Ausgabe 
5.6.1855
 
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Brennecke. Was habt Ihr denn gespielt? Fritz. Wir haben Soldaten gespielt; Russen und

Aljirten; aber mit Josephen spielen wir nich mehr, der zu grob.

Carl. des war Sebastopol, un Joseph stand drin un hat sie vertheidigt, un wir sin Sturm druf gelaufen.

Wilhelm. Aber ick habe immer Ausfälle gemacht, Vater, mit die Ballkelle.

Brennecke. Mit die Ballkelle? Det is allerdings etwas ausfallend; aber da Du aͤllene bist un so ville gegen Dir hast, würdest Du mit'ne Rohrstaude wenig

ausrichten. Wie weit seyd Ihr denn gekommen mit Euern Krieg? Fritz. IJ, wir konnten Josephen nich'raus kriegen

aus die Festung, da haben wir eenen Mann gewinkt, der sollte uns helfen, aber der rührte sich nicht, un hat blos gelacht un gesagt: er bleibt neutral, so lange wir die Säule nich ruiniren, aber wenn wir's zu bunt machen, denn haut er zu, hat er gesagt, un steht Josephen bei. Brennecke. Ein tiefer Sinn liegt in das kindische Spiel! Nu stellt Euch hier alle in'n Kreis, un vernehmt meine väterliche Ermahnungen, denn ick werde Euch uff

sechs Monate verlassen.

Wilhelm. Wo willst Du denn hin, Vater? Brennecke. Nach der Weltstadt Paris.

August. Ach, da nimm mir mit Vater, ich möcht mal Napoleon seine Asche sehn. 5

Brennecke. Geh nach die Küche, un seh Dir die Holzasche an mit etwas starke Einbildungskraft, kanust Du sie vor Napoleon seine Asche halten. Also Joseph, Dir als Aeltster geb' ich den Auftrag, daß Du über die An- dern wachst, geht mir richtig in die Schule, damit ihr was lernt, un so klug werd't wie Professer St..., da⸗ mit ihr auch dermaleinst in die Kammer gewählt werden könnet, und könnt helfen Millionen bewilligen, un wenn ihr wieder Krieg spielt, richt't det so ein, daß Joseph als Rußland zuletzt immer siegt, denn dadurch macht ihr euch angenehm bei eure Mutter, denn ihr wißt, daß Joseph ihr Liebling is.

Fritz. Ja, aber wenn er zu grob mit die Ballkelle haut,

Brennecke. Denn könnt Ihr ihm det schwar ze Meer abschneiden, wenn er sich's gefallen läßt. Nu hälst Du's Maul, ick muß mir jetzt zu die Reise rüsten, damit ick noch rechtzeitig zum 1. ankomme, denn ick will das Te deum von Berliozzen, und die Eröffnungsrede, die der Kaiser eigenhändig halten wird in die Schamp Se lise nich versäumen. 5

Frau(kommt mit der Reisetasche). Hier, Brennecke, hab' ick alles eingepackt, was Du zu Deine Reise brauchst: Hemden, Strümpfe, Schemisetter, Manschetten.

Brennecke. Manschetten? Mutter, ick werde doch als Preuße in Frankreich keene Manschetten nich zeigen! O konträr, im Gegentheil. i

Hier is boch Deine Schnupftabaksdose. Brennecke. Die is gut, denn die Franzosen sollen don mir manche Priese kriegen. Die Hauptsache is, daß Du mir een bisken was Orntliches in die Brieftasche legst. Drei Funßigdhalerscheine mögen woll vor die nächste vier Wochen ausreichen. Wenn mir wat fehlt, schreibe ick, denn lumpen laß ick mtr in Paris als Berliner nich. So, nu noch den Regenschirm un die lange Pfeise. Jetzt stell die Hutsche heran Mutter un umarme mir zum Abschi einer weent nich. Bald werdet Ihr Großes von Euern Vater in die Zeitungen lesen. Ihr seht mir

Fan

O ja, freilich, die neue Säule von Litfassen,

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siegreich oder nimmer wieder!(Reißt sich los und stürzt nach dem Bahnhof.) N (Forts. folgt.)

In Berlin besteht seit einigen Jahren ein Verein der nicht genug gelobt werden kann. Er nennt sich Vorschußverein und unterstützt ärmere Bürger in der Noth mit kleinen Darlehen, damit diese Leute nicht zur Beute nichtswürdiger Wucherer werden. Auͤf diese Art hat dieser segensreiche Verein während seines' Bestehens nicht weniger denn 3195 Familien vom Untergange ge rettet. Möchte dieses ächt christliche und wahrhaft erhe⸗ bende Beispiel doch in allen Städten Nachahmung finden. Wie manche unschuldig ins Unglück gerathene Familie würde dadurch noch gerettet, wie manchem fleißigen Bür ger, dem es an den zum Geschäftsbetrieb nöthigen Vor⸗ lagen fehlt, geholfen werden. t

Von Amerika lauten die meisten Nachrichten nicht sehr günstig. Die Agitation gegen den Schnapsverkauf, der, wie wir neulich erwähnten, in einer Anzahl Staaten, bereits verboten, welches Verbot auch von den segens reichsten Folgen begleitet war, greift immer mehr um sich. Blos die Schnapsfabrikanten und Schenkwirthe speien Feuer und Flammen. Aber es wird diesen Leuten nichts helfen, das Wohl ver Bevölkerung kann nicht zum Nutzen der Beutel der Schnaps- und Liqueur-Destillateur ge opfert werden. Eine Bevölkerung ist nicht zum Nutz und Frommen der Brannteweinseelen geschaffen. In Cali⸗ fornien wird noch immer Gold geschaufelt, aber in den europäischen Geldbeuteln merkt man nicht die Laus davon.

Es heißt, daß die Trauer in Rußland um den verstorbenen Kaiser ein volles Jahr dauern wird, also bis zum 2. März 1856. Bei ihren Ausfällen aus Se bastopol sollen die Russen meistens auch voll sein.

Wahrend alle größeren Staaten und so auch der unsrige keine privilegirten Spielhöllen auf ihrem Gebiete dulden, sind es blos einige der kleineren deutschen Länder, die diesen Raubhöhlen, diesen Pestbeulen der Gesellschaft noch Vorschub leisten. Das arme Kurhessen hat vier sol cher Austalten, von denen die eine sehr verderbend auf unsre ganze Umgegend wirkt! Wie verträgt sich das aber mit der Hebung des kirchlichen Sinnes, womtt man jetzt in diesem Lande so sehr bemüht ist?

Es wehen wieder einige Friedenslüfte durch Europa, Actien und Papiere sind bei diesem milden Klima im Wachsen begriffen. Wenn es aber nur auch naturge⸗ mäßes Wachsthum und nicht bloße Treibhausluft ist, die beim ersten rauhen Windstoße wieder zurückgehen.

Herr Pelissier will Sebastopol stürmen, Canrobert aber hat nicht dran gewollt und daher dieser den Ober⸗ befehl erhalten. Pelisster hat bei einer Nevue in einer Rede versichert, daß er Sebastopol absolut nehmen werde und wenn man nicht die Thüre hinein könne, wollten sie durchs Fenster steigen. Letzteres wird wahrscheinlich auch geschehen müssen, aber mit etwas mehr Umständen.

Nach demLeipziger Telegraph ein sonst gut redi⸗ girtes Localblatt, hat in Greiz eine Wunderfran 1 langjährig kranken Leipziger mit Bratwurst kurirt. Eine

solche Kur läßt man sich, namentlich zu jetziger Zeit und besonders wenn man die Wurst nach der Speckseite wirft,