hier oben?“ fragte Martha.—„Ich mußte mich aus dem Getümmel zurückziehen,“ entgegnete Katharina.„Es war heut ein Lärmen und ein Spectakel, der die Sinne raubte.“—„Es wird ſtill um uns werden, wenn die Gäſte fort ſind,“ ſagte Martha.—„Sehr ſtill.“ —„Du biſt heute gefeiert und bewundert worden, Katharina.“— „Du nicht minder.“—„Hm— es iſt nur der Schimmer, der von Deiner Schönheit auf mich hinüberſpielt.“—„Sprich nicht alſo— ich würde Unrecht thun, wollte ich das zugeben. Du biſt ſchön, Martha, in Deiner Einfachheit— ich wollte, Du könnteſt neben mir durchs Leben gehen, wir würden eine durch die andere gewinnen.“— „Wer ſagt uns, daß wir uns trennen müſſen?“— Katharinas Augen irrten über den Fluß hinweg nach dem Werder, wo aus den Bäumen das Dach des Zwollerſchen Hauſes ragte. Mechaniſch ging ihre Hand den Blicken nach, und die Finger ſtreckten ſich aus, auf das finſtere Gebäude weiſend, aus deſſen Schornſtein trotz des warmen Abends die dunkle Wolke eines ſchwelenden Rauches ſtieg, welcher den Glanz der unterſinkenden Sonne trübte.„Von dort her kommt unſere Trennung,“ ſagte ſie.„Von dorther wird er kommen, der mich abholt aus dieſem Hauſe— von Dir— von allem, ich kann Dich nicht in mein Leben ziehen— ich muß allein wandeln, mit ihm allein.“
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Martha ſchmiegte ſich ängſtlich an die Schweſter.„So iſt es wahr, was man von Dir geſagt, geſchwatzt,“ flüſterte ſie leiſe,„Du liebſt den David von drüben?“
Katharina nickte leicht, und ein bitteres Lächeln umſpielte ihre Lippen.„Er hat mein Wort. Aber ſage es niemandem. Sie würden mich ſonſt vor der Zeit verachten und es iſt noch ſpäter Raum genug dafür.“—„Du darfſt nicht, Du kannſt nicht,“ rief Martha. „Du, eine ſchöne, allgemein geliebte, von den höchſten Herren be⸗ wunderte Jungfrau, Du wollteſt den Henkersſohn freien? Oh— wenn die Alten das erfahren. Denke Dir, welch ein Leben Du führen kannſt. Du ſtreckſt nur Deine Finger aus, und zehn der Edelſten haſt Du für Dich, Du biſt geboren, in einem Schloſſe zu wohnen,
oder doch hier ein freundliches Haus zu gründen, nicht aber gemieden zu werden von Jedermann, weil das Handwerk des David Dir an⸗ klebt. Oh— liebe— liebe Katharina, Du haſt das ſicher längſt bereut— ja, jetzt errathe ich alles, daher Deine Schwermuth, wenn alles fröhlich war, daher Deine Seufzer. Gib es auf, das unſelige Gelöbniß— denke, daß du hundert der Edelſten, Beſten, Schönſten wählen kannſt.“ (Schluß folgt.)
Heutſche RAexrzte.
II. Der Sprachmeiſter von Tübingen. Von Dr. E. Coſack.
Der Name der altehrwürdigen Univerſitätsſtadt des Schwaben⸗ landes iſt in letzter Zeit ſo häufig im Zuſammenhange mit einer ſo ärgerlichen Begebenheit in den öffentlichen Blättern genannt worden, daß, wer am Scandal keine Freude hat, beinahe geneigt ſein könnte, zu denken: was kann denn aus dieſem Nazareth Gutes kommen? Die verehrten Leſer des Daheim mögen unbeſorgt ſein: wir beabſich⸗ tigen nichts Gehäſſiges in ihre friedlichen Kreiſe hineinzutragen. Nicht, wie mißliebige Rede durch meiſterloſe Kunſtgriffe zum Schweigen gebracht wird, wollen wir erzählen, ſondern vielmehr beſchreiben, wie eine Meiſterhand in Tübingen Schweigen in Sprechen verwandelt.
Wir kommen von Stuttgart her, nicht mit der, durch weite Um⸗ wege und äußerſt zögernde Fahrt ermüdenden oberen Neckareiſenbahn, ſondern auf der alten geraden Landſtraße, die bei gutem Gefährte der Zeit nach die Concurrenz mit jener ganz wohl verträgt. Lange vor⸗ her, ehe der rothſchwarze Pfahl mit der ſonderbaren Aufſchrift:„Univer⸗ ſitätsſtadt Tübingen“ es uns ſagt, merken wir es an den Gruppen von Muſenſöhnen, die, landsmannſchaftlich geſondert, aber unter⸗ ſchiedslos in der gleichen Farbe des jugendlichen Frohſinns, mit ihrem bellenden Gefolge(denn welcher Tübinger Studio hält nicht ſeinen Hund!) die Straße bedecken, daß die ſchwäbiſche Muſenſtadt nahe iſt. Das in anmuthiger Waldesſtille verſteckte Kloſter Bebenhauſen, wo melancholiſcher Horengeſang längſt mit dem luſtigen Burſchenliede vertauſcht iſt, haben wir hinter uns. Luſtnau liegt ſo lachend da, daß, wenn's nicht ſchon ſo hieße, ſeine Lage eine Aufforderung wäre, es mit ſolchem Namen zu benennen. Von Geſchlecht zu Geſchlecht hat es den Söhnen der Alma Eberhardina ſeinen Namen gerechtfertigt. Dort wendet ſich der Weg; das enge Waldthal von Bebenhauſen er⸗ weitert ſich. Links zieht der grünmattige Oſterberg ſeine leicht ge⸗ ſchwungenen Linien, abſchließend mit der ſtattlichen Stiftskirche, und über ihr das alte Schloß der Pfalzgrafen von Tübingen; rechts die ſteilere Waldhäuſer Höhe. An ſie lehnt ſich dicht an der Straße ein ziemlich armſeliges Spital aus älterer Zeit.„Gutleuthaus“ iſt die Ueberſchrift über dem Eingang, ein dem Norddeutſchen fremder Name, aber ein Name von wohlthuender, faſt patriarchaliſcher Einfalt. Wie alte und neue Zeit, ſo verhält ſich dies Gutleuthaus zu einem, ein tauſend Schritt weiter am Fuß der Waldhäuſer Höhe aufgeführten Gebäude, das, von Luſtnau her ſchon ſichtbar, aus Baumgruppen und Gartenanlagen über den erſten Häuſern Tübingens merklich hervor⸗ ragt, ohne architektoniſche Schönheit und Würde zwar, aber doch anſehnlich genug, um für mehr als ein Privathaus zu gelten. Es i*ſt das zur Univerſität gehörige Krankenhaus, das in ſeinem erſten Stockwerk die chirurgiſche, und in dem zweiten die mediciniſche Klinik enthält. Ein Eckzimmer des erſten Stockwerks ſieht mit den Fenſtern
der Morgenſeite nach dem ein Paar hundert Schritte entfernten, näher der Straße zu liegenden Univerſitätsgebäude, oder, wie man hier zu Lande ſagt, nach der Aula; auf der Abendſeite gewährt es den Blick nach dem Tübinger Gottesacker. Dort alſo die Hallen, welche von früh bis ſpät wiedertönen von dem Worte der Weisheit, das aus dem beredten Munde geachteter Lehrer die ſtudirende Jugend mit einem Eifer vernimmt, der nicht zur Gewohnheit aller Hochſchulen gehört. Hier die Stätte der Ruhe, wo ſie alle ſchweigend feiern, die ehedem noch ſo laut geredet, darunter auch Meiſter des Worts, auf deren noch heute unvergeſſene Rede und Lied Deutſchland gehorcht; jetzt alle ſtill, entgegenharrend der Poſaune des Weltenrichters. Auf dieſe beiden Stätten, einander entgegengeſetzt wie bewegte Rede und laut⸗ loſes Schweigen, gewährt jenes Zimmer Ausſicht, in das wir die Leſer zu einem Beſuche einladen. Und die Lage iſt bezeichnend. Denn was dort vorgeht, entſpricht ihr. Dort hält der merkwürdige Sprach⸗ lehrer, von dem hier erzählt werden ſoll, ſeine Schule, wo Schweigen in Reden verwandelt wird.
Dr. Victor v. Bruns, Profeſſor der Medicin und Director der chirurgiſchen Klinik an der Univerſität Tübingen, von mehr als einem deutſchen Fürſten durch Decorationen ausgezeichnet, der medi⸗ ciniſchen Welt als Operateur, akademiſcher Lehrer und wiſſenſchaft⸗ licher Schriftſteller längſt wohl bekannt, hat dort ſein laryngo⸗ ſkopiſches Cabinet.*)
An ſich iſt der Kehlkopf eine dem Auge unzugängliche Höhle, in welche bei einem lebenden Menſchen hineinzuſehen Jahrtauſende hindurch keinem Sterblichen gelungen, kaum von einem verſucht iſt. Jetzt, da etwa ſeit zwei Jahrzehnten durch das einfache Mittel des Spiegels dieſe dem Auge an ſich verborgene Höhle ſichtbar gemacht worden, erregt es ſchier Verwunderung, daß menſchlicher Scharfſinn nicht früher dieſen Weg gefunden hat. Es iſt eben das Ei des Co⸗ lumbus hier, wie auf tauſend anderen Gebieten. Von früheren zweifelhaften Verſuchen abgeſehen, iſt es der engliſche Arzt A. Warden, welcher im Jahre 1844 zuerſt vermittelſt eines künſtlichen Leucht⸗ apparats in das Innere des Kehlkopfes eines lebenden Menſchen
hineingeblickt hat. Zehn Jahre ſpäter führte ein Intereſſe zunächſt nicht mediciniſcher, ſondern muſikaliſcher Art zu ähnlichen, wie es ſcheint, ganz ſelbſtſtändigen, und von früheren unabhän gigen Ver⸗ ſuchen. Manuel Garcia, Geſanglehrer in London, aus einer muſikaliſchen Virtuoſenfamilie ſpaniſcher Abkunft, Bruder der be⸗ rühmten Sängerin Viardot⸗Garcia, kam, getrieben von dem Verlangen, die geheimnißvollen Wege ſeiner Kunſt, die Geſetze der Bildung des *) Laryax iſt der griechiſche Name für das Hauptorgan der Stimm⸗ bildung, den Kehlkopf, und Laryngoſkopie mithin Kehlkopfbeobachtung.
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