Jahrgang 
13-26 (1867)
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wegungen keine Spur von Luft hindurchtreten ließ. Hatte die Dia⸗

gegentreten, er fand für ſeine Perſon Wohlwollen, für ſeine Leiſtun⸗ gen Theilnahme, Ermunterung und Anerkennung. 1864 waren die Cartons zur Nordwand des Campo Santo vollendet, dann nahm er die beiden Haupt⸗ und Mittelbilder der Oſt⸗ und Südwand in Angriff. Thomas, der ſeine Finger in die Wundenmale des aufer⸗ ſtandenen Heilands legt, ward im Jahr 1865, die vom heiligen Geiſt erfüllten Apoſtel, welche am Pfingſttag zu allem Volk reden, erſt im letzten Herbſt fertig. Dieſes Bild hatte er die Abſicht, auf der be⸗ vorſtehenden Ausſtellung zu Paris erſcheinen zu laſſen; jetzt ſtand es über ſeinem Sarge, an dem Tage, da man dem Meiſter die letzte Ehre erwies. Wenige Tage vor dem Tode hatte er noch geäußert:Ich habe wieder zwei Compoſitionen fertig im Kopf; ſobald ich aufſtehen kann, will ich ſie zeichnen.

Ihm ward ein hohes und ſorgloſes, heiteres und genußvolles Alter zu Theil, wie wenigen Sterblichen, er hatte bereits das 83ſte Lebensjahr überſchritten, er bezog bis an ſein Ende einen hohen Jahrgehalt, die höchſten Orden ſchmückten ihn, unter andern war er Kanzler der Friedensclaſſe des preußiſchen Ordens pour le mérite; ſein Ruhm endlich blieb im Wachſen begriffen und konnte durch die Leiſtungen der Nachgeborenen, mochten dieſe noch ſo großen und all⸗ gemeinen Beifall einernten, nicht erſchüttert werden. Nur eins fehlte ihm und dieſes eine war ein Großes: die Ausführung und Ueber⸗ tragung ſeiner letzten und bedeutendſten Werke, die Gewißheit, daß dieſe Werke nicht aus äußerlichen Gründen vermodern und zerfallen würden.

Sämmtliche Cartons zu den Friedhofsbildern der vierten Wand,

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ſowie zu den Mittelbildern der zweiten und dritten Wand ſind voll⸗ endet und als Staatseigenthum in den unteren Räumen des Cor⸗ neliusſchen Hauſes ausgeſtellt, aber in einer für das Publicum ſehr ungenügenden Weiſe; und dieſe Cartons, mit Kohle auf dünnem Pa⸗ pier gezeichnet, ſind jedem Zufall, vielfacher Beſchädigung ausgeſetzt und gehen in ſolcher Verfaſſung einer ſchnellen Zerſtörung entgegen. Der Ausbau des Domis und Campo Santo iſt nicht nur wegen der un⸗ geheuren Koſten über 8 Millionen faſt unmöglich, ſondern auch aus inneren künſtleriſchen Gründen kaum zu wünſchen; aber immerhin muß ſich eine andere, wenn auch beſcheidene Art finden laſſen, um den Entwürfen des Meiſters die Ausführung und den Beſtand angedeihen zu laſſen, welche Mit- und Nachwelt ihnen ſchuldig ſind. Ferner iſt eine harte Unbill endlich gut zu machen: die öffentliche Ausſtellung der Zeichnungen und Cartons, welche zu den in München von Cornelius ausgeführten Werken gedient haben. Von der preußiſchen Regierung angekauft und nach Berlin geſchafft, ruhen ſie ſeit vielen Jahren zer⸗ ſchnitten und zuſammengerollt in den Kiſten, worin ſie ankamen, auf irgend einem Boden der Akademie, oder ſie ſtehen an entlegenen Orten umher, den Angen des Publicums entzogen. Eine öffentliche Ausſtellung der Hauptwerke des Fürſten der deutſchen Maler, die Begründung eines Cornelius⸗Muſeums iſt, wenn nicht für

den preußiſchen Staat, ſo doch für die Stadt Berlin eine Ehrenſache,

und zu ſolchem Ausſtellungsgebäude, zu ſolchem Muſeum bietet ſich⸗ ſchon wie von ſelbſt das Haus, in welchem der Meiſter lebte und ſchaffte das Cornelius⸗Haus.

Deutſche

Aerzte.

II. Der Sprachmeiſter von Tübingen. Von Dr. Coſack. (Schluß.)

Dem Greiſe folge ein ſiebenjähriges Kind, eines ſchleſiſchen Kaufmanns Sohn, ein feiner wohlgebildeter Knabe geweckten Geiſtes. Seine Leibeslänge iſt für den Unterſuchungsſtuhl zu kurz, er muß darauf knieen, damit das Licht der Lampe richtig in ſeinen kleinen Hals hineinſtrahle. Vor ſechs Jahren in einer Aprilnacht mußte das anderthalbjährige Büblein einem neugebornen Schweſterchen Platz machend, in ſeinem Bettchen aus einem geheizten in ein unge⸗ heiztes Zimmer gebracht werden. Die Folge davon war eine Heiſer⸗ keit, die keinem der zahllos angewandten Mittel weichen wollte, und ſich je länger deſto mehr mit höchſter Athemnoth verband. Nach mehr als zwei Jahren mußte nach dem Spruch eines zahlreichen ärzt⸗ lichen Conciliums durch Tracheotomie der drohende Erſtickungstod abgewandt werden. Im Herbſt 1863 brachten die Eltern das völlig ſprachloſe Kind, das ſich nur durch Lippenbewegungen der Mutter verſtändlich machen konnte, und auch ſonſt ſehr heruntergekommen, elend und hohläugig war, nach Tübingen. Unter unſäglichen Schwie⸗ rigkeiten wurden die bereits in der Heimat ziemlich reſultatlos an⸗ geſtellten laryngoſkopiſchen Unterſuchungen hier wieder aufgenommen. Das Schluchzen und Weinen, das Huſten und Zucken des Kindes ließ erſt nach Wochen in das Kehlköpfchen einen Einblick zu, welcher den ganzen Eingang deſſelben mit einer körnigen, ſilberfarbigen, maulbeerförmigen Maſſe dicht ausgefüllt zeigte. Weiteren Beobach⸗ tungen zufolge erſtreckte ſich dieſe Körnermaſſe bis in den Anfang der Luftröhre durch die ganze Kehlkopfhöhle, ſo daß ſie bei den Athembe⸗

gnoſe in dieſem Falle ſchon ungewöhnliche Schwierigkeiten darge⸗ boten, ſo ſteigerten ſich dieſe bei den Verſuchen, die Mißbildungen zu entfernen, zu einer enormen, faſt verzweifelten Höhe. Man be⸗ denke die Kleinheit des Operationsfeldes bei einem Kinde von fünf Jahren, die unruhige Beweglichkeit, Ungeduld, Angſt, Auflehnung des kleinen Patienten anſtatt der Ruhe, moraliſchen Kraftanſtrengung und pünktlichen Befolgung der momentanen ärztlichen Winke, was alles ſo weſentlich zur Mitwirkung bei dieſer die Chloroformirung abſolut ausſchließenden Operation erfordert wird. Wie viel Bitten, Zureden, Verſprechungen, Lockungen, Drohungen, ja Gewaltmittel bis zum Anſchnallen auf dem Stuhle und Feſthalten durch fünf Ge⸗ hilfen waren da anzuwenden! Nach zwei Monaten förderte die Drahtſchlinge eine papilläre(warzige) Geſchwulſtmaſſe von 20 Mmtr. im Länge⸗ und 10 Mmtr. im Dickedurchmeſſer in Form einer kleinen

vermochte ſogleich Luft in hörbarer Weiſe durch Kehlkopf und Mund auszuſtoßen. Nach der Entfernung weiterer Geſchwulſtfragmente athmete er jetzt von Tag zu Tage beſſer durch den Mund, und zu Weihnachten war es möglich, wenn auch noch nicht die Tracheal⸗ canüle ihm auf den heiligen Chriſttiſch zu legen, ſo doch ſtundenlang zuzukorken. Die Stimme war tonlos, aber durch ein geräumiges Zimmer hin hörbar. Was ſomit bisher gewonnen war, mußte für erfreulich genug gelten. Aber bald zeigte ſich die hydraartige Natur der Geſchwulſtmaſſe in dem Kehlkopf dieſes kleinen Patienten. Die wuchernde Sproſſenbildung der Papillome war durch keines der mannichfaltig angewandten Aetzungsmittel zu erſticken. Bis auf den heutigen Tag dauert ſie fort, und bis auf den heutigen Tag kämpft der unermüdliche Arzt, ein anderer St. Georg, gegen die Wucherung der ſich ſtets neubildenden Aftermaſſe mit chemiſchen Mitteln und mit ſchneidigem Inſtrumente an, mit der Quetſchſchlinge greifbarere Fetzen, mit einem hohlſondenartigen Schaber kleinere Körnchen entfernend. Seit Jahren iſt die Trachealcanüle entfernt, und die Athmung erfolgt ohne Beſchwerde auf dem natürlichen Wege, wenn auch die Schließung der Halswunde noch ſuspendirt iſt. Die Stimme des kleinen Hans iſt vernehmlich, wenn auch rauh und tiefer als die geſunde Knabenſtimme, er ſpricht und lieſt fertig und deut⸗ lich, wenn auch mit einiger Anſtrengung, und wer den munteren

Burſchen auf der Straße im Spiel mit ſeinen Kameraden ſieht, ihn

rufen, ſchreien und lärmen hört, den anderen an Durchtriebenheit nicht im mindeſten nachſtehend, fühlt ſich gerade nicht zu einem be⸗ ſonderen Mitleid erregt. Aber auf ſeinen unausgeſetzten Wan⸗ derungen in das laryngoſkopiſche Cabinet an der Seite ſeiner Pfle⸗ gerin, fern vom Elternhauſe, und knieend auf dem Unterſuchungs⸗ ſtuhle ſeinen Hals täglich der Drahtſchlinge und dem Excraſeur hin⸗ haltend, iſt er uns doch als ein kleiner Märtyrer erſchienen, und wir meinen, auch einen ſtillen Leidenszug dem lieblichen feinen Knaben⸗ geſicht eingeprägt geſehen zu haben. Wie frühe iſt dieſem Kinde ſchon das Leid nahe getreten! Aber auch wie viele Hilfe hat es ſchon erfahren! Wir haben ihm gegenüber uaghm des Wortes der Schrift:Aus dem Munde der Unmündigen haſt du Lob zugerichtet, im buchſtäblichſten Sinne gedenken müſſen. Wir wiſſen ganz wohl, wem dieſes Lob zugerichtet iſt, glauben aber Seinem Lobe nichts ab⸗ zubrechen, wenn uns auch lobenswerth erſcheint die erfinderiſche und unermüdliche Treue, die an der Erhaltung und Befreiung der Athem⸗

Traube zu Tage, Schmerz und Blutung waren gering. Der Knabe

wege dieſes Kindesmundes nun jahrelang arbeitet, ſich weder die Mühe