Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
402
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gute Leumund, deſſen ſie ſich erfreute, machten dieſes ſonderbare Mädchen zu einer Art von Romanheldin, welcher Umſtand noch durch eine gewiſſe Schwermuth, die auf Katharina zu laſten ſchien, an Reiz gewann.Ma foi, ſagte der Kurfürſt Friedrich, als Herr von Marwitz ſo eben wieder das Lob der Schiffertochter geſungen hatte, ma foi, ich könnte mich zuletzt ſelbſt entſchließen, dieſes Miracle zu ſehen. Ich bin neugierig, eine Demoiſelle kennen zu lernen, welche meinen Cavalieren die Köpfe verdreht und ſich dabei in die Tracht einer kleinen Bourgeoiſe ſteckt.Thun Sie das, gnädigſter Herr, fiel haſtig Münchhauſen ein,es wird Euer Gnaden nicht gereuen. Ich komme aber am Ende bei Ihrer Liebden der gnädigſten Kurfürſtin in ein böſes Gerede, ſagte lachend der Kurfürſt.Auf Reiſen iſt alles zu ſehen erlaubt, entgegnete Herr von Marwitz,und Ihre kurfürſtliche Gnaden ſind viel zu hoch ſtehend, als daß eine Schiffertochter es vermöchte, die geringſte Mißſtimmung in dem humeur Ihrer Durchlaucht zu erzeugen.Wohlan, ſagte der Kurfürſt,wir wollen heut noch die Rheinfahrt nach Emmerich machen. An der Schenke des alten Vaters wie heißt er doch?Ricker. Gut alſo bei dem Ricker wollen wir anhalten und einen Trunk Wein nehmen, dabei kann man ja das Wunder ſehen. Eh donc wiſſen Sie denn übrigens, meine Herren, daß mein Kammer⸗ diener, der gute Biedekap, ſchon von dem Mädchen erzählte? und daß es mir ſcheint, als habe er die Abſicht, die ſchöne, geprieſene Katharina als Frau heimzuführen? Tiefes Schweigen folgte dieſem Ausſpruche des Kurfürſten.Hahal die Cavaliere ſind ängſtlich, lachte Friedrich, ſie fürchten, die Schönheit werde ihnen entriſſen ja Biedekap iſt eine gute Mariage! Auf heut Abend denn, meine Herren. Die Tafel iſt beendet. Alles erhob ſich. Die Fahrt, welche in Ausſicht ſtand, verſprach eine ſehr heitere zu werden, und Jedermann freute ſich be⸗ reits im voraus auf die kommenden intereſſanten Momente. Nur einer der Herren ſchien verſtimmt, und zwar gerade derjenige, welcher ſonſt immer den beſten Humor bei ähnlichen Dingen zeigte der Freiherr Kolbe von Wartenberg.

Trotz aller Maßregeln Danckelmanns war es ihm nicht gelun⸗ gen, den Freiherrn zu verdrängen. Hatte auch zwiſchen dem Kur⸗ fürſten und Kolbe eine ernſthafte Scene ſtattgefunden, ſo wußte der gewandte Höfling dennoch dem Herrn ſeine Reue, die Schuldloſigkeit ſeiner Perſon trefflich darzuſtellen, und die gewinnende Perſönlichkeit des Freiherrn verfehlte nicht ihre Wirkung auf den Kurfürſten zu äußern. Dazu kam, daß Kolbe in der That bei der bevorſtehen⸗ den Reiſe nützen konnte und daß der gefährliche Pater Wolff nicht aufzutreiben war, weshalb denn aller Unmuth, die ganze Laſt von Verrätherei leicht auf den abweſenden Feind gehäuft werden konnte. Danckelmann knirſchte, aber umſonſt. Bei aller Trefflich⸗ keit des Geiſtes und Herzens hatte der Kurfürſt einen allzugroßen Hang nach glänzender Aeußerlichkeit, und Kolbes Perſon vermochte denſelben beſonders zu befriedigen. Er verſtand ſich trefflich darauf, die Arrangements der Reiſe ganz im Sinne des Kurfürſten zu leiten, die glänzenden Empfangsfeierlichkeiten fehlten nirgends, und dabei verſtand der Freiherr doch über alles einen gewiſſen Ernſt zu breiten, der ganz zu der Trauer paßte, welche noch zum Theil reſpectirt werden mußte. Der Freiherr war alſo wieder vollkommen in Gnaden, als der kurfürſtliche Hof in Cleve einzog. Weshalb nun die Mißſtimmung, die ſich ſeiner nach Schluß der Tafel bemächtigte? Der Freiherr war ſeit dem Abende, wo er Katharina wiedergeſehen hatte, ein ſteter Gaſt in der Schenke Rickers geweſen. Zu ſeinem Leidweſen bemerkte er bald, welche Menge von Bewunderern die ſchöne Schiffertochter um ſich verſammelte, dennoch ſah der gewandte Mann nach kurzer Zeit, daß Katharina ihn allein auszeichnete und die Schmeicheleien der Gäſte ſtets mit Lachen zurückwies. Glückliche Stunden, wenn der Freiherr endlich, nachdem die Zahl der Gäſte ſich vermindert hatte, an der Seite ſeiner Geliebten auf dem von Weinlaub umrankten Balkone des Hauſes weilen durfte. Die Stille des Abends ſank auf die Gegend und auf die Glücklichen, die Wogen des Rheines rauſchten und ſchienen zu ſprechen, fernhinſchallende und ſich endlich verlierende Lieder tönten, und Katharina war überglücklich an der Seite des Freiherrn. Aber inmitten dieſes reizenden Vergeſſens aller Umgebung ſprang ſie plötzlich auf, wie eine von unſichtbaren Mächten Getriebene lief ſie an den Rand des Balkons, ſtarrte in die Wogen hinab und rief, in die Ferne deutend:Vergib! vergib! ich habe Dich betrogen, aber Du weißt, was mir verheißen ward an

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jenem Abende ich muß in die Höhe, ich muß ein Diadem haben,

es iſt mein Schickſal, ohne Dich zu ſterben. Der Freiherr eilte be⸗ ſtürzt und erſtaunt auf die Händeringende zu und rief, den innigſten Ton anſchlagend:Katharina kehre zurück zu Dir ſelber. Welch ein Phantom ängſtigt Dich?Fragt nicht, ſagte das Mädchen, ſich die verwirrten Haare aus der Stirn ſtreichend,fragt nicht ſonſt, wenn ich Euch antworten müßte, wäre alles aus, alles. Ich werde es tragen, ich werde ſuchen die Bande abzuſtreifen wenn ich Euch dafür gewinnen kann und mit Euch auf die Höhe gelange, wo ein Diadem neben dem Glück der Liebe funkelt.

Der Freiherr zitterte leicht. Katharina war nicht ein Mädchen gewöhnlicher Art, das hatte er längſt erkannt. Sie verwarf eine leichtfertige Tändelei, ſie liebte ernſtlich, und da ſie zugleich, wie aus allen ihren Reden hervorging, nach hohen Dingen ſtrebte, ſchien ihr der Freiherr, der ihr ſeine Liebe angetragen hatte, jener Schutzgeiſt zu ſein, an deſſen Hand ſie zu höheren Regionen emporſteigen, der ſie von einer Feſſel befreien ſollte, die bis jetzt noch für Jedermann ein Geheimniß, ſie mit unſichtbarer Gewalt umklammert hielt. Aber Katharina glich nicht jenen Damen des franzöſiſchen Hofes, die, um eine Zeit lang das Geſtirn am Himmel der großen Geſellſchaft zu ſein, jeden Gewiſſensſcrupel beſeitigten. Die Tochter des Schiffers dachte in dieſer Hinſicht viel zu bürgerlich. Sie wollte eine glänzende Stellung einnehmen, wollte ſich losreißen von kleinlichen Verhält⸗ niſſen, wollte ein geheimnißvolles Band ſprengen, um hoch zu ſteigen, aber an der Hand des geliebten Freiherrn, als ſeine rechtmäßige Gattin. Das war es, was den Freiherrn zittern machte. Wie ſollte dieſer Roman enden? Entweder riß er ſich gewaltſam los von der allgemein Bewunderten, und dann fürchtete er den ſtolzen Cha⸗ rakter des Mädchens, welches dieſe Demüthigung nicht ruhig auf⸗ nehmen würde, oder er ließ ſich beſtimmen, die Ehe zu ſchließen dann war es um ſeine Stellung geſchehen Freiherr Kolbe von Wartenberg und die Tochter des Schiffers Ricker zu Emmerich! wie wäre das möglich geweſen? Kolbe hätte auf jedes Steigen ver⸗ zichten müſſen. Dennoch wirbelten und kreuzten ſich in des Frei⸗ herrn Kopfe die ſeltſamſten Gedanken und Combinationen. Er malte ſich die Zukunft des berliniſchen Hofes aus, er ſah den Kurfürſten mit Pracht, Glanz und Ueppigkeit umgeben, er war im Geiſte bei den Feſtlichkeiten, denen ein Kranz ſchöner Frauen den höchſten Reiz verlieh, galante Abenteuer aller Art, mächtige Wirkungen, erfolgreiche Intriguen konnten durch jene Schönheiten gelingen, man konnte mit ihrer Hilfe die Günſtlinge ſteigen laſſen, die Mißgünſtigen beſeitigen, die Feinde ſtürzen. Die Feinde der Freiherr blieb bei dieſer Stelle ſtehen, Danckelmann! er war es, deſſen Sturz vollendet ſein mußte, ehe Kolbe ſeinen Weg zum Ruhme, zu den Ehren frei ſah, und dieſen Sturz vollführte ſicherlich ein Weib, nachdem es allen anderen Intriguanten unmöglich geweſen war. Katharina Ricker hatte dem Freiherrn vorgeſchwebt, als er den Freunden eine Bundes⸗ genoſſin verhieß. Er hatte dabei nach Frankreich den Blick gewendet, dort herrſchte die Geliebte Ludwigs XIV. gleich einer Königin. Es ging die Sage, ſie ſei dem Monarchen heimlich angetraut, ſie hatte alles vermocht, hatte geſtürzt, erhoben, gebaut, zerſtört und wer war dieſe Maintenon? Die Tochter eines Abenteurers, der einſt im Kerker von Niort ſaß, zwiſchen deſſen Mauern die jetzt Allmächtige das Licht der Welt erblickt hatte. Dann ward ſie eine Almoſenempfängerin, dann die Frau des Krüppels Scarron, endlich die Geliebte und zuletzt.... die Gattin des größten, mächtigſten Herrſchers der Chriſtenheit. Dieſem Herrſcher ahmte alles nach, was in Europa eine Krone oder einen Fürſtenhut trug. Kurfürſt Friedrich hatte die Augen offen für den Glanz ſollte es unmöglich ſein, ihm eine geiſtvolle, ſchöne und muthige Frau als Geliebte zuzuführen ganz nach dem Muſter des großen Ludwig, den er ſich zum Vorbild genommen hatte, wenn er fürſtlichen Glanz verbreiten wollte? und war für eine ſolche Stellung die ſchöne Katharina nicht geeignet? ſie hatte Geiſt genug, ſie bedurfte nur der Anleitung, und dieſe konnte der Freiherr ihr geben. Sie war nicht alltäglich wie die Schönheiten des Hofes, hatte ihre geiſtige und leibliche Friſche bewahrt, ihre unbedeutende Abkunft, das Intereſſe, welches ſie allen einflößte, machten ihre Perſönlichkeit pikant ja, wenn man ſich dieſes ſchönen Mädchens verſicherte, ſo konnte man den Kurfürſten mit ihrer Hilfe umſtricken, den gehaßten Danckelmann ſtürzen und ſich ſelbſt emporheben, denn die, welche durch ihre Freunde zu Macht und Anſehen gelangt war, mußte ent⸗ ſchieden für die Begründer ihres Glückes wirken. Der Freiherr hatte deshalb in Gemeinſchaft mit ſeinen Verbündeten ſchon ſeit dem erſten

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