reits entſchieden haben, wenn es einen zuverläſſigen Obmann gefun⸗ den. Stolze und viele ſeiner Jünger haben ſich mit dem Gabels⸗ bergerſchen Syſtem bekannt gemacht, behaupten aber nach wie vor, daß es dem ihrigen bedeutend nachſtehe, indem es einerſeits der Laut⸗ und Wortbildung widerſpreche, auch Schrift, Stil und Orthographie der Schüler verderbe; andererſeits weit ſchwieriger zu erlernen ſei und in der Praxis der nöthigen Schnelligkeit und Treue entbehre. Zum Beweiſe deſſen haben ſie die Prüfung und Entſcheidung eines von der Staatsregierung zu ernennenden Tribunals von Männern der Wiſſenſchaft, wie etwa der Univerſitätsprofeſſoren Trendelenburg, Haupt, Lepſius, Müllenhoff, Steinthal angerufen, deren Ausſpruch ſie ſich unbedingt unterwerfen wollen. Um beide Syſteme zu er⸗ läutern und gegenüberzuſtellen, fehlt hier der Raum; ein ſolcher Ver⸗ ſuch würde auch dem Laien mehr oder weniger unverſtändlich bleiben. Nur ein Punkt ſoll hervorgehoben werden. Beide Syſteme ſind gleichfalls eine Buchſtaben⸗, nicht etwa Silbenſchrift, und beide haben als Baſis nicht mehr Normalſchriftzüge, als die gewöhnliche Current⸗ ſchrift, nur ſind ſelbſtverſtändlich jene weit einfacher und geläufiger. Weil aber die Erfahrung lehrt, daß der Stenograph, um dem Redner zu folgen, nicht mehr Schriftzüge aufzeichnen kann, als dieſer Silben ſpricht, reichen die Alphabete beider Syſteme nicht aus, jedes bedarf noch einer Menge von Wortkürzungen, ſogenannter Sigel und Mo⸗ nogramme, deren jeder dem andern mehrere tauſend nachrechnet und vorwirft. Gerade die Erlernung und die geläufige Aneignung dieſer Sigel macht aber die meiſten Schwierigkeiten; deswegen ſcheinen beide Syſteme noch an einem Mangel zu leiden und beide einer Vervoll⸗ kommnung fähig zu ſein. Sie pflegen jedoch dieſen Uebelſtand auf die eigenthümliche Beſchaffenheit der deutſchen Sprache zu ſchieben, und wirklich hat Stolzes Sohn, Dr. Franz Stolze, ſeines Vaters Stenographie auf die italieniſche Sprache ohne alle Anwendung ſolcher Wortkürzungen übertragen.
Stolze hatte endlich eine geſicherte Exiſtenz, er bezog, wie ge⸗ ſagt, einen feſten Gehalt von 1000 Thalern, und da außerdem ſeine Bücher ihm eine Rente von 4— 500 Thalern abwarfen, hätte er behaglich leben können, aber auf ihm laſtete ſchweres häusliches Un⸗ glück. Seine Gattin war zwanzig Jahre hindurch zugleich taub und
. Die Börſe der Anſterblichkeit.
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blind, und ſeine einzige Tochter litt an epileptiſchen Krämpfen und Wahnſinn. Mit Geduld und Ergebung trug er dieſes zweifache Kreuz, pflegte und wartete in Gemeinſchaft mit ſeinem Sohne lieb⸗ reich die Unglücklichen und verwaltete daneben ſeine umfangreichen Berufsgeſchäfte mit Eifer und Sorgfalt. Nachdem vor zwei Jahren die Tochter geſtorben, begann auch er in Folge von Gram und An⸗ ſtrengungen zu kränkeln, und als das Abgeordnetenhaus im vergan⸗ genen Frühjahre aufgelöſt wurde, ſankeer erſchöpft aufs Lager, von dem er ſich nur dann und wann auf ein Paar Stunden erhob. Auf dem Krankenlager traf ihn ſein letzter Geburtstag, wo ſeine Jünger das 25jährige Jubiläum der Stolzeſchen Stenographie begingen, und dem kranken Meiſter eine Glückwunſchadreſſe nebſt einem ſilbernen Pokal überreichten, der leider bald darauf geſtohlen wurde. Am 28. December v. J. ſtarb auch die Gattin, und zehn Tage ſpäter folgte ihr Stolze nach. Er ſtarb an der Bronchitis und hatte beſonders in den letzten Tagen von Bruſtſchmerzen, Beklemmungen, Delirien und Schlafloſigkeit ſehr zu leiden. Noch am letzten Abend ſprach er in völliger Klarheit mit ſeinem Stellvertreter im ſteno⸗ graphiſchen Bureau und ſchien ſein nahes Ende zu erwarten.„Laßt mich nur nicht allein,“ ſagte er zu dem Sohne und einer Dienerin, „Ihr habt es nicht mit einem Kranken, ſondern mit einem Sterben⸗ den zu thun!“ Dann verſank er in Schlaf. Der Sohn hielt dieſes für ein gutes Anzeichen, und da er mehrere Nächte bei dem Vater durchwacht hatte, legte auch er ſich zu Bette, welches dicht neben dem väterlichen Lager aufgeſchlagen war, und bald umfing ihn ein tiefer Schlummer. Als am Morgen die Dienerin wieder in das Zimmer trat, fand ſie den alten Herrn bereits todt und daneben den Sohn noch feſt ſchlafend.
Was den Charakter des Verſtorbenen betrifft, ſo war er im Widerſpruch mit ſeinem Namen„Stolze“ äußerſt beſcheiden, ſanft und geduldig, im Umgange freundlich und herzlich, wenn ſchon ſeine Miene Fremden kalt und abweiſend erſchien. Deshalb und in Rück⸗ ſicht ſeiner übrigen Vorzüge und Verdienſte hielt der Generalſuper⸗ intendent Dr. Hoffmann ihm die Leichenrede mit Recht über den Text:„Ei, du frommer und getreuer Knecht, du biſt über wenigem getreu geweſen, ich will dich über viel ſetzen.“ Otto Glagau.
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Skizze von Bruno Krüger.
Ein jeder von uns, alt oder jung, groß oder klein, iſt wohl ſchon während ſeines Lebens von dem Gedanken verfolgt worden, welchen Klang ſein Name zu jener Zeit haben würde, wo er ſelbſt dieſen Klang nicht mehr hören wird;— auf welcher Wage man einſt ſein Verdienſt wägen wird, wenn für ihn die Stunde der weltlichen Gerechtigkeit ſchläügt— in einem Worte, ob er vergeſſen und ver⸗ ſchollen ſein wird, wie ſo viele Millionen vor ihm, oder ob ſein An⸗ denken im Gedächtniß ſpäterer Generationen mit dankbarer Aner⸗ erkennung fortleben wird.... oder vielleicht mit Schrecken, oder gar mit Abſcheu!
Dieſem Gedanken an und für ſich liegt ein edler, hochherziger Ehrgeiz zu Grunde, der es verdiente, in allen Schichten der Geſell⸗ ſchaft gepflegt zu werden. Die einfache Frage:„Werden ſich Deine Kinder nicht einſt Deiner ſchämen?“— hat ſchon gar manchen auf dem ſchwindelnden Pfad, der zum Abgrund der Verderbniß führt, zurück⸗ gehalten— ſelbſt im Augenblicke, wo alle anderen Stimmen ſeines Gewiſſens ſchwiegen.
Es iſt wahr, daß dieſer Ehrgeiz auch einen Heroſtratus und einen Empedokles hervorgebracht hat, und daß ſpätere Generationen vielleicht auch andere Namen dieſen beiden beifügen werden;— aber das ſind Anomalien, und man behauptet ja, daß die unſchuldigſten, ja ſogar die heilbringendſten Pflanzen, auf gewiſſen Boden, in gewiſſe Himmelsſtriche verpflanzt, ganz andere Eigenſchaften annehmen— auch Giftpflanzen mit der Zeit werden können!
Daß aber dieſer Ehrgeiz, der in uns allen, vielleicht im Ver⸗ borgenen glimmt, die Baſis eines Geſchäftes— einer Specu⸗ lation ſeit einigen Jahrzehnten geworden iſt, wird dem Leſer vielleicht unbekannt ſein,— daß unſer Verdienſt nach unſerem Tode nach Thalern, Groſchen und Pfennigen berechnet wird,— daß es eine Börſe gibt, wo wir en hausse und en baisse verhandelt werden—
wird dem Leſer unglaublich erſcheinen, und er wird vielleicht einiges Intereſſe darin finden, zu erfahren, auf welcher Baſis mit dem Ruhme gehandelt— die Unſterblichkeit discontirt wird.
Der Zufall führte uns ein Buch unter die Finger, welches den beſcheidenen Titel:„Handbuch für Autographenſammler“ trägt und als deſſen Verfaſſer ſich Dr. Johann Günther und Otto Auguſt Schulz nennen. Dieſes Buch erſchien in Leipzig im Verlage des letztge⸗ nannten Verfaſſers, und obgleich wir es anfänglich mit großer Zer⸗ ſtreutheit durchblätterten, wurde das Intereſſe dennoch nach einer halbſtündigen Lectüre dermaßen in uns erweckt.... daß wir am nächſten Tage uns nach der Wohnung des Herrn Otto Auguſt Schulz erkundigten und ihm einen Beſuch abſtatteten.
Für Leute, welche dem Zeitgeiſte ſeine volle Anerkennung geben, dennoch aber eine unwiderſtehliche Sympathie für das„Verfloſſene“ haben, wird ſolch ein Beſuch bei einem Autographenſammler, der zu gleicher Zeit Autographenhändler iſt, im höchſten Grade intereſſant ſein, denn in wenigen Augenblicken geht die Geſchichte des Mittel⸗ alters und der Neuzeit wie die Bilder der Laterna magica in Auto⸗ graphen an uns vorüber und erweckt in unſerem Geiſte das merk⸗ würdige Phänomen einer ganzen Epoche, die ſich oft nur in einer Unterſchrift verkörpert! Die öffentlichen Autographenſamm⸗ lungen der Muſeen und Bibliotheken, die gewiß viele unſerer Leſer ſchon beſichtigt haben, können nicht ſo intereſſant ſein, obgleich viel werthvollere Actenſtücke darin aufbewahrt werden, als in einer Privat⸗ ſammlung, aus dem Grunde, weil damit kein Handel getrieben wird, und gerade dieſer Handel die eigenthümlichſte Seite und auch die unbekannteſte der„Leipziger Börſe der Unſterblichkeit“ iſt.
Wir wollen den Leſer in die Geheimniſſe dieſes Geſchäfts ein⸗ weihen, ſo weit Herr Schulz ſie uns anvertraut hat.
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