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ſüße Elſe— fröhliche Weihnachten!“——
Träume nur fort, Walter, quäle und bange Dich nur noch ein wenig— bald wirſt Du zu fröhlichem Wiederſehen und langerſehntem Glücke erwachen, und es wird Dir erſt recht ſein, wie einem Träumenden!
Es iſt die höchſte Zeit, daß wir zu Tante Roſauras Weihnachts⸗ baum und zu der Geſellſchaft zurückkehren.
Um den Tiſch herum ſtehen die ſechs Ladenjünglinge und ſchauen auf ihren Aepfeltellern die roth und gelbgewürfelten ſeidenen Taſchen⸗ tücher an, die großen Pfefferkuchen mit ihren Zuckernamen und vor allem die geheimnißvollen Papierpäckchen, die obenauf liegen. Bald zuckt dieſe, bald jene Hand, wie magnetiſch augezogen, nach den Päck⸗ chen, aber noch ſchneller zuckt ſie zurück, wenn das Auge auf den ge— fürchteten Meiſter fällt, der neben der ſtrahlenden Geſchäftstante ſteht und ein Geſicht macht, als würde es ihm eine große Herzenser⸗ leichterung verſchaffen, wenn er nur wenigſtens ein Mal ſagen könnte: „Unſinn! wenn die ganze Geſchichte doch nur erſt vorbei wäre!“
Dorr und Stina und Dorrchen ſind auch da, und jeder hat einen hübſchen Weihnachtsteller vor ſich auf dem Tiſche ſtehen. Daß aber Dorrchen ſeine Augen durchaus nicht dahin wendet, wohin ſie das flinke Zünglein ſeiner kleinen lebhaften Frau ohne Aufhören dirigiren möchte: bald auf das ſchöne, neue Kleid, das Onkel Tob ihr geſchenkt hat, bald auf die grüne Plüſchweſte, die für Papa Dorr aufgebaut iſt, bald auf die Zuckerpuppen am Baume—— ſondern immer— fort auf die Comptoirthür ſchaut und zu Stina nichts anderes zu ſagen weiß, als:„Ja, ja, Stina, ſehr hübſch, kleine Frau!“— iſt wirklich unverantwortlich!
Am oberen Ende des Weihnachtstiſches ſteht ein unbeſtimmtes Etwas, ſorgfältig mit einem Tuche verhüllt. Dahin führt Onkel Tob ſeine kleine Elſe:„Jetzt kommt Dein Weihnachtsgeſchenk, mein kleines Frauchen!“
So hat Onkel Tob ſeinen Liebling ſchon ſeit mehreren Jahren nicht mehr genannt!
Onkel Tob zieht das Tuch fort:— ein Oelgemälde ſteht da im vollen Lichtglanze des Weihnachtsbaumes!
Elſe ſtößt einen kleinen Schrei aus:„Walter!— Walter!“— und ſchluchzend liegt ſie in Onkel Tobs Armen.
„Wie?“ ſagt J. C. Strant—„der Menſch wagt es, ohne meine Erlaubniß, meiner Tochter Präſente zu machen?“
„Ich hab' es ihm erlaubt!“— ſagt Onkel Tob trocken.
Voller Entſetzen ſtarren die Ladenjünglinge Onkel Tob wegen dieſer Kühnheit an— ob es in ſeinem runden Kopfe auch noch ganz richtig iſt.
Onkel Tob fährt aber gleichmüthig fort:„Treten Sie doch heran, Herr Schwager, und ſehen ſich das Bild ordentlich an, es verdient es!“ 4
„Unſinn!“ ſagt J. C. Strant,„ich und Bilder anſehen!“
Elſe, die armie kleine, glückliche Elſe ſteht jetzt da vor dem Bilde und ſagt kein Wort. Sie hat die Hände gefaltet, und wider ihren Willen füllen ſich ihre Augen mit heißen Thränen. Unverwandt ſchaut ſie durch den flimmernden Thränenſchleier auf das Bild, das Walter gemalt— für ſeine Elſe gemalt hat.
Und dann fängt ſie an zu zittern, und ihr Herz klopft laut. Onkel Tob nimmt ſie zärtlich in ſeine Arme und legt ihr Köpfchen an ſeine breite Bruſt, in der es auch nicht wenig arbeitet und wogt, und dort weint Elſe ſich ihr volles Herz leichter.
Tante Roſaura tritt neugierig an das Bild heran:—„O, das bin ja ich— und das iſt der Bruder— und das iſt die Schwägerin, als ſie noch lebte— und dort Elſe und Walter und Dorrchen, die mit der Noaharche ſpielen— dort der Weihnachtsbaum, den ich eigen⸗ händig aufgeputzt habe— hier Onkel Tobs lachendes Vollmonds⸗ geſicht—— und dies Bild ſollte Walter gemalt haben? der Walter, der nicht mal weiße ſpielende Kätzchen von dummen Meerſchweinchen zu unterſcheiden verſteht? das bilde mir keiner ein!“
„Ja, das iſt Elſens Mutter!“ ſagt J. C. Strant leiſe vor ſich hin; wahrhaftig, ſeine ſonſt ſo harte Stimme zittert ein wenig.
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es in den italieniſchen blitzernden Abend hinaus:„Elſe— meine
„Nicht wahr, Herr Schwager, das muß ein tüchtiger Maler ſein, der ſolch ein Bild zu malen— und Sie zu rühren verſteht!“ fügt Onkel Tob leiſe für ſich hinzu.
O, Onkel Tob, das haſt Du ſchlecht gemacht!
Huſch! iſt J. C. Strants Rührung verpflogen, das iſt wieder ganz die alte, harte Geſchäftsſtimme:„Unſinn, Tobias, Mittel gegen ſchnellen Reichthum!“
„Im Gegentheil, Schwager, Mittel zu ſchnellem Reichthum— rathen Sie mal, was dem Maler für dies Bild geboten iſt!“
Geringſchätzig zuckt J. C. Strant die Achſeln.„Was wird es ſein? Lappalie— Bettelbrot!“
Woher Onkel Tob wohl mit einem Mal die Würde nimmt, mit der er die Worte hinwirft:„Nun, wenn das Haus J. C. Strant u. Comp. 200 Frd'or. eine Lappalie, einen Bettel nennen darf, dann mache ich dem Hauſe J. C. Strant u. Comp. mein unterthänig⸗ ſtes Compliment!“
„Zweihundert Frd'or— ein tauſend ein hundert dreiund⸗ dreißig Thaler zehn Silbergroſchen Courant ſind für ſolch bischen Farbenklexerei geboten— ſchwarz auf weiß geboten? Blödſinn! Wir laſſen uns nicht für dumm verkaufen!“
„Die 200 Friedrichsd'or ſind dem Maler nicht nur geboten, ſondern von ihm ſogar zurückgewieſen, weil er das Bild nicht verkaufen, ſondern verſchenken wollte!“
„Der Wahnſinnige!— Geld— und ſo viel Geld zu ver⸗ ſchenken!“ ſagt J. C. Strant voller Entſetzen.
Onkel Tob übertrifft ſich heute Abend ſelber an Großartigkeit: „Der Maler hat's nicht nöthig, auf ein Paar hundert Friedrichsd'or zu ſehen, wie wir armen Tütenkrämer! Er hat dem ruſſiſchen Fürſten, der ganz vernarrt in das Bild iſt, für denſelben Preis eine Copie verſprochen!“
„Tobias, wie lange malt er an einem Bilde, wie dieſes?“
„Nun, etwa acht Wochen, je nachdem!“ ſagt Onkel Tob ohne Erbarmen.
„Macht das Jahr über 6800 Thaler— unerhört!“
„Unerhört!“ ſpricht der Chor der„Diener“ dem„Meiſter“ grauſend nach.
„Sollten Sie dem Maler etwa auch eine Beſtellung zu machen haben, Herr Schwager?— er iſt gar nicht weit.“
„Walter— mein lieber, lieber Walter hier!“
Wie todtenbleich die arme kleine Elſe daſteht! Onkel Tob muß ſie halten, daß der innere Sturm ſie nicht umweht!
„Ja, Elſe, ich dachte mir ſo, es wäre wunderhübſch, am heiligen Chriſtabend Eure Verlobung zu feiern— und da darf der Bräutigam doch nicht fehlen!“
„Verlobung? Wahnſ——“
Weiter kömmt J. C. Strant nicht, denn Elſe liegt weinend an ſeinem Halſe:„Nein, Vater, nieht weiter— ſprich das entſetzliche Wort nicht aus!“
Wunderbar! J. C. Strant bleibt zum erſten Male in ſeinem Geſchäftsleben mitten in ſeinem gewichtigſten Worte ſtecken!
Die weichen Arme der kleinen Elſe thun aber noch größere Wunder: mit einem Ruck der Liebe ziehen ſie den alten verknöcherten Geſchäftsmann mehrere Sproſſen von der Höhe ſeiner geliebten Stufenleiter herunter. Mitten auf der Leiter verſucht J. C. Strant es, wieder feſten Fuß zu faſſen:„Das ſolide Haus J. C. Strant hält Verlobung mit einem Künſtler? Blödſ——
Wieder ein Ruck der wunderbaren Arme und J. C. Strant ſteht auf der unterſten Sproſſe der Leiter.„Das uralte Haus J. C. Strant ſollte in fremde Hände übergehen? Unſ——“
Ohne Erbarmen reißt Onkel Tob ſeinen Compagnon auch noch die letzte Sproſſe hinunter durch das Flüſtern:„Natürlich legt Walter ſeine großen Erſparniſſe im Geſchäft an und wird ſtiller Compagnon. Dann heißt die Firma: J. C. Strant, Mäuslein u. Comp.— und gewiß wird ein Enkel von ſeinem Großvater den Handelsgeiſt erben!“.—
„Nun denn— in Gottes Namen!“
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