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„Alle Wetter, was iſt das?“ rief der Lieutenant.„Welch eine Hemmung? macht ſchnell, daß Ihr zu Stande kommt. Die Or⸗ donnanzen des kurfürſtlichen Hofes, Seiner Durchlauchtigkeit des gnädigen Kurfürſten Herrn Friedrichs des Dritten werden gleich hier ſein, die Straße muß geöffnet werden.“
Als der Lieutenant dieſe Worte geſprochen hatte, beugte ſich aus dem eleganten Reiſewagen ein Kopf hervor, und eine ſehr wohltönende Stimme rief:„Der kurfürſtliche Lieutenant der Leibgarde, Herr von Tettau, wenn ich nicht irre?“ Der Angerufene lenkte ſein Pferd zu dem Reiſewagen.„Herr Freiherr von Kolb?“ rief er verwundert. „Sie hier in dieſem verhängnißvollen Augenblicke?“—„Ich komme juſtement von Cleve, mein Beſter, wo ich einen Befehl des Herrn Kurfürſten erhielt, der mich nach Berlin rief, ein Unfall in der Nähe von Emmerich hielt mich auf, und ſo bin ich Tag und Nacht gereiſt, um kurfürſtlichem Wunſche nachzukommen, der meinen Uebertritt in Brandenburgiſche Dienſte ſicher entſchieden hat.“—„Sie kommen zur Leichenfeier des gnädigſten Herrn,“ ſagte Tettau,„und haben ſich nun an unſeren neuen Gebieter zu halten.“—„Ich werde hoffentlich in ſeinem Dienſte verbleiben dürfen.“—„Ich zweifle nicht daran, Herr Freiherr. Der Höchſtſeelige berief Sie noch kurz vor ſeinem Ende
— 243— zu ſich— der Sohn wird des Vaters Zuſage halten.“—„Ich kehre
nach Berlin zurück,“ rief der Freiherr Kolb von Wartenberg dem Kutſcher zu. Unterdeſſen hatten die Leute die verwirrten Stränge auseinandergezerrt und die Wagen fuhren auf das Leipziger Thor zu. Voraus ritten ſchweigend die Leibgardiſten, dann folgte der Reiſe⸗ wagen Kolbs. Als er das Thor paſſirte, ſchallten die Glocken laut und mächtig, unter der Wölbung ein gellendes Echo erzeugend.„Es iſt ein remarquabler Einzug, den wir in Berlin halten,“ ſagte der Freiherr zu ſeinem Begleiter.„Die Todtenglocken geben uns die Empfangsmuſik.“ Der Wagen rollte in die Leipzigerſtraße. Hinter ihm fuhr die Kutſche, welche jene drei Männer mit ſonderbaren Ge⸗ ſichtern, räthſelhaften Zeichen und Geſchäften beherbergte. Dann ſtrömte eine zahlreiche Volksmenge hinterdrein, unter derſelben be⸗ fanden ſich Henning Ringwald und Oelven.„Ich möchte wiſſen, wer die drei ſchwarzen Kerle waren,“ ſagte der„Secretär Danckel⸗ manns,“ wie ſich Oelven zu nennen beliebte.„Es waren weder Kaufleute— noch Gelehrte— noch Soldaten. Was mag es mit ihnen für Bewandtniß haben?“
(Fortſetzung folgt.)
Sin deutſcher Officier.
Lebensſkizze von
„Dulce et decorum est pro patria mori!“— Es klang uns wie eine bittre Ironie des Schickſals, als, im Begriff, dem Leſer das Leben eines der vielen Dahingerafften des letzten Krieges zu ſchildern, dieſe Worte ſich unaufhörlich unſerm Geiſte aufdrängten. Ja, er iſt ſüß, er iſt groß, er iſt berauſchend der Gedanke, ſein Leben für das Wohl ſeines Vaterlandes hinzugeben; es iſt dies eine Beloh⸗ nung, die auserwählte, dem Idealen huldigende Geiſter vielleicht jener anderen,— vernünftigeren aber auch nüchterneren:„Für ſein Vaterland zu leben“ bei weitem vorziehen; aber wir wiederholen es, in dem Lebensbilde, das wir hier zu entwerfen gedenken, klingen jene hochherzigen Worte beinahe wie eine Unwahrheit,— faſt wie ein Spott!
Wenigen Leſern wird der Name einer der beſten wiſſenſchaftlichen Zeitſchriften unſerer Epoche, welche unter dem Titel der„Preußiſchen Jahrbücher“ erſcheint, unbekannt ſein, einer Zeitſchrift, die beſonders in der militäriſchen Literatur es zu einer Höhe gebracht hat, daß kein Land eine ihr ebenbürtige aufzuweiſen im Stande iſt. In dieſem Blatte erſchienen zu Ende der fünfziger Jahre einige Aufſätze, die ſelbſt in dieſem Mittelpunkt vortrefflicher Leiſtungen ein bedeutendes Aufſehen erregten. Sie waren unterzeichnet:„Ein Deutſcher Officier.“ Man konnte in dieſen Arbeiten nicht genug neben einem trefflichen Styl den friſchen, kräftigen, durch und durch praktiſchen Sinn be⸗ wundern; und dennoch fand man ſo viele ideale Auffaſſung, welche ſich zwiſchen den tiefſten Studien hindurchwand, daß dem Ganzen dadurch ein überaus feſſelnder Reiz gegeben wurde. Beim Leſen dieſer Artikel(von denen wir folgende hervorheben:„Briefe aus Süddeutſchland“;„Zur Verſtändigung über die Frage der preußi⸗ ſchen Heeresreorganiſation“;„Ueber den Krieg in Nordamerika“; und„über den Krieg in Schleswig⸗Holſtein“), wurde bei gar vielen ſchon der Wunſch rege, etwas von dem Verfaſſer ſelbſt zu hören. Einige Schriftſteller haben das Glück, durch ihre Schriften die per⸗ ſönliche Sympathie des Leſers in ſo hohem Grade zu erwecken, daß dieſer ihn auf ſeinem Lebenslaufe mit demſelben beſorgten Auge be⸗ gleitet, als wenn er ein Freund langer Jahre wäre, daß er ſeinen Erfolgen mit freudiger Spannung folgt,— mit ihm hofft und mit ihm enttäuſcht wird.
Ebenſo ging es unſerm„Deutſchen Officier;“ er hatte ſich eine große Anzahl von Freunden erworben, die an ſeinen Schickſalen den wärmſten, den herzlichſten Antheil zu nehmen gedachten,— ihn
jedoch nicht kannten und von ihm nicht gekannt waren. Das ſind die Sonnenſeiten des Schriftſtellerthums, und glücklich der, welchem es beſchieden iſt, ſo vielen Antheil zu erregen! Die Anonymität des „Deutſchen Officiers“ begann bald, die Leſer unangenehm zu be⸗ rühren; man verſagte ihm das Recht, ſich hinter ihr zu verbergen und ſich ſo dem ungetheilten Beifall zu entziehen. Da erſchien im
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einem Kameraden.
Jahre 1864 im Verlage von S. Hirzel in Leipzig ein Buch, welches den Titel:„Die Völkerſchlacht bei Leipzig“ trug und unterzeichnet war:„Julius Koeniger, Hauptmann im großherzoglich heſſiſchen dritten Infanterieregiment.“— Wie gewiſſe Kunſtliebhaber bei dem erſten flüchtigen Blick auf ein Bild, ohne ſich zu täuſchen, den Namen des Meiſters, der es gemalt, nennen; ebenſo geſchah es mit dieſem Buche.— Der Schleier der Anonymität, welcher über dem Deutſchen Officier der Preußiſchen Jahrbücher ſchwebte, war durch das Er⸗ ſcheinen dieſes Buches zerriſſen. Er und kein anderer mußte es geſchrieben haben; denn in der ganzen deutſchen Schriftſtellerwelt beſaß er und kein anderer die obenerwähnten Eigenſchaften, im militäriſchen Fache mit der nüchternen Praxis ſo viel ideales Geiſtes⸗ leben zu verbinden.
Nun war der Theilnahme des Publicums Recht widerfahren, und ſie äußerte ſich dieſem trefflichen Verfaſſer gegenüber in ſo liebenswürdiger Weiſe, daß er ſicherlich den Augenblick herzlich ſeg⸗ nete, in dem ihm der Gedanke gekommen war, die langen Muße⸗ ſtunden des kleinſtaatlichen Dienſtes geſchichtlichen Forſchungen zu widmen. Das im nächſtfolgenden Jahre(1865) von ihm erſchienene Werk:„Der Krieg von 1815 und die Verträge von Wien und Paris“ reihte ſich dem erſten würdig an, ja übertraf es vielleicht noch in den Eigenſchaften, die ſich ſo wunderbar im Geiſte ihres
ſamen Zuckungen, welche den großen Ereigniſſen vorangehen; und dieſes Werk traf nur unruhige Geiſter, die mit ſolch fieberhafter Spannung in die Zukunft blickten, daß die Klänge aus der Vergan⸗ genheit faſt tonlos an ihren Ohren vorüberrauſchten.
Und der von ſo vielen gefürchtete, von andern ſo ſehnlich erwünſchte Sturm brach los und führte zu dem Ziele, das wir alle bis jetzt nur als ein previſoriſches betrachten, und nach deſſen Verwirklichung Koenigers ſehnlichſte Wünſche ſtrebten. Vielleicht harrten eifrige Leſer ſchon, in den„Jahrbüchern“ die Stimme des deutſchen Officiers über den deutſchen Krieg zu vernehmen;— viel⸗ leicht dachte der Verleger ſeiner anderen Werke ſchon daran, daß der Krieg von 1866 keinen beſſern Hiſtoriographen finden könne, als den des Krieges von 1815... da traf die herbe Kunde ein, die— wie wir faſt mit Beſtimantheit behaupten können, eben ſo vielen Schmerz in Nord⸗, wie in Süddeutſchland hervorrief, daß die Feder geknickt, daß die Stimme auf ewig verſtummt, daß der„Deutſche Officier“ den Tod eines deutſchen Officiers gefunden hätte... an der Spitze ſeiner Compagnie.
* Julius Koeniger ward am 21. Mai 1820 in Gießen geboren. Er war der jüngſte S ralmajors Friedrich(Engel Koeniger.
Sohn des 1855 in Worms verſtorbenen Gene⸗
Verfaſſers paarten;— doch das Jahr 1865 hatte ſchon jene ſelt. hnen rußer
Vier Brüder des letzteren
nit veiſtid
Hauptmann
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