unterdrücktes Schluckſen zu hören; er ſpricht ohne Geſten, Pathos und Tonfall, indem er, ohne auf eines ſeiner Worte beſonderen Nach⸗ druck zu legen, zuweilen ganz falſch die Endſilben oder das nachhin⸗ kende Verbum accentuirt. Iſt das der Mann, der nun eine zwanzig⸗ jährige parlamentariſche Laufbahn hinter ſich hat; der ſchon im Ver⸗ einigten Landtag von 1847 als Abgeordneter der ſächſiſchen Ritter⸗ ſchaft zu den Führern und ſchlagfertigſten Rednern der damaligen äußerſten Rechten gehörte; der 1849 und 1850 als Mitglied der zweiten Kammer und des Erfurter Unionsparlaments durch ſeine ſcharfen bitteren Reden die liberale Majorität in Aufregung und Wuth verſetzte; der endlich ſeit 1862 als Miniſterpräſident im Ab⸗ geordnetenhauſe einer geſchloſſenen Phalanx von Fortſchrittsmännern faſt allein gegenüberſtand, ihre Herzensergießungen voll Selbſt⸗ und Sicherheitsgefühl ſofort mit gleicher Münze bezahlend, ihre ſpöttiſchen und höhniſchen Ausfälle gegen ihn zur Stelle und mit aufblitzender Geiſtesgegenwart erwidernd, ja ſie durch witzige Impromptus und ſchneidende Sarkasmen noch herausfordernd und ſie oft bis ins Herz verwundend? Ja, es iſt derſelbe Mann, und im Nothfall noch eben ſo ſcharf und beißend wie früher, wenngleich er ſeit ſeinem großen Siege mehr den ſtaatsmänniſchen Ernſt, die ruhige Objectivität und die verſöhnliche Haltung walten läßt, die ſeiner jetzt allgemein aner⸗ kannten Größe entſprechen.— Allmählich kommt ſeine Rede mehr in Fluß und Wärme, und nun entfaltet ſie auch ihre eigenthümlichen Reize: jene originelle und friſche, kernige und ſaftige, freie und gerade Ausdrucksweiſe, der man in unſerer blaſirten Zeit ganz entwöhnt war—, daher ſie ſeine Gegner„paradox“,„frivol“ und„burſchikos“ nann⸗ ten; welcher wir eben eine ganze Sammlung von gelegentlichen Sentenzen verdanken, die— wie die folgenden:„Catilinariſche Exiſtenzen,“„Leute, die ihren Beruf verfehlt haben,“„Blut und Eiſen,“„Oeſterreich ſoll ſeinen Schwerpunkt nach Ofen hin ver⸗ legen,“„Man muß dieſen Conflict nicht zu tragiſch nehmen,“— bald als Sprichwörter umherliefen und inzwiſchen ihre tiefe Wahr⸗ heit und zutreffende Richtigkeit enthüllt haben. Wie wahr und tref⸗ fend, und zugleich wie farbig und greifbar definirt er bei Einbrin⸗ gung des Entwurfs zur Bundesverfaſſung den Nationalcharakter der Deutſchen, der dieſe bisher an der Erreichung eines großen einheit⸗ lichen Vaterlandes verhindert habe:—„Es iſt, wie mir ſcheint,“ ſagt Graf Bismarck,„ein gewiſſer Ueberſchuß an dem Gefühle männ⸗ licher Selbſtändigkeit, welcher in Deutſchland den Einzelnen, die Gemeinde, den Stamm veranlaßt, ſich mehr auf die eigenen Kräfte zu verlaſſen, als auf die der Geſammtheit. Es iſt der Mangel jener Gefügigkeit des Einzelnen und des Stammes zu Gunſten des Ge⸗ meinweſens, jener Gefügigkeit, welche unſere Nachbarvölker in den Stand geſetzt hat, die Wohlthaten, die wir erſtreben, ſich ſchon früher zu ſichern.“— Und wie der Redner zum Schluſſe das Haus mahnt, ſeine Aufgabe möglichſt bald und vollſtändig zu erfüllen—„denn das deutſche Volk, meine Herren, hat ein Recht, von uns zu erwarten, daß wir der Wiederkehr einer ſolchen Kataſtrophe(nämlich eines deutſchen Krieges) vorbeugen, und ich bin überzeugt, daß Sie mit den verbündeten Regierungen nichts mehr am Herzen liegen haben, als dieſe gerechten Erwartungen des deutſchen Volkes zu erfüllen.“ — Mit dieſer ſchönen Mahnung, einfach, doch würdig und warm geſprochen, hat er gleich dem größten Redner die ganze Verſammlung elektriſirt, denn rauſchender Beifall erſchallt von allen Bänken.
Man hat den Grafen„Junker“ geſcholten. Er kann ſich jetzt dieſe Benennung gerne gefallen laſſen, denn er hat ſich als ein Voll⸗ blutjunker im beſten Sinne erwieſen: jung und adelig an Sinn und Geiſt, Muth und Thatkraft. Ueberhaupt haben die Kriege von 1864 und 1866 den Namen„Junker“ wieder zu Ehren gebracht und ge⸗ zeigt, daß unſer Adel denn doch nicht eine ſo verkümmerte Race iſt, wie gewiſſe Leute uns glauben machen wollten. Die Söhne unſeres Adels gingen in die Schlacht wie zum Tanze; daß jeder dieſer Milch⸗ bärte mindeſtens zehnmal ſein Leben für König und Vaterland in die Schanze ſchlagen müſſe, war ihnen eine ſelbſtverſtändliche Sache; immer dem gemeinen Manne voran und alle Strapazen, Entbehrun⸗ gen und Gefahren wohlgemuth mit ihm theilend, ſchlugen ſie ſich wie die Rolands und Tancreds und deckten mit ihren Leibern haufen⸗ weiſe, in ganz unverhältnißmäßiger Anzahl das Schlachtfeld. Daß aber die preußiſchen Junker nicht nur Bravour im Herzen und Mark
in den Armen beſitzen, ſondern ebenſo gut wie die Bürgerlichen, auch
Männer von Geiſt und Genie erzeugen können, hat eben wieder
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Graf Bismarck auf das evidenteſte und eclatanteſte bewieſen. In der That, wir alle haben Urſache, dieſem Manne innig dankbar zu ſein, denn er hat nichts Geringeres gethan, als unſere Zeit von dem Fluche des Epigonenthumes befreit, er hat an ſich ſelber gezeigt, daß dies Geſchlecht nicht blos Copien, ſondern auch Originale, nicht blos Zwerge, ſondern auch wahrhaft große Männer hervorzubringeu ver⸗ mag. Er iſt ſeit Herzberg der größte preußiſche Staatsmann und darf ſich dreiſt neben Stein und Hardenberg ſtellen. Oder glaubt man noch, daß er nur ein kecker, waghalſiger Glücksſpieler oder aber ein bloßer Nachahmer von Louis Napoleon und Cavour ſei?!— Für unſer Volk paßt weder der Cäſarismus noch die Revolution, und Deutſchland kann ſein Einigungswerk ohne fremde Einmiſchung und Beihilfe vollziehen. Darum ſind auch Bismarcks Mittel und Wege ganz andere, ſelbſteigene und ſelbſtändige; eine ſriſche, natur⸗ wüchſige Macht ſprudelt in dieſem Manne, und die Spannkraft ſeines Geiſtes iſt nicht erſchlafft, die Schärfe und Weite ſeines Blickes nicht getrübt auf der Folterbank der Staatsexaminas, in der Actenſtube der Büreaukratie, deren vielſproſſige Leiter er in einem Anlauf bis zur Spitze erſtiegen.
Allerdings hat er ſeine großartigen Erfolge nicht alle voraus⸗ ſehen, noch weniger auf die Stunde berechnen und direct darauf hin⸗ arbeiten können, aber eben ſo wenig ſind ſie bloße Glückszufälle.— Der genial wollende und demgemäß handelnde Menſch bedarf gar nicht des Glückes, doch mit dem klaren, kühnen und energiſchen Mann i*ſt ſtets das Glück. Unzweifelhaft verfuhr er nach einem umfaſſen⸗ den wohlgereiften Plan— unmöglich kann Louis Napoleon von ihm den Ausſpruch gethan haben:„Ce n'est pas un homme sérieux;“ man müßte ſonſt an dem notoriſchen Scharfſinn des Kaiſers zweifeln, und beide Männer hatten genugſam Gelegenheit, ſich kennen und ſchätzen zu lernen— aber daneben wußte Graf Bismarck ſich in Zeit und Umſtände zu ſchicken und beide zu benutzen, mit der Zeit mitzugehen und die Gelegenheit ſtets bei der Stirnlocke zu ergreifen. Er iſt nie ein Parteimann geweſen: ein genialer Mann geht nicht in einer Partei auf, weil er innerhalb der Parteiſchranken die Flügel ſeines Genius nicht voll entfalten kann. Wie alle ſelbſtändigen Männer hat Graf Bismarck lange allein geſtanden, verkannt und verleumdet; noch heute hat er unter allen Parteien erbitterte Gegner und enthuſiaſtiſche Bewunderer. Noch weniger iſt das Motiv ſeiner Unternehmungen nur perſönlicher Ehrgeiz. Allerdings iſt der Ehr⸗ geiz der nothwendige Sporn zu allen großen Thaten, aber er allein genügt nicht, um dem Helden Kraft und Ausdauer zu geben, in ſeinem Innern muß das Bewußtſein wohnen, das auserwählte Werk⸗ zeug einer hohen Idee, der begnadete Träger einer beſonderen Miſſion zu ſein, in ſeiner Seele muß das reine heilige Feuer der Begeiſterung lodern, und ein ſolches Feuer lodert auch in des Grafen Bruſt, ein glühender Patriotismus, wie er wahrſcheinlich keinem ſeiner Gegner und Schmäher beiwohnt, die allen Patriotismus allein gepachtet zu haben vermeinen. Graf Bismarck hat uns den Glauben an Deutſch⸗ land und unſer Volk zurückgegeben; darum iſt er auch zum populär⸗ ſten Mann in Deutſchland geworden, mag er das vorausgeſagt haben oder nicht; darum ſpendeten auch ſo eben in dieſem Saale alle Par⸗ teien ſeiner Rede, ſeiner Appellation an ihre patriotiſche Hingebung einmüthigen Beifall.
Auf dem Präſidentenſtuhle ſitzt jetzt Eduard Simſon, geboren 1810 zu Königsberg; ein Mitkämpfer des vormärzlichen Liberalismus in Oſtpreußen und, ſeit es in Preußen ein conſtitutionelles Leben gibt, der altliberalen Partei angehörig. Er iſt nicht nur als Abgeordneter, ſondern auch als Präſidenk grau geworden, denn er hat bereits drei verſchiedenen Parlamentskörpern und zu wiederholten Malen präſidirt. Bei Cröffnung der Frankfurter Nationalverſammlung im Mai 1848 fungirte er, zu den jüngſten Mitgliedern zählend, als einer der Se⸗ cretäre; ſeine bedeutende Begabung und ſein gewinnendes Auftreten erhoben ihn ſchon im October an Stelle Alexander von Soirons zum erſten Vicepräſidenten; und die Sicherheit, Schärfe und Gewandtheit, mit welcher er die oft ſtürmiſchen Debatten leitete, wurden ſo allgemein anerkannt, daß man ihn beim Schluſſe des Jahres 1848 zum Nach⸗ folger Heinrich von Gagerns, der den Vorſitz im Reichsminiſterium übernahm, zum erſten Präſidenten erkor. Als ſolcher unterzeichnete und verkündigte er die von der Nationalverſammlung beſchloſſene
„Verfaſſung des deutſchen Reichs“ vom 28. März 1849; als ſolcher erſchien er im April deſſelben Jahres an der Spitze einer großen Deputation mit der deutſchen Kaiſerkrone vor König Friedrich Wil⸗


