Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
411
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Stunden derſelben Winzerhand.

verdrießen läßt, wie Mütter die Nägel⸗ und Haarecrescenz ihrer Kinder reguliren, ſo dieſe verderbliche Papillomencrescenz zu über⸗ wachen, noch die Hoffnung fallen läßt, doch endlich zum Ziele zu ge⸗ langen, wenn der Knabe, und mit ihm ſeine Willenskraft herange⸗ wachſen und erſtarkt ſein wird zur energiſchen Mitwirkung an der völligen Ausrottung des Unkrauts in dieſer Kehlkopfhöhle. Denn in dieſen Heilungsfällen iſt die Maxime des Arztes imMacbeth: Hier muß der Kranke ſelbſt das Mittel finden(eine Maxime, für welche freilich der König die Kunſt des Arztes den Hunden hingewor⸗ fen ſehen will), theilweiſe eine bedeutungsvolle Wahrheit.

Der eben etwas ausführlicher erzählte Operationsfall nimmt unter allen hier vorgekommenen, was die Zeitdauer betrifft, die erſte Stelle ein. Den äußerſten Gegenſatz dazu bildet die innerhalb fünf Tagen vollendete Heilung eines aphoniſchen Geh. Medicinalraths aus Pommern durch Oeffnung einer mit zäher Schleimflüſſigkeit gefüllten, auf dem rechten Stimmbande aufliegenden Geſchwulſt(Cyſte). Vielleicht das Doppelte von Zeit forderte die Operation eines würtem⸗ bergiſchen Miniſterialbeamten, deſſen Kehlkopfhöhle mit einem kugel⸗ runden Polypen von der Größe einer kleinen W Ulnuß(dem größten, der hier überhaupt vorgekommen) ausgefüllt Mit ganz dünnem Stiele anſitzend, wurde er verhältnißmäßig lei⸗ gequetſcht. Dieſe Operation wäre noch raſcher vollzogen, wenn nicht Patient, gleich im Anfange der Unterſuchung von unzeitiger Angſt ergriffen, ganz eigent⸗ lich deſertirt wäre. Indeſſen beider Fälle gedenken wir nur im Vorübergehen, weil ſie außer unſerer Augenzeugenſchaft liegen, wie⸗ wohl bezüglich des letzteren Falls das betreffende intereſſante corpus delicti uns vorgelegen hat.

Wir aber halten uns auch fernerhin an Selbſterlebtes. Dem ſchleſiſchen Knaben mit den bisher unausrottbaren Papillomen ſtehe gegenüber ein neunzehnjähriges Mädchen aus dem Breis⸗ gau mit einem traubenförmigen, jetzt total ausgerotteten Doppel⸗ polypen. Sie iſt bereits in Freiburg laryngoſkopiſch unterſucht und ihr Halsleiden im Beiſein mehrerer Sachverſtändigen in richtiger Diagnoſe conſtatirt worden. Doch hat man dort die Operation nicht gewagt, weil es an der dazu erforderlichen ſicheren Hand fehlte. Vor etwa vierzehn Tagen kam ſie, begleitet von einem jungen Arzte, dem Enkel eines weltbekannten Hiſtorikers, hier an.

Unſere Breisgauerin, ein kleines brünettes Mädchen, ein ganzes Naturkind, ſitzt ein wenig ſcheu da in der wildfremden Umgebung. Sie hat ihre neunzehn Jahre auf dem Kaiſerſtuhl bei Breiſach ver⸗ lebt. Der kleine Stuhl, auf dem ſie jetzt Platz genommen hat, iſt ihr augenſcheinlich enge, und die 40 Quadratfuß Welt, in die ſie jetzt gebannt iſt, beklemmt ſie. Auf der Reiſe ſchon, der erſten, die ſie gemacht, hat ſie, da die Sonne, bei welcher ſie ausgefahren, ſich ſchon merklich neigte und ſie noch nicht am Ziele war, die Meinung geäußert: es gehe wohl bis nach Amerika. Sie iſt vollkommen ſtimmlos, ſie i*ſt es ſeit zehn Jahren. Ein ganz leiſes Flüſtern mit den Lippen iſt all ihr Sprechen. Aber ſie entſinnt ſich wohl, wie ſie vor dem Ein⸗ tritt der Heiſerkeit als kleines Kind laut geredet und geſungen habe. Im übrigen iſt ſie ganz wohl und friſch; ſie weiß von keiner anderen Beſchwerde, als der, daß ſie bei jedem Sprechverſuche die Empfindung im Halſe habe, als müſſe ſie dort einen beweglichen Gegenſtand erſt mit Anſtrengung wegſchnellen. Aber auch dieſe Bemerkung hat ſie erſt gemacht, nachdem man ſie ihr durch eine dahingehende Frage nahe gelegt. Das Laryngoſkop gibt ſehr bald den Beweis der Richtigkeit dieſer Angabe und den Erklärungsgrund dazu. Vom Vereinigungs⸗ winkel der übrigens ganz normalen Stimmbänder aus ragt ein gar zierliches Träublein eines Polypen in den Kehlkopf hinein. In wenigen Tagen der Vorbereitung gewöhnt ſich das Mädchen unſchwer an die Einführung von Spiegel und Sonde. Der ſie begleitende junge Arzt verfolgt die Fortſchritte des Präparationscurſus mit freudigem Intereſſe; ſein Beruf nöthigt ihn aber zur Heimkehr; nur kurze Zeit will er noch der würtembergiſchen Hauptſtadt und der Kunſtgenüſſe, die ſie darbietet, ſich freuen. Was hätte er wohl geſagt, wenn ihm, da er ein Paar Tage ſpäter zu Stuttgart in der Oper ſaß, einer zugerufen hätte:Machen Sie ſchnell, Herr Doctor, ſonſt begrüßt Sie Ihre Clientin vam Kaiſerſtuhle etwa auf dem Freiburger Bahn⸗ hof, wenn nicht mit Operna ien, ſo doch mit hellem lautem Gruß? Denn am Tage ſeiner Abreiſe von Tübingen pflückte unſer Winzer das Träublein, und wenn auch hinter demſelben noch ein zweites, feſter anſitzendes, ſich zeigte, ſo ergab ſich auch dies nach wenigen

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Traubenpaar, fein aufbewahrt in Spiritus, ſehen. Die Patientin ſprach ſofort, nach wenigen Tagen ſang ſie mit ziemlicher Reinheit das Volkslied:Gang i ans Brünnele. Den von einem Herrn mit heiſerer Stimme ihr gemachten Antrag des Tauſches der beider⸗ ſeitigen Kehlköpfe lehnte ſie entſchieden, laut lachend, ab. Bald darauf reiſte ſie heimwärts.

Der Symmetrie wegen geſellen wir auch hier zur Jugend das Alter. Joſefa iſt ein etwa 60 jähriges Bauernweib aus dem Sig⸗ maringiſchen, mit ſehr arger Heiſerkeit behaftet. Von jeweiliger Athemnoth gequält, ſitzt ſie da und iſt traurig. Von Natur aber beſitzt ſie viel mutterwitzigen Humor. Dieſe Miſchung von Traurig⸗ keit und Humor macht die Alte zu einer anziehenderen Erſcheinung, als ſie ſelber ahnt. Prof. Bruns hat ſie ſchon früher laryngoſkopiſch behandelt, jedoch mit mangelhaftem Erfolg, weil ſie bei ungewöhn⸗ licher Reizbarkeit die Vollendung der Cur nicht abwarten konnte. Sie meinte ihrem Hausweſen nicht länger fern bleiben zu dürfen. Jetzt ſitzt ſie ihm wieder gegenüber, und ſein Spiegel zeigt in ihrem Kehlkopf einen auf dem linken Stimmbande feſt aufſitzenden Polypen. Sie iſt wieder gegen inſtrumentale Berührung äußerſt empfindlich, und vor ihrem Huſten ſchnellt Spiegel und Sonde in einer Minute zu wiederholten Malen zurück. Aus den Mienen des Beobachtenden lieſt ſie, daß dieſer Polypenkampf nicht leicht und bald vollendet ſein werde. Ihr Blick ruht aufihrem Herrn Profeſſor mit einem aus Sorge und Zuverſicht zuſammengeſetzten, beinahe in Andacht und Zärtlichkeit übergehenden Ausdruck.

Jetzt iſt ſie ohne jede andere Reflexion, als die, welche ſich ſo natürlich wie der Lichtreflex aus dem Spiegel in ihren Kehlkopf, aus ihrem Herzen in ihr Auge von ſelber macht.

Geht's dorthin mit mir? fragt ſie, den Kopf in die Richtung nach dem nahen Kirchhofe gewendet.

Nein, nein, Joſepha, es geht dahin, wird ihr geantwortet mit dem Fingerzeig nach ihrer Heimatgegend.So, ſo na ſonſt wär's mir auch recht, wenn Sie mich einſchläferten und ich dann auch nicht mehr aufwachte.(Sie hatte etwas von Chloroformirungen bei Operationen im Krankenhauſe gehört, wußte aber nicht, daß ſolche niemals in der laryngoſkopiſchen Chirurgie, wenigſtens in Tü⸗ bingen angewendet werden.)Nicht doch, Joſefa, wir ſchläfern Dich nicht ein, und noch weniger laſſen wir Dich unaufgeweckt, erhält ſie zur Antwort.

Na ja, Herr Profeſſor, Sie ſwerden es ſchon machen; mein Gott, ich bin Ihnen ſo gut. Zu Haus über meinem Bett hängt Ihr Bild, das ſah ich mir manch lieben Tag wohl an die hundert Male an.Schön, Joſefa, dann mußt Du aber auch ganz ſtille halten, und nicht zucken, wenn die Sonde den Kehlkopf berührt, wie hier dieſer preußiſche Landsmann.(Und dabei wies Prof. Bruns auf einen Herrn hin, deſſen laryngoſkopiſche Sitzung zufriedenſtellend beendigt war.)Preußiſcher Landsmann! ich bin eine Hohen⸗ zollerin, Mußpreußen ſagen wir.Aber jetzt ſeid Ihr doch Gernpreußen? Euer voriger Landesherr hat doch ſelbſt ſein Länd⸗ chen an Preußen abgegeben.Ja dazumal, o du liebe Zeit, da ging es hitzig. Und wiſſen Sie, hitzig iſt nit witzig.

Dieſer Dialog zwiſchen den Schemeln des laryngoſkopiſchen Kabinets möchte nicht für ein hors G'Dauyre gelten, ſondern für weſentlich zugehörig zu unſerer getreuen Darſtellung. Es läßt ſich dort nicht blos auf des Lehrers Commando das langgezogene ae und das feine e in ununterbrochener Monotonie hören, es ſprudeln da nicht bloß die durch die oben beſchriebenen Mittel kunſtvoll bel 4G teten Cascaden, aus den Laryngenhöhlen wild hervorbrechend, den verehrten Meiſter dieſer pyro⸗hydrotechniſchen Vorſtellung mit ihrem Geſchäume bedrohend, auch freundliche Rede, gemüthliche Expecko ration, harmloſe politiſche Converſation, auch das Sprühen des Hu⸗ mors und das Geflacker des Scherzes findet ſich dazwiſchen. Joſefa übrigens, die vor wenigen Wochen ganz Stimmloſe, ſpricht, nachdem in einer Reihe von laryngoſkopiſchen Sitzungen viele Körner ihres Polypen glücklich entfernt ſind, vernehmlich, wenn auch an Leichtig⸗ keit, Reinheit und Kraft der Sprache noch viel fehlt.. Indeſſen eingedenk der Ermüdung, die eine längere Wan⸗ derung ſelbſt durch die herrlichſten Kunſtgallerien, Muſeen und Pinakotheken bewirkt, fühlen wir uns nachgerade verpflichtet, unſeren Gang durch dieſe, dem Gebiete der ſchönen Künſte ſo ferne Laryngo⸗ galerie zu beſchleunigen. In gedrängter Kürze weiſen wir nur noch

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Es kann, wer Luſt hat, das

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auf ein Paar Fälle hin, die durch eigenthümliche Mittel, welche unſer

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