Sprachmeiſter anwendet, um Schweigen in Reden zu verwandeln, bemerkenswerth erſcheinen. Da iſt ein Mädchen aus Schwaben, von kräftigem Körperbau, dem dienenden Stande angehörig. Sie iſt vollkommen ſtimmlos; nur leiſe Hauche erlauſcht mühſam unſer ihren Lippen ganz nahe gebrachtes Ohr. Das Laryngoſkop zeigt einen von jeder Mißbildung durchaus freien Kehlkopf, blendend weiße Stimm⸗ bänder, wie von Elfenbein. Taſchenbänder und die ganze Umgebung weder entzündet noch geſchwollen. Die ganze Anomalie beſteht darin, daß die Stimmbänder beim Tonangeben ſich wenig oder gar nicht einander nähern, ſondern ihre hinteren Enden mehrere Linien von einander entfernt bleiben, ſo daß die Stimmritze die Figur eines gleichſchenkeligen Dreiecks beibehält.
Prof. Bruns fordert ſie unter Einſtellung des Spiegels in die Mundhöhle zur Angabe eines einfachen a oder e, oder eines Diph⸗ thongen ae, au, ei auf. Sie genügt der Aufforderung anfangs nur durch Herausſtoßen eines ziemlich tonloſen Geräuſches, in dem nur eine Andeutung des aufgegebenen Tones zu erkennen iſt. Auf den oft wiederholten Ruf„lauter, lauter, höher, noch höher“ und die Vorbildung ſolcher lauteren und höheren Töne werden immer mehr auch von der anderen Seite wirkliche Töne hörbar, die Bewegungen der Stimmbänder werden lebhafter. Alsbald ſtößt die Kranke auch, wenngleich mit großer peinlicher Anſtrengung, wenigſtens unter Ge⸗ berden der Erſchöpfung, auf Ordre die Vocale mit an⸗ und auslau⸗ tenden Conſonanten hervor: Bau, Baum, braun, Brauch, braucht, blau u. ſ. w. In einer folgenden Sitzung zählt ſie langſam, zuerſt abrupt, dann auch mehr verbunden: eins, zwei, drei, vier u. ſ. w., und ſchreitet allmählich zu mehrſilbigen Wörtern fort, alles indem der Kehlkopfſpiegel eingeſtellt iſt, der aber allmählich etwas zurückgezogen und zuletzt ganz herausgenommen wird, während die Tonübungen fortdauern. In einer ſpäteren Sitzung ſtieg der Unterricht nach Wiederholung der vorigen Lection zu Singetönen, einzeln angege— benen, ſodann Tonleitern, Terzengängen und Accorden auf. Nach wenigen Wochen ſprach die Aphoniſche zuſammenhängende Sätze mit faſt völlig freier Stimme, und wurde dann nach dem ärztlichen Da⸗ fürhalten als durchaus ſprachfähig und ohne einen Reſt von Lähmung der Stimmbänder entlaſſen, während ſie ſelbſt noch Beſchwerde beim Sprechen zu empfinden angab, und weiterer Behandlung unterworfen zu werden wünſchte.
Dieſe, hier und in noch zwei Fällen von uns beobachtete laryngoſkopiſche Behandlungsweiſe von Prof. Bruns, nach unſerer Meinung ſehr treffend als„heilgymnaſtiſche“ bzeichnet, ohne alle Anwendung von Inſtrumenten, außer dem Spiegel, ganz ohne Darreichung von Medicin oder doch nur untergeordnet davon be⸗ gleitet, hat unſer Laienintereſſe in vorzüglichem Maße erregt. Nirgends trat uns der Gedanke an jenen ähnlichen Vorgang in den Zehn Städten von Galiläa ſo nahe, von dem das Neue Teſtament berichtet. Jenes mächtige Hephatha, dem dort die Entfeſſelung der Zunge und die geſunde Rede ſo wunderbar urplötzlich folgte, es war hier erheb⸗ lich in die Länge gezogen, aber es war doch wirklich da. Das Ende des Heilproceſſes, dort mit ſeinem Anfang geradezu zuſammenfallend, war hier das Ergebniß eines förmlichen Curſus(und wir erkennen darin einen Unterſchied, der auch bei viel kürzerer Dauer deſſelben, wie in einigen Fällen, wo er mit weniger, ja mit einer einzigen Sitzung eiſoldirhr*., genau ſo groß iſt, wie der zwiſchen Himmel und Erde, zwiſchen dem ſchöpferiſchen Gott und dem geſchaffenen Ebenbilde Gottes); aber zuletzt der ſummariſche Thatbeſtand derſel⸗ be:„Sprachloſe redend gemacht.“ Geheimnißvoll, wie der geſammte Bereich des Nervenlebens, wird dieſe damit zuſammen⸗ hängende Stimmloſigkeit und ihre gymnaſtiſche Behandlung wohl auch für den heißen müſſen, der ſonſt nicht gerne Geheimniſſe anerkennt. Freilich dem Geheimniß folgt überall wie ſein Schatten auch die Ein⸗ bildung, ja der Betrug, und ein Gemiſch von beiden; dem Myſterium die Myſtification. Es gibt, daß wir ſo ſagen, nervöſe Aventuriers, noch mehr Aventurieren, die ihre Wanderungen auch bis zu den Krankenhäuſern erſtrecken, die auch einmal ins laryngoſkopiſche Ca⸗ binet eindringen. In Tübingen ſind einige entlarvt worden. Auch wir ſahen ein Mädchen, das wenigſtens unter dem dringenden Ver⸗ dacht ſtand, daß ſie ſich ſtimmlos ſtelle. Der Spiegel, dieſer ge⸗ treue Naturmaler, der überall nur diejenigen täuſcht, die getäuſcht ſein wollen(und wir ſagen nicht, daß deren wenige die Spiegel be⸗ fragen)— der laryngoſtopiſche Spiegel zeigte bei ihr nicht die min⸗ deſte Unregelmäßigkeit. Auch die Stimmbänder fungirten ordnungs⸗
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die Abſchwellung der hochaufgelockerten Schleimnhäute des Halſes
mäßig. Dennoch ſtellte ſie ſich als eine Stimmloſe dar und entſprach der Aufforderung zur Tonbildung in einer ſo ſonderbaren Weiſe, mit ſo ſeltſamen Geberden, daß ſie nach ſorgfältiger Beobachtung, trotz einer recht geſchickten Durchführung ihrer Rolle, als ungeeignet für das Krankenhaus fortgeſandt wurde. Die gute Pflege des Hauſes, die dort gewährte Muße, das Dolce far niente ſchien ihr die Pönitenz des freiwillig übernommenen Trappiſtengelübdes werth zu ſein. Doch der Führer denkt nun ganz ernſtlich daran, ſich bei der Ge⸗ ſellſchaft von Beſuchern des laryngoſkopiſchen Cabinets, die ſich in anvertraut, zu verabſchieden. Ihm werden nur noch wenige Minu ten zu einer eigenen Sitzung auf dem Unterſuchungsſtuhle gewäh
Denn er ſelbſt iſt, in Folge jahrelanger übermäßiger Anſtrengung 2ℳ ſeiner Stimmorgane mit einer zwar nur kleinen, aber ſo ungünſtig 3
wie nur möglich gelegenen Knorpelgeſchwulſt in ſeinem Kehlkopf be⸗
deren Vereinigungswinkel der Stimmbänder, und vexirt ihn mit einer
haftet; ſie lagert nämlich jenſeits der Stimmritze, hinter dem.
hartnäckigen, wenn auch ganz ſchmerzloſen Aphonie. Prof. hat durch Meſſer und Schaber, die er zu ungezählten Malen in eine ungewöhnliche Tiefe hinuntergeſendet hat, zu welchem Zwecke die vor⸗ handenen eash eeng umgearbeitet, wenigſtens verlängert werden mußten, den Frößten Theil der Geſchwulſt in kleinen Partikel⸗ chen entfernt. Gegenwärtig ruht dieſe Arbeit, der hinter dem linken Stimmbande ſich noch verkriechende Reſt iſt durch Anſehwellung des ganzen Reviers in Folge der nothwendigen energiſchen inſtrumentalen Eingriffe und eines ſehr ungelegen dazutretenden Katarrhs einſtweilen ganz unzugänglich geworden. Nur eine laryngoſkopiſche Beobach⸗ tung wird täglich angeſtellt. Es zeigt ſich dabei unter anderem, welche locale Wirkungen ein einfacher Katarrh hervorbringt: auf den Stimmbändern haben ſich z. B. kleine weiße Bläschen von prismati⸗ ſcher Geſtalt gebildet, die nur ſehr langſam allmählich ſich wieder ab⸗ ſtoßen, eine Wahrnehmung, welche für die Naturgeſchichte des Katarrhs doch nicht ganz ohne Intereſſe, ohne laryngoſkopiſche Unterſuchung aber unbekannt iſt. Auch heute iſt letztere nur ganz kurz, ſie bietet Bemerkenswerthes weiter nicht dar, ſoll nur Gelegenheit geben, auf ein Inſtrument aufmerkſam zu machen, das allerdings von bloß auxiliärer Bedeutung, doch große Wichtigkeit hat. Es iſt der Kehl⸗ deckelhalter oder Spatel. Der Kehldeckel(epiglottis) verdeckt nämlich an ſich den Kehlkopfeingang. Bei ſtark vorgereckter Zunge, der erſten Bedingung zu jeder laryngoſkopiſchen Beobachtung, folgt er nun zwar dieſer Bewegung auch und ermöglicht ſo den Einblick in den Kehlkopf, beſonders wenn während der Einſtellung des Spiegels in die Mundhöhle ein möglichſt hohes ae angegeben wird. Doch bei ſehr vielen Menſchen, vielleicht bei der Mehrzahl, richtet er ſich auch ſo nicht genügend auf und muß durch directe mechaniſche Ein⸗ wirkung gehoben werden. In unſerem Falle verrichtet dieſen Thür⸗ hüterdienſt nicht der Patient ſelbſt, der den einen Arm zum Halten der hervorgereckten Zunge zu verwenden hat, und den anderen gern auf dem Lampentiſchchen(vergl. die Abbildung in Nr. 25) gemächlich ruhen läßt, auch nicht der Arzt, der mit der einen Hand den Spiegel, mit der andern die Sonde führt, ſondern ein durch den Sporn treuer Gattenliebe zu dem Patienten wohlgeſchulter weiblicher Aſſiſtent, ſo daß auf dem engen Raume des Mundeingangs des Patienten ein quatre mains von drei Perſonen ausgeführt wird. Wirmöchten auf den Gebrauch dieſes Kehldeckelſpatels mit ganz beſonderem Nachdruck hinweiſen, weil erfahrungsmäßig ohne denſelben die ſchwerſten Irrthümer vorkommen. Wie oft haben Laryngoſkopiſten von den weſentlichſten Erſcheinungen in einem Kehlkopfe bloß darum nichts wahrgenommen, weil der nicht aufgerichtete Kehldeckel ſie nur einen Theil des Kehl⸗ kopfs, wohl den hinteren weiteren Raum, aber nicht den vorderen, wo die Stimmbänder zuſammengehen, der ſo häufig der Sitz einer krankhaften Bildung zu ſein pflegt, geſehen haben. Wie mancher Kehlkopf iſt ſo für normal erklärt worden, während er in Wahrheit höchſt abnorm war.— Bloß darum, weil der Erklärende ſo zu ſagen ein Urtheil über die Beſchaffenheit eines Zimmers vor verſchloſſener Thüre abgab. Neben dem Spatel wird auch die Sonde und die Piacette(von Wien aus hört man, auch ein durch den Kehl⸗ deckel durchgezogener Faden) zu gleichem Zwecke gebraucht; doch ſcheint der Spatel, der ihn vollſtändiger als die Sonde und ohne Verletzung erreicht, den Vorzu
zu verdienen. Unſere Sitzung iſt be⸗ endigt mit der Erklärung unſeres Meiſters: in weiterer Geduld
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