Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
361
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ſſt ein ſehr ſorgfältiger; als Umgangsſprache wird in allen Anſtalten

deutſch, franzöſiſch und engliſch geſprochen, wozu die vielen Zöglinge aus England und Frankreich weſentlich beitragen. Die Methode iſt un allen Anſtalten dieſelbe, wie auch die äußere und innere Einrichtung der Gemeine in allen Ländern die gleiche iſt; ſelbſt die Gebäude ſind ziemlich nach demſelben Schnitt. Außer den fremden Zöglingen empfangen alle Kinder der Brüder, ohne Standesunterſchied, ihre Bildung bis zur Confirmation in den Anſtalten. Die Säöhne, welche ſich der Theologie widmen, werden im Pädagogium zu Nisky und im Seminar zu Gnadenfeld bis zu Candidaten der Theologie herange⸗ bildet. Dieſer ausgezeichnete Schulunterricht verleiht den Gliedern der Gemeine, ſelbſt wenn ſie dem Handwerker⸗ oder Bauernſtand an⸗ gehören, einen Grad von Bildung, der ſie unter allen Lebensverhält⸗ niſſen aufs vortheilhafteſte auszeichnet.

Wir machen nun einen Beſuch im Schweſternhaus. Die Frau Inſpectorin führt uns durch die weiten Räume, in welchen uns, wie ſonſt allenthalben, die ſorgfältigſte Reinlichkeit entgegenleuchtet. Zuerſt betreten wir ein großes Zimmer; es iſtdie Mädchenſtube, die zum gemeinſamen Arbeitszimmer dient, für die jungen, confirmirten Mädchen der Gemeine. Hier werden ſie in allen Handarbeiten unterrichtet; wir treffen mehrere Jungfrauen, die mit Nähen beſchäftigt ſind; augen⸗ ſcheinlich geht ihnen die Arbeit nie aus, da hier alles ausgebeſſert wird, was die Jugend der Anſtalten zerreißt. Weiter unten iſt eine große Backſtube, wo durch die Hand der Schweſtern alles Brot be⸗ reitet wird für die vielen hungrigen Magen; ferner die Küche, in welcher man ebenfalls für mehrere hundert Perſonen kocht. Die Inſpectorin iſt die Mutter der vielen fremden Kinder, die hier ein und aus gehen, ſie leitet den umfangreichen Haushalt, und führt in⸗ ſonderheit die Oberaufſicht über die Lehrerinnen, welchen der Unter⸗ richt anvertraut iſt. Wie im Brüderhaus die Knaben, ſo wohnen hier die Mädchen je zu zehn oder zwölf in einem Zimmer, um eine eigne Lehrerin geſchart, die ſich ihnen völlig widmet. Die Kinder ſchauen frei und fröhlich um ſich. Sie haben's auch ſehr gut hier; ihre Zeit iſt vom Morgen bis zum Abend ſo zweckmäßig ausgefüllt, und die Einförmigkeit der Schultage wird ſo glücklich durch fröhliche Feſte unterbrochen, daß die Langeweile gar nicht aufkommen kann. Außer den kirchlichen Feſtzeiten haben ſie eigenthümliche Freudentage; mit ungeduldiger Erwartung reden die Zöglinge jetzt ſchon von dem bevorſtehenden Kartoffelfeſt. Hier oben auf dieſen Höhen, wo kein Wein wächſt, iſt die Kartoffelernte ein Hauptmoment der Herbſt⸗ zeit; da ziehen die Anſtaltskinder hinaus und erbauen im Feld Herde aus Steinen, auf welchen ſie unter großem Jubel die zuſammenge⸗ leſenen Kartoffeln braten; dazu werden eigne Lieder geſungen und Spiele geſpielt, mit dem ganzen Kindervergnügen, das aus wenigem viel machen kann, wenn das Herz leicht iſt, und die Glieder geſund und lebensfroh. An ſchönen Sommertagen kann man bisweilen eine Schar kleiner Wanderer an einem der ſchönſten Punkte des Schwarz⸗ walds antreffen; mit Reiſetaſchen und Stäben ziehen ſie unter der Anführung ihrer Lehrer ſingend durch Wald und Feld, und genießen in vollen Zügen das Glück, eine Fußreiſe zu machen.

Wie in der Brüdergemeine im großen, ſind auch in den Er⸗

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ziehungsanſtalten Knaben und Mädchen ſtreng von einander getrennt, ſelbſt Geſchwiſter und Verwandte ſehen ſich nur in der Wohnung des Inſpectors, unter ſeinen Augen. DieChorabtheilung iſt ein Pfeiler der ganzen Gemeineordnung, welche die Gründer derſelben mit großer Energie aufſtellten, und die ſich bisher in unveränderter Form erhalten hat. Um der Sittenloſigkeit vorzubeugen, welche in der Folgezeit in dieſe enggeſchloſſenen Gemeinſchaften hätte einreißen können, hatte gleich anfangs der Reformator der böhmiſchen Brüder⸗ kirche, Graf Zinzendorf, die Gemeine nach Geſchlecht und Alter in Reigen oderChöre abgetheilt. Die Kinder bis zur Confir⸗ mation ſind dasKinderchor; ſpäter bis zu ihrer Verheirathung bilden ſie dasledige Brüder⸗ undSchweſternchor; die Ehe⸗ leute treten in dasEhechor, und wenn der Tod ſie trennt, in die Wittwerchöre ein. So weit dies thunlich iſt, leben die Glieder deſſelben Chors in denChorhäuſern zuſammen, die Eheleute na⸗ türlich ausgenommen; alle erwachſenen Kinder der Gemeine ſollen eine möglichſt lange Zeit in den ledigenBrüder⸗ undSchweſtern⸗ häuſern zubringen; den verwittweten Gemeindegliedern wird eben⸗ falls in den Gemeinehäuſern eine Zufluchtsſtätte angeboten. Jedes Chor ſieht ſich als einen Theil der Gemeine an, welcher, auf Einem gemeinſamen Grunde beruhend, nur Einem Ziele nachtrachtet. Die Genoſſen eines Chores umſchließt das Band gleicher Lebensverhält⸗ niſſe und Erfahrungen. Sie ſtehen ſich dadurch näher und werden durch dieſe Einrichtung veranlaßt, ſich in inniger Freundſchaft an einander anzuſchließen, unter der Leitung gleichſtehender Gefäh rten, derChorpfleger und Pflegerinnen, denen die Seelſorge in ihrer Mitte aus ſchlßlicanvert aut iſt, ſo daß auch die Frauen unter⸗ einander dieſelbe ausüben, und nur das öffentliche Predigtamt aus⸗ ſchließlich den Männern überlaſſen bleibt. Jedes Chor hat ſeinen eignenChortag, ein Freudenfeſt für alle ſeine Glieder, das mit ihm die ganze Gemeine feiert, und an dem ihm inſonderheit ſeine Pflichten nach ſeiner Lebensſtellung ans Herz gelegt werden; eine be⸗ ſondere Rubrik des Brüdergeſangbuches bilden dieChorlieder, zumeiſt von Zinzendorf ſelber gedichtet. Ueber dieſenChorplan iſt allerwärts viel geſpottet worden; es iſt auch nicht zu erwarten, daß alle Grundſätze und Einrichtungen der Brüdergemeine von andern als Gleichgeſinnten vollkommen verſtanden werden können. Eine Organiſation aber, die ſich durch anderthalb Jahrhunderte hindurch erhalten, und die in ganz verſchiedenen Ortsverhältniſſen die untadel⸗ hafteſte Sittenreinheit zur Folge hat, kann uns nicht anders denn ehrwürdig erſcheinen. Es läßt ſich leicht begreifen, daß dieſe Ein⸗ richtung im Großen und Ganzen der proteſtantiſchen Kirche nicht durch⸗ führbar wäre, da es ja gerade das Zuſammenleben in der Familie iſt, auf dem die chriſtliche Sitte beruhen ſoll. Die Brüdergemeine iſt auch zu keiner Zeit darauf ausgegangen, die Zahl ihrer Glieder zu vergrößern(ſie zählt, ſo viel wir wiſſen, in Europa kaum über zehn⸗ tauſend Seelen), eben ſo wenig hat ſie es je unternommen, ihre Eigenthümlichkeiten als Norm für die Geſammtkirche aufzuſtellen.

Ueberhaupt iſt der Streit nie die Sache der Brüdergemeine ge⸗ weſen im Frieden hat ſie ſich auferbaut, im Frieden iſt ſie ge⸗ wachſen, und Frieden iſt noch heute ihr Lebenselement.

Das war mir bei dem Beſuche in Königsfeld aufs neue überall lebendig entgegengetreten; der Leſer wird es mit mir gefühlt haben,

wenn er mich bis hierher begleitet hat, und wird mit mir gewiß noch hoft zurückdenken an die ſtille Friedensſtätte im hohen Schwarzwalde.

Der König der Zournaliſten.

Von unſerem Pariſer Correſpondenten.

II.*)

Man glaube nicht, daß der junge Chefredacteur des ſo gegrün⸗ deten Journals jetzt etwa mit einer gewiſſen Beſcheidenheit debütirt und durch wirkliche Leiſtungen ſich die Huld des Publicums zu er⸗ werben ſucht. Nein! das iſt die Manier des Herrn v. Girardin nicht! mit einer Unverſchämtheit, der ſeine Verehrer den Namen Genialität geben, wirft er ſein Journal wie eine Bombe unter die Leſerwelt und ſetzt das Publicum dermaßen in Erſtaunen, daß man nicht Zeit hat, zu unterſuchen, auf welchen ſchwachen Grundlagen das ganze Unternehmen ruht und wie hohl es durch und durch iſt.

*) Vergl. Nr. 21. III. Jahrgang.

Das Paradoxon eignet ſich am beſten für alle, die beabſichtigen, den Leſer in geiſtige Verwirrung zu ſetzen und ihn ſo ſeines geſunden Urtheils zu berauben, ihn zu intereſſiren, ihn wie der techniſche Ausdruck des Journalismus iſt zupacken; das Paradoxon iſt auch das Steckenpferd, auf welchem Emil von Girardin täglich ſeinen Leſern einen Leitartikel in derPreſſe vorreitet, und in dieſem Genre literariſcher Equilibriſtik beſitzt er ein unleugbares Talent, welches ihm nach dem großen und kühnen Seiltänzer den wohlver⸗ dienten Namen des:Blondin des Journalismus zuzog.

DiePreſſe war wirklich ein Ereigniß in der franzöſiſchen Tagesliteratur, die doch ſchon ſo viel gewagt, jedoch ſich noch nie in

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