Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
280
Einzelbild herunterladen

ſilien zu eröffnen. Und wirklich ſcheint Gottes Segen mit den beiden ſeltſamen Waldcreaturen zu ſein, wenn er auch nicht in Strömen, ſondern langſam und leiſe, wie ein erquickender und ernährender Thau auf ſie hernieder träuft.

Donna Francisca und Blumenau! Wohl nenne ich ſie beide vor allen anderen Colonien ein Paar ſeltſame Waldcreaturen Bra⸗ ſiliens; ja, jedesmal, wenn ich an germaniſche Anſiedelungen im Kai⸗ ſerthum von Santa⸗Cruz denke, muß ich, obgleich ich in der Provinz Rio Grande do Sul das Coloniſtenleben der Deutſchen ſchon viel entwickelter fand, ſo daß es nicht nur der von ihm eingenommenen Landſchaft, ſondern ſogar manchen naheliegenden Ortſchaften und Städten, wie z. B. Santa Maria, mitten in Rio Grande, und Porto Allegre, der Provinzialhauptſtadt, einen entſchiedenen Charakter auf⸗ drückte, dennoch muß ich jedesmal, wenn ich den nach Braſilien gewanderten Deutſchen nachwandere, zuerſt einkehren in Donna Fran⸗ cisca und Blumenau, in welchen beiden mir das Leben, mein Leben, wie ein Sommernachtstraum vorkam, freilich nach zwei ſehr verſchie⸗ denen Richtungen und Arten; denn in Donna Francisca glaubte ich alle Augenblicke Mendelsſohns reizendes Nocturno aus e dur zu hören, während Blumenau mir ſeineHandwerker im Walde aus a dur vorſpielte, beide Melodien aus qdur, denn hart iſt das Leben und die Arbeit in beiden mir ſo lieben Ortſchaften und Waldſtätten, und doch finden beide ihren Widerklang imSommernachtstraum des deutſchen Componiſten, der, wie nie jemand vor ihm, das Waldleben fühlte, erkannte und in Tönen wiedergab.

Wer aber mit mir eine Wanderung antreten will zu den ge⸗ nannten Waldſtätten, und vielleicht folgt mir der eine oder an⸗ dere Leſer des Daheim gern zu dieſen rührigen und angebauten Inſeln mitten im tief ſchweigenden Waldocean Südamerikas der erwarte, wenn ihn ein altes Dampfboot von Rio de Janeiro aus, oder ein direct von Hamburg kommendes Auswandererſchiff nach einer Reiſe von 50 60 Tagen an das Ufer des kümmerlichen Hafen⸗ ſtädtchens S. Francisco(etwa 26 Gr. ſ. Br.) geſetzt hat, nur ja nicht, daß, weil die Reiſe nach Donna Francisca geht, ihn eine Belle poule oder ein flüchtiges Dampfpacket von dem braſilianiſchen Meeres⸗ hafen nach der deutſchen Colonie bringe. Keinerlei lebhafter Verkehr findet ſtatt zwiſchen beiden, ja, es hält oft ſchwer, in S. Francisco ein erträgliches Canot zu finden für einen reellen Preis, um darin nach Joinville, dem Hauptort der Colonie zu fahren. Doch werden wir nicht leicht über einen Tag zu warten brauchen, ohne im fernen Weſten der prachtvollen Lagune von S. Francisco ein kommendes Schiffsboot zu erblicken, welches man uns als dasPacket der Wald⸗ ſtätte, als das Herrenſchiff von Uri bezeichnet. Das bricht meiſtens Nachmittags wieder auf von S. Francisco und ſegelt mit dem friſchen Seewind die Lagune wieder hinauf, die bei einer landſee⸗ artigen Breite auch tief genug iſt, um ſelbſt Fregatten von 22 Fuß Tiefgang aufzunehmen und deswegen, wenn erſt ringsumher die Landſchaft zu regem Leben erwacht iſt, eine große Zukunft hat.

Vorläufig aber feſſelt ſie nur wegen ihrer Reize den daherkom⸗ menden Auswanderer. Die Nordſeite iſt von prächtig grünen, lufti⸗ gen Höhen begränzt; in weiter Ferne weſtlich ſchließt ein blaues Ge⸗ birge, an welchem wie ein Silberfaden ein Waſſerfall von etwa 800 Fuß Höhe herabſtürzt, das wunderbare Chaos von Gebüſchen und Waldlabyrinthen, während der Süden ſich flach in ſaftig grünen Farben hinerſtreckt, alles goldig beſtrahlt von der ſcheidenden Sonne, alles überhaucht und eingetaucht in ſüßen Frieden, der ſogar den Seewind gegen Abend einlullt und kaum den einzelnen Canots oder den zahlreich aus der ſchweigenden Tiefe auftummelnden Delphi⸗ nen erlaubt, die grüne Lagune neckend zu kräuſeln. Dann aber ver⸗ engt ſich dieſer ſeltſame Lago maggiore, und unter Gebüſchen ſtreift das Boot dahin, bis es noch einmal lautlos über einen Lago minore, die kleine Lagune von Saguaſſu, hingleitet. Nun ſcheint es ſich faſt zu verirren in kleinen Waſſerlabyrinthen und dichten Rhizophoren⸗ gebüſchen, auf deren glatten, glänzend grünen Blättern das Licht des eben auftauchenden Mondes allüberall zitternd ſich ſpiegelt, während unter ihnen auf ſchlammigem Grunde tauſende von Taſchenkrebſen umherrennen. Wehe dem Reiſenden, kommt er dem Gebüſche zu nahe. Ein leichter Dunſt ſcheint von den Blättern aufzuſteigen, ſchlimmer noch, als der vom Manzanillobaum, denn dieſer Dunſt löſt ſich auf in ungeheure Mosquitenſchwärme, welche unerbittlich den forthuſchenden Kahn verfolgen und die ſchändlichſte Mückenmacht her⸗ aufbeſchwören, bis ein dichter ſchneeweißer Nebel mit ſtarker Feuchtig⸗

280

keit den verfolgenden Thieren das Fliegen ſchwer, dem Reiſenden die Flucht leicht macht. Der Kahn ſtößt ans Land, bei Nacht und Nebel ſpringen wir auf leidlich feſten Boden. Aber ſo wie wir nur einige Schritte vorwärts treten, liegen die ſcharf begränzten Nebel hinter uns; klar glänzt die Gegend wie am Tage, und der Mond beſtrahlt ein reizendes Culturbild.

Ja, ſolche Mondnacht über Joinville! Aber ich habe den ge⸗ duldigen Leſern des Daheim ſchon ſo mannigfaltigeBraſilianiſche Nächte octroyirt, daß wir unmöglich mit der anmuthigen Jeſſica nach Belmonte laufen dürfen und der fernen Muſik lauſchen denn wirklich in ſolcher Jeſſicanachtſtimmung befand ich mich, als ich durch die Gärten des lieblichen Joinville ſchritt, und, da rings umher alles ſchon zu ſchlafen ſchien, den Klängen einer Muſik nachging, die freilich nur deutſche Tanzmuſik war, aber immer doch Muſik in einer ſüd⸗ amerikaniſchen Mondnacht, in welcher die Orangenhaine duften und im dunkeln Laube die Lampyriden blitzen, in ſolcher Stimmung befand ich mich und werde ich mich immer befinden, wenn ich daran denke, wie mich der Subdelegat Niemeyer vor der Thür des Ballhauſes gefangen nahm, mich, den Vagabunden, mit Poncho und Sombreiro in die beſte Geſellſchaft führte und damit meine ganze Seele der lieblichen Colonie Donna Francisca incorporirte.

So viel habe ich von meinem Leben in Donna Francisca bereits in meinem Reiſebuche vom Jahr 1859 erzählt, und dennoch kommen mir noch ſo manche Erlebniſſe, Erſcheinungen, Geſpräche vor, die ich damals nicht einflocht in meinen Bericht, ſo manche, die ich der Ver⸗ geſſenheit entreißen darf, weil ſie Charakterzüge jener ſeltſamen Co⸗ lonie ſind.

I. Die Coloniemutter von Donna Francisca.

In meinem Album befindet ſich die Photographie einer an⸗ muthigen, jugendlichen Frauengeſtalt, einfach und doch geſchmackvoll drapirt, ruhig und klar hervorſchauend aus dem Rahmen, mehr einem älteren Mädchen als einer jungen Frau ähnlich, denn ſie war in ihrer Ehe von 68 Jahren kinderlos geblieben. Ihre Stellung gab ihr einen gewiſſen Vorzug vor den anderen Frauen in Joinville, und ſo kam es, daß man ſie, jeder gewiß mit dem vollſten Aus⸗ druck des Wohlwollens und der Hochachtung dieColoniemutter nannte, das einzige Wort, worüber die liebe Frau, die ſonſt die Herzensgüte und wirklich mädchenhafte Unbefangenheit ſelbſt war, ernſtlich böſe ward.

Sie wohnte in dem hübſchſten Hauſe der Colonie. Eines Nach⸗ mittags ſaßen wir in ihrer Veranda und tranken duftenden Kaffee. Im Orte war ein fröhliches Schaffen und Treiben; Ackerwagen fuhren; allerlei Gewerk regte ſich, ein Trupp Herren und Damen, faſt wie im bois de Boulogne, galoppirte grüßend vorüber, aber auf den fernen Waldungen lag eine wunderbare Stille, nur der Uruponga ließ ſeinen weithin ſchallenden Metallruf dröhnen, und an den Aeſten der Bäume ſchrillten die gewitterverkündenden Cicaden. Erwartungsvoll und geſpannt ſaß ich vor der Colonie⸗ mutter, die mir ihre Auswanderungsgeſchichte erzählen wollte, eine feine Stickerei in die zierlichen weißen Hände nahm und folgender⸗ maßen anhob:

Ich lebte ſo glücklich, wie nur denkbar mit meinen beiden Schweſtern im Hauſe unſerer Eltern in unſerem kleinen hannover⸗ ſchen Städtchen, wo mein Vater eine der angeſehenſten Stellen ein⸗ nahm. Durch einige Bekanntſchaften in Hamburg kam denn auch die Kunde von den prachtvollen Waldungen der projectirten Colonie Donna Francisca zu uns! Alles klang ſo poetiſch, ſo tief roman⸗ tiſch und idylliſch, daß unſer ganzes Haus anfing zu träumen von den herrlichen Gebirgen, Strömen, Wäldern und Triften des fernen, ſo glücklichen und zukunftsreichen Landes, in welchem es nur an Menſchen fehlte. Wir verſchafften uns allerlei Bücher, laſen allerlei Mittheilungen und Berichte über Braſilien, bis das ferne Land faſt unſer alleiniges Geſpräch, und jedes einzelnen von uns alleiniger Gedanke war. Keiner verführte uns, keiner beredete uns zum Aus⸗ wandern in das neue, gelobte Land; ja wer von uns ſelbſt eigentlich der erſte war, der das Wort Auswandern ausſprach, weiß ich noch heutigen Tages nicht; nur das weiß ich, daß ich, als ich mich eines ſchönen Morgens, nachdem wir eben einige Stunden in See gegangen waren, ſeekrank bis zum höchſten Grade befand, mit tiefer Wehmuth der verlaſſenen Heimat gedachte, mit banger, ernſter Sorge

kleinen

die da Land

einande

liche F deutlich ſtiegen auf, i auf, feſt w menſch

wunde ja ebe müden Maän

und!