Jahrgang 
1 (1879)
Seite
266
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Concordia.

machte mich im Allgemeinen nützlich und ſah inzwiſchen öfter mein ſchönes einer Blume gleiches Mädchen. Wir trafen ſehr oft zuſammen, und es dauerte nicht lange, ſo wußten wir, daß wir einander liebten, und hatten geſchworen, daß es für uns Beide keine andere Liebe geben ſolle. Papa möge ſagen, was er wolle über Jugend und Thorheit und ſhetländiſche Ponies. Wir waren nicht ungeduldig, wir wollten ſoviele Jahre warten, als es nöthig ſei, und zu guter Zeit würden wir Beide Eines werden. Süße und zärtliche Verſprechen kamen in dem Dämmerlichte von Lippen, zu lieblich, um zu betrügen, wahre Taubenaugen erhoben ſich ſcheu zu den mei⸗ nigen, eine ſanfte kleine Hand ruhte ſo zugethan auf meinem Arme! Ich lache, wenn ich daran denke, und wie Alles endete.

Er lachte bitter, beinahe wild, als er das Ende ſeiner Cigarre über die Heuhaufen gegen die See zu ſchleuderte. Martin wartete in achtungsvollem Schweigen, eingeſchüchtert durch den kleinen Sturm der Leidenſchaft.

Nun, wir waren einander zugeſichert und glücklich. Das ging ein Jahr ſo fort. Niemand nahm eine Notiz von uns, nicht mehr, als wenn wir Kinder geweſen wären, die Braut und Bräutigam ſpielten. Wir lebten in einem eigenen er⸗ träumten Paradieſe, wenigſtens ich. Nur der Himmel weiß, was ihre Gedanken geweſen ſein mochten. Eines Tages, als ich ungefähr eine Woche lang von der Stadt abweſend ge⸗ weſen, machte ich einen Beſuch in Cavendiſh⸗Square, ſah die zwei älteren Mädchen und hörte, daß meine Verlobte auf einen langen Beſuch zu einigen Freunden in Yorkſhire ge⸗ gangen, an einen Ort, Tilney⸗Longford genannt, einem ſchönen, alten Landſitz. Papa habe ſie, plötzlich entſchloſſen, fort⸗ geſchickt. Sie könne zwei bis drei Monate abweſend ſein, hieß es. Lady Longford ſei die freundlichſte aller Frauen und habe ſie Alle ſchon ſehr oft eingeladen.Wir können natürlich nicht gehen, ſagten ſie,bei unſeren großen Be⸗ kanntſchaften; aber das Kind hat keine Verbindungen und kann bleiben, ſo lange man ſie dort behält.

Das war hart für mich. Das Recht der Korreſpondenz wurde uns verweigert, und ich konnte meiner Geliebten keinen heimlichen Brief ſchreiben. Ich ging ein zweites Mal zu dem Doktor, ſagte ihm, daß ich ein Jahr gewartet habe, daß ſich an jedem Tage dieſes glücklichen Jahres meine Liebe nur vermehrt habe, und bat ihn, mich als den Verehrer ſeiner Tochter anzunehmen. Er behandelte die Frage etwas ernſter, als das erſte Mal, wiederholte ſeine Verſicherung, daß ich

ganz der Mann ſei, den er zu ſeinem Schwiegerſohne zu

haben wünſche, ſetzte aber bei, daß er mein Einkommen nicht für genügend groß betrachte, oder meine Beſchäftigung nicht für einträglich genug, um das Glück ſeiner Tochter meiner Sorge anvertrauen zu können.Meine Töchter ſind in Luxus erzogen, ſagte er.Sie haben keine Idee, was ſie mich koſten. Ich bin zu viel beſchäftigt geweſen, um ſie Spar⸗ ſamkeit zu lernen. Es iſt mir leichter geweſen, das Geld für ihre Ausgaben zu verdienen, als Muße zu ſinden, ihren Extra⸗ vaganzen Einhalt zu thun. Wir leben in einem zu raſchen Zeitalter für die gewöhnlichen Tugenden. Ich brachte neue Argumente vor, aber vergebens; ich ſagte ihm daher, was auch immer ſeine Entſcheidung ſein möge, ſeine jüngſte Tochter und ich wären feſt entſchloſſen, treu aneinander zu halten und iedar Oppoſition gegenüber.Ich bedauere, das zu hören,

erwiderte er,denn es wird mich nöthigen, Sie zu erſuchen, Ihre Beſuche hier zu beenden, ſobald mein kleines Mädchen zurückkommt, eine Unhöflichkeit, die ganz gegen meine Ge⸗ müthsart iſt. Ich verließ ihn höchſt erregt, ging geradenwegs zu James Penwyn und arrangirte mit ihm eine Tour durch

den Norden von England, über die wir ſchon öfter geſprochen.

Wir wollten den ganzen Norden Englands zu Fuße durch⸗ wandern und ich wollte dabei den armen Jim für ſein letztes Eramen in Opford vorbereiten. London war mir jetzt ver⸗ haßt, nachdem meine Geliebte es verlaſſen, und James Pen⸗ wyn's Geſellſchaft war die einzige, um welche ich mich etwas kümmerte.

Er hielt inne und gab ſich ſelbſt ein wenig der Erinner⸗ und an die verſchwundene Vergangenheit hin, dann fuhr er haſtiger fort:

Es war zu Eborsham, an dem Morgen vor James Pen⸗ wyn's Ermordung, als ich den erſten und letzten Brief erhielt, den ich je von meiner Geliebten empfangen. Sie hatte ihn nach meiner Wohnung in London adreſſirt und er war ſeit drei Wochen hinter mir her. Ihr erſter Brief! Ich öffnete ihn mit einem Freudenſchauer und dachte, wie göttlich es von ihr ſei, die Kühnheit zu haben, an mich zu ſchreiben. Und welch' ein herzbrechender Brief! Er erzählte mir, wie ein gewiſſer reicher Grundbeſitzer nächſt der Beſitzung von Lady Longford ihr einen Heiratsantrag gemacht ſie verſicherte mir dann eine ganze Seite lang, daß ſie ihm niemals die geringſte Ermuthigung gegeben und wie Jedermann ihr zugeredet, ihn anzunehmen, wie ihr Vater ſelbſt gekommen, um ſie zum Nachgeben aufzufordern.Aber es iſt Alles nutz⸗ los, ſagte ſie,ich werde Keinen heiraten, als Den, der meine einzige Liebe iſt; ich bitte Sie, ſchreiben Sie mir, und ſagen Sie mir, was ich thun ſoll. Denken Sie, Trevanard, was ich fühlen mußte, als ich ſah, daß der Brief drei Wochen alt war, und daran dachte, welche Verſuchungen die arme kleine Seele in dieſer Zwiſchenzeit erduldet haben mußte!

Und was thaten Sie?

Können Sie fragen? Ohne Aufſchub reiſte ich ab und ging mit dem nächſten Zuge nach Tilney. Es war eine ab⸗ ſcheuliche Reiſe quer durch's Land, und einen halben Tag lang wurde mein Herz gefoltert. Es war nach drei Uhr Nachmittags, als ich meine Reiſe von etwas weniger als hundert Meilen beendete und mich in einer abſcheulichen kleinen Station, Tilney⸗Roas genannt, befand, acht Meilen von Tilney⸗Longford, wo keine Gelegenheit irgend einer Art zu haben war. Ich legte die Strecke in weniger als zwei Stunden zurück und trat durch das Parkthor, als die Kirchen⸗ uhr in der Rähe gerade Fünf ſchlug.

Sie gingen geradezu in das Haus?

Nein, ich wünſchte nicht, dem armen Kinde irgend einen

Kummer zu bereiten, und ſo trieb ich mich wie ein Wilddieb

auf Nebenwegen umher. Zum Glück für mich ging eine öffent⸗ liche Durchfahrt durch die Anlagen und ſo konnte ich ganz nahe an das Haus kommen, ohne bei irgend Jemanden beſondere Aufmerkſamkeit zu erregen. Ich dachte, wenn der Doktor nicht mehr da ſei was wahrſcheinlich war bei einem Manne, deſſen Augenblicke Gold waren ſo würde auch ſonſt Niemand da ſein, der mich erkennen könne, ausgenommen mein armes Liebchen. Als ich mich dem Blumengarten näherte, hörte ich

Lachen und friſche jugendliche Stimmen hinter einer Hecke,