Ausgabe 
2.6.1855
 
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Doch Jene, was sich für Hausfrau'n schickt, Auch aus dem Fundament versteht, Wie man ein feines Strümpfchen strickt,

Ein Hemdchen fein und zierlich näht, Hebt sich auch nicht leicht beim Tanz ihr Leib, 8 Die nehmt zum Weib!

Ich weis die Eigenschaften alle, Beisammen findet man sie schwer, Drum geht vorsichtig in die Falle, Und findet ihr kein Mädchen mehr, Das ganz bestehet im Gericht, Vermählt Euch nicht.

Trais im Mai 1855.. e Stenen ans Zerliner Gerichtssälen. II.

Der Knochenverkäufer.

Der Metzgermeister Pulicke ist der Uebertretung der für den Fleischverkauf gegebenen Vorschriften angeklagt. Es ist eine vierschrötige Gestalt in entsprechendem Kostüm.

Richter: Verantworten Sie sich auf die Anklage.

Angeklagter: Durchaus nich. Ich werde mir nur naturjemäß verdeffendiren als richtiger Berliner. Denn det Janze is schond zu sehr jegen meine Würde als an sässtger Rinds⸗ und Schweineschlächter mit's Meisterstück un nich herjelaufener Jeselle in'n Wurstkeller, deß ick mir wegen'n paar Knochen schmutzig machen werde. Wo werde ick mir denn schon erschtens jegen det Jesetz uff⸗ lehnen wejen drei Silberjroschen. Das schenke ick ja jede Woche an de armen Kinder in meinem Viertel in Schwei negrieven. Nee, meine Herren, immer uf'n Rechtsboden, zu Hause wie uf'n Marcht. Det wäre noch scheener. Bei sechs Pfündchen Rindfleisch einen kleinen Knochen bei un denn anjeklagt? Jetzt, bei die Zeiten, wo nischt mehr zu koofen, wo die Commissionäre nich mehr wis⸗ sen, wat se fordern sollen, und de Ochsen bald bloß noch Talg und Sohlenleder un keen Fleisch mehr uf's Jerippe haben! Ja, wenn de Kälber erscht mit die Bratwürschte uff de Welt kommen werden, denn können boch die Schläch ter det Fleisch ohne Knochen verkaufen.

Richter: Schweifen Sie nicht ab, Angeklagter. Angeklagter: Erlauben Sie, Herr Präsident, ick

bin nich abgeschwiffen, und kann mir in meine Verthei digung nich beschränken lassen. Denn dis werden wohl die Herren alle wissen, daß det ordentliche Rindvieh jetzt Allens nach England jeht, die Mecklenburjer und Olden burjer Allens nach Hamburg, und blos die kleenen Och sen bleiben bei uns. Un aus Ungarn un de Moldau kommt schonst lange nischt mehr raus von wejen de Rus sen. Und nu erscht die Schweinezucht überall! Mit was wollen Sie denn die Sau fett machen bei die schlechte Erndte? Junge Ferkel jibt es jenug, aber se sind boch darnach. Und nu die Abjaben: Schlachtsteuer, Einkom- mensteuer, Jewerbesteuer, Miethssteuer, Jesellen, Frau, fünf Kinder, un da wundert man sich noch, daß die Schlächter de Knochen mit wiegen?

Richter: Sie sollen aber bei sechs Pfund Fleisch anderthalb Pfund Knochen verkauft haben? Angeklagter: Anderthalb Pfund?

ne Wahrheit is, denn freß ick se! Richter: Zeugin, treten Sie vor! Frau Registrator Spillrich, eine kleine vertrocknete Gestalt, mit hervorstehendem Knochenbau tritt vor die Schranken. Sie erzählt mit großer Lebendigkeit und un⸗ ter vielen Gesticulationen den Vorfall. Der Angeklagte will sie mehrfach unterbrechen, sie läßt ihn aber uicht zu Morte kommen, sondern fertigt ihn stets mit den Worten

Na, wenn det

ab:Sind Sie so gut! und fährt dann in ihrer Er zählung weiter fort. Nach ihrer Angabe hat sie auf sechs Pfund Fleisch allerdings ein und ein halbes Pfund Kno⸗ chen erhalten.

Angeklagter: Dann müssen Sie Ihre Knochen haben mitwiegen lassen, scheene Frau! Denn sonst wüßt ick nich, wo deß Jewicht herkommen sollte. Oder woll- ten Se vielleicht fett werden von die sechs Pfündchens? Denn wäre Ihnen der kleene Marksknochen jut jewesen. Erschtens hätten Se doch'mal'ne Bulljong mit Oogen jekriegt, und denn hatten Se sich von des Marks Pom made machen und in Ihre Zöppe schmieren sollen, damit Se doch wenigstens von hinten jlänzend aussehen.

Richter: Sie werden zu zwei Thaler Geldstrafe verurtheilt. Angeklagter: Adjes, Madamchen. Wenn Sie

nächsten Sonnabend uf'n Marcht jehen, kommen Se doch

bei mich vorbei, wegen Ihre Knochen damit

Se doch nich zu kurz kommen Verstehen Sie mir?! (Er verläßt den Saal.)

Ein Tag nach dem andern, eine Woche nach der andern geht hin, ohne daß es in Rußland zu Etwas Entschei⸗ dendem kommt. In Wien diplomatisiren, diniren und soupiren sie, in der Krim bombardiren und masaeriren sie; auf der Ostsee labiren und in den groß- deutschen Kabineten temporiren sie, in Rußland, Frankreich und England armiren sie, in den Salons ennuyren sie sich und in den Zeitungen räsonniren sie. Handel und Gewerbe lamentiren, die Börsen spekuliren, die Soldaten exerciren, die Kornwucherer profitiren kurz, wo man hinsteht die Endung iren, aber nirgends etwas Erfreuliches. Was wir aber für eine kuriose Menschheit sind, geht schon da⸗ raus hervor, daß während beim Grafen Buol in der Abendgesellschaft der Russe, Franzose, Engländer und der Türke friedlich beisammen sitzen und einen hinter die

Binde gießen, die verehrten Landsleute in der Krim sich

einander nach Noten todt machen. Verkehrte Weltge schichte! Die Herren Diplomaten könnten sich, da sie kei⸗ nen Frieden machen wollen, besser einander selbst mit den Federmessern auf den Leib rücken und die orientalische Frage ausfechten. Wie viel Blut und Geld würde auf diese Weise erspart.

Auch die Polen in Paris haben dem Kaiser Napo⸗ leon eine Glückwünschadresse wegen des fehlgeschlagenen, Attentats überreicht und darin Denselben ihre einzige Hoffnung genannt. Der Kaiser hat geantwortet, daß er eine solche Adresse von den Polen erwartet habe, bis jetzt habe er nicht so viel für Polen thun können, als es sein Wunsch gewesen; aber wie sichs neuerdings ge stalte, hoffe er mehr für sie thun zu können; er wolle nämlich im Geiste seines großen Oheims fortfahren. Das sind wirklich recht friedliche Aussichten. Neuerdings, ist ein Pole gar Minister der auswendigen Angetegenheiten geworden und Herr Persigni, ein großer Polensreund, ist französischer Gesandter in London. Dazu neue Aus he⸗ bung von 300,000 Maun und eine neue Anleihe. Wenn der Kaiser nie eine Unwahrheit gesprochen, so war es die, wo er sagte:das Kaiserreich ist der Friede. In Loudon war man bei der Auwesenheit des Kaisers in allerhöchsten Kreisen übereingekommen, daß Napoleon den Oberbefehl über die gesammte aliirte Krimarmee über⸗ nehmen sollte, über Franzosen, Engländer, Sardinier und Türken, das hat dann doch bei einigen der bewährtesten englischen Generale Bedenken erregt und sie haben in einer festen Eingabe der Königin ans Herz gelegt, wel⸗

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