Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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3 Q.Q

Schullehrer ſie hätten tragen können,

geſchnappt hat. Ich dächte, er ſchriebe mir ſogar, das Dienſtmädchen, die ihm als Muſe gedient, habe Chriſtine geheißen.

Die meiſten Hainbündler lachten bei dieſer von Boie ſchon im Tone etwas ſpöttiſch gehaltenen Relation, nur Voß ſprang auf und rief:Bei Gott, der Kerl kommt auf meine Sprünge; habe ich mich nicht ſchon lange mit dem nämlichen Gedanken getragen? Deutſche Idylle, nur daß Bürger lieber Romanzen oder Balladen ſingt! Ein Bauer, der auf dem Winfelde pflügt und einem Reiſenden von Varus und Hermann erzählt, ſollte der nicht ſo reichen Stoff geben, als Tityrus recubans sub tegmine fagi?*) Bei Pyrmont wies mir naulich ein Bauerjunge den Arminsberg und erzählte mir vieles von

*) Tityrus(ein Hirt bei Virgil) unter dem Laubdache der Buche ruhend.

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dem alten Ritter: wie er oben ein feſtes Schloß gehabt hätte, wie

noch ein ſein Pferd verkehrt beſchlagen geweſen wäre, damit ſeine Feinde, die weſtertochte Römer, nicht wiſſen könnten, ob er herauf⸗ oder herabgeritten ſei; nder Leute dann wie ein Kloſter da wäre erbaut worden, mit hübſchen Nonnen. Zeele trug. Aber der Küſter im Dorfe hätte ein altes Buch, da ſtünde das allespr zu Muthe

ausführlich beſchrieben; den ſollten wir fragen, wenn wir Zeit hätten;

im eignen hrlich enn i und im eign er erzählt's den Sonntag unter der großen Eiche im Dorfe allen

ſatte aber der

Junggeſellen. Der Junge müßte doch ſehr in einer deutſchen Idylle von ſeiner M gefallen. Und ein alter Soldat, der mit den Franzoſen bei Roßbach wei Kihe dar geweſen wäre, und dergleichen mehr. Ja, an ſolchen vaterländiſchen V nund ſo fanden Situationen kann's nicht fehlen! Wgohlgefalle. (Fortſetzung folgt.) ſtane, kifig

ſc ein kleines,

Mund. Aber

Schneiderphilipp.

Ein Nachtſtück aus dem ehemaligen Naſſau.

Es kam mir neulich ein Bild im Daheim zu Geſicht, auf dem eine Anzahl der verſchiedenartigſten Hunde an einem Wegweiſer grimmig in die Höhe bellen, worauf ſich ein armes, verfolgtes Kätz⸗ lein geflüchtet hat. Während ich nachſann, wie wohl der geängſtete Mäuſejäger da draußen im Kornfeld auf den Pfahl komme und wie es ihm ergehen werde, fiel mir ein armes gehetztes Menſchenkind aus meinem Dorfe ein, deſſen Geſchichte ich erzählen will.

Mein Held iſt ein armer Schneider, der aber mit dieſem einen Gebrechen nicht genug hatte, ſondern obendrein von ziemlich kleiner Geſtalt war und dermaßen ſtammelte, daß er erſt nach minutenlangem Haſchen und Geſichtsverzerren das Wort hervorbrachte. Ein großer Redner wäre er nie geworden; auch wo es ſich um raſches Fort⸗ kommen und hohes Steigen handelte, war er nicht dabei, aber man kann auch als lahmer Schneider glücklich werden. Unſer Schneider⸗ philipp hätte ſicherlich ſein Glück gefunden, denn er war eine harmloſe Natur, der ſtill, beſcheiden und anſpruchslos ſeine Tage dahinlebte.

In ſeinem Handwerk konnte er gerade nicht als beſonderer Künſtler gelten, obwohl er als Herren⸗ und Damenſchneider thätig war. Er bewahrte der wechſelnden Mode gegenüber eine hartnäckige Standhaftigkeit. Mochten ſie in Paris ſich die Köpfe zerbrechen, wie ſie wollten, mochte der Bazar noch ſo viele Auflagen erleben, er blieb beim Alten. Schlecht und recht hatte er ſein Geſchäft bei einem tüchtigen Bauernſchneider gelernt, ohne ſich durch weiteres Reiſen aufs Feine auszubilden. Zum Wandern war er zu langſam und zum Fechten war er nicht beredt genug. Wie aber jeder Menſch ſeinen beſonderen Vorzug hat, auf den er ſich, wenn auch oft nur im Geheimen, etwas zu Gute thut, ſo auch der Philipp. Er durfte ganz allein dem Bürgermeiſter die Hoſen anfertigen, und der war gewiß apart, daß ihm ſo leicht niemand genügen konnte. Und in demWeſtenmachen hatte er ſolchen Schwung, daß Pfarrer und Kota bene: wenn ſie gewollt hätten. Seine eigentlich ſtarke Seite, die in dem Flicken, Ausbeſſern und Umändern von alten Kleidern beſtand, wußte er dagegen nicht gehörig zu ſchätzen und in's Licht zu ſtellen. Er hätte auch wenig Anklang damit gefunden. Die hohen und ſtattlichen Herren Collegen in Berlin und Leipzig würden gewiß nur mit nnendlicher Erhaben⸗ heit ſolch' ein armes, verkrüppeltes Dorfflickſchneiderlein angeſehen haben, wenn es irgend wie eine Bedeutung in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft beanſprucht hätte. Und dennoch iſt ſolch ein Dorfflick⸗ ſchneiderlein ein gar nützliches Geſchöpf und ſtiftet in gewiſſen Kreiſen der Menſchheit durch ſein Flicken und Stopfen, durch ſein Längen und Kürzen mehr Segen, als dieſe hohen Herren. Wenn unſer Schneiderphilipp eine Zeit lang in einer an Kindern ſehr reichen, an ſonſtigen Gütern aber ſehr armen Familie thätig geweſen war welch' wohlthätiger Einfluß machte ſich bald bemerkbar! Die neu⸗ gierigen Kniee des wilden Peters waren durch neue Flicklappen ver⸗ hüllt. Das Kathrinchen ſchien ſtatt des Franzenrockes und des zer⸗ fetzten Jäckchens funkelneue Kleider bekommen zu haben. Der alte Sonntagsrock des Vaters hatte der Frau ein warmes Wintermützchen und dem Anton ſeine erſten Büchſelchen gegeben. Die ſämmtliche übrige Montur war aber ſo ausgebeſſert, daß ſie wieder Jahr und

und geſtoßen icht wußte, w Beſcheidenheit auagſten Anla nd wie ſied . e ſchwarzen Tag mitgehen konnte. Wer ihn dann aber ſo herum handtieren ſah, ſoolln ſe al wie er hier einen alten Lappen probirte, maß und zurechtſchnitt, bis V hringen kante er endlich paßte, oder wie dort bei dem Anblick eines alten Kleidungs⸗ Auter der Anſ ſtückes geniale Einfälle ſein Gehirn durchkreuzten, zu welchen Wand⸗ ſo anſſelen J lungen daſſelbe noch fähig ſei, der hätte an der ſtillen Größe Mrfen heiß l Philipps nimmer gezweifelt. Den meiſten Familien des Dorfes duf Leben und war er geradezu unentbehrlich geworden. Er verdankte aber nicht aifs Blut, u blos ſeiner Geſchicklichkeit allein die große Gunſt des Publicums, elen Thäne ſondern auch noch anderen hervorragenden Eigenſchaften. Vor allen n geyſe und war es ſeine Billigkeit, da er ſich mit zwölf Kreuzern und der Koſt Wie meinte begnügte; dann ſeine Anſpruchsloſigkeit, da er nicht gleich ein ſchiefes krener und do Geſicht ſchnitt, wenn die Suppe angebrannt oder das Gemüſe ſchlecht rißte wirt geſchmelzt war und ſtatt Butter Schmierkäſe auf dem Tiſch ſtand. 4 diebe dus Ebenſo wurde ſeine Verſchwiegenheit anerkannt, da er nicht forttrug ſcltzen ir⸗ und kein Geſchwätze machte. Eine ſeltene Fähigkeit machte ihn 6 Gcc i aber den Frauen beſonders lieb. Er war, was ich ſo nennen möchte, enülik 4 ein geduldiger Zuhörer. Da durfte der Redeſtrom ſich ſtunden⸗ 5 8 de n lang ergießen, er nickte ab und zu mit dem Kopfe und nähete rüſtig Ud eri weiter. Da durfte das gepreßte Herz am erſten Tage der Ehe an⸗ Pürſne fangen und alle Wochenbetten durchſprechen: das ganze Ehe⸗ und 4 24 Kinderkreuz, die Conflicte mit der ſämmtlichen Nachbarſchaft und 1 iien ei Verwandtſchaft und was ſie geſagt und was dieſe und jene geſagt aiulich und was ſie dann ſelbſt wieder geſagt er hielt tapfer aus. beitet, ſonde

e. da vſr. r t er. ejihlt, vie ſ Man gewöhnt ſich an Alles, ſtotterte er and lcfana

Doch nicht allein verheirathete Frauen, ſelbſt junge Mädchen En e machten ihn zu ihrem Vertrauten. Es gibt ja eine Zeit, wo das 1 ergeldarb Mädchenherz ſo voll iſt, daß es ſich ausſchütten muß, wenn es nicht 4 Er an lauter Freude und unnöthigen Befürchtungen erſticken ſoll. Und brauche ſich

nhr zu beküm ſenn daus ging Aud. Sein G pulte zu luſti Arbeiten und

wer war da geeigneter als der Schneiderphilipp, der ſtumm war wie das Grab und doch ein fühlendes Herz in ſeinem Buſen trug. Ueber⸗ haupt hätten kaum die Frauen ein dankbareres Gemüth finden können, das beſſer ihr entgegenkommendes Vertrauen gewürdigt hätte. Der lahme Schneiderphilipp wurde nach und nach ein erklärter Liebhaber der Frauen. Es iſt nun nicht gerade geſagt, daß die auf⸗ fallende Bevorzugung, die ihm das ſchöne Geſchlecht zu Theil werden ließ, der alleinige Grund ſeiner Neigung war. Wer vermag denn g die wunderbaren Tiefen und Irrgänge des menſchlichen Herzens ganz ian er m und gar zu erforſchen? Vielleicht war es das Mitwiſſen von ſo manch 1 Glan n ſein? zärtlichem Geheimniß, das ähnliche Gefühle in ihm wach rief. Viel⸗ V Waniſe Bro V

Kaſihan zu 1e. un dac

leicht war es auch das Gefühl des Alleinſeins, das ihn ergriff, wenn

er aus ſo einem vielbewegten Familienkreiſe konmend noch halbe Nächte auf öder, einſamer Kammer arbeitete. Vielleicht war es auch

3. verm das Bedürfniß der Anerkennung, der Pflege oder überhaupt der Liebe, Ianu und welches ſolch' ein Unglücklicher in weit höherem Grade empfindet, als rie aias d ein anderer. Vielleicht war es eben alles Dieſes zuſammen. Kurz ſe Hand

und gut, er hatte große Luſt zu heirathen. Er brauchte übrigens onne ſpiel trotz ſeiner Mißgeſtalt nicht lange dieſen heißen Wunſch in der Seele herumzutragen, ohne daß ein Verſuch gemacht worden wäre, ihn zuſ 1 ſtillen. Es fand ſich bald ein mitleidiges Herz, welches die Sa zu vermitteln bereit war. Die Frauen haben einmal alle miteinanden eine beſondere Vorliebe für das Heirathenſtiften. Es iſt das ein a Zeichen, daß ſie es doch nicht ſo furchtbar ſchlimm bei ihren Männern