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wie jeder andre Staatsbürger iſt der Prinz dieſem Rufe gefolgt und Un dieſer Berſammlung erſchienen, was ſicherlich ihm wie ſeinen Wählern zur Ehre gereicht. Schon vor Beginn der Sitzung war er anweſend und unterhielt ſich mit verſchiedenen Abgeordneten, allerdings mit der Zurückhaltung, wie ſie in ſeinem Weſen liegen ſoll und bei einem Prinzen des regierenden Hauſes erklärlich iſt. Beim erſten Ton der Glocke des Präſidenten ging er auf ſeinen Platz, folgte den Verhandlungen, obſchon ſie ſich vorerſt um bloße Formalitäten drehen, mit der Aufmerkſamkeit und Gewiſſenhaftigkeit eines Soldaten. An Disciplin von Kindesbeinen an gewöhnt und ſie von ſeinen Unter⸗ gebenen unbedingt fordernd, unterwirft er ſich ihr auch jetzt in dieſem Hauſe. Wie der Schriftführer die anweſenden Mitglieder aufruft
und dabei ſeinen Namen:„Friedrich Karl, Prinz von Preußen“ ohne
jedes Prädicat verlieſt, antwortet er mit feſter lauter Stimme:„Hier!“
Nächſt dem Prinzen feſſelt die allgemeine Aufmerkſamkeit ein Trifolium von drei Männern in Generalsuniform. Wenngleich in militäriſchen Kreiſen ſchon längſt gewürdigt und hochgeſchätzt, waren ſie doch dem großen Publicum ſo gut wie unbekannt, bis ihre Namen in Folge des letzten Krieges durch Europa flogen. Es ſind die Generale von Moltke, Vogel von Falckenſtein und von Steinmetz. Durch ihre Wahl übte das Volk nicht nur die Pflicht der Dankbar⸗ keit, ſondern auch einen Act der nothwendigſten Gerechtigkeit und Klug⸗ heit. Dieſe Männer gehören ins Parlament, denn ohne ihre In⸗ telligenz und ihre Bravour wäre es nie zu dieſem Parlament ge⸗ kommen; erſt ſie haben ihm den Boden erobert, auf dem es ſich rekrutiren konnte, und darum ſind ſie in erſter Reihe würdig und be⸗ rufen, in ihm zu ſitzen und mit ihm zu rathen und zu thaten.
Auf der erſten Bank des rechten Centrums unmittelbar neben dem großen Quergange und gegenüber den Miniſtern ſitzen die Generale Freiherr von Moltke und Vogel von Falckenſtein dicht bei einander; jener der Chef des großen Generalſtabes, in deſſen Kopf der ganze Plan des vorjährigen Feldzuges in einheitlicher Ueber⸗ ſicht und detaillirter Verwickelung entſprang, als gelte es einer Schachpartie, die er im voraus regelte und wo er jeden einzelnen Zug bis zum„Schachmatt!“ wie in prophetiſcher Sehergabe feſt⸗ ſtellte; dieſer der ſtolze Aar, der in ununterbrochenem Siegesfluge von den Geſtaden der Nordſee bis über den Main flog und deſſen Namen und Thaten bereits im Volksliede leben. Moltke iſt eine ſchlanke feine Erſcheinung, die nur in der Uniform den Strategen er⸗ rathen läßt, im Civilrock hingegen ſofort auf einen Gelehrten ſchließen laſſen würde, nicht auf einen unter Bücherſtaub und Tabaksqualm verkümmerten deutſchen Profeſſor, ſondern auf einen Gelehrten à la Alexander von Humboldt oder Lord Macaulay, in welchem ſich Bücher⸗ und Lebensweisheit mit Geburtsadel und echt ariſtokratiſchem Pli zu einem harmoniſchen Ganzen einen. Der faſt zierlich ausgearbeitete Kopf zeigt ein kleines Oval mit dünnem feſt anliegendem Haupthaar und mittelhoher Stirn; geiſtige Anſtrengungen haben in das etwas fahle, welke Geſicht hundert kleine Falten namentlich um Augen und Mund eingegraben, die ſchmalen bleichen Lippen ſind für gewöhnlich feſt ge⸗ ſchloſſen, und geben der Phyſiognomie einen ernſten, beinahe bittern Ausdruck; wenn ſie ſich aber, wie jetzt eben im Geſpräche mit dem Grafen Eberhard zu Stolberg⸗Wernigerode leicht öffnen, belebt ſich ſofort das ganze Geſicht, und das die Worte be⸗ gleitende gewinnende Lächeln, die verbindlichen Mienen und Geſten bekunden den ebenſo feinſinnigen wie geiſtreichen Weltmann. Ob General Moltke auch im Parlamente der„Schweiger“ bleiben wird, iſt abzuwarten; ſeine Rednergabe ſoll der Fülle ſeiner Kenntn iſſe gdäquat ſein, und„Wer etwas zu ſagen hat, wird immer gut ſprechen!“ meint ſchon Sokrates und nach ihm Schopenhauer. Einſtweilen können die rein formellen Verhandlungen, namentlich die monotonen Wahlprüfungen den General nicht ſonderlich intereſſiren; das leicht geneigte Haupt, der am Boden haftende Blick, die ineinander ge⸗ ſchlungenen Hände laſſen vermuthen, daß ſeine Gedanken nicht immer in dieſem Saale weilen und wie ihn nun doch die Worte eines Redners aufhorchen machen, bricht er bald in ein halbes Gähnen aus und ver⸗ ſinkt dann wieder in die vorige Beſchäftigung. Moltke iſt dreimal gewählt worden, in Oſtpreußen, Pommern und Sachſen: eine Ehre und Auszeichnung, die keinem anderen Mitgliede des Reichstags zu Theil geworden.
Seinen Nachbar Vogel von Falckenſtein würde man ſich kaum
anders vorſtellen können, als er hier wirklich erſcheint, nämlich als eine von oben bis unten ritterliche Geſtalt. Er iſt noch höher als
Moltke und breiter, aber von derſelben leichten Haltung und Be⸗ wegung, die unter dem abwechſelnd milden und ſcharfen Blick der Augen an Reiz und Würde gewinnen. Nicht nur der volle Bart, das noch blonde Haupthaar— der ganze Körper athmet männliche Kraft und Uebung in allen ritterlichen Künſten, daneben aber gleich⸗ falls ein Stück vom Gelehrten, den Mann von Bildung und Ge⸗ ſchmack, als welchen man ihn bereits kennt.
Ganz verſchieden von dieſen beiden gibt ſich der dritte im Bunde: General von Steinmetz. Der Löwe von Nachod und Skalitz ſitzt in demſelben Centrum, aber ein halb Dutzend Bänke zurück. Er iſt ganz und nur Soldat; das beweiſt die mittelgroße, gedrungene, ſtraffe Geſtalt, der herkuliſche Nacken, der tief und feſt in den Schultern ſitzende maſſive Kopf, das überaus muntere, wetterfriſche Geſicht, die breite, gewölbte Bruſt, die prall gerundeten Arme und Beine, außer⸗ dem jede Miene, Geberde und Bewegung und die Haltung, als ob er ſtets unter dem Gewehr ſtände. Steinmetz gleicht einem der volks⸗ thümlichen Generale aas dem ſiebenjährigen oder dem Befreiungs⸗ kriege; auch auf ihn paſſen die Arndtſchen Verſe:
O ſchaut, wie ihm leuchten die Augen ſo klar!
O ſchaut, wie ihm wallet ſein ſchneeweißes Haar!
So friſch blüht ſein Alter wie greiſender Wein,
Drum kann er auch Verwalter des Schlachtfeldes ſein. Nur„wallt“ ſein ſchneeweißes Haar nicht, ſondern es iſt kurz und echt ſoldatiſch verſchnitten. Wie ſchon geſagt, leuchtet aus ſeinem Ge⸗ ſicht eine ungemeine Munterkeit und Gemüthlichkeit, wie ſie bei dem ſtahlharten unerbittlich ſtrengen Militär wirklich überraſchen muß; eine Seelenunbefangenheiteund Herzensfriſche, die ſich am beſten auf einer Photographie ausprägt, wo der alte Feldherr den kleinen Sohn des Kronprinzen lachend in die Höhe hält. Sein neues Amt ſcheint ihm Spaß zu machen; er gehört zu den erſten, die in den Saal treten und, ohne ihn einen Augenblick zu verlaſſen, hält er darin bis zuletzt aus, indem er nur von Zeit zu Zeit ſeinen Platz wechſelt, oder an den verſchiedenen Bänken Beſuche abſtattet. Er horcht auf jedes Wort, muſtert jeden Redner und äußert ſein ſtets waches Intereſſe, indem er den Kopf ſchüttelt, mit den Achſeln zuckt oder ſich an der allgemeinen Heiterkeit von Herzen betheiligt. Er iſt für Recht und Billigkeit wie für möglichſte Beſchleunigung der Geſchäfte. Darum erhebt er ſich raſch mit der Majorität und ſtimmt, weil die Reden vom Platze nicht überall im Saale verſtanden werden, für ſofortige Errichtung einer Rednertribüne, die denn auch ſchon bei der nächſten Sitzung aufgeſchlagen iſt; ein kleines ſchmales Pult zu Füßen des Präſidenten undunmittelbar vor dem Tiſche der Stenographen; ein Pult, hinter dem, wie der Miniſterpräſident ſchalkhaft meint, der Redner „Schutz finden“ könne. Und als Herr von Vincke die Präſidenten⸗ wahl nicht erſt übermorgen, ſondern ſchon morgen vorgenommen wiſſen
will, nickt ihm General von Steinmetz, der ihn beſonders liebge⸗
wonnen zu haben ſcheint, freundlich zu und erhebt ſich für dieſen An⸗ trag, bleibt aber diesmal mit ſeinem Freunde in der Minorität; eine kleine Niederlage, die er nach ſo viel glänzenden Siegen wohl ver⸗ ſchmerzen kann.—
Aber wer iſt jener wohlbeleibte Herr, bei deſſen Eintritt vor⸗ hin ſich hundert Köpfe emporreckten und ein Murmeln, Winken und Flüſtern den ganzen Saal durchlief? Sein Aeußeres verräth doch wahrhaftig nichts Beſonderes, es ſei denn eine wohlhabende Fülle des ganzen Körpers, eine genußvolle Sättigung des ganzen Weſens. Alles an ihm iſt voll und rund, Nacken und Wangen, Kinn und Hände; nur der Oberſchädel läßt trotz der ſorgſam herübergekämmten dunklen Haare einen großen Vollmond hindurchſchimmern, wogegen das roſig glänzende Geſicht zwei ſtattliche Bartcotelettes einrahmen. Man möchte ihn für einen Hamburger Schiffscapitän oder Schiffs⸗ rheder halten, aber es iſt—: Mayer Karl, Freiherr von Roth⸗ ſchild, es ſind ſchlecht gerechnet 100 Millionen in Einer Perſon, es iſt das leibhaftige Kapital Europas!! Er nähert ſich einem an⸗ dern dicken, runden Herrn am Miniſtertiſche, dem Finanzminiſter Freiherrn von der Heydt. Die beiden Finanzbarone ſchütteln ſich die Hände; ob in aufrichtiger Freundſchaft und Bewunderung, ob mit ſtillen Hintergedanken und einigen unangenehmen Erinnerungen — wer mag das entſcheiden? Rothſchild ſieht äußerſt friedlich, zu⸗ frieden und wohlwollend aus, er ſetzt ſich unweit Guſtav Freytag ieder, denn„der König ſoll mit dem Dichter gehen“— wenn auch nicht unmittelbar neben ihm. Frei und unbefangenblickt der Börſen⸗ fürſt urher, auf ſeinem Bäuchlein ſchaukelt eine dünne goldne Uhr⸗
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