Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
328
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dem ernſten traurigen Geſichte hatte nicht einen Hauch Kanonen⸗

donnerhaftes an ſich! Die martialiſchen Augenbrauen fehlten, der Schnurrbart war fahl und welk, an den Stiefeln klirrten keine Sporen. Die ſonſt ſo verwogene Haltung war gebrochen, die Bewegung na⸗ türlich. Ueber den großen Augen lag es wie ein feuchter Schleier zum erſten Mal fiel mir ein: dieſe Augen mußten einſt wunderbar ſchön geweſen ſein. Seine Stimme klang ſanft und bewegt; ohne ſein ſonſtiges Pathos ſagte er:Erſchrecken Sie nicht, daß ich Sie bis in Ihr Zimmer verfolge o, ich will Sie gewiß nicht an⸗ pumpen! ſetzte er traurig lächelnd hinzu.Sie waren heute freundlich gegen mich, einfach, ohne Nebengedanken das thut ſelbſt einem ſo verwüſteten Herzen, wie hier immer noch nicht ausſchlagen will und er preßte beide Hände gegen die Bruſt, als müßte er ſo einen plötzlichen heftigen Schmerz zerdrückenſo wohl... wie ein lächelnder Mutterkuß... im Traume! Und Sie waren heute nicht zum erſten Mal freundlich gegen mich ich weiß es, im bangen Sinnen dieſes qualvollen Nachmittags iſt es mir klar geworden: keine Unfreundlichkeit gegen einen privilegirten Sündenbock und Blitz⸗ ableiter für höhnende Witze und luſtige Quälereien iſt ſchon eine große, ſeltene Freundlichkeit! Ihnen hat das Herz weh gethan über den amüſanten Spaßvogel und Poſſenreißer Fürſt Kanonendonner... Sie ſehen tiefer, wie das ganze luſtige Berlin... Sie ſollen noch tiefer blicken! Ich komme, um Ihnen eine... meine Geſchichte zu erzählen. Sie ſind noch jung und der Frühling iſt ſo ſchön in ſeinem berauſchenden Blühen und Duften... aber ſeine Stürme ſind die vernichtendſten. Ein Frühlingsſturm kann in einer Nacht alle Blüthen vom Baum ſtreifen... und mit den Blüthen jede Hoffnung auf dereinſtige Frucht... armes Herz, das ſich an jene vernichteten goldenen Blüthenhoffnungen klammerte! Sie ſind noch jung Sie können Sie ſollen aus meiner Geſchichte etwas lernen! Darum will ich Ihnen erzählen, was noch niemand aus meinem Munde hörte, wovon nur Sie, wenn auch unbewußt, bis jetzt ein dunkles Ahnen hatten. Um eins bitte ich Sie, bleiben Sie auf Ihrem Platz am Fenſter ſitzen, ſehen Sie mich nicht an, während ich erzähle, und unterbrechen Sie mich nicht. Meine Geſchichte ſoll nicht lang ſein aber wahr... Wort für Wort... grauſig wahr!

Ich nickte nur ſtumm mit dem Kopfe, mich betäubte noch immer ein dumpfes Erſtaunen über meinen ſeltſamen Beſuch. Ich ſetzte mich wieder ans Fenſter, ſtützte den Arm auf das Fenſterbret und den ſchwindelnden Kopf in die Hand ſo ſchaute ich faſt wie im Traume hinaus über die flimmernden Dächer in den Mondſchein und die leuchtenden Sternenaugen hinauf in den lichten Himmel...

Der alte Baron lehnte am Ofen, den Kopf hinten übergebeugt, die Augen geſchloſſen, nach einer Weile begann er mit leiſer, ver⸗ ſchleierter Stimme:

Ich ſtamme aus dem uralten, einſt ſehr vornehmen ſiebenbür⸗ giſchen Geſchlechte der Racoczy, das Siebenbürgen viele namhafte Woiwoden gab. Im Jahre 1607 machte ſich Sigmund Racoczy zum ſelbſtändigen Fürſten und war lange Zeit ein gefährlicher Feind Oeſterreichs. Franz II. Racoczy war im Anfange des vorigen Jahr⸗ hunderts der letzte Fürſt Siebenbürgens er wurde von Oeſterreich vertrieben, verbannt, er ſtarb in Beſſarabien. Seine Söhne Joſeph und Franz wurden als Knaben von den Oeſterreichern gefangen und gezwungen, die Namen Marcheſe di S. Carlo und di Sta. Eliſabeta anzunehmen. Joſeph ſtarb vergeſſen in der Türkei. Franz ging im hohen Alter von Italien nach Deutſchland zurück und nahm ſeinen alten Namen Racoczy mit geringer Veränderung wieder an. Er war mein Urgroßvater. Mein Wappen zeigt noch dieSieben Burgen von Siebenbürgen.

Mein Großvater ſiedelte ſich in einem Schloß und Dorf an der mittleren Elbe an. Dort wurde ich 1802 geboren. Mein Vater hatte ein edles, echt ritterliches Herz; er war von dem ſtrengſten Rechtlichkeitsgefühl und von glühender Liebe zu ſeinem neuen Vater⸗ lande Preußen beſeelt. In der Zeit von 1807 13, wo meine Heimat unter der Knechtſchaft des neugegründeten napoleoniſchen Königreichs Weſtfalen ſeufzte, litt mein Vater viel, aber er litt nicht ſchweigend, thatenlos er arbeitete und kämpfte ununterbrochen gegen das verhaßte Joch an, er machte ſich um ſeine Provinz vielfach verdient, aber er opferte auch Gut und Geſundheit. In dieſe ſtür⸗ miſche Zeit fiel meine Kindheit, doch vermochten die Stürme des Krieges den Sonnenſchein meines fröhlichen Herzens und leichten

Sinnes nur wenig zu trüben. Meine Mutter war ganz weiche, hin⸗

Icr

(Er war ein ſchöner, reichbegabter Knabe, voll Witz und übermüthiger

gebende Liebe und glücklich in dieſer Liebe. Ich träume noch oft furchtbar lebhaft von jener Kinderzeit dort in dem ſchönen, alten Schloſſe an der Elbe... ich liege unter den uralten Linden des Parks im Graſe und ſchaue ſpielmüde zu den Bienen hinauf, die um die Lindenblüthen ſummen,... und dann mit einem Mal ins lächelnde Mutterauge voll warmer Liebe... und die Mutter winkt, und ein langer, gerader Mann mit ſorgengefurchter Stirn tritt heran und beugt ſich auch über mich, und über ſein ernſtes Geſicht fliegt es wie Son⸗ 1 nenſchein und er nickt mir herzig zu:Träume nur weiter, glück⸗ liches Kind!... oder ich träume auch wohl, es iſt heiliger Weih⸗ nachtsabend, und ich ſtehe unter dem brennenden Weihnachtsbaume und ſchaue mit leuchtenden Augen die Lichter und Spielſachen an, und draußen vom Thurme der kleinen Dorfkirche läutet es zur Chriſtfeier, und ich werfe mich jubelnd ans Mutterherz und ich höre ihre liebe gerührte Stimme:Mein Conſtant bleibe ein gutes, frommes Kind... und plötzlich erwacht der elende, alte Fürſt Kanonendonner auf ſeinem armſeligen Lager und ſtöhnt und krümmt ſich in wilder Verzweiflung und denkt wieder und immer wieder: War jenem glücklichen Kinde ſchon das grauſige Lebensmotto:Verdirb

ſtirb ſei auf ewig verloren! auf die lächelnde Stirne geſchrieben?

und die langen, langen Nächte muß ich dann dies Wort denken, bis ich faſt von Sinnen bin...

tudent anno 1 zenden Traum d Fedor ſü

Hinter mir ſtöhnte und ächzte es, wie ich es Nachts gar oft durch den Fußboden heraufſchallen gehört hatte, aber jetzt noch unendlich viel ängſtlicher qualvoller.

Und der Unglückliche erzählte weiter:

Als Deutſchland das franzöſiſche Joch abgeſchüttelt hatte, brachte mein Vater mich auf die lateiniſche Schule des Kloſters Lieb⸗ frauen in Magdeburg. In dem frohen Kreiſe der jungen Kloſteraner vergaß ich bald das Wehe des erſten Scheidens aus dem Vaterhauſe. Ich hatte ein leichtes, fröhliches Herz und einen lebhaften Feuergeiſt. Beide dürſteten nach Nahrung. Mit ſchnell aufflammender Glut 1 ſchloß ich mich in innigſter Freundſchaft meinem Mitſchüler Fedor an.

Laune. Sein Leichtſinn ſtand ihm allerliebſt, niemand konnte ihm lange ernſtlich böſe ſein oder gar ſeinem liebenswürdigen Schmeicheln widerſtehen. Ich gab mich dieſem verführeriſchen Knaben bald ganz gefangen; ich liebte ihn faſt heißer, wie meine Mutter. In den Sommerferien ging Fedor ſtets mit mir in meine Heimat... o, das waren glückliche Tage in der alten Kloſterſchule in Magdeburg und auf dem väterlichen Schloß an der Elbe... wie lag die Welt doch ſo wunder wunderſchön vor meinen ſonnigen Augen! 1 Im Herbſte 1821 gingen Fedor und ich nach Halle, um Jura zu ſtudiren. Das Studentenleben war damals wüſt, ja roh. Der Stern rein glühender Begeiſterung, der in den Freiheitskriegen in den Herzen junger Studenten aufgeflammt war der Begeiſterung für Freiheit und Größe des Vaterlandes, der Begeiſterung für die hohe Idee der Mannestugend und des Manneswerthes, dieſer Stern, der dann noch ein Mal das Wartburgsfeſt von 1817 mit ſeinem wunderſamen Glanze erhellt hatte... war traurig erloſchen; in den Herzen der Studenten ſah es troſtlos öde und düſter aus, auf den ſchäumenden Rauſch war eine ſchale Nüchternheit gefolgt. Dies unbehagliche Gefühl zu verbannen, wenigſtens zu betäuben,

ſtürzten die Studenten ſich über Hals und Kopf der wildeſten Luſt

.

in die Arme, ſie ſetzten eine Ehre daxrein, Unmaſſen von Wein, Bier,

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ja Schnaps zu trinken, in ordinären Kneipen mit Handwerksburſchen Uhubt geſehn und Dienſtmädchen zu tanzen, ſich mit den Handwerksburſchen undkane ſahet Stadtſoldaten auf offener Straße zu raufen und die blutigſten angcertt! Paukereien aufzuweiſen zu haben. Sogenannte Scandäler pro patria, biden Et u wo eine ganze Verbindung, Mann für Mann, mit einer andern feind⸗ und vild lichen Verbindung losgeht, waren damals nichts Seltenes, und in die Sud woraus entſtanden dieſe furchtbaren Metzeleien? Oft aus den lächer⸗ e den R 6. lichſten Urſachen! Wenn zwei Studenten feindlicher Verbindungen rußuuted ſich auf denbreiten Steinen der Straße einer Reihe von and bettele Pflaſterſteinen, die durch ihre Größe und Ordnung vor den übrigen di d hervorragten und die kein Handwerksbur vie heſte ſp weil die Studenten diebreiten Steine als Ehrenſteig für ſie N as Anſpruch nahmen begegneten, da wollte dann keiner 5 agdo Platz machen. Zuerſt wurdegerempelt, indem die ch dringen ommt von dem Ehrenſteige gegenſeitig fortzuſtoßen ſuchten, en dann

die kurzen, dicken Knüppel, die damals faſt jeder Stude unter dem Arme trug undfür alle Fälle ſogar mit ins

Ja, ein

1I.3 an