Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
403
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Tage der Anweſenheit in Cleve dem Kurfürſten von dem Geiſte und der Schönheit der Schiffertochter erzählen laſſen, die Nachrichten mehrten ſich täglich, und Friedrich entſchied ſich endlich für einen Beſuch bei dem Fährmann. Der Freiherr frohlockte. Mit ihm Wittgenſtein und die Genoſſen der Clique, während Danckelmann ernſthaft den Kopf ſchüttelte.Zwei Dinge bereiten ſich hier vor, ſagte er.Ein großes Ereigniß, das Bündniß mit Oranien und ein kleines, erbärmliches eine neue Hofintrigue. Ich bin noch nicht ſicher, wo die Herren hinaus wollen geben wir Achtung. Als am Schluſſe der Tafel der Kurfürſt des Kammerdieners er⸗ wähnte und ihn als einen Bewerber um Katharina darſtellte, ward der Freiherr ſtutzig. Hatte der langweilige Biedekap es vermocht, ſeine Werbung anzubringen? war er erhört worden? vielleicht weil Katharina daran verzweifelte, die Hand des Freiherrn zu gewinnen. Kolbe warf ſich aufs Roß und ritt nach Emmerich. Hier angelangt, ſuchte er eine Unterredung mit Katharina. Die Befürchtungen des Freiherrn waren nicht umſonſt. Biedekap, der von Ricker bedeutende Weinlieferungen für den Hof in Cleve entnommen hatte, war dem Alten ein ſehr willkommener Gaſt. Noch mehr als der Vater prote⸗ girte ihn aber die Mutter. Ein kurfürſtlicher Kammerdiener das war der Inbegriff aller Wünſche für Frau Ricker, ihre Träume gin⸗ gen in Erfüllung, der vornehme Schwiegerſohn, der im Schloſſe zu Berlin wohnte, ſchritt mit ihr und der Tochter über die Gaſſe und die dreie erregten den Neid aller Einwohner. Frau Ricker war bei aller Eitelkeit doch eine kluge Frau. Sie ſagte ſich, daß alle Schön⸗ thuereien und Complimente der Cavaliere zu nichts führen könnten, denn eine Ehe mit Katharina würde keiner der Herren eingegangen ſein, alſo war Biedekap der Sicherſte, Reellſte und Beſte. Frau Ricker ſäumte denn auch keinen Augenblick, Katharina die Vortheile einer ſolchen Partie recht augenſcheinlich zu machen. Die ſchöne Katharina lächelte, ſie blickte auf Biedekap, der zwar nicht häßlich, aber durchaus nicht mit dem Freiherrn zu vergleichen war. Biedekap ward eingeſchüchtert, er fühlte deutlich genug die Ueberlegenheit Katha⸗ rinas und ſo vermochte er nur dann eine entſchiedenere Haltung an⸗ zunehmen, wenn er ſich durch einige Gläſer Wein den gehörigen Muth verſchafft hatte; in ſolchen Augenblicken ließ er Andeutungen von einer bevorſtehenden Werbung fallen. Der Freiherr ward durch Katharina von all dieſen Ereigniſſen unterrichtet. Das Mädchen ergriff ſeine Hand und ſah ihm in die Augen:Caſimir, ſagte ſie, man will mich Dir entreißen. Die Mutter will, daß ich des Kur⸗ fürſten Kammerdiener heirathen ſoll Du wirſt es nicht zulaſſen. Du haſt mich ſeit jener Nacht, wo ich Dich im Hohlwege fand, ge⸗ liebt, ich weiß es, Dein Wort, Dein Kuß, ſie haben mich gefangen, gefeſſelt, und um Deinetwillen werde ich zur Eidbrüchigen kannſt Du mich laſſen? Der Freiherr erbleichte. Jetzt war der Augen⸗ blick gekommen, wo es ſich entſcheiden mußte. Wenn Katharina ſich getäuſcht, in ihren hohen Erwartungen betrogen ſah, dann war das Haus des alten Ricker der Schauplatz einer heftigen Scene. Der Kurfürſt konnte jeden Augenblick eintreffen, vielleicht kam er gerade zu dem Auftritte, den die betrogene Katharina herbeiführte, und der Mittelpunkt eines Scandals war wieder der Freiherr Kolbe von Wartenberg. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß die ſtolze Katharina ihn nicht zwingen werde, aber eben ſo wenig war er dar⸗ über in Zweifel, daß ſie ohne Rückhalt dem Kurfürſten das zärtliche Verhältniß entdecken würde, in welchem Kolbe zu ihr geſtanden.Ge⸗ winnen wir nur Zeit, ſagte der Freiherr für ſich.Dieſes Mäd⸗ chen darf uns nicht entgehen und ich muß mich aus der Schlinge ziehen. Er legte ſeine Hand unter Katharinas Kinn und hob den Kopf des Mädchens empor.Katharina, ſagte er,verzeihe mir, wenn ich nicht gleich antworten kann. Eine ſonderbare Beklemmung ver⸗ ſchließt mir faſt den Mund. Katharinas Augen nahmen einen finſpern Ausdruck an, ſie ſeufzte ſchwer und ließ die Hand des Frei⸗ hfeltn los, welche ſie noch in der ihrigen gehalten hatte.Ich ver⸗ ſſtehe, ſagte ſie.Der Herr Kolbe von Wartenberg iſt vorſchnell geweſen jetzt iſt die Schiffertochter nicht gut genug nur für eine Unterhaltung taugt ſie, damit die vornehmen Herren ſich die Zeit nicht lang werden laſſen. Sie hätten das früher bedenken ſtllen, Herr Freiherr, bevor Sie meine Sinne berückten und mich an den Rand des Verderbens gebracht hätten, beſäße ich nicht mehr Stärke des Willens als Sie. Hier nehmen Sie vor allen Din⸗ gen dieſen Ring wieder. Sie wollte den Ring, den Kolbe ihr einſt geſchenkt, abſtreifen; der Freiherr hielt ihre Hand zuruc 4

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Du mißverſtehſt mich, Katharina, rief er.Ich liebe Dich noch immer, aber es iſt ein Schatten zwiſchen uns, ich würde gern alles Dir bieten, allein wenn ich Dich mein nennen ſoll, wie darfſt Du ein Geheimniß vor mir haben? Ich frage Dich, was bedeuten die geheimnißvollen Rufe, was ſoll der Blick nach jenern Hauſe, welches dort hinter den Bäumen ſo ſchwarz und unheimlich vor uns aufſteigt? Feſſelt Dich ein Gelübde an jemand, deſſen Namen Du verbergen mußt? Laſtet eine Schuld auf Dir? Sprich, wenn ich zu Dir ſtehen ſoll. Katharina kämpfte mit einem herben Entſchluſſe, ihre Wangen erbleichten, ſie preßte die Hand auf das klopfende Herz, aber ihre Lippen öffneten ſich nicht, um die erwartete Aufklärung zu geben.Ich kann nicht ſagen, was es iſt, ſtammelte ſie endlich. Fragt die Leute hier im Orte, ſie klatſchen genug ich will nichts ſagen. Wenn dies Euer letztes Wort war laßt von mir, ich will nicht Euch angehören, meidet meine Straße. Der Freiherr wollte das vor Zorn bebende Mädchen umfaſſen, ſie ſtieß ihn zurück.Da⸗ vid! David! murmelte ſie leiſe.Das Verhängniß, welches ſich an Deinen Namen heftet, beginnt zu walten. Ich bleibe die Deine. In dieſem Augenblicke erſchallte lautes Trompetengeſchmetter vom Fluſſe herauf. Kolbe eilte an die Brüſtung des Balkons. Ein lan⸗ ges Ruderboot fuhr, aus der Mitte des Rheins lenkend, gegen das Fährhaus Rickers. Die Wände dieſes Bootes waren mit bunten

Teppichen geſchmückt, am Steuer flatterte eine Fahne mit dem bran⸗

denburgiſchen Kurwappen. Im Vordertheile des Fahrzeuges ſaßen Trabanten, die Mitte nahmen der Kurfürſt und ſein Gefolge ein. Es iſt der Kurfürſt, rief Kolbe dem Mädchen zu, welches ſtarr und unbeweglich auf der Stelle verharrte.Nimm Dich zuſammen, Katharina, Seine kurfürſtliche Gnaden wollen Dich kennen lernen. Sei heiter es kann noch alles gut werden.Der Kurfürſt? rief Katharina aufſchreckend.Ah vielleicht ſoll ſich heute mein Schickſal doch noch wenden.

Indeſſen ward das ganze Haus mit eins wahren Flut von Menſchen überſchwemmt. Treppauf, treppab liefen die Bewohner, Katharina hörte ihren Namen rufen.Eile hinunter, ſagte Kolbe, ich will Dir folgen. Die Augen Katharinas blitzten. Eine Ahnung von künftigem Glanze ſchien aus dieſen Blicken zu leuchten, ſtolz erhob ſie das Haupt und einen flüchtigen Gruß dem Freiherrn zuwinkend, eilte ſie in das große Gaſtzimmer hinab. Hier hatte die Ankunft des Schiffes die Verwirrung auf den höchſten Grad getrie⸗ ben. Fremde und Einheimiſche liefen durcheinander, die zufällig an⸗ weſenden Reiſenden blieben natürlich auf ihren Plätzen, um dem ſel⸗ tenen Schauſpiele beiwohnen zu können, deſſen Zeugen ſie durch ein glückliches Ungefähr wurden. Die Trabanten waren ausgeſtiegen, um eine Chaine zu bilden, die ſich vom Rande des Ufers bis zur Ein⸗ gangsthüre hinzog. Zwiſchen dieſe hindurch ſchritten der Kurfürſt und ſein Gefolge. An der Pforte ſtand Ricker, die Mütze in der Hand, neben ihm ſeine Gattin, hinter beiden Katharina und Martha. Der Kurfürſt legte die Hand an ſeinen Hut und ſagte:Ihr ſeid der Wirth und Fährmann Ricker?Euer kurfürſtlichen Gnaden zu dienen, ſtotterte der Alte.Ich bitte Euch um einen Trunk. Kurfürſtliche Gnaden machen mich unendlich glücklich.Wir wollen eine Abendfahrt auf dem Rheine machen und haben hier an⸗ gehalten, um uns durch ein Glas guten Weines zu erquicken, denn der Abend iſt ſchwül.Ein guter Rheinwein ſoll Eger kurfürſt⸗ lichen Gnaden munden, und das Glas, aus welchem unſer erlauchter Herr getrunken, wird eine Zierde des Hauſes bleiben.Gut gut, Meiſter Ricker, aber der Trunk ſoll mir gereicht werden von Euren ſchönen Töchtern. Das ſind ſie wohl, dort hinten? Ricker gab den Mädchen ein Zeichen, ſie traten vor. Martha war blutroth im Geſichte, ſie machte einen tiefen Knix und ſchlug die Augen nieder. Katharina aber verbeugte ſich graziös und blickte den Kurfürſten zwar beſcheiden, aber ohne Verwirrung an.

Dies iſt wohl die ſchöne Katharina, von der alle dieſe Herren ſo entzückt ſind, ſagte der Kurfürſt mit freundlichem Lächeln. Es iſt meine Tochter Katharina, gnädiger Herr, antwortete Ricker. In der That ein ſchönes Kind, ſagte der Kurfürſt.Ei, meine liebe Jungfer, Ihr verdreht mir den Cavalieren die Köpfe, ſie laſſen ihre Herzen in der kleinen Stadt Emmerich.Durchlauchtigſte Gnaden belieben zu ſcherzen, entgegnete Katharina.Die Herren ſind gar nachſichtig gegen,ein armes Mädchen. Wenn ich nicht wüßte, wie gnädig der Herr Kurfürſt ſind, ſo müßte ich fürchten, der Durch⸗ lauchtigſte wolle meiner ſpotten.