Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen. Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 18 Sgr. zu beziehen.
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III. Jahrgang. Ausgegeben am 29. December 1866. Der Jahrgang läuft vom Ortober 1865 bis dahin 1867. 1867 No 13.
Fröhliche Weihnachten. Novelle von Arnold Wellmer. (Schluß.)
Die Leute ſchieben und drängen ſich nach den Thüren der Waggons und machen faſt unmöglich lange Hälſe, um zu ſehen, ob ihre Weih⸗ nachtsgäſte nicht am Ende doch den Zug verſäumt haben und jetzt viele, viele Meilen weit im unbehaglich kalten Zimmer klagen, wie unausſtehlich pünktlich die Eiſenbahnzüge abfahren—— nein, dort aus dem Coupé ſtecken ſie ja ihre Pudelmützen oder dick wattirten ſeidenen Kappen hervor, die lieben Gäſte,— und„Fröhliche Weih⸗ nachten!“ lacht's heraus— und„Fröhliche Weihnachten!“ lacht's hinein ins Coupé!
Endlich hält der Zug, und die Wartenden ſpringen an die Thür⸗ griffe und öffnen die Coupés trotz der beſten Schaffner und die Schaffner ſchimpfen heute gar nicht auf dieſe Eingriffe in ihre Vor⸗ rechte— es iſt ja Weihnachten, und ſelbſt der brummigſte, ver⸗ frorenſte Schaffner im ſchwarzen Schafpelz eilt, daß er nach Hauſe zum brennenden Chriſtbaum und zu den ungeduldigen kleinen Schaff⸗ nern kommt——„nach Hauſe“— o, du trautes, geſegnetes Wort, drei Mal geſegnet am heiligen Chriſtabend!
„Fröhliche Weihnachten! Geſegnete Weihnachten!“
„Dorrchen! Dorrchen! mein lieber, alter Junge!“
„Walter— Herr Walter— Herr Lorenz!“
Wie herzlich ſie ſich die Hände ſchütteln! Ja, ſie hätten ſich am Ende auch wohl in die Arme geſchloſſen und geküßt, wenn unſer
ehrliches Dorrchen nicht noch in der letzten Secunde zu der Anſicht
gekommen wäre, daß ſich das auf einem öffentlichen Bahnhofe für einen ſimplen Hausknecht und einen ſo hübſchen, ſtattlichen Herrn durchaus nicht ſchicke,— ſelbſt nicht einmal am heiligen Chriſtabende!
Sie haben den Bahnhof im Rücken und gehen durch die Straßen. Dorrchen trägt ein flaches Holzkiſtchen.
„Und nun ſage mir zuerſt, Dorrchen, was macht Elſe?“
„Geſund und munter— nun, daß ſie früher ein wenig mun⸗ terer war, verſteht ſich von ſelbſt!“
„Gott ſei Dank, daß es ihr gut geht. Ich habe die weite Reiſe mit dem ſchwerſten Herzen gemacht, da Onkel Tob mich ſo dringend
nach Hauſe rief, ohne mir einen Grund anzugeben oder mir von ihr auch nur einen Gruß zu ſchicken. Weißt Du, was Onkel Tob vorhat?“
„Nein, Walter, aber jedenfalls iſt es etwas Gutes. Onkel Tob iſt heute ſo luſtig, ſo ganz aus dem Häuschen, wie ich ihn noch nie geſehen habe!“
„Weiß Elſe, daß ich komme?“
„Nein, niemand ahnt etwas, ſelbſt Stina nicht,“— wie triumphirend das gute Dorrchen den Jugendfreund anſchaut, als wollte er ſagen:„Ja, Walter, ſolch ein Held iſt Dorrchen, daß er ſogar gegen ſein kleines Frauchen ſchweigen kann!“
„Und Onkel Strant?“
„Ganz der alte:„Geld— praktiſch— Geſchäft— Unſinn — Blödſinn— Wahnſinn!“
Wie der Walter ſich ſchüttelt, als müßte er Centnerlaſten von böſen Gedanken abſchütteln!—.
Sie ſtehen vor dem Hauſe J. C. Strant u. Comp., das Walter in ſeiner Knabenzeit ein Vaterhaus war, und das er als Jüngling mit ſo ſchwerem Herzen verließ. Die alten Zeiten durchſtürmen mächtig ſeine Bruſt, da er zwiſchen den Apfelſinen und Thonpfeifen und Rieſencigarren des Schaufenſters durch in das grauliche, finſtere Geſicht ſeines Onkels ſchaute— und dies Geſicht iſt noch grauer, finſterer geworden, ſeit dieſe zuſammengepreßten Lippen ihm zuriefen: Künſtler?— Hungerleider— Wahnſinn— Punktum!“
Dorrchen iſt auf Kundſchaft ausgeweſen. Die Luft iſt rein. Er führt Walter in den Thorweg und ſchließt eine Thür auf. Sie treten in ein kleines Zimmer, das Comptoir von J. C. Strant u. Comp. Heute Abend iſt es aber Onkel Tobs ausſchließliches Eigen⸗ thum, denn er hat die Schlüſſel dazu in Beſchlag genommen.
Walter iſt allein in dem kleinen, nur ſehr ſchwach erhellten Comptoir. Er ſchaut ſich um: an den Wänden hängen die Käfer⸗ tableaux von Onkel Tob— o, das ſind liebe Bekannte aus alten, fröhlichen Zeiten! Da ſteht der lederne, dreibeinige Bock, hoch und


