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Krieg und Kultur : Vortrag / von Margarete Bieber
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Feinde gilt, alle vorhandenen Eigenschaften und Kräfte zu zeigen, zu entfalten und zur Geltung zu bringen. Die ersten sechs Monate des Krieges haben offenbart, wie weit in Deutschland alle Schichten der Bevölkerung auf allen Ge- bieten der Kultur vorgedrungen sind.

Heimtückisch haben unsere Feinde uns eingekreist. Sie rechneten darauf, uns wie in früheren Jahrhunderten uneinig und unvorbereitet zu treffen und zu vernichten. Daß Deutsch- land wirklich unerwartet überfallen worden ist, beweist schon die Tatsache, daß der Kaiser in den kritischen Tagen vor Kriegsausbruch außer Landes war. Unsere Feinde haben sich aber vollständig verrechnet. Die Zwietracht zwischen den deutschen Stämmen ist bereits bei Kriegsausbruch 1870 begraben worden, die zwischen den Ständen jetzt bei Kriegs- ausbruch 1914. Als ein einzig Volk von Brüdern haben sich die Deutschen erhoben. Der Kaiser kennt keine Parteien mehr, und die Parteien kennen keine Sonderinteressen mehr. Durch die fürsorglichen sozialen Gesetze, denen keine andere Nation gleichwertige an die Seite zu stellen hat, sind sogar die Sozialdemokraten voll und ganz für das Deutsche Reich gewonnen, wie sich jetzt gezeigt hat. Jeder Soldat, der Prinz wie der Knecht, der Gelehrte wie der Bauer, ist auf den Platz geeilt, den ihm die großartige Organisations-Arbeit des Reichs schon in Friedenszeiten für den Fall eines Krieges angewiesen hat. Der riesige Eisenbahn-Transport vollzog sich glatt nach vorher geregeltem Plan, Reiche Mittel lagen bereit und sind durch aufopfernde Gebefreudigkeit des Volkes vermehrt worden,

Es hat sich ferner gezeigt, daß die herrschende Wissen- schaft des XIX. Jahrhunderts, die Technik, in Deutschland

eine Höhe erreicht hat, wie in keinem anderen Land. Unsere