Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
312
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Was für Paris das Quartier latin, das iſt für Berlin die Friedrich⸗Wilhelmſtadt jenes Häuſerquadrat der werdenden Weltſtadt, das ſich von den Linden nach dem Oranienburger Thore erſtreckt.

In dieſem Berliner Quartier latin chambregarniren vornehm⸗ lich Academiker, Thierarzneiſchüler, kleine Literaten, kleine Doctores Med., kleine Schauſpieler, kleine Privatdocenten, kleine Lieutenants, Einjährige Freiwillige, Augenkliniker, kleine Schrift⸗, Stock⸗ und an⸗ dere Privatgelehrte und im Superlativ Studenten! Letztere zieht die Nähe ihrer Alma Mater hierher, andere die Charité, Pepi⸗ nière, Thierarzneiſchule, Academie, Gräfes Augenklinik, vier Caſer⸗ nen, das Friedrich⸗Wilhelmſtädtiſche Theater, die Bibliothek!

Die meiſten Häuſer des Berliner Quartier latin ſind beſonders um Oſtern und Michaelis über der Hausthür und an den Fenſtern überreich mit weißen Papptafeln decorirt, die in großen Druckbuch⸗ ſtaben melden:Hier iſt eine möblirte Stube zu vermiethen eine zwei drei vier Treppen!

... Mich zog es im October 1858 auf derSuche nach ei⸗ nem möglichſt wohlfeilen Studentenſtübchen im Berliner Quartier latin immer weiter und weiter von den theuren Linden fort immer mehr und mehr Treppen hinan. Die Zettel mit einer oder zwei Treppen würdigte ich kaum eines Blicks nur III und IV vermoch⸗ ten mich zu locken.

So kam ich endlich auch nach der Schumannſtraße. Ueber der Hausthür von Nro. 19, einem ſchmalen, ungeputzten Hauſe, hingen mehrere möblirte Zettel. Haus und Flur ſahen nicht ſehr nach hohen Miethen aus, hoffnungsvoll erklomm ich die enge, ſtark abgetretene Treppe. An allen Thüren Viſitenkarten mitstud. theol. phil. oder med. für jur. oder gar cam. iſt der Boden der Schu⸗ mannſtraße zu mager... doch nein, hier in der dritten Etage wohnt ein Juriſt ſogar ein adeliger. An der Stubenthür iſt ein halbes Quartblatt mit Mundlack feſtgeklebt, und darauf ſteht mit großen ge⸗ ſchnörkelten Buchſtaben in rother und ſchwarzer Tinte: Conſtan⸗ tin Baron von Ragotzki Rechtsconſulent.

O weh! dachte ich dieſe vornehme Nachbarſchaft muß ſicher⸗ lich das ganze Haus mitbezahlen, Du kannſt Dir die dritte Treppe ſparen doch, auf ein Dutzend Treppenſtufen mehr oder weni⸗ ger kommt's ja auch nicht an! Und dieſe Reſignation meines ſchon ſtark gemißbrauchten Pedals ſollte belohnt werden nach fünf Minuten war ich, ohne mir den Vorwurf leichtſinniger Verſchwen⸗ dung machen zu dürfen, Bewohner eines ſauberen Stübchens ſogar über einem richtigen juriſtiſchen Baron auf ki. Ich war wirk⸗ lich ein wenig ſtolz auf diesüber!

Die Wirthin, in Berlin kurzwegMadam genannt, brachte mir friſches Waſſer.Ah, Madam, ſagte ich,wir haben dort unter uns ja vornehme Nachbarſchaft ein Baron und noch dazu auf ki!

Der iſt ſogar noch mehr, lachte Madam,er iſt Fürſt!

Alſo incognito? fragte ich überraſcht.

Incognito nun gerade nicht laͤchte Madam weiter alle Welt, ſogar die Kinder auf der Straße rufen luſtig hinter ihm her: Fürſt Kanonendonner!

O weh ein Spitzname?

Ja, und ein ſehr treffender. Den hatte er ſchon, als er vor 3 Jahren bei der Madam dort unten einzog. Im übrigen brachte er ſpottwenig mit: einen leidlich ganzen Anzug auf dem Leibe, einen halben Schlafrock der linke Aermel und der rechte Schoß fehlten und fehlen noch heute drei zerfetzte Hemden und fünf Vatermör⸗ der, ein Bündelchen Papiere und eine Kruke mit ungariſcher Bart⸗ wichſe, alles in ein baumwollenes Taſchentuch geknüpft, in der Hand, ein Paar klirrende echtſilberne Sporen an den Stiefeln, das war das ganze Vermögen des armen Fürſten. Seine Madam hat ihm die Stube auch nur unter der Bedingung vermiethet, daß er täglich fünf Silbergroſchen Miethe pränumerando abzahlt und dabei ſagt ſie doch wohl zehn Mal in einem Athem:mein Baron, wenn ſie von dem armen Schlucker ſpricht, ſo ſtolz iſt ſie darauf, daß ſie einen wirklichen Baron zum Miether hat!

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Fürſt Kanonendonner.

Originalzeichnung nach einem Original von Arnold Wellmer.

An ſeiner Thür ſteht ja aber auch Rechtsconſulent...

Ja, bei dem Fürſten Kanonendonner hat alles einen hohen Namen andere ſchimpfen ihnWinkeladvocat. Er ſpricht auch immer nur von ſeinenClienten! Und wer ſind dieſe Clienten? Dienſtmädchen, Ammen, Waſchfrauen, Droſchkenkutſcher, Kellner und Conſorten, die ſich vom Fürſten Kanonendonner Liebesbriefe, Ge⸗ burtstags⸗ und Polterabendgedichte, anonyme Injurienbriefe, Klagen wegen Thätlichkeiten und Wörtlichkeiten fabriciren laſſen. Bettler von Profeſſion, ſogenannte verſchämte Arme, an denen Berlin ſo reich iſt, beſtellen ganze Dutzende von Bettelbriefen, die Adreſſen haben ſie in dem Adreßkalender angekreuzt. Aber auch ſehr geputzte Damen kommen heimlich zum Fürſten Kanonendonner und fragen ihn in delicaten Angelegenheiten um Rath!

Und das wird ſo ſchlecht bezahlt, daß es dem armen Baron ſo kümmerlich geht?

Die Schreibereien koſten Seite für Seite, gleichviel was dar⸗ auf ſteht, zwei gute Groſchen nur die Verſe mithalber Rei⸗ merei koſten zweidoppelt. Im übrigen verſteht keiner von den anderen Winkeladvocaten es ſo gut, die lumpigſte Bagatelle, die er ganz gut mit vier Zeilen abmachen könnte, vier volle Seiten lang hinzuziehen macht gerade ein Beefſteak mit Ei, das er ſo gern ißt!

Wirklich ein Kunſtſtück, das mit einem Beefſteak nicht zu hoch honorirt wird... armer Kerl!

O, es gibt keinen luſtigeren alten Burſchen in ganz Berlin, mit aller Welt trinkt er Brüderſchaft, und keiner kann ſo viel trinken wie er. Immer hat er einen Spaß, eine Aufſchneiderei oder ein Studentenlied bei der Hand hören Sie nur, da ſingt er!

Ich hatte vorhin ſchon ein eigenthümlich dumpfes Getön unter mir gehört ja, es war der Geſang einer Männerſtimme, polternd und dröhnend, ich lauſchte durch den ziemlich dünnen Fußboden klang es jetzt ganz deutlich:

Eine Pfeife, wie ein Fäßchen, Wenig Münze, Rock und Hut Und ein kleines Stiefelgläschen

Er muß Beſuch haben; wenn er allein iſt, ſingt er nie! ſagte die Wirthin und wollte gehen.

Woher mag ſein Spitzname rühren?

O das wird Ihnen gleich klar, wenn Sie ihn ein Mal geſehen und gehört haben. Sie finden ihn von 7 Uhr an alle Abende im Café Heyne in der Louiſenſtraße! ſagte Madam lachend und ließ mich allein.

Die Andeutungen meiner Madam ſtellten mir ein echtes Ori⸗ ginal in Ausſicht, die edle Wildgattung, die bei der Dampfjagd unſerer Jetztzeit immer rarer wird... Bald ſind die Originale, wie in den civiliſirten Ländern die Bären und Auerochſen, nur noch in Mena⸗ gerien für Geld zu ſehen, wenn ſie nicht ganz ausſterben... da heißt es alſo, ſich tapfer heranhalten!.

Gegen 7 Uhr ging ich ins Café Heyne. Ich wollte mich auf einen leeren Stuhl im Fenſterwinkel ſetzen da aatfenr

Iſt mein fürſtlich Hab' und Gut. Luſtig hier und luſtig da Ubi bene, ibi patria!

das Schenkmädchen:Das iſt Fürſt Kanonendonners Stammplatz!

Das Original war alſo noch nicht da. Ich ſetzte mich ſo, daß ich die Thür im Auge behielt. Das Local war ſtark beſucht. An einem Tiſche ſaßen Studenten, an einem anderen Freiwillige. Die übrige Geſellſchaft war ſehr bunt. Außer einem regen Biereifer machte ſich ein ſtarker Appetit auf Kartoffeleierkuchen auch Puffer genannt bemerkbar. Dieſe fetten Kuchen, von den Eßkünſtlern ſtets mit Meſſer und Gabel in paſſende Häppchen zerriſſen, weil ſie durch das Zerſchneiden anesprit verlieren ſollen, ſind eine Spe⸗ cialität jenes Locals.

Noch immer blieb der Stuhl in der Fenſterecke leer. Er war durch eine Matte gegen den Luftzug des Fenſters und durch eine Strohdecke gegen die Kälte des Fußbodens vor allen andern Stühlen ausgezeichnet. Sollte mein Original...

Da geht die Thür auf in der Thüröffnung ſteht ein großer wohlbeleibter Mann in auffallend verwogener Haltung. Er muß

das Geſicht rund und flammend roth, feurige Fettwulſten ringeln ſich

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die Mitte der Fünfzig ſchon überſchritten haben. Sein Kopf iſt groß,

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