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niedrig zu ſchrauben— das war das prächtigſte Carrouſſel für die kleine Elſe und den kleinen Walter! Ueber dem Pult hängt noch derſelbe ſchwarze Comptoirkalender, er zeigt eine große 24 und das Wort December. Welch Entzücken für die Kinder, wenn ſie dieſe Zahl und dieſen Monat herausbuchſtabirten! Dies ſchwarze, höl⸗ zerne Tintenfaß erzählt von der Angſt des Knaben, als er es über Onkel Tobs Contobuch geſchüttet hatte— Onkel Tob hatte faſt gar nicht geſcholten! Dieſe Schieblade hatte immer eine kleine Freude für die Kinder, ſo oft ſie ihren lieben Onkel Tob bei der Arbeit ſtörten: ein Bonbon, einen Apfel, ein Stück reſervirten Weihnachts⸗ pfefferkuchen oder eine von Onkel Tob erfundene und gearbeitete Spielerei aus Wallnußſchalen, Fiſchgräten oder Hühnerknochen. Der Papierkorb bot immer reichlich Stoff zu Drachen, Federhüten, Schi hürzen und Weſten!
Wie doch eine Erinnerung immer wieder eine andere wach ruft!
Walter ſchiebt die weiße Mullgardine an dem Thürfenſter noch etwas weiter zurück und ſchaut in das bekannte, liebe, alte Wohn⸗ zimmer. Es iſt niemand darin. Auf dem großen, runden Tiſche vor dem Sopha brennt eine helle Aſtrallampe und beleuchtet Elſens Arbeitskörbchen mit einem Kuänel blauer Wolle und blanken Strick⸗ nadeln. Wie ſo manchen lieben Winterabend haben Walter und Elſe an dieſem runden Tiſche und bei dieſer Lampe Domino und Mühle geſpielt und die wunderbarſten Bilder gezeichnet und ange⸗ tuſcht!— Ueber dem Klavier hängen die unglückſeligen beiden Katzen, die dem armen Walter Tante Roſauras Freundſchaft ent⸗ zogen haben.
Dorrchen kommt jetzt mit einem großen Deckelglaſe Grog zurück. „Auf Befehl von Onkel Tob,“ ſagt er und ſchiebt das heiße, duftende Getränk in Walters Hände—„das ſoll Dir nach der weiten, kalten Reiſe gut thun!“
„Ah! der rinnt wie Feuer durchs Blut, ich ſpüre ſchon nichts mehr von der grimmigen Kälte!“
Dorrchens Kopf verſchwindet wieder, der Schlüſſel dreht ſich zwei Mal im Schloſſe um— und Walter iſt alein!
Walter ſitzt in einem Armſeſſel dicht vor dem erhellten Thür⸗ fenſter; die Käferbilder lehnen zu ſeinen Füßen an den Thürpfoſten in mondſcheinartiger Beleuchtung und blitzen gar hell. Walter trinkt den Reſt Grog aus; wie ihm das glühende Blut in die Schläfen ſteigt! Er ſtützt beide Arme auf die Kniee und den brennenden Kopf in die Hände und ſchaut neben der Gardine vorbei in die halbdunkele „Wohnſtube und auf den großen Weihnachtsbaum und die feſtlich ge⸗ ſchmückte Tafel mit Tellern voll Aepfel und Nüſſen———
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Lange, lange ſtarrt Walter in das Dämmerlicht hinein, bis ihm
die Augen weh thun. Alte Zeiten tauchen in der Erinnerung vor ihm auf. Auf dem runden Tiſch vor dem Sopha brennt die Aſtral⸗ lampe. Auf der feſtlich geſchmückten Weihnachtstafel ſteht auch wie heute ein Chriſtbaum,— aber er iſt erloſchen.
An dem runden Tiſche ſitzt Elſe, die ſechszehnjährige, arme, kleine Elſe und weint.
Kerzengrade ſitzt daneben auf ihrem Stuhl Tante Roſaura mit zornigen Augen und am höchſten gerötheten Fleckchen auf den mageren Backenknochen.
Tante Roſaura hat ihr geliebtes Katzenbild vor ſich auf den Knieen. Es iſt bewunderungswürdig, wie ſchnell ſich die Zärtlichkeit ihrer waſſergrauen Augen in die Wildheit einer Löwenmutter ver⸗ wandelt, wenn ihr Blick von dem unſchuldigen Kätzlein auf den ſchul⸗ digen Walter ſpringt, der ſo kalt und finſter entſchloſſen am Ofen lehnt.
Vor einer halben Stunde hat Walter die entſetzlichſte That ſeines neunzehnjährigen Böſewichllahens gethan und den Kätzlein ihre Exiſtenz abgeſprochen.
Onkel Tob, noch eben ſo weiß und roſig und blond, wie Walter ihn als Kind gekannt— aber um ein Bedeutendes rundlicher, ſteht neben ihm und drückt ihm feſt die Hand.
J. C. Strant, unverändert hager und von graulicher Geſichts⸗ farbe geht haſtig und in großer Erregung im Zimmer auf und ab. Jetzt bleibt er vor Walter ſtehen und ſprudelt:„Alſo der junge Herr dünkt ſich zu gut, um hinter meinem Ladentiſch zu ſtehen?—
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Künſtler wollen wir werden? Unſinn! Habe ich dazu mein ſchönes Geld fortgeworfen und den jungen Herrn zwei Jahre lang auf die theure Handelsſchule in die Reſidenz geſchickt, daß er dort alle mög⸗ lichen Allotria treibe, Farben klexe und ſich dann einbilde, er ſei ein deh Maler?— Blödſinn!“
„Nein, Onkel, das bilde ich mir nicht ein. Ich glaube nur, daß ich Talent und Beruf i in mir trage, um durch Fleiß dereinſt ein tüchtiger Maler werden zu können. Das haben nir auch die bedeu⸗ tendſten Künſtler der Academie geſagt, denen ich meine Zeichnungen vorlegte!“
„Wollen nur Geld von J. C. Strant ziehen— würd' ihnen gefallen— aber ſo dumm ſind wir nicht!— Künſtler? ha! hal ha! beſchäftigter Müßiggänger— Faullenzer!“
Walters Augen flammen, ſeine Wangen glühen und die Stimme bebt:„Ein Faullenzer bin ich nie geweſen und werde es auch nie ſein. Meine Zeugniſſe beweiſen, daß ich auch auf der Handelsſchule bis jetzt meine Pflicht gethan habe— aber das muß jetzt aufhören, ich will mir nicht länger meine ſchönſten Jahre ſtehlen laſſen. Ich weiß ſehr gut, daß ich Jahre der angeſtrengteſten Arbeit vor mir habe, aber ich fühle die Kraft in mir, ſelbſt aus dem Kampfe mit den größten Entbehrungen als Sieger hervorzugehen!“
„Ich frage Dich jetzt zum letzten Mal: willſt Du den ganzen Blödſinn fahren laſſen und am erſten Januar als Lehrling in mein Geſchäft treten?“
„Nein, Onkel, nein— ich kann nicht— ich will nicht!“
„Undankbarer, wer hat Dich, die vater⸗ und mutterloſe Waiſe, die keinen Heller im Vermögen hatte, in ſein Haus aufgenommen und väterlich für Dich geſorgt?“
„Der Bruder meiner Mutter, und ich danke ihm dafür aus vollem Herzen!“ 8
„Und wer biſt Du denn jetzt, daß Du mir zu trotzen wagſt?“
„Kein Knabe mehr, der willenlos thut, was man ihn heißt. Ich werde nie aufhören, Ihnen dankbar zu ſein, aber ich muß von jetzt an mit Bewußtſein den Weg gehen, den ich für den rechten halte!“
„Wahnſinn! ſo geh ins Verderben— mein Haus und meine Hand ſind für Dich verſchloſſen— ich kenne Dich nicht mehr!“
Laut auf weint die arme, kleine Elſe—„Vater, Vater, nimm dies Wort zurück——“
J. C. Strant hört ſie nicht mehr— er iſt aus dem Zimmer geſtürzt und hat die Thür irter ſich zugeworfen. Tante Roſaura folgt ihm mit den theuern Kätzchen.
„Walter— mein— mein Walter, Du darfſt nicht von mir gehen!“— und Elſe ſchlingt ihre Arme feſt um Walters Hals und weint lange, lange ſtill an ſeiner Bruſt!
Das iſt die Minute, in der dem armen Onkel Tob ſein einziger Frühlingstraum verblüht!——
„Walter, bleibe die Nacht bei Hukes, ich komme nachher hin, ich habe Dir noch viel zu ſagen, ehe Du fortgehſt!“
Und dann läßt Onkel Tob die beiden Kinder allein. Im bitter⸗ ſten Weh des Scheidens und Meidens kommt ihnen das erſte Ahnen der ſüßen, ſüßen Erdenliebe!——
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Und zu einem andern Bilde führt ihn der Traum.
Es iſt ein Naſis unwirthliches Gemach, in das Walter hinein⸗ ſchaut. Malergeräthſchaften lieden vuur durcheinande auf dem Tiſch, ein halbvollendetes Bild:„Ein Morgen in der Campagna“ ſteht auf der Staffelei.
Jetzt iſt es Abend— fröhlicher, heiliger Weihnachtsabend! Aber kein Weihnachtsbaum brennt duftend in dem öden Gemach, nicht mal ein Lämpchen verbreitet einen milden Schein. Nur der große italie⸗ niſche Vollmond beleuchtet einen dinſannei Jüngling, der den Kopf in belde Hände geſtützt am offenen Fenſter ſitzt und weit— weit in die Ferne hinausträumt. Dunkle Locken fallen ihm reich über das Ge⸗ ſicht herab.
Wie die Locken über dem Geſicht des einſamen Träumers zittern! Sein Herz ſchmilzt im Heimweh, und durch die zitternden Locken flüſtert
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