Hatte man sich genöthigt gesehen, ihn schon wegen der ersten Indizien gefänglich eingezogen zu behalten, so blieb nun kein Zweifel, ihn allen Ernstes in strenge Unter⸗ suchungshaft zu nehmen. seine Unschuld betheuerte, der Anschein war doch gar zu sehr gegen ihn, als daß man ihn hätte frei lassen können. Er mußte sich darein finden, den Prozeß gegen sich ge⸗ macht zu sehen.
Zunächst waren ihm die Erkundigungen sehr ungünstig, die man über ihn einzog. Emil, Graf von Luckner, ge⸗ noß eben nicht eines untadelhaften Rufes. Aus der Fa- milie jenes unglücklichen Generals stammend, welcher in
der ersten französischen Revolution den Tod auf dem Schaffotte fand, war er jung, der Aeltern durch eine verderbliche Krankheit frühzeitig beraubt, in ein ziemlich zügelloses und wüstes Leben eingeführt worden. Er hatte mehrere Liasons mit leichtsertigen Frauenzimmern, viele Duelle und anderweitige Ehrenhändel, die ihm nicht im⸗ mer ein gutes Ansehen gaben, gehabt, war durch Spiel und Wetten mehrfach ruinirt, von Schulden überhäuft, bereits zum Oefteren nur durch die Gnade einer reichen Tante mütterlicher Seite von einem schmaͤhlichen Unter⸗ gange gerettet worden, und befand sich, wie sich zeigte, auch jetzt wieder in sehr derangirten und mißbehaglichen Umständen.
An sich, mußte man ihm freilich lassen, hatte er etwas sehr Einnehmendes, Offenes, das Herz der Menschen Ge⸗ winnendes. Er war zu jener Zeit eben vierundzwanzig Jahre geworden und repräsentirte sich in diesem Alter als ein hoher, schlanker, elegant und distinguirt aussehender Lion, dem feine Manieren und ein aristokratisches Air überaus vortheilhaft ließen. Seine Hände und Füße waren ungemein fein und zart; sein Gesicht, obschon ein wenig bleich und verlebt, zeigte sich doch anziehend und fesselnd durch seinen Anflug von Genialität, den ein hochstrebender Geist und ein kühnes Gemüthe selbst denjenigen Zügen noch auszudrücken pflegen, die sonst durch wilde Verschleu⸗ derung der Jugend, die zartere Schönheit und den milde⸗ ren Reiz derselben eingebüßt haben. Wenn man überhaupt das ganze Aeussere des Grafen beobachtete, so fühlte man sich allerdings unwillkürlich zu dem Ausspruch bewogen: dieser Jüngling kann kein so niederträchtiger Räuber und Mörder sein, als hier vom Gerichtshof behauptet wird. Wenn man indeß wieder den Auseinandersetzungen und Folgerungen eben dieses Gerichtshofes Gehör und Eingang gab, so mußte einem wieder die Schuld des Graf Luckner so erwiesen, so unbestreitbar scheinen, daß man nicht umhin konnte, gerade nur in ihm den Urheber und Ausführer des schauderhaften Verbrechens zu sehen.
(Forts. folgt.)
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„Sterben ist ein philosophischer Akt,“ sagte Friedrich Schlegel in der Zeit, als er noch in voller Jugendkraft mit seinem Bruder Wilhelm gegen die Vor- urtheile der Welt ankämpfte. Viele werden freilich auch jetzt noch dagegen opponiren und behaupten, es sey ein religiöser Akt. Jedenfalls wird man indessen nicht in Abrede stellen können, daß es vor Allem ein natürlicher Akt ist, und daß man Unrecht hat, ihn mit solchen Schrecken zu umgeben, wie es gielfach die Fanatiker des Pietismus gethan haben, und geistig starke Menschen ha⸗ ben ihn fast durchweg mit der größten Seelenruhe ertra⸗ gen. Der Gleichmuth, mit dem die philosophisch gebil— deten Menschen des Alterthums dem Tod ins Auge saten oder wie sie ihn selbst herbeiführten, wenn die Umstände dies erforderten, ist wahrlich nicht geringer zu schätzen,
So viel und so oft er auch
als die Begeisterung, mit der die Christen ihre Seelen Gott oder ihrem Heilande empfahlen, oder die an Unsinn grenzende Glut, mit der die Anhänger Mohamed's ihrem Paradiese zueilten.
In den letzten Stunden, welche kräftige Menschen durch⸗ leben, faßt sich gewöhnlich ihre Geisteskraft noch einmal in ihrer ganzen Energie zusammen, und sie sprechen Worte aus, die als das Stichwort des ganzen Lebens zu betrach- ten sind. Ebenso ist der Abschied vom Leben für die schwankenden, wie für die heuchlerischen und lügenhaften und boshaften Charaktere häufig ein Prüfstein, der ihre Schwächen und ihre Hohlheit offen zu Tage legt. Vor dem Tode vermögen nur Wenige ihre Schlechtigkeit zu verbergen, und wenn sie auch bis dahin ihr Leben in lauter Trug und Lüge verbracht haben, so bekennen sie in ihrer letzten Stunde, was sie an der Menschheit ge⸗ sündigt haben, denn nur, wer kräftig und wahr gelebt hat, kann auch die Kraft besitzen, dem Tod muthig in's Auge zu sehn. Am Kräftigsten haben sich in dieser Be⸗ ziehung stets die Gelehrten, Dichter und Künstler der neuern Zeit bewiesen, und ihre letzten Stunden liefern daher ebenso wie ihr Leben und Wirken den Beweis, daß das Wissen und die freie Erkenntniß den Menschen am Freiesten macht und daher das höchste Ziel seines Strebens zu bilden hat.
Es ist interessant, eine Vergleichung dieser Erscheinung mit andern zusammen zu stellen, und ich will daher ver⸗ suchen, einige Zeugnisse darüber mitzutheilen.
Als Alfteri seinem Ende nahte, glaubte er einen Priester zu sehen und bat ihn, ein anderes Mal wieder—⸗ zukommen. Als darauf am nächsten Morgen wirklich ein Priester erschien, sagte er zu seiner Umgebung, man möge die Gräfin Albany rufen, er habe dieser noch was zu sagen und nur noch wenige Augenblicke zu leben. Als die Gräfin kam, rief er ihr zu:„Reiche mir die Hand, theure Freundin, ich sterbe!l— Damit war er tod.— Als der Mathematiker de Lagny schon halb bewußtlos auf dem Todenbette lag, wollte einer seiner Freunde ver⸗ suchen, ob er noch die Kraft habe, sich aufzuraffen und fragte ihn nach der Quadratzahl von 12.—„144,“ rief der Mathematiker und starb.— Der französische Gram⸗ matiker Bonhours starb mit den Worten:„Ich lebte daß ich weis zu sterben.“— Als Malherbes im Sterben lag, rief er seiner Wärterin zu, sie möge nicht so viel Sprachfehler machen, und als sein Beichtvater ihm— von dem ewigen Leben sprach, sagte er zu ihm:„Haltet Euren Mund. Wenn Ihr in so schlechtem Französch von dem ewigen Leben sprecht, kann ich nicht daran denken.“ La Mothe le Bayer, einer der eifrigsten Ethnographen seiner Zeit, rief seinem Freunde Berrier, einem berühmten Reisenden, als dieser an sein Bett trat, zu:„Nun, mein Freund, was gibts Neues vom Großmogul?“ und starb. Als der berühmte Satyriker Scarron im Sterben lag, sagte er zu den Umstehenden, zu denen auch seine ehe⸗ malige Frau, Madame de Maintenau, die Maitresse Lud⸗ wig's XIV. gehörte:„Ihr könnt nicht so viel um mich weinen, lieben Kinder, als ich Euch lachen gemacht habe!“ Als man Pope damit trösten wollte, daß so viel Symp⸗ tome zu seinem Wiederaufkommen vorhanden seyen, rief er aus:„Ja, ich sterbe an Euren hundert guten Symp⸗ tomen!“— Als Rosseau im Sterben lag, rief er sei⸗ ner Frau zu, sie möge das Fenster öffnen, damit er das herrliche Naturschauspiel genießen könne.“— 4 N (Forts. folgt.)
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Dieser Tage ist auch in Paris eine edle Dame gestor⸗ ben, deren Name vor 40 Jahren die Runde durch ganz Europa machte, zur Freude aller hochherzig Gesinnten
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