Jahrgang 
1 (1879)
Seite
314
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314 Concordia.

ſehr glücklich. Er hatte gerade lange genug gelebt, um den Schmerz der erſten Enttäuſchung zu überleben. Es war noch eine bittere Erinnerung, aber eine Erinnerung, die ſeinen Frieden nur ſelten beeinträchtigte. Er hatte Freunde, welche ihn verſtanden zwei oder drei wirkliche Freunde, die allein mit ſeinem Verleger um das Geheimniß ſeiner Autorſchaft wußten. Er hatte eine Beſchäftigung, die er liebte, gerade genug Ehrgeiz, um ſeinem Leben einen Antrieb zu geben, und er hatte keine Sorge. Die letzte Bedingung allein könnte ſchon viele Geiſter in dichteriſche umwandeln, während die Noth viel mehr Poeten verzehrt als ſie zur Entwickelung kommen läßt.

Mr. Cliſſold hatte während des Laufes der Saiſon zu verſchiedenen Malen die Penwyn's in Eaton-Square beſucht, aber er hatte ſich gehütet, nicht zu oft in dieſes ſehr an⸗ genehme Haus zu gehen. Es war ganz entzückend, eine Stunde oder mehr beim Nachmittags⸗Thee im Salon der Mrs. Penwyn zuzubringen einem der kleineren Salons, mit einem Reichthum an Blumen; aber Maurice fühlte, daß er ſich dies nicht zu oft erlauben dürfe. Er hatte insgeheim Furcht vor Viola. Sie war ſehr ſchön und anmuthig und ſanft, wie das Mädchen, welches er geliebt hatte, und obwohl er ſie ſeither nur mit einem brüderlichen Gefühle betrachtet nein, mit einem Gefühle, das ſich der Indifferenz näherte hatte er doch die Idee, es könne für ihn eine Gefahr ſich bergen unter zu viel Freundlichkeit.

Als er eines Nachmittags zur gewöhnlichen Stunde dahin kam, war er erfreut, ſein Buch auf einem der kleinen Tiſch⸗ cen liegen zu ſehen.

Haben Sie dieſesLebensbild geleſen, das die Kritiker ſo ſehr mißhandelten? fragte er.

Ja, ich ſah es fürchterlich zerlegt in derSaturday Review; ſo dachte ich, es müſſe gut ſein, und ſchickte nach einem Exemplare, antwortete Madge.Es iſt ein wunder⸗ volles Buch. Ich und Viola blieben bis drei Uhr an dieſem Morgen auf, um es zuſammen zu leſen. Keines von uns wollte warten. Von dem Momente, wo wir mit dem Ge⸗ mäldeLondon im Dämmerlichte begannen, wo die zwei Mädchen und der junge Advokat auf einem Balkon ſitzen und plaudern, waren wir wie feſtgebannt. Es iſt Alles ſo leicht, ſo lebendig, ſo voll Kraft und Friſche und Farbe.

Der Autor vürde ſehr geſchmeichelt ſein, wenn er Sie hören könnte, ſagte Maurice.

Der Autor o, ich fürchte, er muß eine etwas un⸗ angenehme Perſon ſein. Er ſcheint eine ſo ſchlechte Meinung von den Frauen zu haben.

O, Madge, ſeine Heldin iſt ein edles Geſchöpf! rief Viola.

Ja, aber die Frau, die ſein Held zumeiſt liebt, iſt nichts⸗ würdig.

Nun, ich möchte den Autor gern kennen, ſagte Viola.

Ich denke nicht, daß Churchill ſehr gut mit ihm aus⸗ kommen würde, ſagte Madge. Und das machte für ſie der Frage eine Ende.

Die einzigen Menſchen, welche ſie ſuchte, waren Menſchen nach dem Herzen Churchill's. Dieſer Poet hatte eine Wild⸗ heit in ſeinen Ideen, von der ſie nicht glaubte, daß der Squire von Penwyn ihr beiſtimmen würde.

Unter Mr. Cliſſold's literariſcher Bekanntſchaft war ein gewandter, junger dramatiſcher Autor, deſſen Werke eben po⸗ pulär zu werden begannen. Eines Nachmittags im Klub einer etwas zigeunerhaften Inſtitution für Schriftſteller, in einer der Straßen nächſt dem Strand lud dieſer Gentle⸗ man, Mr. Flittergilt, Maurice ein, der erſten Vorſtellung ſeiner letzten Komödie in einem kleinen, aber beliebten Theater in der Nähe beizuwohnen.

Sie dinirten zuſammen und kamen eben in's Theater, als der Vorhang nach einer kurzen Farce fiel, während welcher ſich das Haus gefüllt hatte. Die Novität des Abends kam zunächſt.Keine Karten, ein Original⸗Luſtſpiel in drei Akten, welche Ankündigung Maurice ſicher genug überzeugte, daß das Motiv Scribe entnommen und die komiſche Neben⸗ handlung von einer Poſſe des Palais Royal herrühre.

Es ſpielt ein junges Mädchen in meinem Stücke, ſagte Mr. Flittergilt in höchſter Erwartung,ein ſo hübſches Mäd⸗ chen, und keine ſchlechte Schauſpielerin.

Woher kommt ſie?

Der Himmel weiß es. London.

Sie kommt wohl in ihrem eigenen Brougham nach dem Theater und bezieht ihre Garderobe von Worth.

Nicht im Geringſten. Sie trug am Morgen bei der Probe ein ärmliches graues Zeug, daß man, wie ich glaube, Alpacca nennt, und kam in's Theater gelaufen, triefend wie eine Najade in einem Regenmantel wenn Sie ſich eine Najade in einem Regenmantel vorſtellen können da ſie in einem Omnibus keinen Platz gefunden.

Das iſt der Anfang, ſagte Maurice mit einem leichten Achſelzucken. Vielleicht hatte Madge recht und er hatte wirk lich eine ſchlechte Meinung von den Frauen.

Er wendete ſich jetzt achtlos dem Theaterzettel zu und las die alten Namen, welche er ſehr wohl kannte, da er dieſes Haus öfter beſuchte.

Iſt das Stück wirklich originell, Jack? fragte er ſeinen Freund.

Nun, ſagte Mr. Flittergilt, an einem neuen Handſchuh ziehend und ein ſchiefes Geſicht zeigend, vielleicht weil der Handſchuh ſo knapp anlag, vielleicht auch wegen der Un⸗ ſchicklickkeit der Frageich laſſe zu, daß in dem letzten Stücke des Vaudeville⸗Theaters ein Keim war, den ich zeitigte und ausdehnte. Man hat immer Gelegenheit, nachzuweiſen, daß irgend eine Idee ſchon anderswo porlag, Maurice. Nur aus dem Kopfe Jupiter's ſprang die erwachſene Minerva. Das Stiück iſt eine geſchickte Bearbeitung.

Es iſt ihr erſtes Auftreten in

Ich verſtehe. Ha, was iſt das?

Ein Name in dem Perſonenverzeichniß der Darſteller ver⸗ anlaßte ihn zu dieſer Frage.

Celia Flower Miß Juſtina Elgood.

Flittergilt, ſagte Maurice feierlich,ich kenne dieſes junge Frauenzimmer, und ich bedauere, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ſie zwar ein ganz vortreffliches Mädchen in ihrem Privat⸗ leben, aber eine ſehr ſchlechte Schauſpielerin iſt. Wenn das

Schickſal Ihres Stückes ihr anvertraut iſt, bin ich ſehr be⸗*

kümmert um Sie.

Wenn ſie Abends ſo gut ſpielt, wie des Morgens bei der Probe, ſo werde ich zufrieden ſein, erwiderte Mr. Flitter⸗ gilt.Aber wie kommen Sie dazu, ſie zu kennen?