Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
209
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Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen. lle

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III. Jahrgang.

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Ausgegeben am 5. Janunr 1867.

Eine Schiffertochter und ein Scharfrichterſohn.

Während einer ſtürmiſchen Aprilnacht des Jahres 1688 gingen die Wogen des Rheinſtromes hoch an gegen die Ufer, welche ſich bei der kleinen Stadt Emmerich längs des mächtigen Gewäſſers hin⸗ ziehen. Die Vorſtadt von Emmerich war ziemlich weitläuftig ge⸗ baut, das heißt: die Häuſer derſelben ſtanden weit von einander ent⸗ fernt, und zwiſchen ihnen lagen Gärten, durch deren halbbelaubte Bäume der Aprilwind pfiff. Eines der letzten, gegen den Fluß zu erbauten Häuſer war die Fährſchenke. Dieſes Bauwerk ſtammte aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das ſah man auf den erſten Blick an der Giebelfronte, den Gallerien, welche in dreifacher Reihe um das Gebäude liefen und an den ſeltſamen Verzierungen der Dachtraufen oder der Balkenköpfe. Außerdem war das Gebäude, ſeiner Beſtim⸗ mung gemäß, doppelt; es war nämlich ein Land⸗ und ein Waſſerhaus, da es mit der einen Hälfte auf dem Lande, mit der andern, durch mächtige Balken getragen, im Waſſer ſtand. Die im Waſſer befind⸗ liche Hälfte lief in eine Art von Balkon aus, der die Ausſicht auf den Rhein geſtattete, es war dies an ſchönen Tagen ein reizender Sitz, den noch obenein die dichte Weinlaube beſchattete, deren Ranken einen grünen Baldachin über dem Balkone wölbten. Von dem Altane oder Vorbau lief eine breite Treppe in den Fluß hinab, an deren Fuße die Rheinkähne anlegten, welche von Köln aus den Strom hinab, oder von Arnheim denſelben hinanfuhren oder von dem gegenüberliegenden Ufer bei Emmerich landeten.

In der erwähnten Aprilnacht alſo ſchäumten die Wogen des Rheines heftig zwiſchen den Pfeilern des Altans, ſie ſchaukelten die Kähne gegen einander, welche unten, an der Treppe und an den Pfeilern feſtgebunden, im Waſſer lagen. Ueber Fluß und Gegend wob ſich ein Halbdunkel, deſſen Schleier nur zuweilen ein Wetter⸗ leuchten zerriß, bei deſſen Zucken man auf Secundenlänge die Thürme von Rees erblicken konnte, über deren Spitzen das Wetter zu ſchwe⸗ ben ſchien.

Wer in jener Nacht hinter einem der Pfeiler des Vorbaues ge⸗ ſteckt hätte, der würde beim Scheine der Blitze eine weibliche Geſtalt

Der Jahrgang läuft vom October 1866 bis dahin 1867.

1867 14.

Das Geheimniß des Fürſtenhauſes.

Novelle von Georg Hiltl.

bemerkt haben, welche aus der Thür des Hauſes getreten, ſich über das Geländer des Altanes lehnte und in das Getreibe der ſchäumen⸗ den Wogen blickte. Zuweilen verſuchte dieſes weibliche Weſen mit ſeinem Blicke die Finſterniß zu durchdringen, indem es die Stirne in Falten zog. Die Bemühungen galten irgend einem Punkte an dem gegenüberliegenden Ufer, denn als ſich endlich nach längerem Harren ein kleines Licht zeigte, rief das weibliche Weſen laut:Da iſt es ja und ſtieg die Treppe hinab, welche in den Fluß führte. Auf einer der letzten Stufen angekommen, begann die nächtliche Lauſcherin einen Kahn von dem Pfeiler loszumachen, wobei ſie große Ruhe und Gleich⸗ gültigkeit zeigte, denn die Wogen des Rheines gingen ihr über die kleinen Füße, ohne daß ſie die geringſte Notiz von der Heftigkeit des Waſſers genommen hätte. Während ſie mit dieſen Vorbereitungen ſich beſchäftigte, ward es plötzlich auf dem Altane hell; ein Mann, deſſen Haupt eine ſogenannte Spille bedeckte, erſchien mit einem Wind⸗ lichte in der Hand oben an der Galerie. Er ſtreckte das Licht weit hinaus und beleuchtete die auf der Waſſertreppe Befindliche. behüte! rief er.Ich dacht' es doch. der Nacht am Waſſer. Käthe! tolles Ding, was treibſt Du? Willſt Du auf der Stelle hinein ins Haus? hat man je ſo etwas geſehen? Die alſo Angeredete ließ ſich nicht weiter irre machen, ſondern zog die den Kahn feſſelnden Seile durch den Ring des Pfeilers und ſtieg in das kleine Fahrzeug.Laßt mich doch machen, was ich will, Vater! rief ſie zu dem Manne hinauf.Ihr wißt, ich liebe dergleichen ſelt⸗ ſame Fahrten und komme immer gut davon. Ich habe noch im vorigen Jahre das Fährboot geleitet, alſo kann ich wohl durch das Waſſer.Aber ich will's nicht leiden. Wohin ſoll die Fahrt gehen? Ein wenig auf dem Rheine umherſchaukeln weiter nichts. Ihr wißt, ich liebe den Sturm, die Nacht, die Blitze. Gefahren und Abenteuer liebe ich fahrt wohl nur ſchaukeln auf dem Fluſſe, weiter nichts.

Die letzten Worte erſtarben ſchon in dem Geheule der Wellen und des Windes, denn die kühne Schifferin hatte bereits den leichten Kahn durch einige kraftvolle Ruderſchläge von dem Fährhauſe entfernt. Zurück, zurück mit Dir! rief der Alte umſonſt. Er gewahrte nur

Gott

Da iſt ſie wieder mitten in