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zurück. Fedor ſchüttelte mich beim Abſchiede lachend:„Du biſt mit Deiner Amour ja gewaltig preſſirt?— nun, benutze die Zeit gut und viel Glück und Vergnügen, mein Junge.“
„Er ſchwang ſich aufs Pferd und galoppirte den anderen Burſchen nach.
„Am zweiten Pfingſtfeiertage in der Dämmerſtunde ging ein glückſtrahlendes Paar unter den Bäumen der Löbauer Haide dahin. Im Garten der Haideckerei, in der duftenden Fliederlaube hatte Magda zum erſten Mal ihren Conſtant geküßt. Vor der Mutter und dem Onkel hatten ſie ſich verlobt; Magda ſollte den Sommer über in der Löbauer Haide bleiben....“
—— Der Unglückliche ſchwieg. Seine Bruſt arbeitete wild, und der Athem ging raſſelnd. Ich ſah mich nicht um. Mein Hirn brannte, wie in Fieberphantaſien... ja, war es denn überhaupt möglich, daß... Fürſt Kanonendonner mir dieſe— ſeine Ge⸗ ſchichte erzählte?
Aber ſchon keuchte es heiſer hinter mir:„Und als die Roſen im Garten des einſamen Haidehauſes aufblühten, traf ich eines Abends mein Lieb— meine Braut— mein Alles in den Armen meines ſchönen, luſtigen Freundes Fedor...
„In jener einen dunkeln Minute verlor' ich mein Lieb— meinen Herzbruder... ha! ha!— Vater und Mutter— Erdenglück und Himmelsſeligkeit...
„Als die Sonne des nächſten Morgens über der Löbauer Haide aufging, ſah ſie zwei bleiche Jünglinge mit ſcharfen Stoß⸗ ſchlägern einander gegenüberſtehn, die ſo oft Bruſt an Bruſt ge⸗ ruht hatten.
„O wäre der Mörder meines Friedens doch ganz zum Kain geworden! Mit ſeinem Degen in der Bruſt brach ich zuſammen. Als ich nach Wochen wieder zum troſtloſen Bewußtſein kam, ſaß meine Mutter an meinem Lager. Ich kannte ſie kaum wieder,— ihr Haar war gebleicht, ihr Auge verweint, ihre Haltung gebrochen, ihr mildes, ſchönes Geſicht vergrämt... Sie trug tiefe Trauer,— mein Vater war vom Schlage gerührt todt umgefallen, als er die Nachricht von dem Duell erhielt. Fedor war geflohen. Ich wollte
den Verband abreißen und mein unſeliges, vernichtetes Leben dahin⸗
fließen laſſen... meine Mutter beſchwor mich auf ihren Knicen, und ich gab ihr mein heilig Wort, daß ich leben— leben wolle... ich hab' es gehalten: noch heute— faſt vierzig Jahre nach jener Stunde— lebe ich der Welt zum Spott!
„Und was ich jetzt noch zu erzählen habe— wird Ihr junges Herz es faſſen? Ich glaube kaum— ich wünſche Ihnen ſogar, daß Sie es nie ganz verſtehen lernen. Möge Fürſt Kanonendonner für Sie ſtets ein pſychologiſches Räthſel bleiben! Die übrige Welt iſt über mich im Reinen— ſie ſpricht ihr Urtheil täglich mit Lachen aus.
„Meine Wunde war geheilt. Meine Mutter ging auf ihr verödetes Schloß an der Elbe zurück. Ich verließ das Krankenzimmer als ein anderer— ich kam mir ſelber vor wie ein Verſtorbener, der ver⸗ dammt ſei, nach ſeinem geiſtigen Tode noch körperlich unter den Lebenden zu wandeln, weil ein hölliſcher Funke in ihm wild fort⸗ glimmte! Dieſer Funke, der mich Tag und Nacht mit tauſend Mar⸗ tern durchbrannte, war der Haß gegen die Mörder meiner Ruhe, meines Friedens— der Haß gegen die ganze Welt, der Haß gegen mein eigenes elendes Leben. Ich fand eine entſetzliche Wolluſt darin, dies elende Leben noch elender zu machen— dieſen zertretenen Garten bis auf die letzte der Blüthen, mit denen er einſt ſo reich geſchmückt war, zu verwüſten— für immer: hier und dort! Wild lechzte ich nach der Minute, wo ich mir ſelber ſagen konnte: es gibt nichts mehr zu zertreten, zu vernichten— es gibt kein elenderes, unſeligeres Leben, wie das Deine... und Ihr, Ihr beide, die ich ſo über alles auf dieſer Welt geliebt habe, werdet dereinſt für jedes— jedes zer⸗ tretene Blumenblatt zur Rechenſchaft gezogen werden!— Ich konnte laut auflachen, wenn ich jenem grauſigen Ziele wieder um einen Schritt bergab näher gekommen war— Gott bewahre Sie aber vor einem ſolchen, Lachen! In den wüſteſten Ausſchweifungen ſuchte ich Leib und Seele ganz zu Grunde zu richten— mein Körper war aber ſtärker, als mein Wille, er etlag dem wilden Leben nicht— aber die Seele... ach! mein Gott! mein Gott!... die wird bald Rechen⸗ ſchaft geben müſſen vor Deinem Throne, ſoviel von ihr übrig ge⸗ blieben iſt!
„Ich wurde aus Halle gemaßregelt— polizeilich fortgewieſen. Ich ging nach Leipzig und ſetzte das alte Leben dort noch toller fort.
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Die Mutter hat ihren verlornen Sohn nicht wiedergeſehen— ſie fuhr mit Weinen in die Grube. Auch dies zertretene Leben ömmt auf Eure Rechnung— lachte ich auf.— Mein väterliches Erbe,— l der Vater hatte in den Kriegszeiten dem Vaterlande über ſeine Kräfte
Opfer gebracht— war bald durchgejubelt—— ich lachte auf und ward Schmarotzer... und immer ſchneller, immer brauſender ging's abwärts... bitten Sie Gott, daß Fürſt Kanonendonner bald ganz unten— tief unten angelangt iſt...“
„Nein, nein, ich werde ihn bitten, daß er Ihnen Kraft gibt, wieder hinaufzuklimmen— es iſt ſchwer, aber...“
„Zu ſpät— zu ſpät!“— ſtöhnte er.„Läßt ſich eine Lawine im Sturze aufhalten?— ſie rollt nur immer ſchneller, je tiefer ſie hinabſtürzt... bis ſie zerſtoben iſt!“
„Es iſt nie zu ſpät, ſo lange die Seele noch einen Hauch hat!“ ſagte ich in höchſter Angſt.
„Wer, wie ich, nun bald vierzig lange, lange Jahre immer tiefer und tiefer hinabgefallen iſt, dem wird das Fallen ſo zur Gewohnheit, daß er nicht mehr anders kann!“
„Gott iſt barmherzig...“
„Aber auch gerecht!“— ſagte er dumpf.„Er hat mich zu ſeinem Ebenbilde geſchaffen— ich habe eine Caricatur daraus ge⸗ macht, da ich ſein Werk nicht ganz zertrümmern durfte. Ich vermaß mich, in der Wolluſt des Herzwehs, der Zerriſſenheit, ſelber göttliches Gericht ſpielen zu wollen— Gottläßtſichnichtſpotten!“—
Er ſchwieg. Tief erſchüttert wandte ich mich um und ſtand ihm gegenüber. Er zitterte und ſah beim Flimmern des Mondlichts geiſterhaft bleich aus. Im ſchmerzlichen Aufwallen meines Herzens ſtreckte ich ihm beide Hände entgegen— er ſchüttelte den Kopf:„Ich verdiene kein Mitleid!“
Er wollte gehen...
„Fedor?“ fragte ich unwillkürlich.
„Verſchollen— jenſeits des Oceans...“
„Und ſie— ſie?“ ich hatte nicht das Herz, den Namen Magda auszuſprechen. Er verſtand mich aber doch. 1
„Sie machte es, wie ich!“— ſagte er mit einem heiſeren, kurzen Lachen—„ſie war eine Stufe jäh hinuntergefallen— ſie
ſtürzte ſich alle anderen nach und nach freiwillig hinab... die
Studenten⸗Magda— das ſchöne Waldfräulein ging unter in Schande, Elend und Sünde!“—
„Gottiſt gerecht!“— ſagte ich ihm leiſe nach.
„So wie Sie, hat mich noch niemand geſehen— wird mich
auch niemand wieder ſehen... dieſer Abend gehört mir... gehört den Todten... morgen bin ich wieder der alte, lächerliche Fürſt Kanonen⸗ vonner, der luſtige Poſſenreißer und Witzbold und Aufſchneider,
Jedermanns Hanswurſt für ein Glas Bier— bis... nun, Sie
werden das Ende ja noch ſehen!“— 1 Ich war allein. Noch lange ſtand ich am offnen Fenſter und
dachte hinauf zu den Sternen— über die Sterne hinaus...
Mir that das Herz ſo weh, wie wohl noch nie,— mein Hirn
brannte... mir war, als hätte ich einen wüſten, wüſten Traum geträumt.
Durch den Fußboden ſtöhnte und ächzte es ſchaurig herauf— das durchfröſtelte mich bis ins innerſte Mark!—
— In Heynes Bierſtube wunderten ſich an jenem Abende die Stammgäſte, daß der Stuhl des luſtigen, ſpaßhaften Fürſten Kanonen⸗ donners leer blieb!
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53* 3 Geſehen und gehört habe ich den armen Baron noch oft,— ge
ſprochen nie wieder. Er vermied es ſichtlich, mir allein zu begegnen.
Auf der Straße und in den Kneipen ſpielte er ſeine alte troſtloſe
Rolle mit Bravour weiter— niemand dachte daran, daß es eben nur eine— Rolle war..
Noch einen Hauptſpaß ſollte er den guten, lachluſtigen Berlinern machen, ehe er für immer von der Schaubühne abtrat.
F. einer Berliner Localpoſſe erſchien eines Abends im Friedrich⸗ Wilhelmſtädtiſchen Theater eine ſehr gelungene Copie des Fürſten Kanonendonners auf den Bretern: die ſtadtbekannte bierfette Figur— das rothe gedunſene Geſicht— der martialiſche Schnurr⸗
bart— die kühnen Bogen der dicken, ſchwarzen Augenbrauen— die
klirrenden Sporen— das Rohr mit dem blanken Meſſingknopfe dieſelbe polternde Stimme:„Auf Cerevis! als ich noch in H ſtudirte... Donner und Kanonen! als ich in Leipzig mein hund
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