zweien Pferden des Nachbars, auf vertraulichem Fuße lebte. Hier war ſein Anſtand, und er betrieb ihn wie der beſte Jäger. Da lag das glänzend ſchwarze Thier mit den roſtgelben Backen und den gleichen Punkten über den großen vorſtehenden Augen, dieſe zaufmerk⸗ ſan auf die Pforten der Rattenbehauſung gerichtet, die roſtgelben geraden Läufe unter dem ſchlanken Leibe in der Lage, jeden Augen⸗ blick ſprungfertig zu ſein. So lauerte Herr Moreau in ſtetem Eifer, unbekümmert um ſein inzwiſchen kaltgewordenes Mittagsbrot, aber für ſeine Ausdauer und Langmuth auch nicht ſelten gekrönt mit einer Rattenbeute, welche einer ganzen Katzenfamilie Arbeit gemacht hätte. Regten ſich endlich Ratten im Gange, dann entglomm das nieder⸗ gehaltene Feuer Moreaus in der ganzen Spannung des Pinſcher⸗ geſichtes mit den großen leuchtenden Augen vor der gewölbten Stirne, unter dem Zucken der ſpitzigen Schnauze und dem Emporrecken der halb hängenden Ohren; nicht minder ſprach aber ſein Eifer mit in der gekrümmten, leis wedelnden Ruthe, dieſem ſtark phyſiogno⸗ miſchen Gliede aller Hunde, das man in verkehrter, verkennender Mode den Trefflichen ſammt den Ohren oft abſtutzt.
3 Moreaus Verſtand hatte bald inne, daß einer alten Ratte beim Ausgange ſofort ihr geſegnetes Familienchor auf dem Fuße folgt, und niemals that er einen Satz, ehe nicht eine gehörige Anzahl ſeines Wildes die Schlupfwinkel verlaſſen hatte. Gewöhnlich, wenn die ganze Sippſchaft im Troge ſich's gut ſein ließ, that er wie ein ſchwarzer Satan den Sprung nach den Verſammelten und räumte mit einer ſolchen Schnelligkeit und ſo entſchiedenem Erfolg unter den zudringlichen Gäſten auf, daß ſelten eine davon wieder mit heiler Haut nach Hauſe kam. Dabei war der tapfere Fänger ebenſo klug als raſch: denn jedesmal wußte er den Beſtürzten den Rückzug durch eine geſchickte Wendung nach dem Loche abzuſperren. Ein einziger ſtarkdrückender Biß oder ein entſchiedenes Schleudern der Beute an die Wände endigte meiſt ein Diebsleben nach dem andern.
Gar oft mußte ſich der Unermüdliche auch aufs Ausſpüren legen, da die Ratten ſich nach ſolchen Zehntungen eine Zeit lang von einem Orte wegzuziehen und andere Schlupfwinkel aufzuſuchen pflegten. Sein ausgezeichneter Witterungsſinn kam aber ſchnell hinter die neuen Verſtecke, und bald ſah man ihn entweder in benachbarten Gehöften, oder nach ſeinen Morgenrundgängen im eigenen„Hinterbaue“ wieder auf der Lauer im Stall, in der Mehlkammer oder auf den Heuböden, welche er auf der anlehnenden Leiter meiſterhaft erkletterte. Wie oft war ich Zeuge, daß Moreau an einem Morgen ein halb Dutzend und mehr Ratten erwürgte. Nach ſolcher Jagd brachte der Jäger aber die Beute merkwürdigerweiſe immer auf einen Haufen zuſammen an eine beſtimmte Stelle im Hofe; ein Zeichen, daß unſer Held nicht ohne Ehrgeiz war: denn er wollte offenbar durch dieſe Trophäen der Verkündiger ſeiner eigenen Großthaten ſein; er mochte in dem Be⸗ wußtſein ſeiner Nützlichkeit den Hauskatzen nicht nachſtehen, die um jeden Kleinfang von einer Maus ein großes Geſchrei im Hauſe an⸗ ſtimmten, und erfand jene verzeihliche Beuteſchauſtellung im Hofe, wodurch er mit den Rivalen erſolgreich concurrirte.
Ja, großer Moreau, du kämpfteſt Schlachten, nützlichere, wie dein franzöſiſcher Namensvetter, der General, du biſt es werth, daß deine Rattenſiege zum Heil der Friedberger Bäckerbehauſung und ihrer Nachbarſchaft aus der Vergeſſenheit ans Licht gebracht und ge⸗ prieſen werden!
Damals noch ein Schulknabe, habe ich manche Stunden dein Treiben belauſcht und deine Thaten bewundert. Wer hätte es gedacht, daß ich nun nach mehr als dreißig Jahren durch die Geneigtheit des Daheim der Bevorzugte ſein kann, deine Tugenden, du wackerer Kämpe in dem gewerblichen Haushalte, nach Gebühr zu beſchreiben und zu würdigen! Ja, deine Verdienſte ſind werth, neben denen des berühmten Pinſchers Billy genannt zu werden, von dem erzählt wird, daß man auf ihn wettete, er tödte 100 große Ratten in 8 ½ Minuten, und der dies das erſtemal in 6 Minuten 35 Secunden und das zweitemal in 6 Minuten 13 Secunden gethan und ſomit die Wetten glänzend gewann; der ſelbſt nicht zurückſtand in dem Wett⸗ kampfe,„als er ſchon alt war und nur noch zwei Zähne und ein Auge hatte, und der Beſitzer einer Berkſhirer Hündin 30 Sovereigns wettete, ſie tödte in kürzerer Zeit als Billy 50 Ratten. Der alte Hund war in 5 Minuten 6 Secunden damit fertig. Man brachte ſodann die Hündin zu den Ratten, allein nachdem ſie 30 umgebracht hatte, war ſie völlig erſchöpft, ſie fiel bewußtlos nieder und war außer Stand, ihre Arbeit zu vollenden.
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Es darf deine Manen nicht verdrießen, daß der treffliche Pinſcherkopf, welcher unſere Beſchreibung ſchmückt„gerade nicht der deine iſt. Der meiſterliche Künſtler hat das Bild deines ebenbürtigen rauhen Stiefbruders zu ſeinem Vorwurfe gewählt; und da du ſchon ein gut Theil des Ruhmes der ganzen Pinſcherrace in Worten voraushaſt, ſo iſt es wohl billig, wenn deinem Bruder dafür nun⸗ mehr ein Stück Unſterblichkeit im Bilde wird. Und wenn du bei deinem kriegeriſchen Charakter Billigkeit und Selbſtverleugnung hegſt, ſo wirſt du ohne Neid auch die Vorzüge eines Bruders neben den deinen verherrlicht ſehen können. Auch um das Stück Zucker, was dem Stachelbarte zum Wurf und Fang in der Luft nach dem Com⸗ mando ſeines Herrn auf der Naſe liegt, brauchſt du deinen Bruder nicht zu beneiden: iſt es doch eine Belohnung, die ihm für eines ſeiner Kunſtſtücke wird, welche man eben dir und deiner ganzen dreſſur⸗ feindlichen glatten Race nicht beibringen kann. Du weißt ferner, daß dein rauher Verwandter ein derbeves Knochengerüſte beſitzt, als du mit dem feinen Skelet, und daß damit im Leben auch gleiche Mus⸗ keln, gleiches Naturell und ein borſtenartig gelbliches Fell verbunden iſt, die ſämmtlich äußeren ungünſtigen Einflüſſen mehr zu widerſtehen vermögen, als dein zärteres Kleid, deine feineren, wenngleich kräftigen Gliedmaſſen und dein zwar feuriges, aber empfindliches Temperament. Auch mit dem Ins⸗Waſſergehen deines ſchottiſchen Vetters mit den langzottigen rehfarbenen oder ſchwärzlichen Haaren und dem gedrun⸗ genen, kurzbeinigeren Körperbau wirſt du dich ebenfalls nicht befaſſen und um ſo viel gewandter du die Ratten unter Dach und Fach fängſt, als der Schotte, um ebenſo viel beſſer verſteht es dieſer, trotz ſeiner ſchlechteren Naſe, eine Waſſerratte auszumachen und zu erbeuten, auch
ſelbſt, wenn nöthig, uns Jägern gute Dienſte beim Apportiren von
Waſſervögeln zu leiſten. Ebenſo wirſt du zugeben, daß dein Bruder Stachelbart, ungeachtet ſeines rauhen Aeußern, eine viel größere An⸗ hänglichkeit an ſeinen Herrn zeigt, wie du, der du dieſen oft nur zu ſehr vergißeſt einer ſchönen Jagd oder dem„Johann“ zu lieb, um mit dieſen vor deinen beſonderen Freunden, den Pferden, her auf den Acker zu ſpringen und da die abſcheulichſten Jagdfrevel von der Welt an Haſen zu begehen. Knurre nicht ob meiner Worte. Sie ſind wahr und thun Dir auch gewiß nicht ſo wehe, wie das Holzkreuz, das dir gar oft zur Verhinderung deiner heimlichen Aasjägereien empfindlich vor deinen Vorderläufen vom Halsbande herunterpampelt. Und biſt du auch ſo erfinderiſch⸗klug, dieſes Kreuz beim Jagen zu⸗ weilen ins Maul zu nehmen, ſo hindert ſeine Schwere doch gewaltig deine Flüchtigkeit, mit der du ſonſt dem Fuchshunde ſelbſt das Gleich⸗ gewicht hältſt. Dreſſur nimmſt du— wie ſchon geſagt— noch weniger an, als dein Bruder. Hierin übertrifft auch der ſchottiſche Vetter in demſelben Maße, wie deſſen plumpere Haltung vor der eigenthümlich hohen Action in eurem leichten Gange in den Hinter⸗ grund tritt. Hiermit wäre aber des Tadels genug, und gerne ſpreche ich nun noch ein weiteres zu eurem Lobe. Dies verdient ihr Bruder nun wie im Hauſe, ſo auch im Freien auf der Jagd nach allerlei Raubthieren. Zwar erſetzt euch der kleinere Dachshund vollkommen bei der Hatze in den Fuchs⸗ und Dachsbauen, doch iſt eure Leiſtungs⸗ fähigkeit, große Ausdauer und euer Muth auf dieſen Jagden hin⸗ länglich erprobt und feſtgeſteut. Beſonders lebhaft gedente ich deiner Gewandtheit, geſchmeidiger Moreau, die du beim Sinkriechen in die Erde bewährteſt, ingleichen deiner einſtmaligen That beim Dachs⸗ graben, wonach du vierundzwanzig Stunden ohne Unterlaß vor Meiſter„Grimmbart“ lageſt. Trotz dieſer Brauchbarkeit auf ſolchen Jagden benutzt man euch doch mit lohnenderem Erfolge zur Erbeutung kleineren Raubzeugs. Das Wieſel und der Iltis ſind vor euch nicht
ſicher, namentlich vor dem Rauhbarte, der mittelſt ſeiner unempfind⸗.
licheren Natur bei ebenfalls feiner Naſe vielen der Leiſtungen Moreaus gewachſen iſt, und deſſen zuverläſſige Nachtjagden auf den Ratz mir unvergeßlich geblieben ſind. Aber bei weitem größeren Nutzen als durch die Jagd auf die immerhin noch ſehr ſchätzbaren Kerbthier⸗ und Mausjäger, Wieſel und Iltis ſtiftet ihr beiden beim Fange von Mäuſen und Hamſtern. Eure ungemein fördernde und erfolgreiche Hilfe bei Vertilgung dieſer Feldplagen i*ſt neben der Rattenjagd euer ſchönſtes Verdienſt. Wie lebhaft ſteigt die Erinnerung an ſolche Thaten auf den Feldern der Wetterau und des Maingaues aus meiner Knabenzeit beim Niederſchreiben dieſer Lebensgeſchichte vor meinem Geiſte auf, wo wir Jungen dich, Moreau, und dich, eben⸗ bürtiger Rauhbart„Hirſchmann“, an unſerer Seite, mit Harken und
Spaten auszogen, um die von den Regierungen beſtimmten Liefe⸗
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ettheilt 1
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rungen an Mi beizuſchafen.
er Baue, ung vielen Dutzen Grabgeſchft
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