Jahrgang 
1 (1879)
Seite
41
Einzelbild herunterladen

welkte Blume und nur noch eine Ruine von dem, was ſie einſt geweſen. Ulih trat an ihre Seite, ſah ſie mit ernſtem, faſt feierlichem Blick einige Minuten an, dann wandte er ſich haſtig zur Serte, ſchob die weißen Fenſtervorhänge zurück und blickte in die dunkle, ſternenloſe Nacht. Dieſes kurze Anſchauen hatte genügt, ihn davon zu überzeugen, daß der Landdoktor wahr geſprochen, die Stunden ſeiner Couſine waren gezählt! Ob es ihm möglich geweſen ſein würde, ſie zu retten, wenn er früher gerufen worden wäre, darüber erlaubte er ſich kein Urtheil, die Frage kam nicht mehr in Betracht; ihr Zuſtand war dahin gekommen, wo menſchliche Kunſt und Geſchicklichkeit nutzlos ſind. Noch eine kurze Spanne Zeit, und ihr Erden⸗ wallen war beendet, in wenigen Augenblicken vielleicht ſchon ſollte er ſich für immer von ihr trennen!

Die Liebe kenntIch liebe nur;

Wer ſagt:Ich liebte einſt,

Der liebte nie!

Wenn Jemand am Morgen dieſes Tages Ulih dieſe Strophen zugerufen hätte, ſo würde er ihn ausgelacht und ihm in ſeinem Innerſten ſeine eigenen Erlebniſſe zur Wider⸗ legung dieſes Satzes zitirt haben, jetzt aber, während er ſein

Concordta.

Antlitz hinter den Vorhängen barg, mußte er die Wahrheit dieſer Worte anerkennen; er fühlte, daß das eine Kapitel ſeines Lebens, das hoffnungsreich begonnen und ſo trübe ge⸗ endet, ſich in Wirklichkeit erſt ſeinem Leben näherte, und nur das Lallen eines Kindes, der Sang eines Vogels oder ein milder Sonnenſtrahl hätte ſchon genügt, um das ganze künſt⸗ liche Gebäude ſeiner Faſſung über den Haufen zu werfen. Lange ſtand er in Gedanken verſunken da, bis Doktor Burrell ihn daraus erweckte und er ſich wieder zum Krankenlager wandte.

Mrs. Fleming fühlt ſich jetzt etwas beſſer, Doktor Ford. Nicht wahr, liebe Frau, Sie erkennen mich? Ja, ja, ich wußte es wohl! fuhr er fort, als ein mattes Lächeln über ihre Züge flog.Ihr Vetter, der Doktor Ford, iſt hier, er kam eben von Rockbury her, um Sie zu ſehen.

Mein Vetter Ulih? rief die Sterbende mit ſchwacher Stimme, während ſelbſt in dieſer Stunde noch eine Wallung von Schamgefühl ſich auf ihrem bleichen Geſichte abſpiegelte und ſie ihren Kopf zur Seite bog und in den Kiſſen verbarg.

(Fortſetzung folgt.)

Furchtlos und treu.

Roman.

(Fortſetzung.)

2. Kapitel. Geheime Pläne.

In einem der reichmöblirten Zimmer im Hauſe des Ge⸗ heimrathes Salfeld ſaßen zwei junge Männer bei einem reichen Frühſtück.

Der Sohn des Hauſes hatte vor Kurzem ſeine Ernennung zumHofrath erhalten und nachdem er ſeinem Freunde Arthur, Elsner's jüngſtem Mündel, das Schriftſtück vorgeleſen, begann Arthur, indem er das gefüllte Glas erhob:

Nun meine beſte Gratulation zum Hofrath! Geheime bald nachfolgen.

Nachdem Beide die Gläſer geleert hatten, fuhr Arthur fort:

Und jetzt ſage mir, Freund, was haſt Du mit meinem eigenſinnigen chriſtlichen Herrn Vormund gehabt?

Hm! entgegnete der Angeredete,ich habe ihm und Deinem Herrn Bruder die Wahrheit dermaßen geſagt, daß Beide mich hoffentlich künftig in Ruhe laſſen werden. Dein Vormund iſt in der That ein unausſtehlicher Narr; wenn man da nicht gleich mit Heiratsanträgen in's Haus fällt, ſo iſt gar nichts zu thun. Dein Bruder iſt aber ein ſo durch⸗ triebener Heuchler, daß ich meinen Rath wiederholen muß: Nimm Dich vor ihm in Acht!

Ich kann es noch immer nicht recht glauben! warf Arthur ein.

Danke Gott, daß Du Freunde haſt, die für Dich die Augen und Ohren offenhalten. Es iſt Niemand in der Stadt, der Dich ſo läſtert als Dein Bruder.

Wenn es ſo wäre

Es iſt ſo, Bruderherz! Es iſt leider ſo; und dazu findet er Glauben, weil er ein Heuchler iſt und ſeine Fehler ver⸗

Möge der

ſteckt, hat er doch kürzlich geäußert, daß es ihm gelingen werde doch beſſer, ich ſchweige, um Dich nicht zu be⸗ unruhigen, unterbrach er ſich.

Ah, Du weißt, daß er die Klauſel in meines Vaters Teſtamente durchſetzen will? Dein Vater hat mich bereits darauf aufmerkſam gemacht; es ſchien mir im Anfang ganz unmöglich, indeſſen ich fange auch an, daran zu glauben, umſomehr, als auch mein Vormund mir bereits damit ge⸗ droht hat.

Was iſt das für eine Klauſel?

Eine lächerliche Vorſicht des ſeligen Papa, daß, wenn einer ſeiner Söhne erklärter Verſchwender ſei, der andere das Vermögen adminiſtriren ſolle.

Eine häßliche und obendrein ſehr relative Klauſel; denn iſt der etwa ein Verſchwender, der ſeinen Reichthum genießt?

Nun, wollten ſie es wagen, ſo ſoll doch das wird ſich Alles finden. Jetzt zu etwas Anderem. Dein Vater wird mir Deine Schweſter doch noch geben?

Gewiß! daran zweifle nicht.

Aber ich bitte Dich, ſorge, daß ich gleich Geld in die Hände bekomme.

Verlaß Dich auf mich!

Dein Vater braucht von ſeinem Vermögen ja nichts her⸗ zugeben; er ſoll mir nur meinen Antheil an dem Nachlaß der ſeligen Antique herausgeben; er beträgt ja weit über 150,000 Thaler.

Wahnſinnige Antique? fragte, ſich verwundert ſtellend, der neue Hofrath,was meinſt Du?

Wie Du doch ſo naiv thun kannſt! entgegnete lachend Arthur.Ich meine meinen alten Onkel, den Ihr als für⸗ ſorgliche Chriſten als wahnſinnig bei trefflicher Diät eingeſperrt haltet.

6