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2 Seiten Schleiermachers nur 20 Sgr. werth ſind und 3 Seiten Tholucks, 1821 geſchrieben, eben ſo viel. Eine Seite Uhlands koſtet 2 Thlr. und 3 Seiten Tiecks 10 Sgr. Wieland wird mit 5 Thlr. bezahlt und ſein Nachbar Wilberforce mit 2 Thlrn. und man erhält noch eine gedruckte biographiſche Notiz dabei!
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Der Leſer wird uns verzeihen, wenn wir von den tauſenden von Autographen, die uns durch die Hände gingen, hier ſo wenige citiren und uns jeder Reflexion enthalten.— Die Börſe der Un⸗ ſterblichkeit iſt wie die öffentliche Börſe— nichts als ein Geldmarkt, deſſen Zahlen den Unkundigen täuſchen und ihm ein Urtheil einflößen, das meiſtentheils falſch iſt. Wer nach den Courſen der Geldbörſen auf den Wohlſtand eines Landes ſchließen will, täuſcht ſich eben ſo ſehr, als der, welcher den Werth der Todten, ihr Anrecht an Unver⸗ geßlichkeit nach den Preiſen beurtheilen will, die Herr Schulz ſeinen Autographen gibt.— Der Autographenhandel iſt eben nur ein— Handel, der ſeine guten, wie ſeine ſchlechten Seiten hat. Gute... denn alte Handſchriften, die oft ſpurlos verſchwinden würden, kommen ſo ans Tageslicht und haben ſchon manchen Geſchichtspunkt fixirt, ſchlechte... weil, das Heiligſte im Leben,— das Familienleben,— der Austauſch der innigſten Gedanken nicht mehr heilig iſt und der Theil des Lebens, den jeder Menſch das Recht hat— und wäre er der berühmteſte ſeiner Zeit— ſowohl ſeinen Zeitgenoſſen als auch der Nachwelt verborgen zu halten, mitleidslos in die Oeffentlichkeit ge⸗ zogen wird, ſchonungslos commentirt... und endlich verhandelt wird. — Wir haben Schriftſtücke geſehen, die vielleicht nach langen Jahren von einem Fremden aufgefunden und verkauft wurden— die manchen
hohen und erhabenen Namen dermaßen blosſtellen, daß— wir
glauben uns nicht zu täuſchen, wenn wir behaupten, daß es Leute gibt, die es für eine gute That, für eine Gewiſſenspflicht halten würden, im Intereſſe der Menſchheit ſolche Schriftſtücke an ſich zu bringen und... zu vernichten.
Wir wiſſen, daß wir ſo eben ein Wort niedergeſchrieben, eine That anempfohlen haben, die den Fanatikern der geſchichtlichen Wahr⸗ heit wie eine Entheiligung ihres Idols vorkommen wird!— Es geht uns jedoch wie vielen,— wir ſehen mit mehr als Unbehagen, daß die Generation, zu der wir gehören, das Gefühl der Hochach⸗ tung von Tag zu Tag mehr verliert, und wir halten es für nicht gut, dieſer Generation unter dem Vorwande geſchichtlicher Wahrheit noch mehr Waffen in die Hand zu geben.. zum Zweifeln und zum Ableugnen. Iſt es nicht beſſer, den Gelehrten nur nach ſeinen Schriften, den Staatsmann nach ſeinen Maßregeln zum Wohle des
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Staates, den Feldherrn nach ſeinen Kriegsthaten zu richten, als es zur Aufgabe ſeines Forſchens zu machen, den Menſchen aus der Hülle der Celebrität herauszuſchälen, um einen Widerſpruch mit ſeinem Thun und Wirken aufzufinden? Und wird zuletzt die ſo ſehr präconiſirte„hiſtoriſche Wahrheit“ nicht eine Anecdotenſamm⸗ lung, der geniale phantaſiereiche Geiſter nach Belieben hinzufügen oder wegnehmen können?
Ein zufällig daliegendes Bild führte uns mit einem Sprunge, im Begriff, Herrn Schulz zu verlaſſen, von dieſen Gedanken auf die neueſte Neuzeit! Es war ein Bild, die preußiſchen Celebritäten des letzten Krieges darſtellend.
„Wie viel würden Sie für einen Autographen des Grafen Bis⸗ marck bezahlen?“ fragten wir.
Herr Schulz ſann nach.
„Sie meinen einen Privatbrief ohne politiſchen Inhalt?“ ſagte er endlich.„Vor dem Kriege, während des Verfaſſungsconflictes würde er wohl 10 Sgr. werth ſein— aus Böhmen datirt 2 ½ Thlr. und jetzt 1 Thlr. 20 Sgr.“
„Alſo der Graf iſt um mehr als einen ganzen Thaler durch die Ereigniſſe von 1866 geſtiegen?“
„Gewiß, es kommen viele Nachfragen aus England;— in Frankreich jedoch geht„der Bismarck“ gar nicht; da würde man indes den Moltke ſicherlich mit 10 Franken bezahlen!“
„So!— und General Steinmetz?“
„Hm!— der ſchreibt wenig— ich glaube, der wird wohl bald bis auf 1 ½ Thlr. ſteigen!— Benedeck können Sie zu 10 Sgr. haben. Denken Sie ſich, ich hatte einen Brief des Generals Vogel von Falkenſtein, aus Jütland datirt, den ich mit einer ganzen Samm⸗ lung vor dem Kriege verkauft habe, jetzt wäre der Brief allein 1 ½ Thlr. werth!— Ich ſammle jetzt überhaupt... für die Zukunft preußiſche Generale; erſt vor einigen Tagen habe ich einen Herwarth von Bittenfeld für 25 Sgr., einen Goeben, Mutius und Franſeky für 15 und einen Manteuffel für 5 Sgr. gekauft; jetzt bietet man mir Clam⸗Gallas, Lamarmora, von der Tann und noch andere der beſiegten Generale an— es wäre vielleicht ein Geſchäft zu machen, aber ſehr billig muß ich die Sachen haben, ſonſt bleiben ſie liegen, und das iſt oft ſehr gewagt!...“
.. Das iſt die Börſe der Unſterblichkeit!— Nicht wahr, Leſer, du ahnteſt nicht, daß der ſpeculative Geiſt unſerer Zeit auf ſolcher Baſis ein Geſchäft gründen könne, welches auf ſo hoher Stufe des Gedeihens ſteht?
Hundecharaktere.
Von Oberförſter Adolf Müller.
II. Der Pinſcher.
Vielfach das Gegenſtück von unſrem leicht abzurichtenden, folgſamen deutſchen Hühnerhunde iſt der Pinſcher. Alle Sonderausprägungen oder Racen ſind urſprünglich Ausländer, und man unterſcheidet hauptſächlich deren drei: den glatten(eng⸗ liſchen) und den rauhen Pinſcher, ſowie den langhaarigen (ſchottiſchen).
Noch ſteht mir lebhaft ein Muſterbild des glatthaarigen eng⸗ liſchen Pinſchers vor Augen; ihn beſaß ein Bäcker in meiner Vater⸗ ſtadt Friedberg in der Wetterau. Ich will von ſeinem äußeren Weſen ein getreues Bild entwerfen: dann hat der freundliche Leſer eine Kennzeichnung der ganzen Race.
Der Bäcker hatte einen kleinen Hinterhof voll winkeliger Ställe, geſegnet mit den Rattencolonien aller Bäcker, Müller und Fleiſcher. Doch deren übermäßige Vermehrung wußte„Moreau“— ſo hieß der Tapfere— ſtets im Schach zu halten. Wie fing der beinahe anderthalb Fuß hohe Hund es nun an, der Hausplage beizukommen? Daß er in die engen, meiſt in Mauern führenden Rattenlöcher nicht hineinkommen konnte, davon mochte ſich der aufgeweckte Pinſcher wohl eher, als viele ſeiner Brüder durch vergebliches Scharren und Bellen, überzeugt haben. Er verfiel alſo auf die ebenſo practiſche, als für die heftige Natur ſeiner Race ſchwer auszuübende Manier, den Ratten vor den Hauptausgängen ihrer Röhren aufzupaſſen. Ob er es„Miez“, der Hauskatze abgelernt?— es kann ſein; aber ich bezweifle es aus drei Gründen: erſtlich, weil er ſelbſt ein
ſeine
zu geſcheidter, origineller Pinſcher war und zweitens, weil er mit ſeinen Rivalen in der nützlichen Rattenfängerkunſt in geſpannten Verhältniſſen lebte, ſo daß er als ächter Pinſchercharakter, der ſelbſt vom Herrn und Freund äußerſt wenig annimmt, viel weniger vom Feinde, ſchwerlich hier den Nachahmer geſpielt haben wird, und end⸗ lich drittens, weil ich an mehreren Begabten dieſer Race einen ähn⸗ lichen Hang, der Ratten mittelſt Auflauerns habhaft zu werden, beobachtet habe. Die Zweifler an dieſer Eigenſchaft des glatten, ſowie des rauhen Pinſchers haben alſo hier kraft meiner wieder⸗ holten Erfahrungen Unrecht, und das folgende Lebensbild unſeres Moreau wird zeigen, daß die Verdienſte eines Pinſchers denen der Hauskatze mit vollem Rechte an die Seite geſtellt zu werden verdienen.
Wie dem nun auch ſei, ob dieſe Eigenſchaft eine den Pinſchern urſprüngliche oder vielmehr eine den Katzen abgelernte Fangmanier iſt— das bleibt feſt: Moreau lag oft Stunden, ja halbe Tage lang vor den Rattenlöchern auf der Lauer. Merkwürdig war nun ſeine Geduld und ſeine Klugheit.
Bald hatte er es weg, daß an den Schweinetrögen für die Ratten zeitweis die beſten Geſchäfte, nicht minder für ihn aber auch die ſchönſten Rattenjagden zu machen ſeien. Den Eingang in die Schweineſtälle wußte ſeine Pinſchernatur ſich bald zu verſchaffen, denn er hatte ganz das Zeug dazu, um ohne ſonderliche Kraftäuße⸗ rung die mannshohen Holzwände der Ställe halb ſpringend, halb kletternd zu überſteigen und ſo zu den Schweinen zu gelangen, mit denen er ebenſo, wie mit den Kühen des Bäckers und beſonders mit
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