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Die Mädchen zu Borcel⸗End wurden ſehr ſtreng gehalten, und waren beinahe immer unter dem Auge ihrer Herrin, aber in der Regel hatte doch jede Dienſtmagd von Borcel⸗End ihren„jungen Burſchen“. Maurice hörte die Hinterthür verſtohlen ſchließen und war nun gewiß, daß die Küche verlaſſen ſei. Er zog ſeinen Stuhl näher zum Herd, zündete eine Cigarre an und überließ ſich ſeinen Gedanken.
26. Kapitel. „Gute Nacht! Gute Ruhe! Keines iſt mein Antheil!“
Maurice ſaß einige Zeit an dem Herde, rauchend und nachdenkend, ſaß, bis außen an den Fenſtern mit den kleinen achteckigen Scheiben das Licht ſchwand und die Schatten im Zimmer ſich vertieften. Er hätte wohl noch länger ſo geſeſſen, wäre er nicht plötzlich durch das Oeffnen einer Thür über⸗ raſcht worden, die ſich in dem Winkel der Halle befand, wel⸗ cher dem Alter und der Schwäche in der Perſon der alten Mrs. Trevanard gewidmet war.
Es war die Thür ihres Zimmers, die ſich geöffnet hatte.
„Sind ſie ſchon zurückgekommen?“ fragte ihre ſchwache, alte Stimme.
„Nein, Ma'am,“ antwortete Maurice,„noch nicht. ich etwas für Sie thun?“
„Nein, Sir. Iſt es der fremde Gentleman, Mr.— Mr.—“
„Cliſſold. Ja, Ma'am. Wollen Sie nicht an Ihren alten Platz zum Feuer kommen?“
„Nein; ich habe mein Feuer da drinnen, ich danke Ihnen beſtens. Aber das Haus ſcheint ſo einſam, wenn ſie Alle fort ſind. Ich ſelber rede zwar nicht viel, aber ich liebe es doch, Stimmen zu hören. Die Stunden ſcheinen ſo lang ohne ſie. Sie können gereiekounen, Sir, wenn es beliebt. Mein Zimmer iſt hübſch ſauber gehalten, glaube ich; ich würde mich ärgern, wenn ich dächte, daß es nicht ſo ſei.“
Die alte Frau ſtand an der Schwelle der beiden Zimmern. Maurice hatte ſich erhoben, Beiſtand anzubieten.
„Kommen Sie herein und ſetzen Sie ſich ein bischen,“ ſagte ſie, erfreut, Jemand gefunden zu haben, mit dem ſie plaudern konnte, denn es war zu Borcel⸗End eine bekannte Thatſache, daß die alte Mrs. Trevanard immer viel mehr
ſagen hatte, wenn ihre Schwiegertochter aus dem Wege war, als in der Gegenwart dieſer bewundernswerthen Haus⸗ wirthin.
Maurice erfüllte ihren Wunſch und trat in das Zimmer, welches er durch die Glasthür bemerkte, ein bequemes, wohn⸗ liches Gemach, von erzellentem Feuer erleuchtet. Die alte Mrs. Trevanard bedurfte der Wärme.
Sie ging zu ihrem Armſtuhle zurück und lud ihren Be⸗ ſucher ein, auf der anderen Seite des Kamins Platz zu nehmen.
„Es iſt ſehr freundlich von Ihnen, daß Sie ſich um eine alte Frau bemühen,“ murmelte ſie.
„Ich wage zu ſagen, daß Sie mir viele intereſſante Ge⸗ ſchichten über Borcel⸗End erzählen könnten, wenn Sie dazu geneigt wären, Mrs. Trevanard,“ ſagte Maurice.
„Ach, es giebt wenig Häuſer ohne eine Geſchichte, wenige Frauen meines Alters, die nicht ihr gutes Theil an Fanillien⸗
Kann
Thür zwiſchen um ihr ſeinen
ſorgen und Familiengeheimniſſen haben. Das beſte Ding, was eine alte Frau thun kann, iſt aber, ihre Zunge im Zaume zu halten. Das iſt, was mir meine Schwiegertochter immer ſagt. Je weniger geſprochen, deſto weniger bereut.“
„Ah!“ dachte Maurice,„die alte Frau wurde gewarnt, nicht zu mittheilſam zu ſein.“
Als er das Zimmer jetzt mit beſſerer Muße betrachtete, wie er es von außen hatte thun können, bemerkte er ein Bild, das oberhalb des Kamingeſimſes hing und das er zuvor nicht bemerkt hatte. Es war ein ziemlich gewöhnliches Porträt von der Hand irgend eines Malers der Provinz, das Porträt einer jungen Frau in einem Zigeunerhute und einem Kleide von geblümtem Damaſt— ein Bild, das vielleicht ein Jahr⸗ hundert alt war.
„Iſt das Bild über dem Kamine ein Porträt von Je⸗ mand aus der Familie Ihres Sohnes, Ma'am?“ fragte Maurice.
„Ja. Das iſt die Mutter meines Gatten, Juſtina Tre⸗ vanard.“
Juſtina! Der Name überraſchte ihn— es ſchien ihm ein ungewöhnlicher Name— und war es nicht ſeltſam, ihn hier zu finden, in der Familie Trevanard?
„Das iſt ein ſeltener Name,“ ſagte er,„und einer, der mich an eine Perſon erinnert, die ich unter eigenthümlichen Umſtänden traf. Haben Sie mehrere Juſtina's in der Familie Trevanard gehabt ſeit jenem Tage?“
„Nein, es wurde niemals irgendwer nach jener getauft.“
„Mrs. Trevanard, ich traf kürzlich Ihre Enkelin im Gar⸗ ten,“ ſagte Maurice, entſchloſſen, auszufinden, ob dieſe blinde Frau eine Freundin Muriel's ſei,„und es bekümmerte mich, ſie in einem ſo traurigen Zuſtande zu ſehen.“
„Muriel! Ja, das arme Mädchen, es iſt ſehr traurig— traurig für uns Alle,“ antwortete die alte Frau mit einem Seufzer,„am traurigſten für ihren Vater. Er war ſo ſtolz auf das Mädchen— ſparte kein Geld, eine Lady aus ihr zu machen, und nun kann er es nicht ertragen, ſie zu ſehen. Es verwundet ihn zu tief, ſie ſo elend zu ſehen. Doch will er ſie nicht aus dem Hauſe fortlaſſen. Er will wiſſen, daß ſie ihm nahe und daß für ſie geſorgt iſt, wie es ihr Zuſtand verlangt.“
„Es muß ein großer Kummer geygeſen ſein, der ſie ſo verändert hat.“
„Es war mehr Kummer als ſie tragen konnte, das arme Kind, obgleich Andere härtere Dinge getragen haben.“
„Ihr Bruder ſagte mir, ſie ſei unglücklich in der Liebe geweſen.“
„Ja, ja— unglücklich in der Liebe— das war es. Der junge Mann, den ſie liebte, ſtarb jung und man ſagte es ihr plötzlich. Der Schlag verirrte ihr Gehirn. Sie bekam ein Fieber und Jedermann dachte, ſie würde ſterben. Sie genas von dieſer Krankheit, aber ihre Sinne blieben verwirrt. Sie iſt ganz harmlos, wie Sie geſehen haben; aber ſie hat ihre Phantaſien, und eine davon iſt, daß ſie denkt, der junge Mann, dem ſie ſo zugethan war, ſei noch am Leben, und daß er ſein Verſprechen halten und zu ihr zurückkommen wird.“
Maurice erzählte Mrs. Trevanard von ſeiner erſten Nacht zu Borcel⸗End und von der Störung, die ſein Schlummer er⸗ fahren.


