser Würgengel dem Publikum zur stetenckrinne⸗ rung nachbringen. 5
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