Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
388
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Andeutungen ſagen? rief er, keck ſich zu Danckelmann wendend. Ich muß Sie dringend erſuchen, ich muß verlangen, daß Sie klar und offen reden. Ich bin es dem Kreiſe meiner Freunde ſchuldig, ich habe ein Recht, von Ihnen Aufklärung zu fordern, denn ich ſtehe im Dienſte des Kurfürſten.Gerade deshalb, rief Danckel⸗ mann,ſollten Sie vorſichtig ſein, und was den Kreis Ihrer Freunde anbetrifft, ſo würde mancher in demſelben mit Ihnen zugleich in Furcht und Staunen gerathen.Verſuchen Sie das! Wagen Sie es doch! Heran mit Ihrem Schilde! riefen die Unbeſonnen⸗ ſten, den Kammerrath mit drohender Geberde umringend.Zu⸗ rück! donnerte jetzt die Stimme Danckelmanns mit ſolcher Gewalt, daß die Dreiſten unwillkürlich von ihm wichen.Was ſoll das im Schloſſe Seiner kurfürſtlichen Gnaden? wer wider mich etwas hat, klage bei dem Herrn dann werde ich auftreten und ſagen: Gnädigſter Herr dieſer oder jener meiner Ankläger will mich be⸗ ſeitigen, weil ich ſeinem böſen Treiben im Wege bin. Es gibt eine Rotte hier, fuhr er mit erhöheter Stimme fort,die im Finſtern ſchleicht, die mit Feinden des Lichtes, des Thrones, der Religion zu⸗ ſammenſteckt und aus dem Dunkel ihre Pfeile abſendet. Dieſer Rotte bin ich im Wege. Zucken Sie nur, Herr von Kolbe, machen Sie ſtarre Augen das iſt der Schild, den ich Ihnen entgegenhalten werde. Kommen Sie doch auf den Kampfplatz, ich erwarte Sie, bringen Sie aber als Secundanten ja den Herrn Grafen Wittgen⸗ ſtein, den wackern Metternich und als dritten Ihren Freund, den verborgen umherſchleichenden Pater Ludwig Wolff mit ſich.

Der Kreis, welcher den Kammerrath umringte, ſtob auseinander, die Häupter ſenkten ſich, der Athem wurde gehört, kein Wort erwider⸗ ten die noch ſo eben heftig Schmähenden, und der Freiherr von Kolbe verſuchte, ſich mühſam auf den Beinen zu erhalten.Ha! ha! Das war ein Schuß aus meinem Rohre, lachte Danckelmann bos⸗ haft.Die Kugel ſitzt. Geben Sie doch Ihre Kugel ab, Herr Freiherr, aber ich werde als Schutz gegen Ihren Treffer das hier an⸗ heften, und nunFeuer! Er riß bei dieſen Worten eines der von Ringwald gedruckten Teſtamentscopien hervor und hielt ſie an ſeine Bruſt.Kennen Sie das? fragte er. Der Freiherr taumelte. Warum ſo ſtill, Herr von Kolbe reden, handeln Sie doch. Die Nächſten hatten mit Staunen die Ueberſchrift geleſen.Sie ſehen, ich weiß alles, fuhr Danckelmann fort,Sie mögen nun gegen mich arbeiten, aber noch bin ich Ihnen überlegen. Während Sie in klein⸗ lichen Intriguen gegen mich ſich erſchöpfen, habe ich gehandelt für das Wohl dieſes Landes. Ich will Ihnen und dieſen um Ihre Per⸗ ſon geſcharten Herren ein Wort ins Ohr raunen! Der Herr Pater Wolff eile, daß er Berlin auf den Rücken bekomme! Sagen Sie ihm, Herr Freiherr, ſein Reich ſei zu Ende. Die frommen Gewaltthaten gegen die lutheriſche Kirche ſeien macht⸗ und nutzlos, niemals werde er hier mit den Seinen Fuß faſſen. Drucken laſſen ſolle er ja nichts mehr, denn der Henker würde ſeine Machwerke verbrennen, und damit er vollends einſehen lerne, daß ich, Eberhard von Danckelmann, hier zu Lande mehr vermag, als der Pater, theilen Sie ihm die Nachricht mit, daß er ſein größtes Spiel verlor, weil ſo eben Herr Wilhelm von Bentinck, Geſandter des großen Wilhelm, Herzogs von Oranien, durch meine Vermittlung mit unſerm gnädigſten Herrn Kurfürſten ein Schutz⸗ und Trutzbündniß abgeſchloſſen hat zur Vernichtung der Feinde unſeres Glaubens und unſerer Freiheit. Das wird den Herrn Pater ſehr erfreuen, und vielleicht macht er die Reiſe nach dem Rheine, nach Minden und Cleve mit, wohin des Kurfürſten Gnaden in nächſter Woche gehen, um mit dem Herzoge von Oranien zuſam⸗ menzutreffen. Nächſte Woche alſo nach Cleve, Herr von Kolbe, Sie ſind ja Reiſemarſchall oder ſo etwas Aehnliches. Ihre Waffen erwarte ich, nur müßten es ehrliche ſein und nicht ſolche, wie ſie der hochwürdige Pater wählt, die von Leuten mit geſchwärzten Geſichtern geführt werden und die ein bezahlter Strolch in Bewegung ſetzt, um Leute zu maſſacriren, welche mir die Arbeiten aus der Druckerei Ringwalds nach Potsdam bringen. Er lachte wieder und ſteckte die Blätter zu ſich, dann rief er:Platz gemacht, meine Herren, ich muß zum Kurfürſten!

Ohne eine Bewegung gegen ihn zu wagen, machte die Schar eine Lücke, durch welche Danckelmann, ohne zu grüßen oder das Haupt zu wenden, ſchritt.

Als der unheimliche Mann verſchwunden war, umringten die Freunde den todesbleichen Kolbe.Oh das iſt ein Schlag! rief

er außer ſich.Ich wußte es der Abend des geſtrigen Tages

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war verhängnißvoll.Aber erklären Sie uns, was iſt ge⸗ ſchehen? riefen alle durcheinander.

Fragen Sie nichts weiter, entgegnete Kolbe ſtammelnd,es iſt ein furchtbarer Schlag für uns alle, denn Danckelmann ſteht feſter denn je. Er wankte aus dem Corridor, von der ſehr niedergeſchla⸗ genen Verſammlung begleitet, die bald nach allen Richtungen ausein⸗ anderſtob. Kolbe blieb allein in dem ſchon halb im Dämmerlicht begrabenen Hofe ſtehen; eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter, als er aufblickte, gewahrte er Wittgenſtein.

Muth, Muth, ſagte dieſer leiſe,wir müſſen von neuem be⸗ ginnen. Den größten Schlag hat bis jetzt der Pater erlitten, das Bündniß mit dem Oranier kommt zu Stande es iſt eine verlorene Partie jener Fremde war der energiſche Bentinck Bentinck und Danckelmann können viel zuſammen arbeiten. Ihr aber, mein Freund, ſeid guten Muthes, ich habe ſchon früher geſagt: Danckel⸗ mann ſtürzt nur durch ein Weib die Kräfte der Männer zer⸗ ſchellen an dieſem Felſen, denn Gewalt bricht ſich gegen Gewalt. Ein Weib? ſagte Kolbe auffahrend.Ja, ich wüßte eins, wäre das Weib an den Hof zu bringen, ſie allein könnte ihn ſtürzen. Sie müſſen alles aufbieten, ſagte Wittgenſtein.Aber nur nicht den Kopf hängen laſſen Muth, Muth; und nun rüſten wir uns zur Reiſe nach Cleve.

Die Schiffertochter.

Welch ein luſtiges Leben auf dem grünen Rheinſtrome! die Wellen glitzerten im Lichte der Sonne, die Kähne und Barken waren mit Fahnen, Wimpeln und leichten Stangen geziert, von deren Spitzen Blumenſträuße herabnickten; die Fenſter der Häuſer, welche zunächſt am Waſſer lagen, prangten im Schmuck bunter Teppiche, die Thüren zierten Laubgewinde, und allerlei geputzte Menſchen bewegten ſich in den Gaſſen der Stadt Emmerich auf und nieder. Es waren die Bürger und Bürgerinnen des Ortes, die Inſaſſen der Dörfer aus der Umgegend, welche letzteren gekommen waren, um an der Freude Theil zu nehmen, die ſeit einigen Tagen in die Stadt gezogen und daſelbſt eine bleibende Stätte gefunden zu haben ſchien. Unter den Bürgern tummelten ſich Männer in glänzenden Kleidern, die nur durch eine ſchwarze Binde ein wenig ernſter gemacht waren, einzelne Soldaten in ſtattlicher Uniform erregten die Bewunderung der Gaffer, und zuweilen ſtaunte man über einen mächtigen Wagen, der durch die Straßen nach dem Thore fuhr und deſſen Roſſe reichgekleidete Kutſcher lenkten. Heut gab es Freiſchießen und Wein Abends ſollte Tanz ſein und all dieſen Jubel verdankte man dem durchlauchtigen Kur⸗ fürſten von Brandenburg, Herrn Friedrich III, der zum Beſuch nach Cleve gekommen war, um, wie es allgemein hieß, ſeinen Landen den neuen Herrſcher zu zeigen.

Von Cleve nach Emmerich war nur ein kurzer Weg und die Gelegenheit eine treffliche, denn unaufhörlich gingen die Schiffe den Rheinſtrom hinauf, um Gäſte vom Schloſſe, wo das kurfürſtliche Hoflager war, in die nächſten Orte zu führen.

Der Schiffer und Wirth Ricker hatte gute Zeit. Sein Fähr⸗ haus, zugleich Weinſchank, konnte die Zahl der Gäſte kaum faſſen. Oben, unten, auf den Galerien, in dem kleinen Garten waren Tiſche, mit Krügen und Gläſern beſetzt, aufgeſtellt. Dieſe Tiſche wurden nie leer von Gäſten, die Krüge und Gläſer gingen von Hand zu Hand.

Anfangs waren nur die Leute vom Hofgeſinde dort in der Schenke zu finden. Sie ließen viel Geld draufgehen und brachten den ſtaunenden Bürgern einen hohen Begriff von dem Glanze des Hofes bei, dem ſie angehörten. Später aber fanden ſich auch Cava⸗ liere ein. Der Ruf von der Schönheit der Töchter Rickers hatte ſie herbeigelockt; die ſüßeſten Reden hatten die Mädchen gehört, ſie wur⸗ den gebeten, an der Tafel zu ſitzen, welche die Herren droben auf dem Altane des Fährhauſes ſo prächtig und reich beſetzt aufgeſtellt hatten aber die ſchönen Kinder blieben nur ſelten in der Nähe all dieſer Herren, ſie ließen keinen die leiſeſte Gunſtbezeugung genießen, und bald hieß es allgemein: die ſchönen Schiffertöchter ſeien wahre Aus⸗ bunde von Tugend. Das reizte noch weit mehr, die Cavaliere ver⸗ nachläſſigten ihren Dienſt auf dem Schloſſe zu Cleve und gingen, um die Mädchen zu begrüßen, hinauf nach Emmerich.

Der Abend ſenkte ſich auf die Fluren. Die Sonnenkugel be⸗ gann am Horizonte zu verſchwinden, und in einem Meere goldener Wölkchen ſchwimmend ſtrömte ſie eine Flut von röthlichem Glanze