Worten zu ſchwimmen, der ihr zufloß,„höre ihn doch nur ein Mal an, Du läßt ihn ja nie zu Worte kommen.“—„Nie— nein, nie! er darf nichts ſagen, der böſe Burſche. Ich habe ihn vollends kennen gelernt— erſt verleitet er mir den Henning, nun auch noch Dich, meine beſte Freundin——“—„Tina, wahre Deine Zunge,“ rief Maria.„Ich bin Dir ſehr gut, aber ſprich nicht— ich laſſe mich verleiten.“—„Nun, habe ich nicht recht? woher haſt Du denn die Bekanntſchaft mit Herrn Oelven? he? er führt Dich ſicherlich ſpa⸗ zieren vors Leipziger Thor, oder nach der neuen Auslage.“—„Kein Wort iſt davon wahr. Ich ſehe und ſpreche ihn— hier.“—„Hier? ach, du lieber Gott, hier? im Hauſe Deines Vaters?“—„Nein doch, nein,“ wimmerte Maria,„hier hinter der Mauer— an der Seite dort hinüber, in der Kannengießerſtraße wohnt er— und da ſieht er gerade über die Mauer hieher, und da haben wir uns oft genug geſprochen.“—„Alſo, das iſt es,“ ſagte Chriſtine.„Nun, es iſt noch nicht ganz ſo ſchlimm, als ich vermuthete, aber hüte Dich. Es iſt ſchnell um ein junges Mädchen gethan, wenn ſolch ein Menſch wie Oelven ſich ihres Herzens bemächtigt.“—„Ich kann mir das gar nicht denken. Er ſpricht ſo hübſch, ſo freundlich und iſt ſo luſtig.“ —„Ja, das iſt's eben,“ belehrte Chriſtine.„Ich ſage Dir— ich kenne das; aus den Büchern, die ich bei uns leſe, kann man allerlei lernen. Ich habe erſt neulich ſo ſonderbare Dinge geleſen, da war ein Buch: Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Cavalier.“ —„Oh— welch ein ſchöner Titul!“—„Ja, das hatte mein Oheim aus Frankfurt kommen laſſen, um es mit Gold zu bedrucken für das Fräulein von Wenſen, die ſchöne Hofdame der Kurfürſtin.“— „Kommt die zu Euch?“—„Oft genug. Du weißt, die Frau Kur⸗ fürſtin iſt gelehrt, und da muß es ihre ganze Umgebung mit ihr ſein, darum kommen die Damen oft genug zu uns in die Druckerei und holen ſich Bücher: Geiſtesnahrung, wie ſie ſagen.“—„Ja— ja, Du mußt geſcheidt werden, Tina, Du magſt wollen oder nicht— habe mit mir Nachſicht, ich bin nur eine Küſterstochter, und wenn der Vater auch für was Außerordentliches gilt, ſo kann die Tochter deswegen doch ein einfältig Ding ſein— vergib mir wegen des Chriſtoph.“ Chriſtine faßte gutmüthig die Hand Marias,„alles vergeſſen und— vergeben. Magſt Du ſehen, wie Du mit Oelven auskommſt. Ich hab's gut gemeint. Aber nun, Schatz, muß ich heim. Der Oheim und Henning ſind heut zum Rathsſchmauſe— gib mir meine Laterne, und dann gehab Dich wohl.“—„Soll Dich die Magd nicht geleiten?“—„Pah, mir ſollte einer kommen.“ Sie erhob ſich und warf ihren kleinen mantelartigen Kragen um, nahm die Laterne und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. In dieſem Augenblicke ward die Glocke des kleinen Hauſes ſcharf und kurz ange⸗ zogen.„Noch Fremde?“ fragte Chriſtine.—„Es ſcheint ſo. Vielleicht eine Todesanzeige— ein Leidender, der den Vater ſprechen will.“ Sie ging hinaus, von Chriſtine gefolgt und öffnete die Hausthür. Zwei Männer ſtanden unter dem Vorbau.„Herr Biedekap!“ rief Maria.„Zu ſo ſpäter Stunde?“—„Ich muß den Vater ſprechen, Jungfer,“ ſagte Biedekap.„Hier iſt einer meiner Freunde, der von ihm einen Rath haben will. Wo iſt der Alte? Mein Freund muß ihn heut noch ſprechen, denn morgen verläßt er Berlin.“—„Der Vater iſt oben in ſeinem Zimmer,“ ſagte Maria in die Höhe zeigend. —„Führt uns zu ihm.“—„Gleich. Ich will nur meine Freundin hinauslaſſen.“—„Ich gehe ſchon,“ ſagte Chriſtine bei dem Kammer⸗ diener vorüberſchreitend. Sie hüpfte die Stufen hinab und grüßte Maria noch ein Mal recht vertraulich. Gerade jetzt erhob ſie die Laterne, um den Weg zu beleuchten, der ſich um das Haus zur Mauer wand. Bei dieſer Bewegung fiel der Schein des Lichtes auf die Geſichtszüge des Begleiters von Biedekap und erleuchtete dieſelben
292
vollſtändig. Das Mädchen zuckte unwillkürlich zuſammen, als ſie dieſes ſtechende Auge, die ſo ſcharfgezeichnete Naſe, die gewölbten
Brauen im röthlichen Scheine des Lichtes erglühen und ſich abzeichne
ſah. Der Fremde regte keine Muskel ſeines Antlitzes, die Augen nur hatten einen drohenden Ausdruck. Chriſtine vermochte trotz des Schreckens, der ſich ihrer unwillkürlich bemeiſterte, den Blick nicht von der Geſtalt des Fremden zu wenden. Es war, als ſei ſie feſtgebannt in den Kreis dieſes Mannes, und eine unbeſtimmte Ahnung ſchien mit leiſer Stimme flüſternd ihr zu ſagen, daß von dieſer Geſtalt Unheil auf ihren Lebensweg oder den ihr naheſtehender Lieben kommen werde. Erſt als der Fremde eine Handbewegung machte, um ſeinen Hut über das Geſicht zu ziehen, ſchien der Zauber gelöſt, der Chriſtine gefeſſelt hatte, und ſie vermochte, ihre Füße weiter zu ſetzen.
Maria klirrte ſchon mit dem Schlüſſelbunde, die Mädchen riefen ſich noch eine„Gute Nacht“ zu, dann eilte Chriſtine aus dem Thore. Maria winkte Biedekap und ſagte:„Wenn's den Herren gefällig wäre, ſo gehen wir.“—„Ihr Vater wohnt nicht im Hauſe?“ fragte der Fremde.—„Nein, mein Herr. Und hat Ihnen Herr Biedekap das nicht vorausgeſagt? wir gehen in ein ganz ſonderbar gelegenes Zimmer. Folgen Sie nur mir!“ Das Mädchen ſchritt munter über den Kirchhof und blieb endlich vor der Thüre des Nikolaithurmes ſtehen.„Dort iſt meines Vaters Zimmer,“ ſagte ſie an dem Thurm empordeutend. Pater Wolff blickte in die Höhe. Von oben herab aus einem kleinen Fenſter blitzte, gleich einem großen Sterne, ein gelbliches Licht, deſſen Strahlen, durch die Scheiben ſich brechend, einem Büſchel feuriger Nadeln glichen.
„Dort oben wohnt Euer Vater?“—„Gewiß,“ ſagte lachend die Kleine.„Folgen Sie mir nur unverzagt.“ Sie begann, die gewundene Thurmtreppe hinaufzuſteigen, Wolff und Biedekap folgten. Im Dunkel des Thurmes, welches nur ſpärlich von dem Laternen⸗ ſchimmer durchzittert ward, glich das Mädchen in ihrem hellen Kleide einer vor den nächtlichen Beſuchern hüpfenden Geiſtererſcheinung. Sie war bald rechts, bald links, wie die Treppe des Thurmes ſich ausbog oder wendete. Zuweilen war ſie ganz im Dunkel verſchwunden, da der Weg durch einen Pfeiler führte, dann trat ſie auf den im Finſtern kaum bemerkbaren Steg und ſchien in der Luft zu ſchweben. Wenn ſie an einem der kleinen Fenſterlöcher vorüberſtreifte, durch welche Licht in den Thurm fiel, dann zuckte das Mondlicht über ihre leichte Geſtalt und beleuchtete ſie eine Secunde lang, um dann wieder zu verſchwinden und dem Lichte der Laterne freies Spiel zu laſſen, welches die Umriſſe der Führerin mit rothem, glühenden Striche einfaßte.
Nach einigem Klettern über Leiterwerk und verſchiedenem An⸗ ſtoßen gegen die Wände des Thurmes gelangte man an eine Art von Brücke. Gerade als die Beſucher hier ankamen, entſtand ein dumpfes Geraſſel, es ſchnarrte und ſchnaubte wild, ein Geklirre wie von Ketten ließ ſich hören, und ſchwere Gewichte ſchienen auf⸗ und nieder⸗ zu ſinken. Biedekap blieb erſchreckt ſtehen.„Fürchten Sie nichts,“ ſagte Maria.„Wir ſind dicht vor dem Uhrwerk. Eben hebt der Hammer aus.“
Zwei dumpfe, langſam aufeinander folgende Schläge dröhnten durch die Stille der Nacht und ließen das Holzwerk der Treppe leicht erbeben. Die Thurmuhr ſchlug halb zwölf.
„Noch einige Stufen,“ ſagte Maria,„und wir ſind zur Stelle.“ Sie ſtieg eine ſchmale Treppe hinauf. Am Ende derſelben war eine Thüre mit eiſernem Drückerſchloß. Das Mädchen klopfte an.„Wer iſt da?“ fragte eine Stimme.„Ich bin es, Vater. Oeffne! Fremde wollen Dich ſprechen.“
(Fortſetzung folgt.)
Der Reformator der deutſchen Stenographie.
Es iſt ein Großes um einen Mann, der ſeine ganze Indivi⸗ dulität an Eine Idee hingibt, ſein ganzes Leben Einem Streben opfert. Ein ſolcher Mann wird im großen und ganzen nicht irren, denn in ſeinem Innern brennt ein heiliges Feuer, das ihn zugleich begeiſtert und erleuchtet; aber es verzehrt ihn auch, indem es ihn raſt⸗ und ruhelos durch Traum und Wachen, von Verſuch zu Verſuch treibt, ohne daß er ſich je behaglich und zufrieden fühlt, ohne daß er je ſich ſelber genügt. Für ihn ſind die tauſend kleinen und großen Freuden
und Genüſſe dieſer Welt nicht vorhanden, inmitten ihres Gewühls und Geräuſches iſt er einſam und allein; ſeine einzigen Gefährten ſind Ernſt und Sorge, meiſtens auch äußerer Mangel und des Tages Noth, denn über ſeinem Ziel vergißt er ſich ſelbſt, und daß er, wie andere Menſchenkinder, um zu exiſtiren, erwerben müſſe. Und hat er endlich gefunden, was er ſo lange geſucht, erſchaffen, was ihm ſo lange vorgeſchwebt, tritt er mit ſeinem Werke hinaus: dann empfängt ihn Hohn und Spott, Neid und Mißgunſt. Es beginnt für ihn
—
eine neu erkennun und för zurück;
und verl er tapfer deſto me verleumd
inzwiſce
gebeugte weilen f emporſch einbring einziger . D2 im Diel


