Ausgabe 
1.5.1918
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Sanitätsunteroffiziere. Am 30. September 1915 vor­mittags 5.30 Uhr hörte ich plötzlich Jnfanteriefeuec und Handgranaten. Ich trat vor den Unterstand, und zu meinem Erstaunen mutzte ich sehen, daß die Franzosen schon anmarschiert kamen. Ich ging in den Unterstand zurück und sagte dies natürlich; alles machte lange Gesichter. An ein Auskneifen war nichi mehr zu denken, und so verkroch stch alles in die Ecken. Es dauerte nicht lange, da standen die Franzosen schon am Unterstand und schossen wie die Wilden in ihrem betrunkenen Zustand in unseren Unterstand herein. Kurz entschlossen trat ich raus, und da stürmten ungefähr 18 bis 20 Mann mit Bajonetten auf mich zu. Ich schrie gleich in französischen Worten, sie mögen uns verschonen, wir wären lauter Verwundete und Sanitätspersonal. Als die Franzosen das Französisch hörten, da stutzten sie einen Augenblick, und das war die rettende Minute. In diesem Moment kam ein französischer Korporal und nahm die Bajonette von mir, ließ mich abschnallen und sagte, ich solle die anderen Leute aus dem Unterstand rufen, und ich tat wie besohlen. Wir wurden alle Mann abgcführt in Gefangenschaft. In dem Gelände zwischen beiden Stellungen wurden drei Mann abermals verwun­det. Einer davon flehte mich an. ich solle ihn doch mitnehmcn; ich tat cs auch, aber da kam der Posten und stach mir in die Hände, und so mußte dieser Mann elend zu Grunde gehen, wobei die Fran­zosen höhnisch lachten. Nun ging es weiter, von allen Seiten kamen Soldaten herbeigestürmt, ohr­feigten, traten und bespuckten uns. Sämtliche Sachen wurden uns abgenommen, es blieb uns aber auch garnichts mehr übrig. Vom Waffenrock wurden uns die Knöpfe. Tressen. Achselklappen, alles abgerissen, sowie auch Mütze. Und so kann man sich vielleicht in eine Lage eines armen wehr­losen Gefangenen hineindenken. Vorgesetzte standen dabei und lachten spöttisch. Das Verspotten war nicht allein kurz nach der Gefangennahme, sondern das wird fortdauern solange noch ein deutscher Soldat sich in Frankreich befindet. Denn das Zivilvolk ist mit einem Wort fanatisch und furcht­bar gehässig. Bis abends 11 Uhr waren wir un­terwegs. Endlich gab es halt. In der Nähe von Chalons befand sich ein Lager. Lager kann man dies nicht nennen, es war bloß eine Drahtumzäu­nung untrr freiem Himmel. Da befanden sich noch mehrere deutsche Gefangene. Und so verblieben wir bei Wasser und Brot siebzehn Tage, aller Witterung ausgesetzt. Es ist vorgekommen, daß bei Verwundeten Maden durch den Verband ge­krochen sind. Andere sind durch tagelanges Hungern und an starken Durchfällen zu Grunde gegangen. Man sah, daß dies für die Franzosen Genugtuung war. Nun kam die schreckliche Fahrt von St. Mene- hould bis Orleans. An jeder Station standen Zivilleute, die uns mit Steinen geworfen, beschimpft und bedroht haben. Nach drei Tagen Bahnfahrt gelangten wir in Orleans an. Hier stand ein französischer Kapitän, der sagte: .Na. chr deutschen Helden, habt ihr auch Hunger und Durst?' Alle» sagte ja, worauf er erwiderte: .Verrecken sollt ihr deulschen Hur.de!' Der Empfang war trostlos. Diese Menschenansammlung, dieses Aufgeregte war ja rein toll. Elektrische Bahn, alles blieb still stehen wegen der paar Gefangenen. Alles schrie: .Alle- mangne kaput, Schweinehunde. Schweinekopf. Boche' und noch so manches. Auch das Lager in Orleans bestand nicht aus Baracken, sondern alles Zelte, in denen wir einen ganzen Winter uns kümmerlich behelfen mußten. Weil in Frankreich großer Mangel an Arbeitern herrschte, ging es gleich zur Arbeit. Zum Beispiel Steinbruch. Holzfällkommando, Kohlen­ausladen usw. Arbeitszeit 12 bis 14 Stunden pro Tag. Verdienst 20 Centimes, nach deutschem Geld 16 Pfennig. Essen war gut. Auch gibt es verschiedene Lager, zum Beispiel Elsässer-, Schleswig-Holsteiner- und Polenlager. Leute dieser Nation werden solange gut behandelt, bis sie ihre Unterschrift hergeben. und dann werden diese ins französische Heer eingereiht. Auch ich sollte in ein Elsässer-Lager und mich äußern, ob ich keine französische Gesinnung habe. Als ich dies alles verweigerte, setzte man mich zwei Monate auf eine Festung (Dijon). Nach den zwei Monaten fragte man mich wieder. Ich blieb aber der Selbe und so war ihr Plan nichts geworden. Von neuem wurde ich dann zum Holz­

fällen bestimmt und blieb bei dieser Arbeit bis zum 24. September 1916, als plötzlich die Nachricht bekannt wurde über den Austausch von Sanitäts- mannschaften. In Lyon war die Sammelstelle der Auszutauschenden, wie hier in Deutschland Konstanz es war. Die letzten acht Tage hatten wir es sehr gut, da wollten nämlich die Franzosen wieder gut machen, was sie das ganze Fahr hindurch an uns gesündigt hatten. Auf dem Wege zum Bahnhof mußten französische Regimenter Spalier bilden, da­mit wir nicht allzusehr von dem fanatischen Volk belästigt wurden. Als der Zug sich in Bewegung setzte, war uns, wie man es gewöhnlich nennt, .ein Stein vom Herzen gefallen'. Während der ganzen Fahrt mußten die Gardinen heruntergelassen werden, damit ja das Zivilvolk nicht sehen kann, daß Deutsche im Zuge sind.

Der herrliche Empfang in der Schweiz sowie in Deutschland wird mir in steter Erinnerung bleiben.

Was ist der Staat und warum brauchen

wir ihn?")

Von Eberhard Faden.

Etz ist sonderbar, aber es ist so: unter dem Staat können sich viele Leute immer nur etwas Unange­nehmes vorstellen: Polizei. Steuerzahlen. Gefängnis. Auf den Staat wird immer geschimpft, keinem kann er's recht machen. Am liebsten ist ihnen, wenn sie nichts von ihm zu sehen und zu hören brauchen. Aber jetzt im Kriege rufen olle nach dem Staat; da fühlt jeder, daß er ihn braucht, daß er ohne seinen Schutz und seine Sorge nichts vermag. Denkt Ihr noch an den 1. August 1914, als es wie ein Sturm durch Deutschland brauste, als wir alle zusammentratcn wie ein Mann, um das Vaterland zu verteidigen? Der Staat ist in Gefahr! Die Feinde allen voran Herr Wilson behaupten Zwar, sie kämpften nur gegen die deutsche Regierung, nicht gegen das deutsche Volk. Wir aber wissen, daß es um unser Leben geht, um Familie und Heimat, um Arbeit und Wohlstand. Der Staat das sind wir ja selbst, das ganze Volk; mit ihm stehen und fallen wir. .Mit Gott für König und Vaterland' so heißt der Spruch, den wir als Helmzier tragen. Volk und Staat gehören zusammen, bilden eine unlösbare Einheit.

sie haben dazu keinen Verein mit Satzungen ge­gründet, nicht darüber abgestimmt. Der griechische Weise Aristoteles hat recht, der vor mehr als zwei­tausend Jahren gesagt hat: ..Der Mensch ist von Natur zum Leben im Staate bestimmt" Der Staat gehört zum Wesen des Menschen. Wir finden staatliche Ordnung ja schon in der Tierwelt, bei den Ameisen und Bienen, bei den in Herden zu­sammenlebenden wilden Pferden und Rindern, die sich um einen Führer, das sogenannte Leittier scharen; selbst die Schafe haben ihren Leithammel.

Der einzelne Mensch vergeht. Familien sterben aus, neue kommen hoch, bestehen durch mehrere Geschlechter und sterben wieder aus. Im Staate dauert die Gesamtheit aller dieser Menschen und Familien, er ist das Bleibende. Dem Staate ver­danken wir. daß wir leben und arbeiten können.Alles was ich bin und habe, dank ich dir. mein Vvter- land!" Viele denken zwar: ich habe doch meine Familie, meine Innung oder Gewerkschaft, meine Kirchengemeinde; darin lebe ich. Nur die Beamten sind doch eigentlich auf den Staat angewiesen, der ihnen ihr tägliches Brot gibt. So äußerlich darf man aber die Dinge nicht betrachten. Wer macht denn alles bürgerliche Schaffen und Wirken möglich? Was ist denn die Grundlage, ohne die jene Verbände und Genossenschaften garnicht bestehen können? Der Staat ist es. der höchste, alle Kräfte des ge­samten Volkes zusammenfassende Verband.

Das ist immer so in der Weltgeschichte gewesen. In gemeinsamer Gesahr besinnen sich die Menschen, da schließen sie stch eng zusammen, da fühlen sie sich als ein einig Volk von Brüdern. In friedlichen Zeiten streben sie auseinander, als gehörten sie nicht zusammen. Da machen viele einen Strich zwischen sich und dem Staate. Der Staat das sind für sie die Regierenden und Besitzenden. Die ein­zelnen Stände bekämpfen sich erbittert, als seien sie Feinde und nicht Bürger desselben Staates. Diese inneren Kämpfe sind so alt wie die Staaten selbst. Es gibt eine Fabel, die sich die Menschen schon vor zweitausend Jahren erzählt haben, die Fabel vom Magen und den Gliedern. Eines Tages verweigerten die Glieder den Dienst; sie müßten immer arbeiten und für den Magen Nahrung herbeischaffen, er selber aber tue weiter nichts als essen und trinken. So gut wollten sie es auch haben. Aber nun versagte der Magen natürlich und konnte die Glieder nicht mehr mit frischem Saft und frischer Kraft versorgen. Da wurden sie auch krank und fühlten, daß sie

ohne den Magen doch nicht bestehen konnten, und arbeiteten weiter.

Die notwendigste Aufgabe des Staates ist, sich selbst und damit seine Bürger zu schützen gegen Angriffe von außen und gegen Friedens- und Rechts­verletzung im Innern. Dazu muß der Staat un­abhängig nach außen und selbständiger oberster Herrscher im Innern sein. Diese doppelte Unab­hängigkeit des Staates nennen wirSouveränität". Ohne Macht aber kann der Staat sich nicht be­haupten. seine Schutzaufgabe nicht erfüllen. Heer und Flotte sind also notwendig; sie müssen um so stärker sein, je größer und reicher der Staat ist und je schwerer seine Grenzen zu verteidigen sind. Darum sprechen wir im Gegensatz zu den Klein­staaten nicht von Großstaaten. sondern Großmächten So müßt Ihr das Wort verstehen, das der Geschichts­schreiber Heinrich von Treitschke gesagt hat: .Der Staat ist Macht." Unsere Feinde wollen uns einen Strick daraus drehen. Sie behaupten, das Wort bedeute: Der Staat soll erobern, soll eine Will- kürherrschaft errichten, im Innern über seine Bürger, nach außen über seine Nachbarn. Das sei ja apch unser Nationallied: Deutschland will über alles herrschen, während wir doch meinen: in unserem Herzen geht uns Deutschland über alles andere in der Welt. Freilich, mit Worten läßt sich trefflich streiten. Aber wie sagen die Engländer selbst? Ihr Wahlspruch heißt: Recht oder Unrecht, mein Land geht vor. Das heißt: nicht Gerechtigkeit, sondern England ist die Hauptsache in der Welt. Also rücksichtslose Selbstsucht!

Kein einzelner Mensch, kein einzelner Stand vermag für sich allein zu leben. Sie brauchen sich gegenseitig. Und für dieses Zusammenleben brauchen sie eine bestimmte Ordnung und Regel, brauchen sie den Staat. Das liegt in der Natur der Menschen,

*) Wir entnehmen die folgenden Betrachtungen einem ^krtvollen BüchleinVom Leben und Kämpfen der Staaten und Völker, eine Staatslehre für deutsche Feldsoldaten".

schreibt als Feldsoldat für Feldsoldaten, er schildert das Wesen und die Aufgaben des Staates, unter­sucht das Verhältnis von Staat und Nation, von Staat und Volk, um zum Schluß die Anmaßung Wilsons zurück- zuweisen die uns zur französischen Demokratie bekehren will T,e Schrift kann von der Zentralstelle der Lazarett- Beratung. Frankfurt a. M., Theaterplah 14 . bezogen werden.

Der Schutz nach außen und der Rechtsschutz im Innern ist wohl die notwendigste Aufgabe des Staates, aber nicht seine höchste. England und Amerika freilich kennen keine weitere. Sie begnügen sich damit, daß der Staat sozusagen eine bessere Aktiengesellschaft ist zur Versicherung von Leben, Freiheit und Eigentum. Wie man Versicherungs­beiträge bezahlt, weil sie nun eben notwendig sind, so halten sie auch den Staat für ein notwendiges Uebel, mit dem sie nicht mehr, als unbedingt er. forderlich, zu tun haben wollen. Er hat nur über die äußere Ordnung und Sicherheit zu wachen. Im übrigen läßt er dem einzelnen volle Bewegungs­freiheit, seine persönlichen Interessen ohne Rücksicht aus schwächere Mitmenschen durchzusetzen. Der Staat paßt nur auf. daß bei diesem schrankenlosen Gegen­einander nichtspassiert", wie ein Schutzmann oder Nachtwächter. Man hat das englisch-amerikanische Staatsideal deswegen spöttisch als das desNacht­wächterstaates" bezeichnet.

Wir Deutsche haben ein anderes Ideal. Unsere Reichsverfassung sagt: Das Reich ist errichtetzum Schutze des Bundesgebietes und des innerhalb des­selben gültigen Rechtes, sowie zur Pflege der Wohl­fahrt des deutschen Volkes". Wohlfahrt bedeutet: Gesundheit, wirtschaftliche Kraft, freie geistige Bildung. Wir Deutsche betrachten den Staat als Kulturftaat.