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242 Concordia.
Schritte das Zimmer, aber mit einem Tritt, der vernuthen ließ, daß ſie ſich in Pantoffeln bewege.
Jetzt kam ſie in das volle Mondlicht zwiſchen die Bettſtelle und das Fenſter.
„Ah, wahrhaftig ein Geiſt,“ dachte Maurice mit einem Geſühle, als ob eiskaltes Waſſer durch alle Arterien ſeines Körpers zirkulire. Mr. Cliſſold glaubte nicht an Geſpenſter, aber er hatte noch niemals eine Geſtalt geſehen, deren Aus⸗ ſehen dem, was unſere Phantaſie ſich als„geiſterhaft“ vorſtellt, mehr entſprochen hätte, und dabei beſaß die Erſcheinung eine gewiſſe Schönheit. Er erhob ſich in ſeinem Bette, ſich noch immer im Schatten der Gardine haltend, und beobachtete die Geſtalt mit dem geſpannteſten Intereſſe.
Es war eine Frauengeſtalt, groß, ſchlank, das Geſicht im Mondlichte todtenbleich, die Augen groß und dunkel, das Haar ſchwarz wie Ebenholz und in langen, aufgelöſten Maſſen über den weißen Anzug ſtrömend, deſſen Falten gerade herabfielen wie die eines Todtenhemdes. So hätte eine Leiche, die ſich aus dem Sarge erhoben, ausſehen können.
Die Geſtalt trat an das Fenſter und öffnete einen Flügel deſſelben. Sie zog dann einen Stuhl heran, kniete darauf, ließ ihre Arme auf das Fenſterbret ſinken und ſah in's Freie, als ob ſie die Ankunft von Jemand erwarte, wie Maurice dachte.
„Die Bewegungen ſcheinen zu überlegt und reell für einen Geiſt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Phantome ſollen doch Alles ganz geräuſchlos thun. Nun hörte ich aber das Schleifen der Pantoffeln auf dem Fußboden, ich hörte das Fortrücken des Stuhles. Ich ſehe an der Geſtalt ein leichtes Heben des Buſens unter ſeiner Umhüllung. Folglich iſt meine Beſucherin kein Geiſt. Wer kann ſie ſein? Gewiß weder Mrs. Trevanard noch die alte blinde Großmutter, noch die dralle Magd, die uns beim Abendtiſch aufwartete. Ich dachte aber, dies ſeien die einzigen Frauensperſonen im Hauſe.“
Ein ſchwerer Seufzer der Geſtalt überraſchte ihn, ein Seufzer, ſo lang, ſo voll Angſt, wie der Schmerzenslaut einer in Pein verſinkenden Seele! Es war ihm in der That ſchwer, nicht einer abergläubiſchen Furcht nachzugeben, als er auf die knieende Geſtalt blickte. Wieder erfolgte ein Seufzer, ver⸗ zweiflungsvoll, troſtlos.
„O, meine Liebe, meine Liebe, warum kommſt Du nicht zurück zu mir?“
Die Worte brachen wie ein Schrei der Verzweiflung von den bleichen Lippen. Nicht laut war der ſorgenvolle Ausruf, aber ſo voll Schmerz, daß er des Lauſchers Herz mehr berührte, als es der leidenſchaftlichſte Ausbruch eines lauten Kummers gethan haben würde.
„Mein Geliebter, Du haſt es verſprochen, mir verſprochen! Wie hätte ich ſonſt leben können, hätte ich nicht gedacht, daß Du zurückkommen würdeſt!“
Dann veränderte ſich der Ton. Die Geſtalt appellirte nicht länger einen Anderen, ſondern ſprach zu ſich ſelbſt, haſtig, athemlos, mit immer wachſender Aufregung.
„Warum nicht des Nachts? Warum ſollte er Nachts nicht kommen? Er liebte die Mondnächte immer ſo ſehr. Er ver⸗ ſprach, mir treu zu ſein und mir beizuſtehen, was auch immer kommen möge. Niemals ſollte mich ein Leid treffen. Das ſchwur er, ſchwur es, indeß ſeine Arme mich umſchlangen, ſeine Augen in die meinen blickten. Ein Mann kann nicht
falſch ſein und ſo ſprechen, wie er ſprach, und ſo blicken wie er.⸗
Ein kurzes Schweigen folgte und dann ein plötzlicher Schrei, ein gellender, augſtvoller Schrei, wie der eines Menſchen, deſſen Herz nahe daran iſt, zu brechen vor Schmerz.
„Wer ſagte, daß er todt und dahin ſei, todt und dahin ſeit Jahren? Die Welt würde nicht ſo ſchön ausſehen, wie ſie ausſieht, wäre er todt. Er liebte das Mondlicht. Könnteſt Du ſcheinen, falſcher Mond, wenn er todt wäre?“ Wieder eine Pauſe, und dann ein leiſerer, nachdenklicherer Ton, als ob Zweifel ein verwirrtes Gehirn noch mehr beunruhigten.
„War es letztes Jahr, als er zu kommen pflegte, letztes Jahr, äls wir ſo glücklich waren bei einander— letztes Jahr, als—“
Ein plötzlicher Ausbruch von Thränen beendete den Satz. Das Geſicht der Frau fiel vorwärts auf ihre verſchlungenen Arme, und der ſchwache Körper wurde von Schluchzen er⸗ ſchüttert..
Maurice Cliſſold zweifelte keinen Augenblick mehr, daß ſeine Beſucherin ein lebendes Weſen ſei.
Das war wirklicher Kummer, vielleicht wirklicher Wahnſinn.
Eine Weile hielt er es für einen Fall von Nachtwandeln. Aber die Augen, die er verzweiflungsvoll ſich zu dem mond⸗ lichten Himmel erheben ſah, hatten zu viel Ausdruck für die Augen einer Somnambule.
Eine lange Zeit— oder wenigſtens eine Zeit, die für das Gefühl Cliſſold's lang ſchien— kniete die Frau bei dem Fenſter, jetzt ſchweigend, regungslos wie eine lebloſe Geſtalt, dann wieder haſtig zu ſich ſelbſt ſprechend, und zuweilen den Abweſenden anrufend, deſſen gebrochene Verſprechen ſie vielleicht in Wahnſinn geſtürzt hatten. Niemals hatte der junge Mann ein mehr Mitleid erregendes Schauſpiel geſehen. Sein Herz that ihm weh bei dieſen ſchmerzlichen Seufzern. Dieſer Kummer eines Weſens von Fleiſch und Blut bewegte ihn tiefer, als es Geiſterweh hätte thun können. Das war eine liebende Frau, die einen verlorenen oder treuloſen Geliebten betrauerte.
Endlich, mit einem Blick des Lebewohls ſeewärts, als ob ſie die Rückkehr ihres Geliebten über die mondbeglänzten Wogen erwartet hätte, wendete ſich die neue Hera vom Fenſter ab, ſchloß den Flügel ſorgfältig und ruhig und verließ langſam das Zimmer. Maurice hörte das Schleifen der Pantoffeln den Korridor entlang, bis der Laut in der Entfernung ſich verlor und erſtarb.
Er dachte, es werde ihm nach dieſer Szene unmöglich ſein, zu ſchlafen, aber vielleicht hatte die angeſtrengte Aufmerkſam⸗ keit in der letzten Stunde ſeine Wachſamkeit erſchöpft, denn er verfiel bald in einen geſunden Schlaf, von welchem er erſt erwachte, als draußen vor der Thür eine freundliche Stimme ſagte:„Es iſt jetzt ſechs Uhr, Mr. Cliſſold. Wenn Sie die langé Runde machen wollen, die ich Ihnen geſtern Abend ver⸗ ſprach, ſo müſſen wir um Sieben aufbrechen.“
„Ganz recht,“ antwortete Maurice ſo heiter, als ob kein unheimlicher Beſucher ſeinen Schlummer verkürzt hätte.„Ich werde in einer halben Stunde bei Ihnen ſein.“
Er hielt ſein Wort, und war rechtzeitig genug unten in der Halle, oder in dem Wohnzimmer der Familie, um die
lärmende alte Acht⸗Tage⸗Uhr die halbe Stunde ſchlagen zu 3 98 U 4
höten mit einer langſamen und müheyollen Beweßung ihres
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