Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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arme Frau hatte die furchtbare Wahrheit des Ausgewandertſeins nicht

Freilich iſt das Opfer, was Sie alle bringen, gegen das, was Sie dafür empfangen, ein unermeßlich großes, fuhr ich nach einer Pauſe fort.Habe ich doch die meiſten wohlerzogenen europäiſchen Damen, welche von ihrem Schickſale nach Rio de Janeiro geführt worden waren, faſt immer bedauert, wie viel ihnen auch die Weltſtadt Rio und die in ihr ſich findenden befreundeten Kreiſe bieten mochten und zu erſetzen ſuchten. Je edler das Frauengemüth aber iſt, deſto mehr ſehnt es ſich zurück nach dem heimiſchen Norden, glaube ich, und mir kommt es immer wie eine ernſte Pflicht vor, unſere deutſchen Landsmänninnen von guter Erziehung und Sitte vor allen Dingen vor dem Auswandern zu warnen. Vor einigen Jahren traf ich in Rio die Frau Hauptmännin von R., ſie kam von Donna Francisca, eine edle ſchlanke Figur von ausgezeichneter Frauengeſittung. Die

aushalten können; körperlich geſchwächt und geiſtig förmlich gebrochen, hatte ſie nur eben einen Schrei: Nach Europa wieder! Sie konnte in fieberhafter Angſt den Tag ihrer Abfahrt nach dem Norden kaum abwarten und ward erſt dann einigermaßen ruhiger, als ſie ſich an Bord des Schiffes befand. Aber ſie iſt, wenn ich nicht irre, in Europa nicht lange darauf an den Folgen des Schickſalsgewichtes, das auf ihr laſtete, geſtorben. Und wenn nun manche Frauen⸗ ſeelen auch ſtärker ſind und den Riß tragen können, der zwiſchen ihrer Heimat und dem braſilianiſchen Waldleben liegt, was gewinnen ſie damit? Noch geſtern war ich dort unten am Ende von Joinville bei Herrn von X., der uns mit ſeiner Frau beſuchte, als er auf ſeinem Auswanderungszuge von Europa nach Donna Francisca durch Rio kam. Die gute junge Frau, eben erſt verheirathet, be⸗ ſorgte ſich in Rio noch eine Menge Hausſtandsgegenſtände und ſprach vom Aufſtecken von Gardinen, als ob in einer beginnenden Colonie immer gleich Glasfenſter zu haben wären. Als ich geſtern kam, war ſie mit einer Kuh und deren Kalb beſchäftigt und fütterte ihre Hühner; aber der Mann ſchien mir unter der Laſt ſeiner Arbeit faſt zu erliegen, und Frau von X. ſagte mir mit einem tiefen Seufzer: Ach, noch in Rio habe ich mir die Sachen doch ganz anders gedacht; nun ſitzen wir hier!

Da ward unſer Geſpräch von einigen Bekannten unterbrochen, die uns zu einem Spaziergang abholten. Wir gingen lachend und plaudernd vorwärts; unſer Weg führte uns zu einer Anhöhe. Hier überſahen wir die ganze Gegend von Joinville. In der Ferne deutete man mir den Ort an, wo der erſte Baum vor wenigen Jah⸗ ren gefällt worden war; bisher hatten nur die allerbrutalſten Wilden ſich in dieſen Gegenden umhergetrieben. Ich ſtaunte über die gewaltige

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Schlacht, die bereits von dem Anbau, der Geſittung gegen die Wild⸗

Reminiscenzen aus

niß, die Barbarei geführt worden war, über den wundervollen Sieg, den die erſteren über die letzteren errungen hatten. Aber eine weitere Beſchreibung dieſes Sieges, dieſer Errungenſchaft kann hier nicht gegeben werden; ich habe genug davon in meiner braſilianiſchen Reiſebeſchreibung erzählt. Nür eins habe ich dort vergeſſen, zu er⸗ wähnen. Als ich von Donna Francisca mit meinen muthigen Wald⸗ läufern aufbrach, um das noch von keinem Reiſenden in dieſer Ge⸗ gend durchſtreifte Paranagebirge mittelſt Compaß und Picadenmeſſer zu durchdringen und nun von meinen lieben, mich bis an den äußer⸗ ſten Rand der Colonie begleitenden Freunden von Donna Francisca Abſchied nahm, rief mich die junge Frau, die mit Glacéhandſchuhen nach Donna Francisca gekommen war und im erſten Augenblick zu gar nichts brauchbar ſchien, aber dennoch eben wegen ihrer guten Er⸗ ziehung und trotz ihrer weißen Handſchuhe die Coloniemutter ge⸗ worden war, bei Seite und ſagte mir mit ſüßer Frauenanmuth:In wenigen Secunden ſind Sie mitten im Walde! Vergeſſen Sie uns nie wieder und hören Sie meine Bitte, erhören Sie ſie ohne Wider⸗ ſpruch! Wenn Sie in Europa ſind und dort junge Mädchen oder junge Frauen von guter Erziehung treffen, die nach einer braſilianiſchen Colonie auswandern wollen, ſprechen Sie mit ganzem Ernſt, mit ganzem Nachdruck dagegen. Sagen Sie ihnen, Donna Francisca wäre unbedingt die reizendſte Colonie in Braſilien, und mir wäre es unbedingt von allen nach Donna Francisca gewanderten jungen Mädchen am beſten ergangen, und dennoch möchte ich ſie alle vor dem Auswan⸗ dern dringend gewarnt haben. Es gehören eben andere Men⸗ ſchenkinder dazu, um glückliche Coloniſten zu werden, als Mädchen mit Glacéhandſchuhen und mit voller nordiſcher Geſittung und Er⸗ ziehung. 3

Wir trennten uns. Am Eingang in den ſchwarzen Urwald ſah ich mich noch einmal um nach den Freunden, die mich begleitet hatten, aber die anmuthige Frau war nicht mehr zu ſehen. Mit einem doppelten Wunſche verließ ich Donna Francisca, und mein Doppel⸗ wunſch iſt von der Vorſehung erfüllt worden. Die Colonie Donna Francisca gedeiht und blüht immer weiter und weiter; ſie iſt ſeitdem um das Doppelte, bis auf 4500 Einwohner, gewachſen, und zu dem Städtchen Joinville hat ſich tiefer in den Wald hinein Annaburg hin⸗ zugeſellt. So brauchte denn Donna Francisca auch ihre Colonie⸗ mutter nicht länger mehr. Letztere lebt jetzt und das war mein zweiter Wunſch in einer großen Stadt, wo ihr Gemahl eine ange⸗ nehme Stellung hat. Von dort her erhielt ich vor zwei Jahren die obenerwähnte Photographie, und ein Jahr darauf von ihrem Gatten die freudige Nachricht, daß die Coloniemutter von Donna Francisca mit einem Kindlein geſegnet worden ſei.

der Hochſommerzeit.

IV. Ein Berliner Straßenjunge. Von Ferdinand Pflug.

Feſt aufgeſchloſſen! Kein Mann austreten! Vorwärts! Wenn trotz dieſes Zurufs einzelne Leute, beladen mit den Kochge⸗ geſchirren und Feldflaſchen ihrer Kameraden, aus den Gliedern ſchlüpften, um für ſich und dieſe aus den Ziehbrunnen des eben paſſirten Dörfchens einen friſchen Trunk zu ſchöpfen, ſo ſchienen dies die Officiere jedoch nicht zu bemerken. Die Hitze war gar zu drückend, die Luft ſchwirrte ordentlich vor Glut, und der unter den Füßen der marſchirenden Colonne aufwirbelnde Staub erſchwerte den Leuten das Athmen und laſtete in einer dicken Lage auf Zunge und Gaumen derſelben.

Seit vier Uhr befand ſich das Bataillon, das zweite des preußi⸗ ſchen Garde⸗Grenadier⸗Regiments Kaiſer Franz, im eiligen Anmarſche gegen den Feind begriffen, und die Mittagsſtunde konnte nicht mehr fern ſein. Eine kurze Raſt würde bei der Erſchöpfung der Leute und der denſelben zugemutheten ungeheuren Anſtrengung willkommen, wo nicht unerläßlich erſchienen ſein; allein ſeit einer halben Stunde etwa dröhnte von links her Schlag auf Schlag der Donner des ſchweren Geſchützes, und geſtern am 27. Juni hatte bei Trautenau das I. preußiſche Armeecorps vor dem X. öſterreichiſchen Corps des Feldmarſchall-⸗Lieutenants Gablenz zurückweichen müſſen. An den preußiſchen Garden war es deshalb heut, dem Feinde dieſen von ihm errungenen Vortheil wieder zu entreißen, und der wiederholt dem Bataillon zugegangene Befehl, den Oeſterreichern, wenn irgend mög⸗

lich, noch in Beſetzung des wichtigen Terrainabſchnitts von Alt⸗Rognitz zuvorzukommen, beanſpruchte eine ſo dringende Eile, daß daſſelbe in dem etwa vor einer Stunde paſſirten Dorfe Eipel den Anſchluß eines zweiten zu ſeiner Unterſtützung beſtimmten Bataillons deſſelben Re⸗

giments gar nicht erſt hatte abwarten können, ſondern gleich weiter

marſchirt war.

Bringt Ihr Waſſer? Kamerad, gib mir! Nein mir!

Die erſten vorhin aus den Gliedern geſchlüpften Leute waren aus den Gehöften wieder in die Dorfgaſſe hinausgetreten, und alles drängte ſich ihnen entgegen.

Nicht einen Tropfen, lautete überall gleichmäßig die betrübte Antwort.Alle Brunnen ſind verſchüttet, und keine Seele iſt in dem ganzen Neſte zurückgeblieben.

Vorwärts! Wiedereintreten die Leute! Feſt aufgeſchloſſen! drängten die Officiere.

Ha! da iſt der Karl Lehmann, rief eine Stimme. Junge hat Waſſer gefunden.

Ein barhäuptiger und barfüßiger Burſche von vielleicht vierzehn Jahren flog, mit mehr als einem Dutzend Feldflaſchen behängt und vier oder noch mehr gefülllten Kochgeſchirren in den Händen, die Marſchſäule entlang.

Halt! Haltet ihn auf! Gib her, Du verdammter Bengel! Willſt Du hergeben!

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