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länger zu ertragen. Kein Zwiſt ſollte ſie jemals wieder von dem Geliebten entfernen. Sie wollte ihm geloben——
Jetzt kam Robert aus dem Hauſe. Haſtig athmend hielt ſich Meta am Fenſterbrete feſt, ihre Kniee zitterten.
„Robert, Robert!“ flüſterte ſie,„ſo blick doch auf, ſieh', ich winke Dich an mein Herz, komm', Robert, komm'!“
Aber er blickte nicht auf. Er war ſehr bleich, eine kummervolle Falte lag zwiſchen ſeinen Augenbrauen. Langſam, wie unter einem ſchweren Drucke, ging er dahin, in tiefes Nachdenken verloren. Er hatte keinen Blick für das Haus, wo ſeine Braut, ſeine Geliebte wohnte.
Bald ſah ihn Meta nicht mehr. Lautlos ſank ſie auf den Boden nieder; ſie verſank in eine dumpfe Betäubung. Nur ein Gedanke wühlte gleich einem ſpitzen Dolche in ihrem Herzen, und dieſer Gedanke war:„Er liebt mich nicht mehr!“
Am Abende kam der Vater zu ihr. Er kam mit einem finſteren Geſichte, das aber etwas milder wurde, als er ſeine
Concordia.
Tochter bleich und matt auf dem Divan fand. Adele ſaß mit verweinten Augen bei ihr.
„Laß mich mit Meta allein!“ ſagte er kurz.
Ohne Widerſpruch entfernte ſich Adele.
Felden faßte die Hand ſeiner Tochter.
„Meta, liebes Kind, ich will nicht mehr hart ſein, denn ich ſehe, Du leideſt,“ ſagte er;„ich ſehe, Du fühlſt Dein Unrecht. Und nun kann ſich noch Alles zum Guten wenden. Ich habe Robert aufgeſucht und mit ihm geſprochen. Er iſt bereit zur Verſöhnung, doch verlangt er von Dir, daß Du ihm Dein Unrecht eingeſtehſt. Es iſt nicht mehr wie billig, als Ehrenmann kann er nicht anders handeln, und ich mußte ihm beiſtimmen. Mache mich zu Deinem Bevollmächtigten, Meta, und in wenigen Minuten ſollſt Du mit Deinem Bräu⸗ tigam vereinigt ſein. Ich denke, Du wirſt nicht zögern, denn Du biſt ja nur mißleitet worden. Wenn Du Dein eigenes Herz fragſt, zeigt es Dir ſchon den rechten Weg.“(Schluß f.)
Plaudereien.
Der vorſichtige Gaſtwirth.
Ein gutgekleideter Fremder tritt in das Gaſtzimmer des erſten Hotels einer kleinen Stadt. An den Stammtiſchen ſitzen die gut⸗ ſituirten Bürger, muſtern den Angekommenen von Kopf bis zu den Füßen und ſtecken flüſternd die Köpfe zuſammen.„Das iſt er!“ hört er einen dicken Herrn in ſeiner Nähe zu ſeinem Nachbar ſagen und der Wirth wandert von Tiſch zu Tiſch, leiſe mit den Gäſten ſich unterhaltend, indem er von Zeit zu Zeit verſtohlen auf den Fremden deutet. Dieſer fühlt Hunger; er ruft den Wirth und
fragt nach der Speiſekarte.—„Es giebt Forellen!“ erwiderte zögernd der Gaſtgeber,„aber— ſie— ſie ſind etwas theuer.“
—„Thut nichts,“ ſagte der Angekommene,„zeigen Sie mir Ihren Fiſchbehälter, ich werde mir ſelbſt einen Fiſch auswählen.“—„Mein Herr—— ich weiß wirklich nicht, ob Sie den Preis nicht zu hoch finden werden,“ ſtotterte der Hotelier.„Die Forellen ſind in dieſem Jahre ziemlich ſelten und daher ein koſtſpieliges Gericht.“ —„Es kommt mir auf den Preis gar nicht an,“ entſchied der Fremde,„machen Sie alſo weiter keine Umſtände und zeigen Sie mir die Fiſche. Ich werde mir einen ausſuchen, deſſen Größe zu meinem Appetit im richtigen Verhältniſſe ſteht.“— Der Wirth ſchiebt ſein Sammetkäppchen auf die Seite und kratzt ſich hinter dem Ohre.„Ich glaube nicht, daß Sie hier gute Geſchäfte machen werden, Herr Direktor!“ rief er endlich, ſeinem Bedenken direkten Ausdruck gebend.„Ihr Kollege wohnte im vorigen Jahre bei mir und hat bei ſeiner heimlichen Abreiſe leider vergeſſen, mich zu be⸗ zahlen.“—„Mein Kollege?“ fragte erſtaunt der Gaſt.„Das wäre der Herr Amtsrichter Dietrich, der jetzt in den Ruheſtand tritt und an deſſen Stelle ich hierher berufen worden bin!“—„Ah— der neue Herr Amtsrichter, das iſt etwas Anderes!“ erwiderte der Hotelier, indem er ſein Käppchen zog und einen tiefen Bückling machte.„Ich hielt Sie für den Theaterdirektor, der in dieſen Tagen mit ſeiner Truppe hier eintreffen will, um Vorſtellungen zu geben. Meine Forellen ſtehen zu Dienſten.“— Eine halbe Stunde ſpäter verzehrte der Herr Amtsrichter einen mächtigen Fiſch der bezeichneten Art.—
Beim Brande Moskau's verbreitete ſich das tolle Gerücht, in,
der Kathedrale St. Michael, wo in tiefem Grabgewölbe die Ueber⸗ reſte der alten Czaren ruhen, gäbe es unermeßliche Schätze. Mit Säbeln in den Händen ſtürmten die Garden Napoleon's hinein
Verantwortlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden
— Verlag von Otto Freitag in Dresden.—
und fanden nur ſteinerne Särge mit dünnem Silberblech belegk. Die riſſen das Blech ab und eilten in die weiten unterirdiſchen Gänge. Da leuchtete ihnen von fern der matte Schein einer Am⸗ pel entgegen.„Dort, dort iſt der Schatz!“ ſchrieen die Vorderſten. Näher gekommen, ſahen ſie am erleuchteten Altare vor dem heiligen Bilde ein ſchönes junges Weib knieen, die Tochter einer fürſtlichen Familie, welche ſich hierher geflüchtet hatte. Ein franzöſiſcher General wurde von ihrem Anblicke gerührt und nahm ſie in ſeinen, freilich ſehr zweifelhaften Schutz.— Der Staatsrath Neronory, ein zweiundneunzigjähriger Greis und ſchon ſeit Jahren an's Bett ge⸗ feſſelt, hatte in Moskau zurückbleiben müſſen und ein franzöſiſcher General, der ſeine Wohnung als Quartier erhielt, befahl, den Alten auf die Straße zu werfen. Zwei Leibeigene, die allein ihren Herrn nicht verlaſſen hatten, trugen ihn in die nächſte Kirche. Acht Tage lag er dort unter Leichen und Sterbenden, aber die edlen Knechte verließen ihn nicht, ſondern holten ihm mit Lebensgefahr Brot und Wein aus der brennenden Stadt. Als endlich auch die Kirche ge⸗ räumt werden mußte, da ſie einen Pferdeſtall abgeben ſollte, trugen die Diener in ihren Armen den faſt erſtarrten Greis in einer Nacht vierzig Werſt nach einem Dorfe, wo ſie ſich eine Tragbahre machten und ihn dann nach Kaſan ſchafften. So aufopfernd handelten ungebildete, verachtete Leibeigene, während der franzöſiſche General, der Angehörige einer Nation, die ſich anmaßt, die ziviliſirteſte der Erde zu ſein, dem ehrwürdigen Greiſe nicht einmal ein beſcheidenes Plätzchen in ſeiner eigenen Wohnung gönnte!“—*
(Irren iſt menſchlich.) Einer ſchönen Londonerin, die in einer Muſikalienhandlung verſchiedene Einkäufe gemacht hatte, fiel, als ſie in den Wagen ſteigen wollte, eine beliebte Arie einer neuen Oper ein. Sie kehrte um und ſagte zu dem jungen Kommis: „Mein Herr, ich habe vergeſſen„Den Abſchiedskuß, bevor wir
ſcheiden.“—„Dies Vergeſſen iſt bald gut gemacht,“ entgegnete der gewandte junge Mann, und drückte einen Kuß auf die Lippen der Dame.—„Unverſchämter, was erfrechen Sie ſich!“— Sie be⸗
fahlen doch—“ ſtammelte der Kommis.—„Die Arie befahl ich, deren Text ſo beginnt.“—„Verzeihen Sie gütigſt, dieſe Arie kannte ich nicht.“— Der Kuß ſoll ſeine Wirkung nicht verfehlt haben und die Zürnende bald die Gattin des jungen Mannes ge⸗ worden ſein.
Druck von F. W. Gleißner in Dresden.


