Ausgabe 
1.6.1918
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Nummer 14.

1. Juni 1918.

Mar s nötig?

War unser Angriff im Westen nötig? 's gibt wahrhaftig Leute, die so fragen. Wir brauchen keine Antwort. Wenn Hindenburg und Ludendorff, die sich daS Vertrauen deS Volkes erworben und unsere deutsche Mannschaft geschont haben, wie kein anderer Feldherr der Welt, wenn dieseja" sagen, dann bleibt's beimJa". Wir haben nur dasür dankbar zu sein, daß eS noch solche Männer gibt, die vor unserem Kaiser und unserem ganzen Volk die Verantwortung der Tat übernehmen, und tragen sie gerne mit. Tausende machen stch'S frei­lich sehr bequem. Sie stemmen sich nörgelnd jeder Handlung in den Weg und sind nachher erst recht unzufrieden, wenn'S nicht vorwärts geht. Also wir fragen gar nicht lange: War'S nötig? Aber andere fragen. Ihnen soll man klare Antwort geben, ehe sie mit ihrer Miene deS vornehmen Kritikers die allgemeine Freude über die Erfolge unseres Schwerts wieder hemmen. Leider gibt's immer noch solche Geister, die alles besser wissen und nichts besser machen.

Wir Hütten vielleicht Frieden haben können, wenn wir Englands Bedingungen angenommen hätten und als die Unterlegenen nach Hause gegangen wären. Welches waren diese Bedingungen? Verzicht auf unsere Kolonien, in welchen unser deutscher Fleih von Jahrzehnten steckt. Nicht nur voller Verzicht aus Belgien, daS dann der englischen Macht wieder auSgeliesert wäre, sondern auch noch Wiederher­stellung Belgiens auf unsere Kosten. Abtretung von Elsaß-Lothringen an Frankreich. Aenderung des bereits abgeschlossenen Friedens mit Rußland nach den Wünschen Englands und Frankreichs. Preis­gabe der Türkei, damit England Aegypten, Syrien und Mesopotamien behalten und als der Hauptge- gewinner aus diesem Krieg herauskommen könnte. Preisgabe Oesterreichs, daß Italien seine Wünsche in Tirol besriedigen, Valona behalten und Oesterreich vom Meere absperren könnte. Das sind die Friedens­bedingungen, in denen daS ganze englische Volk bis zum Arbeiter eins ist. Auch der berühmte Herr LanSdowne, der seinen scheinbar versöhnlichen Brief schrieb, denkt nicht anders. Auch ihm fällt es gar nicht ein, Frankreich zu bewegen, daß es auf Elsaß- Lothringen verzichte. Wer wollte nun in Deutsch­land einen solchen Frieden annehmen? Niemand, niemand! Die deutsche Arbeiterschaft am wenigsten. Wir im rheinisch-westsälischen Industriegebiet wissen, waS wir zu erwarten hätten, wenn Belgien Auf­marschgebiet für Fraykreich und England bliebe: wir wissen eS doppelt, seit eS Kanonen mit 120 km Tragweite jetzt schon gibt. Ade! du rheinisch-west­fälische Industrie, die du unter fremden Kanonen lägest! Nein, nein! Blrebe im Westen alle« beim alten, dann wäre die Lage Deutschlands nie die alte, sie wäre verzweifelt schlechter geworden. Ungarn hat gegen Rumänien starke Grenzsicherungen erhalten und Oesterreich will das gleiche gegenüber Italien. Bulgarien behält die Dobrudscha und Sicherheit an der ganzen Donau entlang. Neidlos sehen wir das alles. Wir aber wären Esel, wenn wir unser deutsches Gebiet, in dem unsere deutsche Arbeit und deutscher Fleiß Tag und Nacht schaffen, nicht ebenso stark und unangreifbar sicherten. Ern Frieden von Englands Gnaden ist unerträglich.

War'S nötig, daß wir angriffen? Ja, wir Deutsche wollen ein Ende deS Krieges nicht nur für unS, sondern sür die Welt. Wir haben den blutigen Tanz mit England satt. Ein weltbesreiendes Werk ist dieses Opfer, das wir bringen. So wird's einst in der Geschichte dastehen. Wir können nicht zur Ruhe kommen, wenn wir nicht siegen. Der Eng­länder hat eS so gewollt. Also möge er die Früchte seiner höhnischen Abweisung jeglichen Friedens tragen. Walter Flex möge unS das Lied singen, daS uns jetzt not tut, er, der selbst ein Opfer für Deutsch­lands Frühling wurde:

Wir trinken Schmerz und Seligkeit

Aus Einem Erzpokale.

Wir tragen Stolz auf unser Leid

Und leeren die ganze Schale.

Der Sieg ist Pflicht. Sonst schert uns nichts.

Der Krieg weiß nichts vom Sterben.

Wir wissen uns Hüter und Kämpfer des Lichts

Und kennen unsre Erben. D Traub.

Lasset die Kindlein ...

. Aon Karl Rosner.

Von Karl Rosners Kriegsskizzen liegen bisher zwei Bände in Reclams Universal-Bibliothek vor, ^ie Feindin" (Nr. 5931) undDer Ueberläufer" (Nr. 596 L^us der ersten Sammlung dieser anziehenden Stimmun^^vilder vom west­lichen Kriegsgebiet gibt das Folgen c eine Probe.

... In einer breiten, vom Feuer deS Krieges nur wenig zerrissenen Straße von ConflanS liegt die Ecole des fillesV Einen schmalen Flur geht eS hinein; dann öffnet der deutsche Feldgeistliche eine Tür zur rechten Hand. Wir sind im Schulzimmer. Und da trappelt und scharrt es auch schon, richtet sich auf von den schmalen Bänken, sieht sich um nach unS und grüßt uns froh entgegen:Grüß Gott, mein' 'eeren!'*

Wohl vierzig kleine Mädchen sind es, alle zwischen sechs und dreizehn, und alle sauber und nett ge­kleidet, daß man aus ihrem frischen, und gepflegten Aussehen gewiß nicht darauf raten würde daß diese Schule hier im Kriegsbereich unter der Feuermög­lichkeit des Gegners abgehalten wird.

Der Pfarrer läßt die Kleinen sich setzen; ein paar Worte spricht er mit der Lehrerin, dte bisher unterrichtete, dann geht sie, und er übernimmt die Stunde, und von da ab wird Deutsch gesprochen von dem Lehrer und den Schülerinnen.

Eine große Karte von Deutschland hängt an der Wand. Von dem Feld-Telegraphendirektor hat der Pfarrer sie erbeten; sie ist eines der wenigen Lehr­mittel, daS er besitzt.. Aber mit ihrer Hilfe haben die Kleinen gelernt, was sie jetzt zeigen sollen.

Jeanette!" Da kommt die zierliche Elfjährige aus ihrer Bankreihe geschlüpft und hat ein roles Köpfchen in Erwartung und Freude. Der feldgraue Pfarrer reicht ihr ein Stäbchen hin, zeigt auf die Karte.Jeanette, nenne und zeige uns doch einmal die größten Flüsse Deutschlands!"

Da zieht daS Stäbchen auch schon deutend über die große Karte, und die junge Stimme erklärt: Die größte' Flüsse von Deutschland ist: die

Memel, der Pr^g^l, die Weigfei, die Odör, der Elb6 mais non: die Elb6, die Em8, der Rhein I"Gut!" Und Jeanette gibt ihr Stäbchen ab und tänzelt glücklich wiederum auf ihren Platz.

Abondance!" Ein kleines, liebes Ding in schwarzem Trauerkleidchen, mit Stumpfnäslein und einem jämmerlichen Nattenschwänzchen steht aus und will heraus.

Der Pfarrer nickt ihr gütig zu.Nein, bleib du nur auf deinem Platz und sage unS, wieoiel Königreiche gibt eS im Deutschen Reich und wie heißen die Hauptstädte davon?"

Ganz eifrig stürzt die Kleine mit dem groß­artigen Namen über die Antwort her:Esch gibt vier Gönigreische in Deutschland es sind Preußen mit Berlin, Bayern mit Münschen, Würt­temberg mit Stuttgart und Sachsscheu mit i Dr^sde Dresden!"

So geht es weiter. Die Zuflüsse deS Rheins zählt unS die dritte aus. die arötzten Städte Bayerns die vierte, und die kleine Joanne, ein liebes Ge- schöpfchen mit tiefen, kastanienbraunen Scheiteln über dem kindlichen Madonnengesichtchen, nennt gar die deutschen Universitäten her. Cyarlotte wieder steht vorn an der Karte und weist die Grenzen Deutsch­lands mit dem Stäbchen: die Nordsee, Dänemark, die Ostsee, Rußland, Oesterreich, die Schweiz, Frank­reich, Luxemburg, Holland. Belgien fehlt; daS ist für sie nach allem, was sie aus der Geschichte dieses Krieges lernte, zunächst vorbei und abgetan.

Dann werden Uebungen in der deutschen Sprache vorgenommen. Der Pfarrer stellt die schlichten, in die Umwelt dieser Kinder eintauchenden Fragen, und die Märchen antworten. Marguertte Menard ist die erste.Margarete, hast du einen Bruder?" Jsch'abe keinen Bruder. Jsch'abe einen Vater. Mein lieber Vater ist in Verdun und er hecht D6sir6."

Und du Martha?"Jsch'abe einen Bruder

er heißt Eli, und er ist dreiundzwanzig Jahre alt. Er ist mein großer Bruder, und er ist auch in Verdun

Einen stillen Blick des Pfarrers fange ich auf. Verdun Verdun das rst hier immer daS letzte, was sie von den Ihren wissen. Von dort her ist vor vierzehn, fünfzehn Monaten vielleicht die letzte Nachricht von den Männern hierher gelangt. Seit­dem ist Schweigen, und seitdem ist Krieg. Wer weiß, wie viele dieser Männer von Verdun, zu denen die suchenden Gedanken der Frauen draußen und der kleinen Mädchen hier hinziehen, längst schon für immer still geworden sind.

Adtzle Chasselle! Sag unS doch ein Gedicht

eines von den deutschen Gedichten, die ihr kennt." Da sinnt sie einen Augenblick und legt dann loS, sagt diese hübschen Rätselverse von den zwölf Monaten deS JahreS her. ist beinahe atemlos vor Stolz, wie sie beim Schluffe hält:

Nun sage mir, mein liebes Kind,

Was das wohl sür zwölf Brüder find?" ...

... Die Schule war zu Ende. Diele kleine Mädchenhände habe ich gehalten, ehe ich mit dem Pfarrer wieder im Halbdunkel der Straße draußen stand. Soldaten zogen an uns vorüber sie gingen als Ablösungen nach vorn in die Stellungen. In den Lüsten lag das Rollen der Geschützfeuer das Dach über dem Haus dort drüben war mit einem riesigen roten Kreuz in weißem Feld bemalt.

Und eine ganze Weile waren wir schon unter­wegs, als mich die ernste Stimme neben mir gut und eindringlich fragte:Die Kinder glauben Sie nicht auch, daß die jetzt für daS ganze Leben besser von uns Deutschen denken müssen, als ihre Eltern von uns dachten?!"

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Aerwundetcn-Aeratungsstesse.

Wie sehr die Tätig7eit der Verwundeten-Be- ratungsstelle von den verwundeten und erkrankten Kriegsteilnehmern anerkannt wird, geht auS dem regen Schriftwechsel hervor, den die Verwundeten rc. selbst nach ihrer Entlastung aus dem Lazarett mit dem Leiter der Beratungsstelle pflegen unter dank­barer Anerkennung der ihnen durch die Beratungs­stelle geleisteten Dienste. Leider sind aber die Fälle, in denen die Versicherten wegen verspäteter Geltend­machung ihrer Ansprüche einen Teil ihrer Rente verlieren, immer noch außerordentlich zahlreich.

ES kann deshalb nicht genug darauf hingewiesen werden, sich rechtzeitig über die in Frage kom­menden gesetzlichen Bestimmungen zu informieren. Wer vor seiner Einberufung zum Militär Mitglied einer Krankenkasse gewesen ist, oder Beiträge zur Invalidenversicherung geleistet hat, wird, auch wenn er jetzt keine Ansprüche geltend machen kann, gut tun, sich über seine ferneren Rechten und Pflichten aus diesen VersicherungSoerhältnissen in den Dienstags und Freitags von 2 V 2 3 % Uhr im Soldatenheim stattfindenden Sprechstunden beraten zu lassen.

H. Kirchner.