Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
303
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in dieſemSalon exiſtiren können, und doch herrſcht in ihm eine immerwährende Luſt und Heiterkeit, die tollſten Streiche werden aus⸗ geheckt, und gar oft muß eine Botſchaft aus der Kammer des erſten Officiers das ausgelaſſene Völkchen zur Ruhe ermahnen. Jugend, friſcher Geiſt in friſchem Körper und überſprudelnder Lebensmuth machen die Cadettenmeſſen wirklich zum ſchönſten Salon, und noch im reiferen Alter bleibt die Erinnerung an ſie, an die in ihr verlebte Zeit, an alle die erſonnenen Ränke und Kniffe ein Lichtpunkt.

Auf Verweichlichung des Körpers iſt ſie allerdings nicht berech⸗ net, und auch die Menage trifft dieſer Vorwurf nicht. Zu Anfang

der Reiſe wird zwar ein wenig flott gewirthſchaftet, aber die Herrlich⸗

keit dauert nicht lange, und die Seekoſt macht nicht übermüthig. Dann iſt es keine Kleinigkeit für den Meſſevorſtand, Abwechslung hineinzubringen, doch Vogel iſt Meiſter in dieſer Kunſt. Als älteſter und kräftigſter Cadet hat er ſich als Meſſevorſtand wählen laſſen, wehe auch dem, der gegen ihn geſtimmt hätte, und er führt unter Aſſiſtenz des Koches das Scepter mit geſchickter Hand.

Die Dehors werden ſtets auf das ſorgfältigſte von ihm gewahrt, und beim Sonntagsdiner, zu dem dieſer oder jener Deckofficier ein⸗ geladen wird, liegt neben jedem Couvert, zwar keine Serviette, denn dieſe ſind vom Kellner längſt als Aufwaſchtücher verbraucht, aber ein ſehr ſchön geſchriebenes Menu.

Es iſt keine Schwierigkeit, alle möglichen ſchönen Gerichte zu bereiten, wenn man die erwünſchten Zuthaten hat, aber aus einem Stück Rindfleiſch, das bereits zwei Jahre auf dem Marinedepot in der Pökel gelegen, eine gefüllte Kalbsbruſt herzuſtellen oder eine thranige Möve in eine Straßburger Gänſeleberpaſtete zu verwandeln, das iſt wahre Kunſt, und darin excellirt Vogels Adjunct, der Koch.

Heute zum Diner hat er ſich wieder ſelbſt übertroffen. Fünf Gänge außer dem Deſſert, das will etwas bedeuten für eine Cadetten⸗ meſſe, die beim Verwalter mit 100 Thalern im Vorſchuß ſitzt.

Soupe au sable mouvant Chocoladenſuppe aus gebranntem Mehl. Pricassée aux impédiments die Claſſification des darin befindlichen Fleiſches würde ſogar Cuvier in Verlegenheit geſetzt haben. Zander au long cours ein gefangener trockener Bonnit mit einer Sauce, deren Hauptbeſtandtheile Cayenne⸗Pfeffer und Ro⸗ ſinen bilden. Pudding aux brisans ſolide Mehlſpeiſe ohne Eier mit vereinſamten Pflaumen; Rôti au bossoir Pökelrindfleiſch ge⸗ braten. Deſſert: Schiffszwieback, ſehr weiche Butter und Kräuter⸗ käſe. Letzterer iſt eine treffliche Erfindung für ſparſame Meſſevor⸗ ſtände; er hält ſich lange und wird wenig gegeſſen.

Das ſind die Leckerbiſſen, mit denen Vogel heute denSalon regalirt hat und die, wenn ſie nicht ſchön ſchmeckten, wenigſtens einen ſchönen Namen hatten. Die beſte Würze des Mahles war jedoch immer die heitere Unterhaltung, und Reminiscenzen von Teneriffa trugen nicht wenig dazu bei. Jetzt thront die ganze muntere Geſell⸗ ſchaft in der Batterie bei der Cigarre und amüſirt ſich auf Koſten Vogels. Der Arme ſitzt einſam unten bei dem trüben Lichte der blakenden Lampe. Er zeichnet gut und entwirft vortreffliche Carricaturen ſeiner Vorgeſetzten. Unglücklicher Weiſe hat er eine derſelben Kurzſpleiß als Liebesgott in ſeinem Rollenbuche liegen laſſen, und ſie iſt bei der heutigen Reviſion dem geſtrengen erſten Officier in die Hände gefallen.

Sie zeichnen ja vortrefflich, da können Sie mir eine dringende Arbeit abnehmen, die nothwendig bis heute Abend ſechs Uhr fertig ſein muß.

Dabei holt er ein Buch aus ſeiner Kammer und übergibt es dem Deliquenten zum Liniiren. Armer Vogel! Folio⸗Format, 40 Blätter, und jede Seite 60 Linien, macht 4800. Der ſchöne Sonntag Nachmittag, und dazu noch der Hohn der Kameraden. So kann einer ſelbſt durch ſeine Talente ins Unglück gerathen.

Oben in der Batterie geht es lebendig zu. Ueberall ſieht man Gruppen auf das verſchiedenſte beſchäftigt. Hier wird geleſen, dort geſchrieben, weiterhin Schach oder Dame geſpielt. Die einen flechten Strohhüte, die andern ſticken Teppiche, dieſer ſchnitzt ein Schiff, jener zeichnet aber keiner hält den Mund, alle ſchwatzen, und ein Ge⸗ ſumme, wie das eines Bienenſchwarmes, erfüllt die ganze Batterie. Das Hauptvergnügen bildet jedoch die Reviſion des Kleiderſacks. Ich habe oft darüber nachgedacht, worauf dies Vergnügen begründet iſt, bin aber nie recht dahinter gekommen, weshalb eigentlich die Ma⸗ troſen mit ihrem Kommißzeuge, das überdem nicht einmal ihr, ſondern Staatseigenthum iſt, ſo ſchön thun. Genug, ſie ſparen ſich dieſe

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Erquickung ſtets zum Sonntag Nachmittag auf; dann wird mit jedem Stück geliebäugelt, daſſelbe nach allen Seiten beſehen, auseinander⸗ genommen, wieder zuſammengelegt und fortgepackt, als ob jedes ein koſtbarer Schatz wäre.

Weit eher kann ich das Gefühl verſtehen, wenn das kleine Kiſt⸗ chen an die Reihe kommt, das ſeinen Platz mitten im Sack zwiſchen den beſten Sachen hat und in dem ſich nicht nur Schätze, ſondern Heiligthümer befinden. Briefe von lieber Hand, ein verwelkter Strauß, eine Stickerei an jedes knüpft ſich eine Erinnerung, die auf dem weiten Ocean und ſo fern von der Heimat jetzt doppelt theuer wird. Da wird manches Auge naß, und die Hand zittert, wenn ſie die Sachen wieder fortlegt. Das Herz bleibt doch überall daſſelbe!

Am Steuerbord bei der Großluke hält das Muſikcorps Probe. Der neue Teneriffamarſch will gar nicht gehen. Dem Kapellmeiſter diesmal meine ich aber den wirklichen reißt die Geduld. Herrrrr Klapphorn!(Herr Fritze bezeichnet ſeine Muſiker immer nach dem Inſtrument, das ſie ſpielen) ſind Sie des Henkers? Glauben Sie, daß ich den Marſch deshalb in Aqur geſetzt habe, damit Sie immer h blaſen! und der Tact wird von neuem probirt.

Auf dem Oberdeck vertreibt ſich die Wache ähnlich die Zeit, wie die Freiwache in der Batterie, denn manövrirt wird ſelten im Paſſat. Wie die Segel einmal ſtehen, ſo bleiben ſie bei dem ſtetigen Nordoſt wochenlang. Dieſe Gleichmäßigkeit des Windes verhindert au jede unregelmäßige oder hohe See. DerSeeſtern ſchwankt au der endloſen Meeresfläche faſt unmerklich, der ſtolze Pyramidenba ſeiner Segel ragt hoch in die Lüfte, und der ſanfte Paſſat ſchwellt ſi in leiſer Rundung. Sein erſriſchender Hauch mildert die Glut de Tropenſonne zu einer angenehmen Wärme, in der ſich alles wohl un behaglich fühlt und die das ſubmarine Leben an die Oberfläche lockt Herden von Tümmlern ſpielen umher und halten Wettrennen mi dem Schiff, deſſen rauſchender Bug Millionen von fliegenden Fiſchen aufſcheucht, unter denen Delphin und Bonnit reiche Beute finden. Doch auch ſie werden wieder die Beute der eigenen Gier und fangen ſich an den Widerhaken des fliegenden Fiſches von blankem Zinn, den die Matroſen vom Klüverbaum auf der Oberfläche des Wauſſers hüpfen laſſen, um ſich ein Extrafrühſtück zu verſchaffen.

Ein Hai! ein Hai! ertönt es plötzlich aus hundert Kehlen, und wie ein elektriſcher Schlag wirkt der Ruf auf die Mannſchaft. Alles wird bei Seite geworfen, das geliebkoſte Zeug mit rauher Hand in die Kleiderſäcke geſtopft, und das Klapphorn bläſt einen ganzen Tanz falſch, ohne daß der Kapellmeiſter es merkt. Alles ſtürmt nach oben auf das Hinterdeck, in die Kanonenpforten und auf die Hänge⸗ mattskaſten ſämmtlich ſchwere Verbrechen gegen die Schiffsetikette, ſelbſt am Sonntag Nachmittag, aber der Hai, der Todfeind, ſühnt die Sünden.

Da ſchwimmt er! O was für ein Kerl, mindeſtens ſeine zwölf Fuß! Sieh, die Lootsmännchen! Wo iſt der Haken? Bottelier ein Stück Speck! ſo ſchreit es durcheinander, und auf allen Ge⸗ ſichtern lieſt man freudige Erregung und die Luſt am bevorſtehenden Fange.

Der Haihaken kommt und wird, mit einigen Pfund Speck be⸗ ſchwert, an einem Tau befeſtigt, das zuvor durch einen Block geſchoren iſt. Der Officier der Wache läßt das Schiff in den Wind lauen, um die Fahrt zu ſchwächen, und der Haken plätſchert im Waſſer. Enger und enger zieht der Hai ſeine Kreiſe, jetzt wittert er den Köder und ſchießt darauf los. Er wirft ſich auf den Rücken, um danach zu ſchnappen, der weiße Schein ſeines Bauches iſt das Signal, daß er gebiſſen.Er iſt feſt, hol durch! lautet das Commando, hundert kräftige Arme ſpannen ſich an das Tau, und mit einem Hurrah fliegt das Ungeheuer unter den Beſansbaum.

Da hängt er; doch bevor man ihn an Bord holen kann, niuß er unſchädlich gemacht werden; ſeine furchtbaren Schwanzſchläge würden alles zerſchmettern, was in ſeinen Bereich kommt. Drei Wagehälſe klettern auf den Beſansbaum und ſtoßen ihm mit ver⸗ einten Kräften eine achtfüßige Gangſpillſpeiche durch den Rachen in den Leib. Das ſetzt ſeinen Schwanzſchlägen ein Ziel, er wird mit Schlingen an Bord geholt und jubelnd über Deck nach vorn geſchleift, wo er einem allgemeinen Maſſacre verfällt. Dieſer nimmt den Kopf, um die Kiefern mit dem furchtbaren Gebiß zu ſkelettiren, jener ſchneidet ſich das Rückgrat aus, um es zu einem Spazierſtock zu verarbeiten; die Leber muß Thran für die Seeſtiefeln liefern, der Zimmermann löſt die ſcharfe Haut ab, um ſie zum Glätten des Holzes zu verwenden,