288 Concordia.
meine arme Meta ſchwebte, hat mich veranlaßt, recht ſcharf in mein Inneres zu ſchauen. Ich fand da viele ungeſunde Anſchauungen und viele, die ſich wohl in einem Roman ſehr ſchön und poetiſch anhören, nicht aber zur Anwendung auf das praktiſche Leben taugen. Ich habe aufgeräumt in Kopf und Herzen und alles Schädliche und Verwirrende hinaus⸗ geworfen. Richtet nicht zu ſtreng mit der Mutterloſen, leitet ſie auf den richtigen Weg. Erprobt mich, ich will ſuchen, mich würdig in Euren ſchönen Kreis zu fügen. Und wenn noch etwas in mir iſt, wie es nicht ſein ſoll, ſo ſage Du mir es, Tante! Lehre mich Erich glücklich machen, ſei mir eine warnende, ſtrafende, aber liebende Mutter.“
„Es ſei ſo,“ ſagte Frau Felden gerührt und legte ihre Hand auf Adelens Haupt.„Von heute an biſt Du Meta's Schweſter.“
„Die Bücher will ich alle verbrennen, liebe Mutter!“ ſagte Adele eifrig.„Sie ſind an allem Unheile ſchuld.“
„Ich habe einen anderen Vorſchlag zu machen,“ ſagte Robert lächelnd,„die armen Bücher ſollen von dem Feuertode gerettet werden. Was meinſt Du, Erich! Wir theilen die hübſchen Romane untereinander und zeigen ſie unſeren jungen Gattinnen, wenn ſie einmal unartig werden wollten.“
„Ich ſtimme für das Feuer,“ brummte der alte Felden, „die Gefahr weit fort iſt am beſten.“
„Mein Vater,“ erwiderte Robert,„weſſen Kopf und Herz geſund ſind, wen feſte Grundſätze durch das Leben leiten, der mag ſich immerhin an den lieblichen Produkten der Phantaſie mäßig erfreuen. Nur die einſeitige Beſchäftigung damit und das Uebertragen der Dichtung in's wirkliche Leben ſchadet. Zur letzten Strafe und zur Beſſerung der kleinen Adele dort will ich jetzt noch einen Spruch vom Altmeiſter Goethe zum Beſten geben. Er heißt:
Was im Leben uns verdrießt, Man im Bilde gern genießt.“
Plaudereien.
Kraftproßen Beter's des Erſten und Augnſt's des Zweiten.
Man weiß, daß Peter der Große und ſein Alliirter, König Auguſt von Polen, Kurfürſt von Sachſen, Beide eine ſehr un⸗ gewöhnliche, faſt übermenſchliche Körperkraft beſaßen. Eines Abends war der Erſtere bei dem Letzteren in einer kleinen, dem Fürſten Radziwill gehörenden Feſtung an der kurländiſchen Grenze zum Souper. Während der Mahlzeit bemerkte Auguſt, daß ein ſilberner Teller, den man ihm gereicht hatte, unrein war; ſofort bog er den Teller zuſammen, daß eine Rolle daraus ward, und warf ihn an die Seite. Peter glaubte, der König wolle nur mit ſeiner Stärke vor ihm prahlen; darum drückte auch er ſeinen Teller zu einem Klumpen und legte ihn vor ſich hin. Jetzt wurde Auguſt hitzig und zermalmte einen großen ſilbernen Napf zwiſchen den flachen Händen; aber Peter blieb auch in dieſem Experimente nicht hinter ihm zurück; er that von ſeiner Seite ein Gleiches mit einem anderen Napfe. Die beiden ſtarken Potentaten waren auf beſtem Wege, das ganze Tafelſervice zu zerſtören, hätte nicht Peter dem kurioſen Wettkampf mit folgenden Worten ein Ende gemacht: „Bruder Auguſt, wir kneten und verbiegen Silber, daß es eine Luſt iſt; aber erſprießlicher wird es ſein, wenn wir das ſchwediſche Eiſen zu krümmen verſuchen.“— Ein anderes Mal, als beide Monarchen in Thorn verweilten und zu ihrer Ergötzung einen Stierkampf mit anſahen, wollte Auguſt dem Czar beweiſen, daß zu ſeiner Heldenſtärke ſich auch Heldenmuth geſelle. Er packte eine der wüthenden Beſtien bei einem Horn, holte mit dem Arme aus und hieb mit einem Säbelſtreiche den Kopf des Stieres vom Rumpfe.—„Warte, Bruder Auguſt, auch ich verſtehe was,“ rief ihm Peter zu.„Befiehl einmal, daß man einen Ballen Tuch bringe!“ Der Ballen wurde gebracht; Peter warf ihn in die Luft, zog dann mit Blitzesſchnelle ſeinen Pallaſch, und führte, ehe das Tuch wieder am Boden ankam, einen ſo gewaltigen Hieb gegen daſſelbe, daß es in zwei Stücken niederfiel. König Augnſt bot nun alle ſeine Stärke und Gewandtheit auf, um etwas Aehn⸗ liches zu leiſten, auch beſchädigte er manchen Ballen, aber das Entzweihauen in der Luft gelang ihm nimmermehr.
Als Herr von Thugut als öſterreichiſcher Geſandter nach Warſchau kam und zur Audienz beim Könige Luohlen war, führte man ihn in einen Saal, wo er einen Mann nachläſſig in einem
Verantwortlicher Redakieur: Orlo Freitag in Dresden.— Verlag von Otto Freitag in Dresdeu.— Druck von F. W. Gleißuer in Dresden.
Seſſel ſitzen ſah, von polniſchen Edelleuten umgeben, welche ihn ehrerbietig umſtanden. Thugut hielt dieſen Mann für den König und machte ihm daher das dieſem gebührende Kompliment. Es war aber nur der ruſſiſche Geſandte Graf Stackelberg, der indeß nichts that, ihn aus ſeinem Irrthum zu reißen, ſodaß Thugut, als er zufällig erfuhr, daß er nicht vor dem Könige ſtehe, ärgerlich und beſchämt davonging, während Jener ihn verhöhnte. An dem⸗ ſelben Tage jedoch ſpielten beide Geſandten am Tiſche des Königs in der Soiree Whiſt und Thugut warf eine Karte mit den Worten „Treffe, König“ hin.—„Sie irren ſich,“ ſagte Stackelberg,„es iſt der Bube.“— Thugut that, als ob er ſich wirklich getäuſcht habe, und rief:„Merkwürdig, es begegnet mir heute ſchon zum zweiten Male, daß ich einen Buben für den König anſehe.“ Stackelberg fühlte den Hieb, mußte ihn aber ruhig hinnehmen.—
Schnelles Avancement.
Napoleon der Erſte hatte bekanntlich ſeine guten und böſen Augenblicke. Als ihm einſt der Hut aus der Hand fiel und ein Lieutenant ihm denſelben wieder aufhob, erwiderte der Kaiſer zer⸗ ſtreut:„Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann!“—„In welchem Regiment?“ fragte ſchnell gefaßt der Lieutenant.— Der Kaiſer war bei guter Laune und gab ihm zur Antwort:„In der Garde!“— Nicht ſo erging es einem anderen Offizier. Nach einer Schlacht, in der nicht Alles nach Napoleon's Willen gegangen war, ließ er die Regimenter Revue paſſiren und fragte dabei: „Wer kommandirte die Kompagnie, welche das Dorf*** zu be⸗ ſetzen hatte?“—„Ich,“ autwortete ein Offizier, aus der Gruppe hervortretend.—„Sind Sie Hauptmann?“—„Nein, Sire, aber aus dem Holze, aus welchem man dieſelben macht.“—„Gut,“ verſetzte Napoleon, der einen böſen Augenblick hatte,„wenn ich einen Hauptmann von Holz brauche, werde ich an Sie denken.“
Ein reicher Irländer beſorgte einſt am Begräbnißtage ſeiner Gemahlin ſich hundert Tonnen Tinte, um in ſeinem Parke das Waſſer der Springbrunnen ſchwarz färben zu können.
Ein Mann ſchließt die Todesanzeige ſeiner Ehehälfte, einer Milchfrau, mit folgenden Worten:„Uebrigens werde ich das Ge⸗ ſchäft als Milchfrau jetzt ſelbſt unverändert fortſetzen.“


