die damit umgingen, eine„neu⸗alt⸗deutſch⸗italieniſche Malerei“ ins Leben zu fördern; aber ſie tröſteten ſich mit dem großen Gedanken, eine neue deutſche Kunſt zu erziehen. Häufig verſammelte Niebuhr, der preußiſche Geſandte, die Freunde um ſich; wiederholt beſuchte ſie auch der Kronprinz Ludwig von Baiern, der wol an die Dürerſchen Apoſtel in München dachte, wenn er Overbeck mit Johannes und Cornelius mit Paulus verglich.
Die zweite große Arbeit, welche Cornelius in Rom vollendete, waren die Compoſitionen zu den„Nibelungen,“ wo er ſich mehr an den Gang der Handlung hielt, ohne indes lang und breit auf alle Nebenumſtände Rückſicht zu nehmen. Die Oelmalerei war überhaupt nicht ſeine Sache, ſeine Gedanken bedurften eines andern Ausdrucks. Cornelius ſuchte mit ſeinen Freunden die Frescomalerei wieder zur Anwendung zu bringen. Dazu mußte ſie ſo gut wie neuentdeckt werden. Sie erfordert eine lange Erfahrung. Die Farben werden naß auf den eben aufgetragenen Kalkgrund gebracht und verändern ſich, wenn ſie trocken ſind. Aber dieſe Malerei iſt haltbarer als jede andere. Dieſe Studien, die alte monumentale Malerei wieder zu beleben, unterſtützte Bartholdi, damals preußiſcher Conſul in Rom, der in ſeinem Hauſe, das ihm aber gar nicht einmal zu eigen gehörte, die Freunde die Geſchichte Joſephs in Fresco an die Wände malen ließ. Von Cornelius ſind zwei Gemälde, die Deutung des Traums vor Pharao, und die Wiedererkennung der Brüder.—„Wir ſehen hier(ſo urtheilt Hermann Grimm in ſeinen feinſinnigen„Eſſays“), die reinſte Hingabe an die Formen der Natur mit einer Fähigkeit, ſie wiederzugeben, gepaart, die erſtaunlich iſt. Der Ausdruck in den Geſtalten und Köpfen der Brüder iſt unmittelbar erkenntlich. Alle Nüancen erwartender Furcht und Verlegenheit unterſcheidet man. Und die aufſpringende Freude Benjamins begegnet der verhaltenen Rührung Joſephs ſo ſchön, daß ſich keine treffendere Darſtellung dieſer Scene denken läßt.“
Eine andere Hauptarbeit ſollte die Ausmalung der Villa Maſſini ſein. Overbeck, Schnorr und Cornelius wurden ſie übertragen. Jeder hatte einen der großen italieniſchen Dichter zur Darſtellung zu bringen. Overbeck wählte Taſſo, Schnorr den Arioſt, Cornelius aber Dante, wie er denn ſelber der Dante der Malerei geworden iſt. Er wollte das Paradies zum Inhalte eines Deckengemäldes machen. Der Entwurf, eine colorirte Zeichnung, iſt im Beſitz des Königs von Sachſen. Zur Ausführung kam es jedoch nicht. Der Kronprinz von Baiern gewann Cornelius für die Ausmalung der Glyptothek. Zu gleicher Zeit aber ward dieſer zum Akademiedirector nach Düſſel⸗ dorf berufen. Niebuhr vermittelte das.„Cornelius,“ ſo ſchreibt er im April 1818 nach Berlin,„hat ſich mit dem Kronprinzen von Baiern geeinigt, und ſo verlieren wir den. Dies hat mich ſehr er⸗ ſchüttert.“ Und unterm 5. Juli 1819 berichtet er an den Cultus⸗ miniſter Freiherrn von Altenſtein:„Sein Genie mit dem umfaſſend⸗ ſten Talent und der tiefſten Einſicht in alle Zweige ſeiner Kunſt ver⸗ bunden, iſt in Deutſchland, wie hoch man es auch würdigen mag, nur ſehr unvollkommen bekannt und kann dort noch nicht vollkommen be⸗ kannt ſein.— Cornelius iſt unter den Malern, was Goethe unter unſern Dichtern. Sein Verſtand iſt ebenſo vorzüglich, wie ſein Genie und Talent; er iſt in keinen Vorurtheilen befangen und durch und durch von lebendiger Wahrheitsliebe beſeelt. Mit dieſen Eigenſchaften verbindet er die, welche zum Erfolg des Wirkens von Menſch auf Menſch die wichtigſten ſind. Daß er frei von dem leiſeſten Neid iſt, folgt bei einer ſchönen Seele unmittelbar aus dem ſtillen Bewußtſein, welches er von dem, was er iſt, haben muß. Er iſt aber nicht nur dies, ſondern voll Liebe und voll Eifers, den jüngern Künſtlern mit Rath und That zu helfen. Er zieht ſie gern an ſich.“— Eine Empfehlung, die Niebuhr wie Cornelius ehrt, und eine Schilderung, die den letzteren als Künſtler wie als Menſchen vortrefflich charakteriſirt.
Cornelius nahm beide Anträge an. Es wurde ausgemacht, daß er ſechs Monate in Düſſeldorf, ſechs Monate in München verweilen ſollte. 1820 kam er zum erſten Male nach Berlin und brachte die Anfänge der Glyptothekcompoſitionen ſchon mit. Von nun an wur⸗ den Winters in Düſſeldorf die Cartons gezeichnet, die Sommers in München zur Ausführung kamen. In Rom hatte er Genoſſen ge⸗ habt, jetzt begannen die Zeiten, in denen er Schüler zog. Mit dieſen zuſammen, heute die berühmteſten Namen in Deutſchland— wie Kaulbach, Stilke, Stürmer, Anſchütz, Herrmann u. a.— malte er zwiſchen 1820 und 1830 zwei gleich große quadratiſche Säle der Glyptothek und die Eingangshalle dazwiſchen; in der letzteren die
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heſiodiſchen Götter, in dem ſogenannten„Götterſaal“ die homeriſchen Götter und in dem„trojaniſchen Saal“ die Heroenwelt. Oft ſah man ihn Arm in Arm mit dem Kronprinzen Ludwig im Hofgarten umherwandeln und die Fresken betrachten, welche jüngere Künſtler in den Arcaden malten; und 1826 nach Vollendung des Heroen⸗ ſaales ſchmückte ihn der König Ludwig im Kreiſe der Schüler eigen⸗ händig mit dem Civil⸗Verdienſt⸗Orden, dem erſten, den er ertheilte; eine Auszeichnung, womit der perſönliche Adel verbunden war.„In den Malereien der Glyptothek hat der Meiſter ſeine Auffaſſung der alten Welt in tiefer und gewaltiger Weiſe documentirt, wenn auch der ſpecifiſch griechiſche Formenſinn ihm nicht ganz eigen und die Ausführung zum Theil mangelhaft war“; urtheilt Alfred von Wol⸗ zogen in ſeiner kürzlich erſchienenen Biographie des Künſtlers. Dieſes Mangelhafte beſteht darin, daß jenen Darſtellungen nicht immer ſchöne Linien beiwohnen; die ſüße Rhythmik und hehre Harmonie, die ſich wie ein Accord voll des reinſten Wohllauts durch alle Bild⸗ werke der klaſſiſchen Hellenenzeit hindurchzieht, geht ihnen ab. Cor⸗ nelius ſucht das Erhabene meiſt nicht im Schönen, ſondern— wie Beethoven in ſeiner ſpäteren Periode— im herb und ſchroff Charak⸗ teriſtiſchen, weshalb er nicht ſelten ins Uebertriebene, ja ins Bizarre oder Groteske verfällt.
Neben der Glyptothek war unterdes das Gebäude der Pina⸗ kothek oder Bildergalerie und eine neue Kirche emporgeſtiegen. Zu den Loggienbildern der Pinakothek, welche die Entwickelung der italieniſchen Malerei und der übrigen Malerſchulen darſtellen, lieferte Cornelius die Zeichnungen. Nirgends mehr als hier offenbart ſich der Reichthum ſeiner dichtenden Phantaſie, und nirgends ſonſt findet ſich wieder die ungeſchminkte, wohlthuende Heiterkeit, welche in dieſem Bildercyklus herrſcht. Nur in dieſen Zeichnungen hat der Maler die Schönheit zu ihrem vollen Rechte kommen laſſen, und mit ihr eine bewegte und doch in ſich ſelbſt beruhigte und klare Anſchauung des Lebens und ſeiner geiſtigen Beziehungen.
Dennoch iſt nicht das Schöne und Heitere, ſondern das Er⸗ habene und Ernſte, ja Strenge und Düſtere des Künſtlers eigent⸗ liches Element. Im Erhabenen und Strengen wurzelt ſeine Be⸗ deutung, und darin ſteht er unter den Zeitgenoſſen einzig da. Er iſt ſeinem Schwerpunkt nach der Maler des Glaubens und der letzten Dinge, und als ſolcher zeigt er ſich von jetzt ab bis zu ſeinem Le⸗ bensende; während der münchener Periode in der Ausmalung der Ludwigskirche und dann in Berlin in den Entwürfen zu den Fresken des Campo Santo.
Im Auftrage der Stadt München übernahm Cornelius die künſtleriſche Ausſchmückung der Ludwigskirche durch Fresken, welche die Kreiſe der chriſtlichen Offenbarung als eines geſchloſſenen Ganzen durchlaufen und in ſymboliſcher Anſchauung von der Weltſchöpfung bis zum Weltgericht durchgeführt ſind. Das Hauptgemälde von allen iſt die Darſtellung des„jüngſten Gerichtes,“ für welches er den Carton 1834 und 1835 in Rom entwarf; von 1836—1840 war er mit der Ausführung in Fresko beſchäftigt, ſo daß das Werk ge⸗ rade dreihundert Jahre nach Vollendung des Weltgerichtes von Michel Angelo fertig geworden iſt. Er führte die koloſſale Arbeit nach über⸗ ſtandener lebensgefährlicher Krankheit ganz allein aus, während die übrigen Bilder in der Ludwigskirche von ſeinen Schülern und Ge⸗ hilfen gemalt worden ſind. Michel Angelo faßt das Weltgericht als einen wirklichen Vorgang, als den zukünftig eintretenden Tag der Vergeltung auf, während Cornelius überall die ſymboliſche Bedeu⸗ tung des Dogmas feſthält, wonach das jüngſte Gericht ein ewiges Gericht iſt, ſo daß in jedem Augenblick und überall Chriſtus, ja der bloße Gedanke an ihn ſchon das Urtheil über uns ſpricht, das uns zu den Seinen zählt oder von ihm ſcheidet. Michel Angelos Darſtellung iſt ganz dramatiſch, die von Cornelius hingegen vorwiegend lyriſch. Bei aller Herbheit der traditionellen Formen wendet er ſich doch zwiſchendurch unmittelbar an das Herz des Beſchauers; davon zeugt die wunderſchöne Gruppe der beiden Liebenden, welche den Kernpunkt aller menſchlichen Hoffnungen am Rande des Grabes in rührendſter und eindringlichſter Weiſe ausdrückt.
Seit 1826 hatte Cornelius ſein Amt in Düſſeldorf aufgegeben und war ganz nach München übergeſiedelt, wo er an Stelle ſeines alten Lehrers Langer, der einſt an ſeinen Malerberuf nicht hatte glauben wollen, zum Akademiedirector ernannt wurde; und mit dem Meiſter gingen die meiſten ſeiner Schüler und älteren Freunde. Fünfzehn Jahre hindurch leitete er hier direct oder indirect, was
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