Jahrgang 
13-26 (1867)
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ein; hier regten die Lehrlinge die erſten Schwingen ſelbſtändiger Unterſuchungen; hier wurde den jungen Forſchern das Gepräge gewiſſenhafter, leidenſchaftsloſer, rein ſachlicher Behandlung aufge⸗ drückt, das zum Charakter derRankeſchen Schule geworden iſt. Ja hinauf bis in die Königsſchlöſſer drang auch Rankes wiſſen⸗ ſchaftlicher Einfluß. Ihm iſt es doch ſchließlich zu danken, daß ſein begeiſterter Schüler und Freund, der edle König Max von Baiern durch ſein großartig bethätigtes Intereſſe Baiern zu einem Mittelpunkt hiſtoriſcher Studien und Forſchungen in Deutſchland ge⸗ macht hat. Auch in dieſem unvergleichlichen Schaffen regen ſich die Männer oder die Prinzipien wenigſtens der Rankeſchen Schule. Wir fühlen es dem warmen Nachruf, den Ranke dem zu früh entſchlafenen königlichen Freunde widmet, an, daß hier ein ſelten ſchöner Bund durch den Tod zerriſſen wurde.

Die Schüler, zum Theil ſelbſt nun Meiſter geworden, haben den Ehrentag des Altmeiſters, des zweiundſiebenzigjährigen, feſtlich begangen. Die geflügelten und die geſchriebenen Dankesworte, die am 20. Februar erklungen ſind, Julius Hübners Kunſtblatt, das man ihm überreicht hat, auf der einen Seite die Göttin der Hiſtorie, die Klio, auf der andern des Gefeierten lorbeerumkränztes Bild zeigend, der ergraute Lehrer noch einmal inmitten ſeinerSchule! alles ſind wohlverdiente Errungenſchaften eines ſo inhaltreichen Lebens und Strebens.*)

Doch in die weiteſte Ferne wirkte Ranke durch ſeine Schriften, von jenem Erſtlingswerk an, in dem doch ſchon der ganze Geiſt des Mannes ſich kundthut, bis zur engliſchen Geſchichte, wohl dem Schluß⸗ ſtein ſeiner großartigen Schriftſtellerthätigkeit. In die Hauptcultur⸗ ſprachen ſind ſeine Geſchichtsbücher übertragen, ſein Name iſt in England, von wo auch Rankes Gattin ſtammt, faſt ſo populär als in Deutſchland, und die Engländer haben das kühne Wageſtück eines Ausländers, mit ihrem Macaulay wetteifernd in die Schranken zu treten, wohl zu würdigen verſtanden. Die nationale Sympathie wird dort allezeit dem Nationalautor bleiben, der wiſſenſchaftliche und univerſelle Vorzug aber auch von urtheilsfähigen Briten dem deutſchen Hiſtoriker zugeſprochen. Rankes Ruhm wie die Wahl ſeiner Stoffe ſind univerſal.

Sehen wir näher zu!

Wohl iſt Ranke mit ſeinem allſeitigen Geſchichtsintereſſe, ſeiner ſtaunenswerthen Arbeitskraft und einem Gedächtniß, dem in neuer Zeit vielleicht nur das Niebuhrs und Johannes von Müllers gleich⸗ kommt, in allen Zeiten, unter allen Völkern, die überhaupt eine Geſchichte haben, zu Hauſe, auch hat er faſt über alle Theile als aka⸗ demiſcher Lehrer geleſen, der Geſchichtsſchreiber Ranke aber wurzelt in dem einen Mittelpunkt der großen Weltbewegung, die, im 16. Jahrhundert entſprungen, die neue Zeit von der mittleren Epoche ſcheidet, ihre Wirkungen über den ganzen Welttheil und über die beiden nächſtfolgenden Jahrhunderte ausbreitet, ja in heftigeren oder leiſeren Schwingungen bis auf unſere Tage fortzittert. Alle Perſönlichkeiten und alle Verhältniſſe treten in den Dienſt des großen Pro und Contra, das Europa in zwei feindliche Lager theilt. Dieſe Gruppe von Ereigniſſen als ein großes Ganzes, als einen religiös⸗ politiſch en Weltkampf aufgefaßt und dargeſtellt zu haben, ein Drama, das in verſchiedenen Acten die germaniſchen und roma⸗ niſchen Stämme aufführen das iſt recht eigentlich Rankes Ver⸗ dienſt, ſeine Entdeckung. Alle größeren Geſchichtswerke Rankes fließen aus dieſer einen Quelle: ſeineFürſten und Völker, die Geſchichte der Päpſte im 16. und 17. Jahrhundert, die deutſche Re⸗ formationsgeſchichte, ſeine franzöſiſche und engliſche Geſchichte in den genannten beiden Jahrhunderten, ja im Grunde ſtehen auch die Neun Bücher preußiſcher Geſchichte, wenn auch zunächſt ſeiner Stellung als Hiſtoriograph entſprungen, doch mit jenem Centralereigniß in enger Verbindung. Welche Motive die Wahl dieſes großartigen Stoffes beſtimmt haben? Ob die Eindrücke der Heimat, des Geburts⸗

*) Zu den glänzenden Ehrenbezeugungen, welche dem greiſen Meiſter am 20. Februar dargebracht wurden, darf man den Proſpekt de eine 55 ſammtausgabe ſeiner Werke, mit dem die Verlagshandlung von Duncker und Humblot in Leipzig an jenen Tage hervorgetreten iſt, ge⸗ wiß mitzählen. In drei und dreißig Bänden wird dieſe Ausgabe, außer den in unſerem Texte angeführten Werken(die übrigens zum Theil gänzlich umg earbeitet erſcheinen werden) auch ſeine ſämmtlichen, zerſtreut erſchienenen oder bisher noch nicht veröffentlichten Schriften enthalten. Die Redaction.

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landes der Reformation? ob ihr Säcularfeſt von 18172 das ent⸗ ſcheidende innere Motiv entzieht ſich auch hier jeder Ergründung. Der Inſtinct des Talents vor allen ließ ihn den kühnen und glück⸗

lichen Griff thun. Als äußerer Hebel aber kam hinzu der Fund

archivaliſcher Quellen, voran der venetianiſchen Geſandtſchaftsberichte,

die es ihm erſt möglich machten, Neues zu ſchaffen. Dem Geſchichtsſchreiber liegt eine dreifache Arbeit ob. Er

hat, um im Gleichniß zu reden, im tiefen Schacht die Erze zu ge⸗

winnen, er hat ſie zu ſichten, zu ſchmelzen und zu läutern, er hat ſie

zu geſtalten und zu faſſen zu Kleinodien der Literatur. Ranke iſt

nach den drei Seiten gleich groß. Alle Kritik wirkt zunächſt zerſtörend und auflöſend.

tion hineinzuſchneiden, das Gewebe zu zertrennen, die untauglichen

Fäden auszuſcheiden, die brauchbaren mit friſchen zu verknüpfen. Freilich verarmt dadurch die Vorſtellung von der Vergangenheit,

die reichen und bunten Farben erblaſſen, aber aus der Welt des Scheins erhebt ſich dafür eine Welt des Seins, aus der Dichtung die Wahrheit. So entſchädigt für den Verluſt des alten der Gewinn neuen Materials aus friſch eröffneten Quellen.

Archive und ihrer authentiſchen Berichte kein Hiſtoriker ſich mehr an die neuere Geſchichte heranwagen darf.

Ranke ſtrebte indes nirgends ſo ſehr nach Vollſtändigkeit des Materials als vielmehr nach Zuverläſſigkeit, überſichtlicher Grup⸗ pirung, Durchſichtigkeit. Er verſchmähte die kleinen, oft ſo anziehen⸗ den, oft aber auch kritiſch ſo verdächtigen Details und folgte einem Eklekticismus, der in großen Zügen nur das Weſentliche, das Bleibende und Weltgeſchichtlich⸗Wichtige bietet. Es iſt ein Haupt⸗ vorwurf, den man dem großen Hiſtoriker gemacht hat, daß er ſo viel ſchon vorausſetze, ſo viel Material über Bord werfe. Kritiſche Naturen werden immer zu einem gewiſſen Lakonismus neigen. Auch

Es gilt, in die ganze Geſtalt der feſtgewordenen und oft ſo glänzenden Tradi⸗

Unſerm Ranke und ihm allein iſt es zu danken, daß inskünftige ohne Benutzung der

die Natur ſeiner Quellen, der Geſandtſchaftsberichte z. B., die ihm

nicht in ununterbrochener Folge zu Gebote ſtanden, wirkt mit.

Aber freilich, Ranke wollte nicht blos kritiſiren, er wollte ein Kunſtwerk ſchaffen. Gerade dies Kunſtprincip, die geſchichtliche Würde und die Geſetze der Compoſition geboten ihm Maß und Beſchränkung. Hier fühlt man überall durch, der Autor könnte mehr ſagen, er will es nicht. Damit das Charakteriſtiſche hell und ſcharf hervor⸗ trete, muß der Ballaſt wegfallen. Mag Raake in dieſer vornehmen

Zurückhaltung mitunter zu weit gegangen ſein; zu rechter Zeit, be⸗ 4

ſonders bei Schilderung von Perſönlichkeiten, bringt er doch oft Localtöne, die helle Lichter auf das Bild werfen. wünſchen wir den breiteren Pinſel epiſcher Erzählung, ſtatt der ſpannenden Art dramatiſcher Dialektik.

Die Kunſt Rankes, mit der er den Stoff in Fluß bringt und dem Körper der Thatſachen Leben und Odem einhaucht, beruht ein⸗ mal in der Gruppirung der Ereigniſſe, dann in ein⸗ geſtreuten kurzen und prägnanten Räſonnements, end⸗ lich in der pſychologiſchen Vorführung der Haupt⸗ perſonen.

Was gehört doch dazu, durch den Staub der Archive hindurch,

aus dem Wuſt kaum überſehbarer Detailunterſuchungen, mitten in

der unterirdiſchen Arbeit der Kritik, in der Zerſtreuung und An⸗

Hier und da

ſtrengung jahrelanger Reiſen die Geiſtesfriſche, den Blick auf das

Ganze, die Kraft zur Compoſition ſich zu bewahren! Wir bewun⸗

dern noch mehr dieſe Geſtaltungskraft des Künſtlers, als den Bienen⸗

fleiß des Sammlers und die Schärfe des Kritikers.

Ein ganz neuer, bisher unerhörter Ton wurde von Ranke zu⸗ erſt in ſeinenFürſten und Völkern angeſchlagen. Des trocknen

oder ſchwülſtigen Tones ſatt, der den altmodiſchen Hiſtorikern meiſt

eigen war, behandelt er den Stoff faſt mit keckem Uebermuth und

mit welch beneidenswerther Leichtigkeit! Sein Stil iſt ein Vorbild

geworden für viele Geſchichtsſchreiber nach ihm.

Von dem Mittel, eigne Urtheile zur Orientirung über die Facta einzuſtreuen, macht Ranke den ſparſamſten Gebrauch. Auch darin ein echter Hiſtoriker, der ſich nie über oder neben die Thatſachen ſtellt. Seine Urtheile drängen ſich nicht vor und auf, ſie erwachſen mit einer Art Naturnothwendigkeit aus dem Stoffe ſelbſt. Dieſes reflec⸗ tirende und moraliſirende Einmiſchen, das kleinmeiſternde und rigori⸗ ſtiſche Begleiten mit der eignen Sympathie oder Antipathie, wie es Schloſſerz. B. liebt und übt, kennt Ranke nicht.

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