Ausgabe 
1.1.1918
Seite
2
 
Einzelbild herunterladen

ITajatjef f -Bcituna«

Hold?

Von Leo N. T o l st o i.

Vor langer Zeit lebten unweit Jerusalem zwei Brüder, der ältere hieß Afanaßij, Joann der jüngere. Sie lebten aus einem Berge bei der Stadt und nährten sich von dem, was ihnen die Leute gaben. Ihre Tage verbrachten die Brüder mit Arbeit; nicht für sich, sie arbeiteten für die Armen. Zu Menschen, die unter der Last ihrer Arbeit seufzten, zu Kranken, Waisen und Witwen gingen sie, ver­richteten Arbeit und schieden ohne Zahlung zu nehmen. So verbrachten die Brüder die ganze Woche getrennt von einander und kamen nur jeden Sonnabend Abend in ihrer Behausung zusammen, verlebten den Sonntag gemeinsam, beteten und unterhielten sich. Und Gottes Engel kam herab zu ihnen und segnete sie. Am Montag gingen sie wieder auseinander, jeder nach seiner Seite. So lebten die Brüder viele Jahre und jede Woche kam der Engel zu ihnen und segnete sie.

An einem Montag, als sie nach verschiedenen Seiten zur Arbeit gingen, tat es Afanaßij leid, sich von dem geliebten Bruder zu trennen, weshalb er stehen blieb und zurückschäute. Auch Joann blieb stehen, hielt eine Hand vor die Augen und sah aufmerksam auf eine Stelle; dann näherte er sich derselben, sprang aber plötzlich, als ob ein wildes Tier ihm nachsetzte, von Berg zu Berg. Afanaßij war sehr verwundert und ging zu dieser Stelle, um in Erfahrung zu bringen, worüber sein Bruder in solchen Schrecken geraten sei. Wie er nahe kommt, sieht er: es blitzt etwas in der Sonne; und wie er angelangt ist, sieht er auf dem Grase, als ob es mit einem Maß ausgeschüttet wäre, einen Haufen Gold.

Worüber mag er sich erschreckt haben und wes­halb ist ersortgelaufen? dachte Afanaßij. Im Golde ist keine Sünde. Die Sünde ist im Menschen. Mit Gold .kann man Unheil vollbringen, aber man kann auch Gutes tun wie viele Waisen und Witwen kann man ernähren, wie viele Nackte kleiden, wie vielen Dürftigen und Kranken kann man mit diesem Golde Beistand leisten! Wir dienen freilich jetzt auch den Menschen, aber unser Dienst ist gering nach unserer geringen Kraft, mit diesem Golde jedoch können wir den Menschen ersprieß­licher dienen.

Afanaßij wollte das alles dem Bruder sagen. Joann aber befand sich bereits außer Gehörweite, fern auf dem anderen Berge war er wie ein Käferchen zu sehen. >

Und Afanaßij nahm sein Oberkleid ab, schüttete Gold hinein, wie viel er zu tragen Kraft hatte, packte es auf die Schulter und trug es in die Stadt; er trat in ein Wirtshaus, übergab dem Wirte das Gold und ging, das übrige zu holen. Als er den ganzen Fund beisammen hatte, erhandelte er von den Kaufleuten Baustellen in der Stadt, kaufte Steine und Bauholz, nahm Arbeiter an und baute drei Häuser: ein Asyl für Witwen und Waisen, ein Siechenhaus, eine Herberge für Pilger und Bettler. Und er fand drei fromme Greise; dem einen vertraute er die Aufsicht über das Asyl an, über das Siechenhaus dem zweiten, dem dritten über die Herberge. Dreitausend Goldstücke blieben ihm noch übrig und er gab jedem der Greise ein Tausend, um den Notleidenden an die Hand zu gehen. Die drei Häuser füllten sich bald mit In­sassen und die Leute lobten Afanaßij für alles, was er getan. Und so groß war seine Freude da­rüber, daß er Lust verspürte, die Stadt nicht mehr zu verlassen. Weil er aber seinen Bruder liebte, nahm er Abschied. Kein einziges Goldstück hatte er für sich behalten, in derselben alten Kleidung, in welcher er gekommen war, machte er sich aus den Rückweg.

*) Aus Tolstois .Volkserzählungen'. Vgl. den Ar­tikel »Welche Bücher soll man im Lazarett lesen' in dieser krummer.

Wie er sich dem Berge nähert, geht es ihm durch den Sinn: der Bruder hat es nicht recht erwogen, daß er vom Golde sich abwendete und davonlief habe ich nicht besser getan?

Als er so gedacht hatte, sieht er plötzlich am Wege jenen Engel stehen, welcher den Bruder und ihn gesegnet, und finster auf ihn blicken. Starr stand Afanaßij da und fragte nur: .Wofür,

Herr V

llnfc der Engel öffnete die Lippen und sagte:

.Weiche von hinnen, du bist'nicht würdig mit deinem Bruder zu leben. Der eine Sprung deines Bruders gilt mehr als alle Taten, welche du mit Golde getan hast."

Afanaßij sprach davon, wie vielen Armen und Pilgern er Nahrung gereicht, wie viele Waisen er verpflegt habe. Und der Engel redete zu ihm:

.Derselbe Teufel, welcher das Gold niederlegte, um dich zu verführen, hat dich auch diese Worte gelehrt."

Afanaßij schlug das Gewissen und er begriff, daß er seine Taten nicht zu Gottes Preis getan, und er weinte und bereute.

Da trat der Engel aus dem Wege und gab die Straße frei, aus welcher Joann, seinen Bruder erwartend, stand.

Seit dieser Zeit gab sich Afanaßij nicht mehr der Verführung des Teufels hin. der das Gold ausgeschüttet hatte, und erkannie. daß man nicht durch Gold, sondern nur durch Arbeit Gott und den Menschen dienen könne.

Und die Brüder lebten zusammen wie früher.

ßngell'and ist abgeschlossen...

.Engelland ist abgeschlossen und der Schlüssel abgebrochen . . .* Die Kinder unten im Hose halten sich bei den Händen gefaßt und singen den alten Tanzreim. Sie wollen sicher dabei nicht «zeitgemäße sein. Sie singen nur das Berschen, das schon ihre Mütter gesungen haben, und viel­leicht in der Jugend ihrer Großmutter aufgekom­men sein mag. Warum auch nicht? Schon einmal sollte Englands einziges Tor. das freie Meer, ab­geschlossen werden. Napoleon I. war es. der es unternehmen wollte, den habgierigen Seepolypen, welcher seine Fangarme unermüdlich tastend über den ganzen Erdball audstreckte und sich festklam­merte. wo immer er gute Beute zu finden hoffte, in seinem goldenen Jnselhaus einzuschließen. Durch das Berliner Dekret vom 21. November 18N6 ordnete er die sogenannte .Kontinentalsperre' an. Durch sie wurde jeglicher Verkehr mit den briti­schen Inseln, die im Blockadezustand erklärt wurden, verboten. Jeder Engländer sollte zum Kriegsge­fangenen gemacht, alles englische Eigentum weg­genommen werden. Jeglicher Handel mit englischen Waren war durch jenen Erlaß verboten; kein Schiff, das von England oder seinen Kolonien kam. sollte in einem festländischen Hafen einfahren dürfen. Napoleons Wille war. «die stolze Krämerinsel in den Ozean zu schleifen'. Sein Kampf gegen das großbritannische Seeungeheuer hatte letzten Endes dasselbe Ziel, wie heute unser Kampf gegen Eng­land : nämlich die Befreiung des Meeres von sei­nem ärgsten Tyrannen. Dem Kaiser der Fran­zosen gelang es zwar. England die offene Tür zeit­weilig zu schließen; wohl litt die stolze Meerbe­herrscherin schweren Schaden an ihrem Handel und ihrer Versorgung. aber zu guter Letzt sprengte sie doch noch einmal ihr Gefängnis. Napoleon verfügte noch nicht über eine genügend große Flotte, welche die Blockade auch wirklich bis zum Ende durchzusühren vermochte.

Wir aber haben heute die Kampfmittel, die dem Franzosenkaiser noch versagt waren. Diese Waffen sind unsere vortrefflichen U-Boote. England ist heute durch unsere braven U-Bootleute in der Tat »abgeschlossen'; es wird auch nie mehr die einmal verrammelte Tür völlig wieder öffnen

können, denn wir haben ihm den Schlüssel .abge­brochen'.

Ein altes Sprichwort ist damit zur Wahrheit geworden, das da sagt: «Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.' So geht es heute dem stolzen Plbion, das einst und für alle Zeiten das Meer zu beherrschen wähnte. Noch im Februar 1915 höhnte der englische Schriftsteller Archibald Hurd m der Zeitung «Daily Telegraph': Tirpitz schickt seine Mäuse aus, um Englands Brot zu benagen. Seitdem ist Tonne um Tonne englischen und für England fahrenden Schiffraumes in den Ozean gesunken; Tonne um Tonne verschlingt noch heute das Meer, dem einst Britannien straflos all seine Reichtümer und sein- erraubten und erschlichenen Güter anvcrtrauen konnte. Die grauen deutschen Mäuse nagen unermüdlich an den englischen Schiffs­planken, ihren emsigen Zähnen widersteht nichts. Nun muß Lloyd George nach drei Kciegsjahren sehen, wie unter den Nagezähnen unserer flinken U-Bootmäuse Englands Macht von Tag zu Tag mehr und mehr dahinschwindet, wie Schiff auf Schiff verloren geht, und wie das einst so stolz

beherrschte Meer rings um Britanniens Insel verödet. . * ?£

Die Jnselfestung ist von uns abgeschlossen und hinter dem verrammelten Kanaltor drüben hockt nun schon se't Monaten das bleiche Hungergespenst, das britische Menschenfreunde erst den kleinen deutschen Vettern ins Land setzen wollten. Wehr­lose Frauen, zarte Kinder und schwache Greise sollten nach dem Willen der Testamentsvollstrecker König Eduards VII. unsere braven Truppen, die offen zu besiegen nicht möglich war, dazu bewegen, durch Hunger getrieben Frieden um jeden Preis zu schließen und die höchsten Güter ihrer geliebten Heimat, ja ihre ganze Zukunft, für immer- aus- [ zuliefern. Daß deutsche Männer, deutsche Frauen und deutsche Kinder aber lieber die angedrohten Entbehrungen leiden mögen, als ihre Pflicht gegen das teuere Vaterland auch nur einen Augenblick zu vergessen, das ahnten die Herren der London- City nicht. Sie ahnten auch nicht, wie gar bald der Tag der Vergeltung über sie und das ihren Hrtzreden nur zu willig lauschende Volk kommen würde.

Wie sieht es nun jetzt drüben auf der goldenen Insel aus, wo man noch bis vor nicht langer Zeit in Wohlleben schwelgte, wo man Nahrungs- und Genußmittel aus aller Herren Länder aufstapelte,

doppelt angenehm, wenn die .Times" das angebliche Umsich-greifen des Hungers in Deutsch­land meldete und sich damit brüstete, daß keine Unze Brot, kein Quäntchen Speck oder sonstige Nahrung ohne Britanniens Wille nach Deutschland hereinkäme, und sich so die Leichen der Verhunger­ten schon in den deutschen Städten häuften.

Wie sieht es jetzt drüben aus? Glänzend sieht es aus. wenn wir die zahllosen Reden der Minister hören. Doch wer glaubt denen in England heute noch? Das wissen die kleinen und großen Ober- und Unterhauspropheten ganz genau. Aber sie halten Treu und Glauben bei ihrem eigenen Volk auch gar nicht einmal unbedingt für nötig. Was sollte es denn auch nützen, wenn wirklich einige Tausend Untertanen Sr. Britischen Majestät sich bemühen die Beschwichtigungs- und Verdrehungsreden als bare Münze hinzunehmen,

und doch noch am gleichen Tage unerschwing­

liche Preise für die wichtigsten Lebensmittel zahlen müssen, in den bei den Deutschen einst so ver­höhnten Polonäsen überall anstehen und noch dazu gegenwärtig sein müssen, Leben und Gut durch die Ge­schosse unabwendbar wiederkehrender Zeppeline und Flugzeuge zu verlieren. Aber gehört wollen nun einmal die redeeisrtgen Herren Engländer sein, und zwar in Deutschland. Das ist letzten Endes der Zweck ihrer Uebung: soviel wie möglich die

Erfolge der U-Boote verringern, ableugnen, ver­drehen bis den biederen Deutschen die nur zu wohl- bekannte kritische Ader schwillt und sie selbst zu zweifeln beginnen, ob weiß wirklich schwarz oder schwarz wirklich weiß ist. Nun wir meinen, auch dies dürste den Herren drüben nur schwerlich und in höchst seltenen Ausnahmesällen gelingen. Noch haben wir, Gott sei Dank, unfern klaren und ge-