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sonst mit dem schwachen Griechenland vergangen wäre. Der nüchterne Römer, dem jeder Idealismus fern lag, stand besonders der Kunst ähnlich gegenüber wie der moderne Engländer. Es wurden massenhaft Kunstwerke eingeführt, aber auf Grund der Kenntnisse nur wenige eigenartige neue Werke geschaffen. Wie dem Engländer, so lag auch dem Römer besser der Handel, der ja ebenfalls ein wich- tiger Kulturträger ist. Infolge der Weltkriege, die Sizilien, Afrika, Agypten und Asien unter römische Herrschaft brachten, dehnte sich der römische Handel auf die ganze damals bekannte Welt aus. Dadurch strömten ungeheure Reichtümer in Rom zusammen, die teilweise zu Kultur- zwecken, wie Errichtung von Tempeln, öffentlichen Gebäuden, Palästen und Nutzbauten verwandt wurden, andererseits allmählich die von Natur so kriegerischen römischen Bürger verweichlichten. Das von Caesar und Augustus um Christi Geburt begründete Kaisertum brauchte aber zu seinem Schutz und zum Schutz des Reichs, besonders gegen die nordischen Barbaren Berufssoldaten. Es wurde daher— wie in England— ein Söldnerheer, vielfach aus den Provinzen und verbündeten Staaten, ausgehoben.
Die gefährlichsten barbarischen Feinde der Römer im Norden waren die Gallier und die Germanen, die Vorfahren der Franzosen und der Deutschen. Als die Römer sie kennen lernten, waren die kühnen jugendfrischen Germanen gerade im Begriff, Gallien zu erobern. Wäre das geschehen, so bestände jetzt nicht der verhängnisvolle Gegensatz zwischen französischem und deutschem Wesen, der soviel Blut gekostet hat. Caesar hat die Verschmelzung der beiden Volksstämme und die Entwicklung einer gleichartigen Kultur in beiden verhindert, indem er Gallien vollständig eroberte.


