Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
348
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38 mußte noch mehr Anhaltepunkte haben und hatte ſich vorgenommen, mußte, welche ſo viel Aufregung erzeugt hatte. Seine eiligen Fragen

ſo oft eine Gelegenheit ſich darbieten würde, einem der Männer, welche in die ſchleichende Intrigue verwickelt ſchienen, zu folgen, ſolche zu nützen.

Deshalb beeilte ſich Oelven, ſo ſehr er vermochte, hinter Ring⸗ wald und Biedekap zu kommen; zu ſeinem Leidweſen hatte jedoch Herr Müller eine große Anzahl Fragen und damit verbundenen Be⸗ weiſen an den Secretär zu richten und durchzuführen, die Zeit ver⸗ ſtrich, und es lag bereits ein großer Raum zwiſchen dem Abgange der Herren Ringwald und Biedekap und dem Schluſſe der Ver⸗ handlungen des Herrn Müller, als Oelven die Treppe hinauf durch die Thüre auf die Gaſſe eilte. Die Straßehinter dem Ber⸗ nauer Keller war faſt ganz menſchenleer. Nur einige Schwärmer und Wirthshausbrüder ſchlichen an den Häuſern entlang. Der Secretär ging bis zur Ecke der Grünſtraße hinunter, ärgerlich, daß er die beiden verfehlt hatte. Er hing ſeinen Gedanken nach und ward durch ein lautes Geſchrei aus ſeinen Träumen aufgeſchreckt. Schnell warf er ſich in die Straße. Am Ende derſelben gewahrte er einen Menſchenknäuel, auf den er haſtig zueilte. Jeden⸗ falls war dort unten etwas geſchehen. Ihm entgegen kamen Leute, er glaubte Biedekap zu erkennen, welcher ohne umzuſehen nach der Petrikirche ſeine Schritte lenkte, dann ſtürzten zwei drei Kerle an ihm vorüber, Stimmen riefen:Haltet! Haltet! Aus den Neben⸗ gaſſen tönten die Knarren und Pfeifen der Wächter. Der Secretär gelangte keuchend an die Stelle, wo die Scene ſtattgefunden haben

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vermochte niemand recht zu beantworten; die Leute aus den Neben⸗ häuſern waren zwar auf wiederholten Hilferuf herbeigekommen, aber die eigentliche Gefahr hatte ſich ſchon gelegt, die Strolche waren ent⸗ wiſcht, und alles, was Oelven erfuhr, beſtand in der Nachricht, daß ein alter Herr von Banditen überfallen worden und durch einen plötzlich erſcheinenden Mann befreit worden ſei.

Da Oelven den Kammerdiener an ſich vorüberflüchten geſehen hatte, ſchloß er richtig, daß der alte Ringwald jener Befreite ſein

müſſe. Die Tapferkeit Biedekaps zog er ſtark in Zweifel, es war

ſicherlich auf beide ein Anfall gemacht worden, und der Kammerdiener hatte die Flucht ergriffen. Oelven wollte ſich Gewißheit verſchaffen. Er lief, ohne ſich länger aufzuhalten, die Straße hinunter, bog dann links ab, kam auf die Brücke und betrat die einſame Gaſſe, welche den Stadttheil Neu⸗Köln bildete. Indeſſen hatten die Nachfragen über das Ereigniß, die verſchiedenen Auskunftertheilungen, das Für und Wider der Zuſchauer oder Zeugen doch eine geraume Zeit fort⸗ genommen. Der Secretär kam gerade vor dem Hauſe Ringwalds an, als der alte Buchdrucker mit ſeinen Kindern durch die Thüre des Wohnhauſes ſchritt. Oelven wollte ſo eben die Glocke an der Hecken⸗ pforte ziehen, als dicht neben ihm die Geſtalt eines Mannes vorüber⸗ huſchte, den der Secretär ſofort als den von ihm geſuchten Pater erkannte. Es war dieſelbe Geſtalt, derſelbe Hut, der leichte Mantel, den er vor wenig Tagen im Hofe der Nicolaikirche geſehen hatte. (Fortſetzung folgt.)

Leopold von Ranke. Ein Gedenkblatt zu ſeinem fünfzigjährigen Doctorjubiläum.

Von einem alten Schüler.

Im Herzen des Vaterlandes, zwiſchen den grünen Bergen Nord⸗ Thüringens ſteht die Wiege des Mannes, den dieſe Zeilen feiern

ſollen. Viele glückliche Bedingungen und Fügungen mußten zuſam⸗

mentreffen, um ihn zum Fürſten der deutſchen Geſchichts⸗ ſchreibung unſerer Tage zu erheben: eine geſchichtlich geſtimmte Zeit, der Genius des Ortes ſeiner Geburt Hand in Hand mit der eingeborenen Gottesgabe.

Es iſt klaſſiſcher Boden, wo Ranke das Licht der Welt erblickte, eine durch und durch hiſtoriſch belebte und geweihte Landſchaft. Sein Geburtsflecken Wiehe im anmuthigen Unſtrutthale, dergoldnen Aue; nahe dabei Burg Scheidungen mit dem dunklen Hinter⸗ grund der ſagengeſchmückten Vertilgungsſchlacht der alten Franken und Thüringer. Noch näher winkt Memleben, der Sterbeort König Heinrichs I., mit allen Erinnerungen an dieſen Neugründer des deutſchen Staates. Heinrichs größte That, ſein Ungarnſieg ward gleichfalls im Thal der Unſtrut erfochten. Der Kyffhäuſer mit ſeinen Kaiſerträumen ſchaut ernſt aus der Ferne; die neue Geſchichte iſt vertreten durch das unferne Schlacht⸗ und Siegesfeld von Roß⸗ bach. Dabei ein echt reformatoriſches Land! Nur wenige Stunden nördlich ſtand Luthers Wiege in Eisleben. Gewiß Punkte genug, die den Blick in die deutſche Vergangenheit rückwärts führen und den Geſchichtsſinn des jungen Geiſtes wecken mochten. Ranke ſelbſt hat mehr wie einmal bekannt, daß vor allen Heinrichs I. Heldengeſtalt ſich ſchon früh vor dem Knabenauge erhob und zum Fragen und Forſchen reizte. Aber es iſt, als ob alle die klaſſiſchen Orte ſeiner Heimat dereinſt in ihm und ſeiner Geiſtesarbeit lebendig werden ſollten. Wer denkt nicht an ſeine Geſchichte der deutſchen Reformation, an⸗ ſeine preußiſchen Geſchichten, auch wenn ſie nicht bis Roßbach vor⸗ dringen, an die von ihm geleiteten Forſchungen über die Sachſenkönige?

Ein vierzehnjähriger Knabe zog Ranke 1809 auf die altbe⸗ rühmte, damals noch kurſächſiſche Landesſchule Pforta. Jetzt fliegt die Eiſenbahn an dem einſt ſo ſtillen Kloſterwinkel vorüber. Wie ſo manchem Deutſchen vor und nach Klopſtock ward Schulpforta auch für Ranke die geiſtige Wiege, die Pforte zur Wiſſenſchaft. Das Ge⸗ heimniß ihrer tiefen Wirkung lag in der weiſen Beſchränkung auf

ein reiches Wiſſensfeld, die antike Literatur, und in der lebendigen

Anleitung zum Selbſtſtudium. Es wurde nicht blos gearbeitet, ſon⸗ dern mit Liebe und Freiheit gearbeitet. Damals waltete über dem Ganzen der klaſſiſche Rector Ilgen, einer der größten deutſche

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Schulmonarchen. Aus der Quelle der Alten trank Ranke mit dem Durſte einer hochgeſtimmten Seele. Er hat mit den Geiſteswerken der Antike auch die Zucht und Schönheit ihrer Form in ſich einge⸗ ſogen. Der junge Fürſtenſchüler wird von Alters⸗ und Schulge⸗ noſſen als einſamer Grübler geſchildert, der die abgelegenen Wege in den nahen Buchenwäldern mehr liebte als die lauten Knabenſpiele, ein hartnäckig fleißiger, immer innerlich thätiger Jüngling. Auch hiſtoriſcher Boden war die ehrwürdige Anſtalt. Ja, drei Zeiten reichten ſich dort die Hand. Das eifrig gepflegte claſſiſche Alter⸗ thum, die Erinnerungen an das Mittelalter ringsum in dem alten Ciſterzienſer-⸗Kloſterbau, die Neuzeit, an deren Schwelle die Landesſchule durch die reformatoriſche Bewegung ins Leben ge⸗ rufen wurde.. An das ſtille Bildungsaſyl ſchlugen die Stürme der Zeit. Die große Heerſtraße vom Mittelrhein nach dem Oſten führte an den Kloſtermauern vorbei. Auf ihr zog Napoleons Armada gen Rußland auf Nimmerwiederſehen. Ein Jahr weiter, und das geſchlagene Franzoſenheer eilte von Leipzigs Feldern heimwärts. Doch nur einzelne Theile berührten Schulpforta; in deſſen unmittelbarer Nähe wurde gekämpft. Das war neueſte Geſchichte! Doch mitten im Kriegsgetümmel erließ der Feldmarſchall Schwarzenberg einen nachdrücklichen Schutzbrief für die ruhmreiche Anſtalt.. In Leipzig ſetzte Ranke ſeine Studien fort, vor allen doch philo⸗ logiſche unter dem großen Gottfried Hermann, aber auch hiſtoriſche und philoſophiſche. Nach kurzer Schulpraxis in Frankfurt a. d. Oder denn inzwiſchen war ſeine ſächſiſche Heimat preußiſch geworden bricht ihm ſeine Erſtlingsſchrift:Die Geſchichte der romaniſchen und germaniſchen Völker die Bahn zur Univerſität, wohin er gehört. Berlin iſt die Stätte ſeines großartigen Wirkens als Lehrer, als Gelehrter geworden und geblieben. Neben einem

Karl Ritter, Savigny, Böckh, Alexander von Hum⸗

boldt u. a. ward er einer der Sterne des dortigen Lebens, die jetzt meiſt erloſchen oder dem Erlöſchen nahe ſind.

Ein deutſches Gelehrtenleben iſt nicht mehr ſo ganz ein Stillleben, wie es vordem war, am wenigſten der Lebensgang eines Geſchichts⸗ ſchreibers. Vom einſamen Schreibtiſch geht es da in die Unruhe vieler Reiſen, vom Katheder in die Archive, aus der ſtillen Häuslichkeit in den Salon der Großen, an die europäiſchen Höfe, von der Kritik Diltlegener Fragen der Wiſſenſchaft mitten hinein in das Gewirr

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Archiv Engla am Ho

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