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Sie hatte einen ſo flehenden Blick bei dieſen Worten auf den Kurfürſten gerichtet, daß ihr Antlitz in der That einem der ſchönſten Originale glich, welche die Pinſel gyoßer Heiligenmaler verewigten. Alles betrachtete das Mädchen, deſſen ſchlanke Geſtalt und herrliches Untlitz gar nicht in die Schenke von Emmerich zu gehören ſchienen. Hinter den Wirthsleuten drängten ſich Kopf an Kopf die Gäſte und Fremden, welche aus der Wirthsſtube herbeigeeilt waren.„Nein, nein, Ihr ſeid zu beſcheiden, der Ruf von Eurer Schönheit iſt nicht ibertrieben, auch Eure Sitten lobt man, und Ihr dürft wohl dem durfürſten von Brandenburg den Trunk reichen.“
Schon hatte die Schweſter Martha aus der großen Flaſche ein ſohes, feines Glas mit Wein gefüllt und reichte es auf einem breiten upfernen Teller Katharina. Dieſe ergriff den Credenzteller mit dem Hlaſe, beugte ſich ein wenig und hielt dann das gefüllte Glas dem durfürſten hin.
„Möge dieſer Trunk vor unſerm ſchlichten Hauſe Euer kurfürſt⸗ ichen Gnaden mun en und der allergnädigſte Herr ihn ſo freundlich ind gnädig aufnehmen, als wir ihn von Herzen mit den beſten Wün⸗ chen darreichen!“ ſagte ſie. Der Kurfürſt ergriff das Glas, hob es mpor und that dann einen Zug.„Dies trank ich auf Euer Wohl ind auf das Eures Hauſes. Aber eins möchte ich wiſſen, ſeid Ihr ſerne in Emmerich oder möchtet Ihr wohl dereinſt weiter hinaus, twa in eine größere Stadt? Ihr ſeid nicht geſchaffen, in ſo kleiner Umgebung zu bleiben.“ Alle horchten auf. Die Verbündeten tießen ſich leiſe an, aller Augen ſuchten den Freiherrn— er war nicht zu erblicken.„Es wird mein Loos ſein, hier im Hauſe der Eltern zu weilen,“ ſagte Katharina mit zitternder Stimme, während uch ihre Blicke den Freiherrn ſuchten.„Wie ſollte ein ſo unbe⸗ ſeutendes Menſchenkind, als ich bin, an ſo hohe Dinge denken?“ Sie hatte unwillkürlich eine Stellung angenommen, die nicht zu den zeſcheidenen Worten gehörte.
„Man kann nicht wiſſen, was geſchieht,“ ſagte der Kurfürſt, zas Glas auf den Teller ſetzend.„Ich ſpreche noch, ehe die Reiſe rach Berlin zurückgeht, mit Euch darüber, Meiſter Ricker. Habe ſo inen Plan,— will ein gutes Wort für jemand einlegen. Auf Wie⸗ verſehen, mein ſchönes Kind. En avant, messieurs!“ fuhr er, zu den Cavalieren ſich wendend, fort.„Wir wollen weiter fahren. Es war ein ganz herrlicher Wein dort und die Geberin machte ihn noch ſchöner. Morgen ſoll die Zahlung ſtattfinden. Gehabt Euch wohl, ſchönes Kind. Er ſchritt nach ſeinem Boote, ſtieg hinein und winkte noch einmal gnädig mit der Hand den am Ufer ſtehenden Rickerſchen Eheleuten und den Töchtern, dann ſtießen die Ruderer ab und das Schiff fuhr in die Wellen zurück. Katharina ging, ohne ſich umzuſehen, mit den Eltern in das Haus, wo die gaffende Menge ſie umringte.
Während dieſer Vorgänge hatte hinter der neugierig ſich vor⸗ drängenden Maſſe eine Scene geſpielt, die Herr von Danckelmann, wenn er Zeuge geweſen wäre, ſicherlich zu ſeinem Vortheile ausge⸗ beutet hätte. Gleich nachdem Katharina den Freiherrn verlaſſen hatte, war dieſer ihr gefolgt. Als er in das Gaſtzimmer trat, hatte der Menſchenſchwarm bereits die Thür deſſelben verſtopft, um den ſo eben beſchriebenen Empfang des Kurfürſten zu ſehen. Sämmt⸗ liche Leute drehten deshalb dem Eintretenden den Rücken zu. Der Freiherr vermochte auch nicht die Mauer von Menſchen zu durch⸗ brechen, er blieb daher in dem Hintergrunde des Zimmers. Nur ein Gaſt ſchien ſich um den Tumult nicht zu kümmern, ſondern ſaß vor ſeinem Weine ſtill und theilnahmlos. Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Bürgers jener Zeit und hatte den Kopf in ſeine Hand geſtützt. Bei dem Eintritte des Freiherrn fuhr er auf. Ein Blick genügte für Kolbe, um in dem Fremden den Pater Wolff zu erkennen.
„Um des Himmels willen,“ flüſterte er, an den Tiſch tretend,„machen Sie ſich davon. Wie kommen Sie her? wie wagten Sie——“ „St.!“ ſagte leiſe der Pater.„Ich vin hier, das iſt genug. Fürch⸗ ten Sie meinetwegen nichts. Ich finde überall Helfer und Freunde.“ —„Sie wiſſen nicht, daß Danckelmann—“—„Ich weiß alles, weiß auch, daß ich ein Spiel verlor. Aber ich beginne eine neue Partie und werde ſie in Ihrem Intereſſe gewinnen. Jenes Mäd⸗ ſchen, welches der Kurfürſt hente ſehen will, ſoll das Werkzeug für uns werden. Sie haben ohne Zweifel die Tochter des Wirthes im Sinne gehabt. Sie haben richtig gewählt— ſie muß an den Hof gebracht werden, zögern Sie nicht.“
Kolbe fuhr auf.„Ich müßte
mein Lieber,“ flüſterte der Pater.„Sie haben ſo gut gearbeitet bis⸗ her, Sie und Ihre Freunde, daß es ſchade wäre, wollten Sie nicht ſo fortfahren. Der Kurfürſt iſt gewonnen, er ſpricht ſo eben zu der, die über ihn herrſchen ſoll— hören Sie? Ihr habt trefflich den Boden bearbeitet, das Mädchen aus Emmerich wird über alle triumphiren. Sie werden dieſe Katharina in glanzvoller Stellung bei Hofe erblicken.“—„Aber wie ſollen wir ſie nach Berlin brin⸗ gen? Es iſt kein gewöhnliches Mädchen, ſie geht nicht als Geliebte eines hohen Herrn, ſie verlangt den Titel, die Rechte einer Gattin, ſollte ich den Schritt thun—— 2—„Nicht doch. Kommen Sie näher— ſo. Ich werde Ihnen etwas ins Ohr flüſtern: Biedekap muß die Schiffertochter heirathen.“ Der Freiherr wendete ſich er⸗ ſchreckt zu dem Pater.„Sie ſcheinen allwiſſend,“ flüſterte er. —„Nur geſchickte Handhabung,“ lächelte Wolff.„Ich habe durch den Kammerdiener alles erfahren. Er heirathet ſie und bringt ſie nach Berlin, das weitere findet ſich dort.“—„Sie täuſchen ſich in einem Punkte, Herr Pater. Katharina verabſcheut dieſe Heirath. Biedekap iſt nicht ein Gatte, den ſie ihrer würdig hält. Ich bin, durch meine Neigung an das ſeltene Mädchen gefeſſelt, ihr alles ge⸗ worden, ſie wird nicht von mir laſſen ohne die größten Kämpfe, und ſie kann mich compromittiren— wie wird ſie den Freiherrn von Wartenberg mit dem faden Biedekap vertauſchen?“—„Sie wird müſſen,“ ſagte der Pater.„Wenige Tage haben für mich genügt, um hier alles zu erfahren— auszukundſchaften, deſſen ich bedarf. Es ſchwebt eine dunkle Wolke über dem Mädchen, die ſich entladen Sird. Sie iſt ehrgeizig, ſie will hoch hinaus und wird doch ein⸗ willigen, Biedekap zu heirathen.“
„Sie ſetzen mich in Furcht,“ ſtammelte Kolbe.„Was ſoll mit Katharina geſchehen?“—„Gar nichts. Es wird ſich nur eine Scene ereignen, die ich jetzt vorbereite und die es der ſchönen Katha⸗ rina unmöglich macht, den Freiherrn von Wartenberg zu ehelichen. Da ſie aber nach Berlin an den Hof möchte, da ſie ehrgeizig genug iſt, frühere Verbindungen zu zerreißen, nur um ſich emporzuſchwin⸗ gen, wird ſie dem kurfürſtlichen Kammerdiener gern ihre Hand reichen. In ſpäteren Zeiten drängen Sie ſich vielleicht noch einmal danach, die Madame Biedekap zur Freifrau von Wartenberg zu machen, für jetzt— das ſehe ich ein— können Sie nicht der Gatte der Katharina Ricker werden, wir aber müſſen ſie in Berlin haben, denn ſie iſt von dem Holze, aus welchem die Gebieterinnen dieſer Erde geſchnitzt wer⸗ den.“—„Und das alles wollten Sie bewerkſtelligen?“—„In we⸗ nigen Stunden. Es iſt nicht ſo ſchwer, als Herrn von Danckelmann zu ſtürzen.“—„Aber wie?“—„Indem ich ein kleines Geheimniß der Schiffertochter entdecke und der Oeffentlichkeit preisgebe,“ ſagte der Pater aufſtehend.„Bleiben Sie mir vor der Hand aus dem Spiele, bis ich Sie rufe. Fort jetzt, der Kurfürſt geht zurück.“ Er eilte zur Thür und verſchwand durch dieſelbe. Ohne ſich umzuſehen, folgte der Freiherr. B
Als Ricker mit ſeiner Gattin, den Töchtern und ſeinen Freunden in das Gaſtzimmer kam, noch ganz voll von der Ehre, die ihm wi⸗ derfahren, war Katharina ernſt, faſt niedergeſchlagen.„Sahſt Du den Freiherrn?“ flüſterte ſie der Schweſter zu.—„Nirgends.“— „Es iſt entſchieden, er verläßt mich. Ich darf ihm das Verſprechen nicht entdecken, welches mich bindet.“—„Warum haſt Du Dich dem David Zwoller verlobt,“ ſagte Martha erzitternd,„was haſt Du ge⸗ than?“—„Schweige. Ich werde ſehen, wie ich aus dieſen Feſſeln komme. Oh— ein glänzendes Loos winkt— der Freiherr würde nach dem Gruße des Kurfürſten nicht zaudern, und jetzt— jetzt, wenn er erführe——“*
„Ich grüße die Schönſte, die Tugendſamſte,“ ließ ſich eine Stimme vernehmen.„Wir ſind Zeuge der Ehren geweſen.“ Biede⸗ kap ſtand vor Katharina.„Dieſes Glück, welches dem Hauſe wider⸗ fahren iſt, ſoll durch ein Feſt gefeiert werden,“ fuhr er fort.„Und ſo lade ich alle Anweſenden denn auf Montag Abend zu einem Mahle in den Hirſchengrund.
Feſt und hoffe, Sie nehmen meine Ladung an.“ ſchörſte Jungfrau, werden nicht fehlen,“ ſagte Biedekap zu Katharina.
„Och werde mich mit den Eltern einfinden,“ ſagte Katharina mit örichender Stimme.„Ich muß mich ſtark zeigen,“ ſetzte ſie leiſe
das Mädchen meine Gattin nennen, bedenken Sie meine
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Stellung.
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hinzu.„Wenn er mich verſchmäht, ſuche ich ohne ihn auf die Höhe
Es iſt dann noch wenig Zeit bis zu unſerer Abreiſe nach Berlin. Ich mache den Wirth, ich gebe dieſes
„Bravo! Bravo!“ riefen alle,„wir kommen.“„Auch Sie, 1


