bei einem grellen Leuchten des Blitzes den Nachen mit der darin be⸗
ſindlichen Schifferin mitten zwiſchen den brauſenden Wogen des
Stromes.—„Es iſt ein Heidenkind“, murmelte der Alte.„Woher
ſie nur das haben mags ich liebe zwar das Waſſer auch, hab mancher⸗
lei Gefahren gern beſtanden, aber bei einem ſechszehnjährigen Mädel
— Blitz, das iſt mir noch nicht vorgekommen, und die Schweſter iſt
ſo ſanft.“ Er ging durch die lange, öde Schenkſtube in ſein Schlaf⸗
gemach.„Iſt die Käthe da?“ rief eine Frauenſtimme hinter einem
aus geſtreiftem Segelzeuge gefertigten Vorhange, welcher die ehelichen
Lagerſtätten umgab, hervor.„Käthe da? Proſit die Mahlzeit“, ant⸗
wortete der Mann,„ſie iſt wieder mitten auf dem Waſſer.“„Und Du
haſt ſie nicht gleich beim Schopfe zurückgeholt?“ fuhr die Stimme
leidenſchaftlicher werdend fort,„Balthaſar, Du biſt eine Schlafmütze.“
„Eh— ſie war ſchneller fort, als ich es Dir ſagen kann.“—„Nichts
da“, eiferte die Frau,„eine Schlafmütze; ich ſag es noch ein Mal.
Das kommt davon, weil Du Dir die Mädels und beſonders die Kathrine
haſt über den Kopf wachſen laſſen, nun, wenn Du den Strengen ſpielen
willſt, lachen ſie Dich aus.“—„Laß mich zufrieden!“ brummte Baltha⸗
ſar, Du haſt gerad' ſo viel Schuld. Die Mädels ſind bildhübſch—
alle Welt iſt vernarrt in die Larven, und das hat Dich ja mit beſon⸗
derer Freude erfüllt— Du biſt ja die Urſach, daß die Mädels nicht mehr die Fähre nach dem Spilleken Werder lenken, ſondern ihre Händ⸗ chen ſchonen und in der Wirthsſtube helfen müſſen, damit ſie die Reiſenden anlocken und alle Welt ſich hier heimiſch fühle bei dem Fährmann Ricker und deſſen ſchönen Töchtern— na, das haben die Blitzdirnen gleich fort, und da iſt es nicht zu verwundern, wenn ſie nicht weiter pariren, ſondern ihren Kopf aufſetzen. Hat nicht der alte Syndicus aus Neuß der Kathi ſchon zwei Mal ſeine Hand ange⸗ tragen? und wenn ſolche Freier kommen, wird ſie hochmüthig.“
„Schweig doch endlich“, ſagte die Frau,„ich will nichts weiter hören. Die Kathi iſt ein hochnaſiges Ding, wahr iſt es. Aber ſie wird, da⸗ von bin ich feſt überzeugt, auch noch eine große Stelle in der Welt einnehmen, und deshalb leb' ich in ſteter Angſt um zwei Dinge: Erſtens, daß ſie ein Mal Unglück bei ihren tollen Fahrten haben kann und alle Hoffnungen im Rheine begraben werden, wie der Nibelungen Schatz aus Xanten, und zweitens, daß ſie ſich in einen dummen Buben vergafft.“—„Die Kathi!“ rief der Mann,„geh doch. Die denkt nicht daran, die nimmt nur einen hohen.“—„Ja wohl— in der Liebelei hat ſich's was, nach Hohem fragen— da darf nur einer kommen, der recht nett und ſchmuck iſt— der gut reden kann— wupp! da iſt's Herz fort, und nachher haben wir das Dreinſehen. Oh— ich fürchte, die Kathi hat vielerlei im Kopfe. Wer weiß es? ſie redet nichts— aber laß ein Mal ſehen.— Ach— wie freut' ich mich, wenn meine Tochter einen recht Hohen heranzöge, ſich ihn fiſchte— wenn ich dann mit der goldbrokatnen Haube, einer geſtickten Saloppe und drüber den Kragen von Utrechter Spitzen mit dem Sammetaufſchlage angethan über die Gaſſe ſtolzirte, neben mir gingen Käthe und der vornehme Schwiegerſohn——“ Balthaſar beantwortete die Aufzählung dieſer Luftſchlöſſer durch ein tiefes Schnarchen. Er ſchlief bereits.„Tölpel“, ſagte die Frau und horchte auf den Schlag der Uhr.„Zwölf Uhr!“ ſagte ſie leiſe.„Wo mag das tolle Mädchen ſein? was treibt ſie?“ Der Wind fuhr heulend den Kamin herab und bewegte klappernd die Fenſter.
Die Leute, welche ſich hier ſo ſonderbar unterhielten, waren der Schiffer und Wirth der Fährſchenke Herr Balthaſar Ricker und ſeine Gattin Frau Eva Ricker. Wie der Leſer aus dem Zwiegeſpräch ver⸗ nommen haben wird, beſaßen beide Gatten zwei Töchter, von denen die eine, Katharina mit Namen, auf den Wogen des Rheinſtromes, muten in der Nacht ſich erluſtigte, während die andere, Martha, im friedlichen Bette ſchlummerte.
Balthaſar Ricker war Schiffer in holländiſchen Dienſten ge⸗ weſen und hatte eine Zeit lang von Rotterdam nach London ſeine Fahrten gemacht. Als er ſich zur Ruhe ſetzte, war er noch in ſeinem beſten Mannesalter, ein Kerl in den dreißiger Jahren, eroberte das Herz einer hübſchen Bürgerstochter aus Emmerich, deren Mutter bald nach der Hochzeit des jungen Paares ſtarb, wodurch Balthaſar und Frau in den Beſitz eines kleinen Vermögens geriethen. Mit dieſem Gelde erwarb der Schiffer Ricker ſich das Fährrecht und die Schankgerechtigkeit des Wirthshauſes. Der Krieg führte ihm viele Gäſte zu, er ließ in ſeiner Schenke alles geſchehen, Spiel, Zweikampf und Zechgelage, dafür ſprach auch jeder gerne bei ihm ein, und ſein Wohlſtand hob ſich. Als er in die Höhe gekommen
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war, warf er die ehemaligen tumultuirenden Gäſte zum Hauſe hinaus und führte eine ſogenannte anſtändige Wirthſchaft. Unterdeſſen waren die Töchter herangewachſen und lockten durch ihre i chende Schönheit zahlreiche Gäſte an. Katharina die ältere wa ſtatt⸗ lichem, impoſanten Wuchſe. Sie hatte, obwohl erſt ſechzehn Jahre alt, die herrlichſten Formen des jugendlichen Körpers. Ihre kühn leuchtenden Augen, die ein wenig aufgeworfenen Lippen, zwiſchen denen vollendet ſchöne Zähne blitzten, dunkele Haare, welche in dicken Flech⸗ ten um Schläfe und Stirn ſich legten, bildeten ein ebenſo reizendes als imponirendes Ganze. Martha Ricker war das Gegentheil ihrer Schweſter. Obwohl von gleichem Wuchſe, zeugten ihre ſanſten Züge, das goldblonde Haar und die lichtblauen Augen von einem weit füg⸗ ſameren Character als es der Katharinas war. Dennoch verſtand das junge Mädchen ſchon ganz treffliche Antworten zu geben, ſich die Zudringlichen fern zu halten, die Angenehmen herbeizulocken. Frau Eva Ricker gab in ſolchen Dingen guten Unterricht. Weit umher, war bereits der Ruf von der Schönheit und dem Verſtande der Schifferstöchter gedrungen. Wer eine Reiſe nach dem Cleviſchen thun mußte, der kehrte bei Ricker ein. Kaufleute und Soldaten, Cavaliere und Studenten ſuchten für eine Zeche, die Ricker nicht billig anſchrieb, die flüchtige Bekanntſchaft der Schiffertöchter zu machen, und dabei füllte ſich des Vaters Seckel immer mehr.—— Nachdem Katharina Ricker die Mitte des Fluſſes gewonnen hatte, hielt ſie trotz der Wogen den Kahn in der Strömung, welche das Fahrzeug pfeilſchnell hinuntertrieb. Die gewandte Schifferin ſah in der Dunkelheit zwei rieſige Gegenſtände aus den Wellen ſteigen. Sie glichen ſchwarzen Fäuſten von ungeheurem Umfange und um das Gelenk dieſer Fäuſte kräuſelten ſich, weißen Schaum peitſchend, die Fluten. Es waren die Eisbrecher bei Emmerich. Das Mädchen fuhr zwiſchen ihnen hindurch, obgleich der Kahn von der Gewalt des Waſſers hoch erhoben ward und heftig hin und herſchwankte. Sobald
ſie die Eisbrecher paſſirt hatte, lenkte ſie den Kahn durch einen ſtarken
Zug des rechten Ruders herum, dann ſchien ſie mit großer Kraft ihr Fahrzeug einige Secunden lang feſt zu halten, bis wieder ein Blitz die Gegend erhellte und als dieſer in Nacht verſank, ſchoß die Barke quer durch den Strom nach dem jenſeitigen Ufer. Katharina hatte ren Landungsplatz beim Zucken des Wetters erſpäht. Eine Vierrel⸗— ſtunde ſpäter fuhr ſie auf das flache Ufer, des bei Emmerich liegenden Spilleken Werders. Sie erhob ſich aus dem Kahne und holte einige Minuten lang Athem, die gefahrvolle Reiſe hatte ihre Kräfte gewaltig in Anſpruch genommen, dann ſtieg ſie aus und ging über den einen Hügel hinankriechenden Weg, der aus geſtampftem Lehm und Knüppeln gebildet zu einem großen, finſter ausſehenden Gebäude führte, welches inmitten eines Gartens lag, der durch die bedeutende Anzahl ſeiner Weymuthskiefern, Tannen und Föhren weit eher den Charakter eines Gehölzes hatte. Aus einem Fenſter jenes Hauſes blitzte das Licht, welches Katharina von dem Altane der Fährſchenke beobachtet hatte.
Als das Mädchen ſich dem finſtern Hauſe bis auf einige Schritte genähert hatte, begannen zwei Hunde ein wüthendes Gebell. Sie ſprangen gegen den Holzzaun, der das Grundſtück in weitem Kreiſe umzog und rüttelten an der Thüre.„St! ruhig, Sultan! Packan! ruhig,“ rief das Mädchen und ſchlug mit der Fauſt gegen die Bretter⸗ wand, worauf die Beſtien mit dumpfem Knurren ſich nach und nach beruhigten. Katharina zog den roſtigen Draht einer Glocke. Nach dieſem Zeichen vernahm ſie Tritte, ein Schlüſſel ward in das Schloß der Zaunthüre geſteckt, und dann öffnete ſich dieſelbe, um einen Mann ſichtbar werden zu laſſen, deſſen Hand eine ſchlechte Laterne hielt, deren halbblindes Licht er auf Katharina fallen ließ.„Alle Hagel, die Rickerſche Kathrine,“ ſagte der Mann mit einem breiten, hollän⸗ diſchen Dialekte.„Jan, iſt der junge Meiſter noch wach?“ fragte Katharina.„Ich denke wohl.“—„So ſagt ihm, ich ſei hier, ich werde in das Haus treten, bis Ihr Beſcheid bringt.“—„Nicht nöthig,“ grinſte der Holländer,„ich weiß alles. Der junge Herr David iſt da und wartet, die Mutter iſt da und wartet, und die dritte Perſon iſt auch da und wartet ſicherlich ebenfalls auf Euch. Wir glaubten nicht, daß Ihr kommen würdet in ſo ſtürmiſcher Nacht, und doch iſt die Sache von Wichtigkeit für Euch.“—„So laßt uns eilen.“„Der Mann mit der Laterne ging voraus, Katharina folgte; wedelnd umſprangen die Hunde das Mädchen, ſie ſchien mit den furchtbaren Thieren gut bekannt, denn ſie klopfte ohne Scheu die dicken Köpfe und zauſte ihnen die Ohren. Der Laternenträger führte Katharina in den Hausflur und von da in ein großes, mit Eichenholz getäfeltes Zimmer.„Bleibt
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