380
Reichstagsbilder aus der Vogelſchau.
Von Otto Glagau.
I.
Der Vorhang rollt auf, und das neueſte Schauſpiel deutſcher Geſchichte geht in Scene. Es iſt ein Stück im großen, hiſtoriſch⸗ politiſchen Stil und heißt Reichstag des norddeutſchen Bundes. Ort der Handlung iſt Berlin; Zeit der Handlung die unmittelbare, ſich täglich neugebärende Gegenwart mit einer weiten Perſpective in die Zukunft. Als Verfaſſer kennt die Welt den größten lebenden Staatsmann, den Miniſterpräſidenten Grafen von Bismarck.
In dem Hauſe Nummer drei der Leipziger Straße iſt die Schau⸗ bühne hergerichtet, in demſelben Saale, wo ſonſt das Herrenhaus tagt. Es iſt ein etwas beſchränkter, aber im übrigen comfortabler Raum von guter Akuſtik und Beleuchtung, der Fußboden mit einem rothbunten Teppich ausgeſchlagen, die Hinterwand von Logen durch⸗ brochen, die beiden Seitenwände mit amphitheatraliſchen Tribünen verſehen, und von der Decke hängen große Gaskronleuchter nieder. Logen und Tribünen ſind für die Zuſchauer, der eigentliche Saal für die Acteure beſtimmt. Der hintere Theil— wohl vier Fünftel des ganzen Raumes— iſt von langen Sitzreihen durchzogen, welche drei ſchmale Durchgänge in vier große Gruppenfelder ſondern. Vor ihnen iſt der Fußboden um ein Paar Stufen erhöht, ſo daß der klei⸗ nere vordere Theil des Saales eine niedrige Eſtrade bildet, die ſich wieder noch dreimal abſtuft und mit einer kaſtenartigen, den ganzen Naum beherrſchenden Loge abſchließt.
Noch iſt das ganze Parterre leer, aber die Zuſchauerräume ſchon theilweiſe gefüllt; namentlich die Tribüne rechter Hand, welche man die Galerie des Hauſes nennen darf, inſofern hier eine nach Ge⸗
ſchlecht und Stand buntgemiſchte Menge ſitzt. Jeder von ihnen iſt ſichtlich erfreut, einen Platz erobert zu haben und jeder voll Spannung und Erwartung in den Zügen. Nebenan wie auch auf der gegen⸗ überliegenden Tribüne befindet ſich eine Abtheilung reſervirter Plätze, ein bequemes Parquet für Perſonen von Diſtinction, welch es allmählich
ſich vorzugsweiſe mit eleganten Damen ſchmückt. Auch in der großen Mittel⸗ oder Hofloge haben auf den mit rothem Plüſchſammt über⸗ zogenen Lehnſeſſeln einige Herren mit Stern und Ordensband oder
in reicher Uniform ſich bereits niedergelaſſen. Die beiden andern Logen ſind für das diplomatiſche Corps und für ſonſtige vornehme Perſonen beſtimmt. Die Tribüne linker Hand endlich iſt bis auf die erwähnte Abtheilung reſervirter Plätze einer Klaſſe von Leuten eingeräumt, die aus den Zuſchauern und Zuhörern ein eigenes Ge⸗ werbe machen, die nämlich was ſie ſchauen und hören, flugs mit Feder und Bleiſtift zu fixiren ſuchen und die ſo angefüllten loſen Blätter in alle Winde fliegen laſſen, wo ſie von den Zeitungen aufgefangen und am nächſten Morgen ihren Leſern zum Frühſtück aufgetiſcht werden. Die Herren Journaliſten oder Vertreter der Preſſe, wie man aus den ſcharfmarkirten Zügen und ſtechenden Augen leicht er⸗ rathen kann, meiſt Söhne des auserwählten Volkes— ſitzen an grün hüberzogenen Tiſchen, und für ihre Bedürfniſſe iſt diesnial weit beſſer geſorgt als jemals vorher, was ſie der Einſicht des Büreaudirectors vom Hauſe, des Geheimen Regierungsrathes Dr. Metzel verdanken, der einſt ſelber zu ihnen gehörte.
Inzwiſchen treten durch die verſchiedenen Thüren des Saales nach und nach die Acteure herein, deren Anzahl die der Zuſchauer weit übertrifft. Aber es ſind keine Theaterprinzen und Theater⸗ helden, ſondern unter ihnen Prinzen, Herzoge und Fürſten, viele
„Grafen und Barone, andere Edelleute in Menge, daneben lorbeer⸗ gekrönte Feldherren und Heerführer und außerdem durch Rang, Beſitz, Bildung oder Talent hervorragende Männer, Berühmtheiten aus allen Gebieten, mit einem Worte: die Blüthe und der Stolz des norddeutſchen Volkes. Bis auf jene Generale ſind ſie alle in ſchlichter bürgerlicher Kleidung, ohne äußere Abzeichen, und man muß es wiſſen, um es zu glauben, daß dies der Herzog von Rati⸗ bor, jenes der Fürſt Pleß iſt, hier der Dichter Guſtav Freytag lehnt und dort der König der Millionäre, der Freiherr Mayer Karl von Rothſchild ſteht. Sie begrüßen ſich freundſchaftlich oder kalt und gemeſſen, ſie gehen aneinander ohne Wort und Blick vonsber und ſuchen nach ihren Plätzen, ſie muſtern ſich forſchend und neugierig, oder ſie ſtehen in Gruppen umher und plaudern und lachen.
Das Geräuſch der Kommenden, die Unterhaltung im Saale und
auf den Tribünen wird immer lauter und ſchwillt zu einem dumpfen Brauſen an: da öffnet ſich die Thüre der Loge im Hintergrunde der Eſtrade, und in dieſe tritt der Director des Schauſpieles.
Schon der einſame, abgeſchloſſene, erhöhte Platz mit dem be⸗ quemen Armſtuhl und dem breiten Tiſche davor zeigt an, daß er in dieſem Saale der erſte iſt, und nun ſchwingt er ſeine Amtswaſſe, eine mächtige Schelle, deren Töne das Gemurmel und Gebrauſe ſchrill zerreißen und die Acteure an ihre Plitze weiſen. Wes Stan⸗ des und Ranges ſie auch ſein mögen, welch großer Ruf manchen vorangeht oder welche Ruhmesglorie auch andere umſtrahlt, welch hervorragende Rolle auch einzelne in dieſem Stücke ſpielen, während viele bloße Statiſten bleiben werden—: ſie ſind doch alle Collegen, gleichberechtigte Collegen, jeder Kopf gilt und zählt als ſolcher, und nur die Addition von Köpfen gibt das Facit. Sie ſind— denn es iſt Zeit, das Gleichniß fallen zu laſſen— die Abgeordneten und Vertreter der Nation, hier zuſammengekommen, um das Ver⸗ faſſungsgebäude des neuen norddeutſchen Reiches aufzuführen. Einige haben noch kaum das Mannesalt. bbeſchritten, andere ſind ſilberlockige Greiſe, die meiſten befinden ſich bereits auf der abſteigenden Lebens⸗ bahn. Einige ſind in der Debatte ergraut, haben ſeit zwanzig Jahren den verſchiedenſten Parlamenten angehört und dort als Sterne erſter Ordnung geglänzt; andere ſind, wenngleich theilweiſe ſchon hohe Sechsziger, noch ganz parlamentariſche Neulinge, aber gerade ſie er⸗ regen aus verſchiedenen Gründen allgemeine Aufmerkſamkeit. Noch größere Gegenſätze und mannigfaltigere Unterſchiede treten in der politiſchen Anſchauungs⸗ und Geſinnungsweiſe der Abgeordneten hervor, wie ſie jetzt dem Rufe der Glocke gehorchend, ihre Plätze ein⸗ nehmen und ſich nach Fractionen gruppiren. Welch ein Sprung von der äußerſten Linken, wo die Demokraten vom reinſten Waſſer
wie Becker, Runge, Waldeck ſitzen, hinweg über die Köpfe der Fort⸗
Nationalliberalen, Altliberalen, Con⸗ ſervativliberalen, der freien conſervativen Vereinigung und wie die Schattirungen ſonſt heißen, bis zu den ſchleſiſchen und pommerſchen Hochtorys der äußerſten Rechten; oder von den Vor⸗ derreihen der beiden großen Centren, wo die Großpreußen Poſto gefaßt haben, bis zu den Hinterbänken der Polen und klerikalen Großdeutſchen oder auch der ſchleswig-holſteiniſchen, han⸗ növerſchen und ſächſiſchen Particulariſten. Doch geſtattet der knapp zugemeſſene Raum keine ſcharfe Trennung, am wenigſten nach den vier großen Gruppenfeldern; die Fractionen ſchieben ſich ſchichtweiſe und oft keilförmig in einander, nur einige Landsmann⸗ ſchaften nehmen geſchloſſene Sitzreihen ein, während nicht ſelten die heterogenſten Elemente dicht neben einander ſitzen, z. B. Rothſchild in einer Reihe mit von Hennig und Guſtav Freytag. Der Sitzungsſaal hat 80 neue Sitze hergeben müſſen, ſo daß nach der Zahl der Abgeordneten 296 etwas ſchmale und enge Plätze vorhan⸗ den, von denen jeder mit einem kleinen Schreibpulte verſehen iſt, das nach Belieben aufgeklappt und niedergelaſſen werden kann.
Der Mann mit der Glocke, der wiederholt zur Ruhe und Ord⸗ nung mahnt, iſt der Präſident der Verſammlung: Herr von Fran⸗ kenberg⸗Ludwigsdorf, Wirklicher Geheimer Rath und Excellenz, ſonſt Vicepräſident des Herrenhauſes. Seifk Amt iſt nur ein inter⸗ imiſtiſches und er verdankt es nicht etwa einer Wahl, ſondern einem äußerlichen Umſtande: er iſt nämlich das älteſte Mitglied des Reichs⸗ tags und als ſolches nach parlamentariſchem Brauch ohne weiteres Alterspräſident bis zur definitiven Conſtituirung des Hauſes. Eine hohe, ſchlanke, trotz der Laſt von 82 Jahren noch wenig gebeugte Geſtalt mit dünnem Silberhaar und etwas herben Zügen, hinter welchen aber nicht ſelten Gutmüthigkeit und Humor hervorleuchten; namentlich macht es einen ergötzlichen Eindruck, ihn mit einer Miſchung von Ingrimm und Bonhomie die Glocke handhaben zu ſehen und zu hören, wie er nachſichtig um„einige“ Ruhe bittet, indem er auf voll⸗ ſtändige Stille von vorneherein verzichtet. In einen ſchwarzen Frack gekleidet, das eiſerne Kreuz vor der Bruſt ſteht er, den Ceſſel ver⸗ ſchmähend, mit übereinandergeſchlagenen Armen und ſich leiſe von der Rechten zur Linken wiegend während der ganzen Sitzung da, und auch die alten, unter huſchigen Brauen hervorſchauenden grauen Augen bedürfen noch keiner Brille. Nichtsdeſtoweniger ſind die unvermeid⸗
—————
ſchrittsmänner,


